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Full text of "Psychologie des Säuglings"

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PSYCHOLOGIE DES 



SÄUGLINGS 



VON 



DR. SIEGFRIED BERNFELD 

WIEN 












WIEN 
VERLAG VON JULIUS SPRINGER 

1925 









ALLE RECHTE, INSBESONDERE DAS DER ÜBERSETZUNG 
IN FREMDE SPRACHEN, VORBEHALTEN 

COPYRIGHT 1925 BY JULIUS SPRINGER, YIENNA 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 






Vorwort. 

Der Versuch, der in diesem Buche vorliegt, eine selbständige zu- 
sammenfassende Darstellung der psychischen Erscheinungen des Säuglings- 
alters zu geben, ist meines Wissens bisher noch nicht unternommen worden. 
Da dieses Alter sich einer beträchtlichen Anzahl von praktisch und 
theoretisch Interessierten erfreut, bedarf es kaum einer Rechtfertigung 
für das Thema dieser Publikation. Weil aber meine Absicht nicht war, 
eine bloße Kompilation zu geben, sind vielleicht einige orientierende 
Worte über die Absichten und den Standpunkt des Buches am Platze. 
Im Tatsächlichen habe ich mich bemüht, eine gewisse Vollständigkeit 
zu erreichen, d. h. was sich in der kinderpsychologischen Literatur, in 
den zusammenfassenden Werken sowohl wie in den Spezialuntersuchungen, 
an Beobachtungen über den Lebensabschnitt von der Geburt bis zur 
Entwöhnung vorfand, habe ich mich zu berücksichtigen bestrebt. Leider 
waren mir eine kleine Anzahl ausländischer Schriften nicht zugänglich. 
Aber es ist nicht anzunehmen, daß dadurch wesentliche Lücken entstanden 
sind. Eingreifender war eine andere Einschränkung, die sich als unver- 
meidlich erwies: ich mußte mich entschließen, gewisse psychische Er- 
scheinungen, die dem Säuglingsalter zugehören, in diesem Band völlig 
unberücksichtigt zu lassen, die Sprache in erster Linie, und andere kürzer, 
lückenhafter zu behandeln als der Anlage einer ausführlichen Mono- 
graphie entspräche: die Wahrnehmungen und die Intelligenzphänomcne. 
Diese Einschränkung war notwendig, weil diese Phänomene nicht aus 
ihren Anfängen, die ins erste Lebensjahr fallen, verständlich gemacht 
werden können, sondern vielmehr diese Anfänge erst rückblickend von 
dem Studium eines entwickelteren Stadiums aus darstellbar werden. 
Sollte also der Rahmen des Säuglihgsalters erhalten bleiben, mußte dieser 
Mangel in Kauf genommen werden. Eine für spätere Zeit beabsichtigte 
Psychologie der frühen Kindheit wird in diesen Punkten die Psychologie 
des Säuglings zu ergänzen haben. Hierauf beziehen sich auch gelegentliche 
Verweisungen auf einen „späteren Zusammenhang". 

Anderseits habe ich das Tatsachenmaterial, das die psychologische 
Literatur bot, durch kulturhistorische und ethnographische Data, bei 
gewissen Kapiteln sehr reichlich, bei anderen flüchtiger, erweitert. Ein 



■ 



IV 



Versuch, der so weit die Tatsachen und nicht deren Deutung in Frage 
stehen, dem Leser vermutlich erfreulich sein wird, auch wenn er mit 
den methodischen Erwägungen, die dabei leiteten und die an ihrer Stelle 
mitgeteilt sind, nicht einverstanden sein sollte. 

Neue Tatsachen werden in diesem Buch nicht gegeben. Das lag nicht 
in seinem Plan. Ich habe daher dort, wo Beispiele nötig waren, nicht 
meine eigenen Beobachtungen gebracht, sondern bereits publizierte 
zitiert. Doch habe ich natürlich das vorliegende Material nach den 
Eindrücken aus meiner eigenen Erfahrung aufgefaßt und ausgewählt 
und diese entschied gelegentlich, wenn zwischen widersprechenden 
Befunden zu entscheiden war. 

Trotz der angestrebten Vollständigkeit möchte dieses Buch aber 
keineswegs ein Nachschlagewerk sein, sondern es sind in ihm eine Reihe 
von Gedanken entwickelt, die eine einheitliche Ordnung und Deutung 
der vorgefundenen Tatsachen ermöglichen wollen. Die späteren Kapitel 
setzen daher die voranstehenden voraus; in diesen begonnene Erörterun- 
gen werden in jenen aufgenommen und fortgeführt. Diese Darstellung 
entspricht der Absicht, den Akzent des Buches auf die in ihm gegebene 
„Theorie" zu legen. Es versucht die psychischen Fakta des behandelten 
Lebensabschnittes unter den Gesichtspunkten der Entwicklungspsycho- 
logie des Triebes zu geben. Da die Trieblehre in der Psychologie bisher 
noch nicht jenes Maß von Aufmerksamkeit gefunden hat, das sie verdient, 
ergab sich eine Reihe von Schwierigkeiten, aus denen eine gewiß ebenso 
große Reihe von Mängeln entstand. Der Verfasser empfindet sie sehr 
deutlich. Aber da die Kinderpsychologie der Ordnungsprinzipien, der 
Erklärung der von ihr festgestellten Fakta auf die Dauer nicht entraten 
kann, ist auch ein mangelhafter Versuch wohl nicht ohne Nutzen. Er 
wird vielleicht Anregung zu neuen Beobachtungen und Versuchen sein. 

Über die Annahmen und Auffassungen, die auf den folgenden Seiten 
vertreten werden, braucht im einzelnen an dieser Stelle kaum gesprochen 
zu werden. Sie sind im Buche selbst begründet, soweit sie nicht, was 
für die Mehrzahl gilt, von anderen Autoren ihre Fundierung erhalten haben. 
In diesem Fall mußte der Hinweis auf den betreffenden Autor genügen. 
Nur bei einem, dem meistbenützten Autor, bedarf dieses selbstverständ- 
liche Verfahren einer ausdrücklichen, rechtfertigenden Erwähnung. 
Ich habe nämlich die Kenntnis der Freudschen Schriften beim Leser 
nicht weniger vorausgesetzt, als die anderer Entwicklungspsychologen, 
von ihnen daher nicht mehr mitgeteilt, als im unmittelbaren Zusammen- 
hang der Erörterung nötig war. Die vorgetragene Psychologie des 
Säuglings steht auf dem Boden der Fr*eud sehen Psychologie. Die aus- 
führliche Begründung mancher allgemeinen theoretischen Anschauung 
ist daher nicht im Buche selbst, sondern in den zitierten Freudschen 
Arbeiten enthalten. Es ist dies gewiß ein Mangel des Buches, an dem 
aber die Schuld nicht den Verfasser trifft, der vielmehr nur darum ein 
empfindlicher ist,' weil die entwicklungspsychologisch bedeutsamsten 
Schriften Freuds im Kreise der Kinderpsychologie noch immer weniger 
bekannt sind, als manche belanglose Dissertation experimental psycho- 



logischen Inhalts. Eine Einführung in die Psychoanalyse konnte aber 
nebenbei keinesfalls geleistet werden, dies wäre eine Aufgabe für sich, 
die an Umfang und Schwierigkeit vielleicht die der Säuglingspsychologie 
überträfe. So muß ich gewärtig sein, daß manchem Leser die Einführung 
einiger Begriffe und Termini in ihrer vollen Bedeutung nicht einsichtig 
werden wird. „Unkritische Einseitigkeit" war ich sorgfältig bemüht 
zu vermeiden; es kommen daher auch alle anderen psychologischen 
Methoden zu ihrem Recht. Was um so leichter möglich war, als sie und 
die Psychoanalyse — beide Partner wohl verstanden — einander keines- 
wegs ausschließen, sondern, wie ich gezeigt zu haben hoffe, einander 
ergänzen, indem die Psychologie Freuds gerade die von den anderen 
Schulen allzusehr vernachlässigte Triebpsychologie einem intensiven 
Studium unterzogen hat. Auf diesem Gebiet ist von niemand anderem 
irgend nennenswertes geleistet worden. An Freud vorüberzugehen 
wäre darum allein schon unmöglich gewesen. Wenn aber die Aufgabe 
gestellt war, das Triebleben zur Grundlage einer theoretischen Zusammen- 
fassung zu machen, so mußte die Freudsche Psychologie zum Fundament 
des Baues werden, da es eine andere umfassende Trieblehre in der 
Psychologie derzeit nicht gibt. Vielleicht hilft dieses Buch mit, die 
Kinderpsychologie durch die Funde der Psychoanalyse und die Theorien 
Freuds zu bereichern, indem es deren Fruchtbarkeit für das Verständnis 
der anderwärts festgestellten Fakta und für den Ausbau der theoretischen 
Grundgedanken anderer Schulen nachweist. 



Wien, im Juni 1925. 



Dr. Siegfried Bernfeld. 



Inhaltsverzeichnis. 

Seite 

A. Das Neugeborene 1 

Die Geburt und psychophysische Retardierungen 1 

Die Funktion der Säuglingspflege 2 

Der Schlaf 10 

Das Schreien 17 

Das Saugen 21 

Über das Bewußtsein des Neugeborenen 26 

Sinnespsychologie 31 

Abfuhrbewegungen 42 

Reflexe 48 

Handlungen 49 

Die Struktur des Neugeborenen 51 

B. Erste Fortschritte 55 

Das Schauen 55 

Die orale Zone 63 

Das Hören 72 

Die Triebgruppen 81 

Lachen, Weinen und Erschrecken 89 

Die Wahrnehmungen 106 

Struktur des Vierteljahrkindes 121 

C. Der Bemächtigungstrieb 130 

Die Entwicklung der Hand 130 

Sitzen, Kriechen, Klettern 135 

Stehen, Gehen 139 

Reifen und Lernen 142 

Die Bemächtigungsfonncn 155 

Die Triebkomponenten der Bemächtigung 163 

Die Libidoentwicklung des Greif lings 168 

D. Traumen und Versagungen 183 

Allgemeines 183 

Die Geburt als Trauma 187 

Die Entwöhnungsperiode 198 

1. Die Dentition 199 

2. Beißen und Kauen 210 

3. Die Abstillung 215 

E. Der Säugling und seine Welt 229 

Körper- Ich und Außenwelt 229 

Die affektiven Stellungnahmen 240 

Wahrnehmung und Trieb 248 

Die Bedeutung der Entwöhnung 257 

Literaturverzeichnis 266 

Sachregister . . ; 270 



A. Das Neugeborene. 
Die Geburt und psychophysische Retardierungen. 

Die Geburt ist die größte plötzliche Veränderung der meisten grund- 
legenden Lebenserscheinungen, die das Leben dem Menschen bringt. Von 
den physiologischen Veränderungen des Blutkreislaufes, der Ernährung, 
den veränderten Temperaturverhältnissen usw. abgesehen, hat sich durch 
die Geburt die Lebensumwelt des Kindes innerhalb weniger Stunden grund- 
sätzlich gewandelt. Es ist aus einer alle Reize abhaltenden oder doch 
dämpfenden und gleichförmig machenden Flüssigkeits- und Körperhülle 
mitten in die unendliche Fülle der nicht allein mannigfaltigen und inten- 
siven, sondern auch wechselnden Reize der Lebensumwelt des erwachsenen 
Menschen versetzt; und die Befriedigung elementarer Lebensbedürfnisse 
findet nicht mehr völlig automatisch statt: Der Stoffwechsel spielt sich 
nicht mehr gänzlich im Rahmen des einheitlichen Organismus Mutter — 
Fötus ab, sondern bedarf der Einleitung von außerhalb des neugebildeten 
selbständigen Organismus Kind; der Gaswechsel steht für einige Minuten 
still, und muß erst durch einen neuen Lebensakt, die Einleitung der 
Lungenatmung, in Gang gesetzt werden, und funktioniert von da ab 
zwar in der Regel automatisch, aber unter Muskelbewegung. 

Freilich will die Tatsache beachtet sein, daß gewisse Einrichtungen 
die Plötzlichkeit dieses Überganges bis zu einem gewissen Grad mildern. 
Der Organismus tritt zwar in die Reizwelt des Erwachsenen durch die 
Geburt plötzlich ein, aber der psychische Apparat antwortet zunächst 
nicht auf die Fülle dieser Reize. Ein Sinnesorgan ist unmittelbar nach 
der Geburt noch nicht funktionsfähig: das Ohr. Das Mittelohr ist mit 
Flüssigkeit, keinesfalls mit Luft gefüllt, und es bedarf zweifellos mehr- 
stündigen Luftatmens, bis es neben Flüssigkeit auch Luft enthält 
(Preyer). Ganz einwandfrei läßt sich der Beginn des Hörens nicht genau 
feststellen. Es bleibt aber nach allen Untersuchungen noch unsicher, ob 
vor dem vierten Tag Schallreize perzipiert werden (Dix). Zweifelhaft ist 
auch, ob das Geruchsorgan bereits in den ersten Stunden des Lebens — 
wie wir der Kürze halber in Zukunft statt des genaueren Ausdrucks des 
postfötalen Lebens sagen wollen — funktionsfähig ist, nach manchen 
Untersuchungen wäre man freilich geneigt, sich positiv zu entscheiden. 
Gesichtssinn, Tastsinn und Geschmack sind zweifelsfrei wenige Minuten 
nach der Geburt, ja zum Teil während der Geburt in Funktion, so daß 

Bernfeld, Psychologie dos Säuglings. 1 



2 Das Neugeborene. 

der völlige Ausfall ganzer Kategorien von Reizen, was die energischeste 
Abschwächung des Umweltwandels bei der Geburt wäre, nur für die 
Schallreize und vielleicht für die Geruchsreize zutrifft. 

Aber auch bei den funktionierenden Sinnesorganen ist eine beträcht- 
liche Einschränkung zu machen. Der gesamte nervenphysiologische 
Apparat ist in seiner Erregbarkeit, sowohl in bezug auf die sensiblen 
als auch auf die motorischen Bahnen beim Neugeborenen beträchtlich 
herabgesetzt (Solltmann). Im Besonderen sind überdies Beine, Füße, 
Rücken, Brust und Bauch, der überwiegende Teil der Körperoberfläche 
vermutlich weniger tastempfindlich als einige Wochen nach der Geburt; 
und der Gesichtssinn ist auf die Empfindung von Helligkeitsunter- 
schieden beschränkt. Schließlich darf die Vernix vielleicht als eine Art 
Reizschutz aufgefaßt werden. 



Die Funktion der Säuglingspflege. 

Das Neugeborene ist zwar anatomisch-physiologisch ein selbständiger 
Organismus, aber auch nur in dieser Beziehung; und man kann daher 
seine Lebenserscheinungen nicht beschreiben, gewiß nicht verstehen, 
wenn man nicht all das mitbeachtet, was seine Umgebung — die Mutter 
in erster Linie — für ihn und mit ihm tut. Das Neugeborene für sich allein 
ist nicht lebensfähig. Seine mitgebrachten Instinkte und Triebe sind 
nicht umfangreich genug, der ihnen zur Verfügung stehende motorische 
Apparat nicht ausgebaut genug, um zur Erhaltung des neuen Lebens hin- 
reichend zu sein. Vielmehr bedürfen seine Instinkt- und Triebhandlungen, 
wie wir vorläufig noch ohne rechtfertigende Erörterung, aber unmittel- 
bar verständlich, sagen wollen, ergänzender Handlungen der Mutter (oder 
stellvertretender Personen). Das Entscheidende ist physiologischer Vor- 
gang in der Mutter, so die Sekretion der Milchdrüsen; aber bei keinem 
Volk und zu keiner Zeit ist damit die Leistung der Mutter für das Neuge- 
borene erschöpft, so viel uns Ethnographie und Kulturgeschichte heute 
lehren können. Das Neugeborene wird von der Mutter nicht allein er- 
nährt, sondern auch in irgend einem Maß und in irgend einer Weise ge- 
pflegt und gewartet. Und der überwiegende Teil all der Handlungen, die 
diesen Komplexen angehören, sind Trieb- und Instinkthandlungen von 
Seiten der Mutter; ein Bruchteil freilich entspringt religiösen und sozialen 
Anschauungen und Bedingungen; schließlich — bei Völkern bestimmter 
Kulturform — dem empirisch geprüften Nachdenken, der Wissenschaft. 
Erst die beiden Reihen triebmäßiger oder instinktiver Handlungen, die 
Lebensäußerungen des Kindes, die Pflegetätigkeit der Mutter, zusammen 
ermöglichen Erhaltung und Entwicklung des Neugeborenen. Sie sind 
so gut eine untrennbare Einheit, wie der Blutkreislauf des Fötus und der 
der Mutter. 



Die Funktion der Säuglingspflege. 3 

Die mannigfaltigen Vorschriften, welche die Wissenschaft der Mutter 
für die Behandlung des Neugeborenen macht, lassen sich in einem Satz 
formulieren: Wärme und Schutz vor Reizen. Das heißt die Pflege des 
Neugeborenen setzt die Tendenz fort und verstärkt sie, die wir im psycho- 
physischen Zustand des Kindes angedeutet fanden : die Plötzlichkeit in 
der Veränderung der Lebensumwelt, der Biosphäre, soll gemildert werden. 
(Die Forderung der peinlichsten Reinlichkeit ist eine allgemeine der 
wissenschaftlichen Hygiene und Medizin, die selbstverständlich auch 
für die Säuglingspflege aufgestellt wird, für sie aber nicht spezifisch ist.) 

Mit der Wissenschaft in gutem Einklang befindet sich die traditionelle 
Kinderpflege, wie sie seit Jahrhunderten, gewiß seit dem 13. Jahrhundert, 
in West- und Zentraleuropa geübt wird (Müllerheim). Das Kind wird 
unmittelbar nach der Geburt zum erstenmal, dann in den ersten Wochen 
häufig, warm gebadet, in warme, möglichst vor Reizen schützende Hüllen 
gepackt, in der Wiege oder einer ähnlichen, im Prinzip identischen Vor- 
richtung vor Kälte, starkem Licht, plötzlichen Veränderungen geschützt 
gehalten, beim Erwachen gesäugt, möglichst im Schlaf erhalten, nicht 
zum geringsten durch die leise rhythmische Bewegung der schaukelnden 
Wiege. Aberglaube, Sitte, wechselnde medizinische Meinungen fügen 
diesem Bild jeweils diesen oder jenen Zug hinzu; im wesentlichen bleibt 
es konstant. Anstatt der Wiege, dem Körbchen oder ähnlichem Ort, 
ist das Bett der Mutter nicht selten des Kindes allgemeiner Liegeplatz, 
und die Einhüllung des Kindes steigert sich zum beengendsten Wickeln 
— das dürften die zwei deutlichsten Abweichungen von diesem Schema 
sein ; die erste fügt sich wohl in die Tendenz, die wir der Kinderpflege zu- 
schreiben; die zweite vielleicht nicht ganz so gut, von ihr wird noch zu 
sprechen sein. Noch deutlicher als beim Säugling, der, den Vorschriften 
der heutigen wissenschaftlichen Hygiene entsprechend gelagert, schläft, 
drängt sich bei dem traditionsgemäß in schaukelnder, mit Vorhang abge- 
schlossener Wiege in Hüllen wohlverpackt, von einem engen feucht- 
warmen Dunstkreis umgeben, schlummernden Neugeborenen der Ge- 
danke an den Fötus und seine Biosphäre auf. Im Prinzip sind beide 
Methoden identisch; doch hat die Wissenschaft auf eine Reihe von 
üblichen Maßnahmen: das Wiegen, den abgeschlossenen, feuchtwarmen 
Dunstkreis z. B., als unnötig oder schädlich verzichten gelehrt. 

Diese vorwissenschaftliche, volksübliche Pflegeweise des Neugebore- 
nen in den ersten Lebenstagen ist keineswegs auf West- und Zentral- 
europa beschränkt, man findet sie ganz ebenso, oder wichtige Teile ihrer, 
in allen Klimaten und Breiten. Sie ist uralt, denn man findet sie bei 
Völkern aller Kulturformen und aller Grade der Primitivität. Sie ist wie 
Ploß (2) mehrfach betont, und wie mir scheint, sehr wahrscheinlich 
macht, von allen geographischen, sozialen, wirtschaftlichen, religiösen 
Faktoren unabhängig. 

1* 






4 Das Neugeborene. 

Im einzelnen läßt sich folgende Zusammenstellung machen: 
Warme Bäder und Waschungen werden berichtet von den 
Malabar, Persern, Armeniern, aus dem südlichen Arabien; von den afri- 
kanischen Hoer und Ewe, den Negern in Old-Calabar und am unteren 
Kongo, den dravidischen Nair ("Vorderindien), den Kirghisen, Samojeden, 
Esthen, Sinnos- Indianern in Nikaragua. Dazu kommen noch die Austra- 
lier und offenbar die Japaner und Chinesen (dieser Passus ist bei Ploss 
nicht ganz eindeutig). Die Anwendung heißer Bäder ist wohl mit hieher 
zu zählen und wird von Armeniern, Russen, afrikanischen Maravis, den 
Taukluhs in Manipur, den Tataren und vornehmen türkischen Kreisen 
berichtet. Hiezu kommen die Juden, mindestens seit der talmudischen 
Zeit (Feldmann). 

Wärmende und schützende Hüllen verwenden sehr zahlreiche 
Völker; deren Aufzählung wäre ermüdend; ich entnehme daher Ploß (2) 
die Reihe der Völker, die ihre Neugeborenen grundsätzlich nackt lassen: 
die Araber, Neger, malayisch-polynesische Völker, die dravidischen Ma- 
lediven-Insulaner, die Karaiben, Tupin-Inba (Südamerika), die Feuer- 
länder und die Eskimo; ferner die armen Schichten der alten Deut- 
schen und der Japaner und wie man annehmen darf, mancher anderen 

Völker. 

Die Wiege ist weit verbreitet: nehmen wir Beutel, Körbe, Hänge- 
matten und alle dergleichen Tragapparate hinzu, so wird der Katalog 
der Völker, die ihrem Neugeborenen eine mehr oder weniger fötale Situa- 
tion schaffen, sehr umfangreich und umfaßt Vertreter aller Völkergruppen: 
die Indoeuropäer, Kaukasusvölker, Semiten, Hamiten, Sudan-, Bantu- 
neger, Hottentotten und Buschmänner, malayisch-polynesischen Völker, 
Australier, Japaner, Koreaner, Chinesen, Siamesen, Ural-Altaien, Hyper- 
boräer und Indianer. Bei den Völkern, die den Säugling in solcher Hülle 
und Traggpparat auf dem Rücken tragen, ist die fötale Situation noch 
vollkommener hergestellt, so schreibt Wernich (Ploß 2) von den 
Japanern:,, Wie eine Fortsetzung des intrauterinen Gemeinlebens erscheint 
das fortwährende Herumtragen des Kindes* auf dem Rücken im eigenen 
Gewände der Mutter .... das so wie ein Parasit auf der Mutter lebt." 
Diese Analogie wird gelegentlich von den Autoren gestreift, aber soviel 
ich sehe, nirgends so ernst genommen, als sie verdient. Das Wiegen und 
Tragen auf dem Arm hat unter den Ärzten eine heftige Diskussion hervor- 
gerufen, die uns noch beschäftigen wird, aus der ich aber hier schon in 
durchsichtigem Zusammenhang die Meinung von Ploß (2) mitteilen will: 
Er hält passive Bewegungen des Kindes, wie das Tragen auf dem Arm, 
oder sanftes Wiegen für nützlich, „weil die Natur selbst dem Kinde im 
Mutterleibe ganz ähnlich passive Bewegungen gewährt, indem die Mutter 
alle ihre Bewegungen auf das im' Fruchtwasser leicht schwingende Kind 
überträgt." 



Die Funktion der Säuglingspflege. 5 

Diesen Tatsachen entsprechend wäre man leicht versucht, eine ein- 
fache, sehr selbstverständliche und problemlose, auch affektiv befriedi- 
gende Formel aufzustellen : die Funktion der Säuglingspflege ist ganz all- 
gemein den Fötalzustand wiederher zustellen — wenn nicht feststünde, daß 
die beschriebene Form der Pflege des Neugeborenen keineswegs die einzige 
ist. Statistische oder einigermaßen genaue zahlenmäßige Angaben lassen 
sich beim derzeitigen Stand der ethnographischen Jugendkunde nicht 
machen ; aber gewiß ist, daß die Maßnahmen prinzipiell anderer Art, die wir 
antreffen, ebenfalls sehr verbreitet sind, Völkern aller Kulturstufen, aller 
Klimate und aller sozialen Bedingungen zukommen. Für diese andere 
Art läßt sich eine einheitliche Charakteristik nicht so einfach finden, viel- 
mehr scheinen die Formen recht mannigfaltig zu sein. Immerhin läßt sich 
ohne Zwang ein sehr häufiger Typus aufzeigen, dessen Charakteristikum 
darin besteht, daß er Zug für Zug genau das Gegenteil des bisher beschrie- 
benen darstellt. Wir haben ihn bereits erwähnt, indem wir jene Völker 
anführten, die die Neugeborenen und Säuglinge nicht in schützende und 
wärmende Hüllen packen, sondern nackt lassen. Ein ähnlicher Gegensatz 
läßt sich auch für die anderen Maßnahmen nachweisen. 

Mit kalten Bädern werden die Neugeborenen nach Ploß-Renz 
bei folgenden Völkern behandelt: die alten und heutigen Inder, die alten 
Perser, Meder, Baktrer, die ungarischen Zeltzigeuner, die Urbevölkerung 
von Italien, Deutschland und" England; im alten Rom und Griechenland, 
die afrikanischen Schangallas, Nyumba, Bubis, Laongo-Neger, Kaffern, 

Hottentotten; auf den Andaman- Inseln, Philippinen, Karolinen, Sandwich- 
inseln, Neuguinea, Samoa, und in Australien; bei den alten Szythen, in 
der asiatischen Türkei, bei den Ostjaken, samojedischen Juraken, Lappen; 
die Aleuten und Koluschen (Indianer), die Indianer Neuschottlands am 
Hudson, in Virginia, dieNovi in Kalifornien ; bei den Karaiben der Sierra 
Nevada de Santa Marta, im alten Peru, in Chile, bei den Caringangs, Ta- 
puya, Caraja und den Patagonen. 

Die Wiege oder eine andere Liegestatt, die teilweise oder ganz ge- 
schlossen wäre, vermeiden die Inder im Dekan, die Isländer, einige 
Guineanegerstämme, teilweise die Kalmüken, die Finnen, die transsil- 
vanischen Zeltzigeuner, die Araber, die ausgestorbenen Guanchen, die 
Hawaiser, die Njam-njam und die Wahamba. Bei diesen Völkern liegt 
das Kind uneingehüllt auf dem nackten Boden oder auf einer flachen 
Unterlage, die mehr oder weniger weich gewählt ist. Dazu kommen zahl- 
reiche von jenen Völkern, die das nackte Neugeborene, bezw. den Säug- 
ling auf dem Rücken, den Hüften oder Schultern tragen, und höchstens 
ein schmales Tragband verwenden, aber keine Hüllen, Sack, Kleiderfalten, 
in denen das Kind zum größeren Teil verborgen wäre. 

Gegen das Schaukeln und Wiegen gibt es nicht allein unter den Ärzten 
unserer Zeit Opposition, sondern manches Volk verhält sich so, als wollte 






6 



Das Neugeborene. 



es jede passive Bewegung des Kindes ängstlich vermeiden, als sollte es 
womöglich unbewegt auf seiner Unterlage oder in seinem fixierten Be- 
hältnis ruhen, so lange, als nur irgend möglich; nicht einmal zum Säugen 
wird es auf den Arm genommen, sondern die Mutter legt sich zu ihm oder 
kniet über ihm. Doch wird davon noch in einem anderen Zusammenhang 
zu sprechen sein, so erwähne ich diese Gruppe hier nur gerade. 

Schließlich darf man das feste Wickeln, ja Einschnüren der Neuge- 
borenen und Säuglinge, das weitverbreitet ist, in diesen Zusammenhang 
bringen, da es jedenfalls von der fötalen Situation entfernter ist, als lose 
Hüllen, innerhalb derer das Kind eine gewisse Bewegungsfreiheit für Arme 
und Beine behält, und nicht zur gestreckten Lage krampfhaft gezwungen 

ist. 

Fügt man diese Einzelzüge zu einem Gesamtbild, so gewinnt man die 

Vorstellung einer Kinderpflege, die das denkbar vollständigste Gegenteil 
zur fötalen Situation darstellt: Das Kind wird gleich nach der Geburt — 
und von da an in wechselnder Häufigkeit — in kaltem Wasser gebadet 
oder gewaschen, ohne Hüllen auf flacher Unterlage oder durch Wickeln 
gestreckt, unbewegt liegen gelassen. Zwar kommt es kaum irgendwo vor, 
daß alle Pflegemaßnahmen diesem Typus entnommen sind, ebenso wie 
eine reine "Verwirklichung des anderen Typus selten ist, aber ideell er- 
geben sich zwei scharf gesonderte Pole, der fötophilen und der föto- 
phoben Pflege, wenn diese Worte erlaubt wären, zwischen denen sich die 
jeweils anzutreffenden konkreten Fälle befinden. 

Man hat es schwer, an die Existenz der fötophoben Pflege überhaupt 
zu glauben; sie erscheint uns mörderisch. Wir sind die fötophile Tendenz 
so sehr gewöhnt, und durch die Wissenschaft in unserer Gewohnheit, wenn 
auch in ermäßigten Formen, so doch so bestärkt worden, daß sich uns 
die Frage aufdrängt: ja sterben nicht die so behandelten Kinder? Und die 
Antwort ist tatsächlich: gewiß, sie sterben; aber nicht alle. Genaue und 
zuverlässige Nachrichten über die Säuglingssterblichkeit sind mir nicht 
zugänglich gewesen, doch schreibt Ploß (2) in Übereinstimmung mit 
anderen Autoren von hohen Sterblichkeitsziffern bis zu 80% der Lebend- 
geborenen. Man kann von der fötophoben Pflege, besonders wenn ihr 
noch die eigenartigen Methoden der Ernährung, von denen wir später 
sprechen, hinzugefügt werden, kaum anderes erwarten. Und es erhebt sich 
die zweite Frage, warum verwenden die betreffenden Völker diese un- 
rationelle Methode? 

Soll diese Frage einer Antwort zugeführt werden, muß die auf die 
erste etwas näher erörtert sein. Wir haben nämlich keine Unterlage für 
die Behauptung, daß die starke Kindersterblichkeit von der fötophoben 
Pflege herrühre, denn erstlich kommt sie — wie schon erwähnt wurde — 
kaum jemals rein vor, zweitens fehlen einigermaßen zuverlässige Darstel- 
lungen, die uns das Mischungsverhältnis der beiden Tendenzen beurteilen 



Die Funktion der Säuglingspflege. 



ließen und ihr Resultat in der Mortalitätsziffer kennen lehrten. "Vielmehr 
müssen wir festhalten, daß die Kinderpflege jeder Art in einem hohen 
Prozentsatz der Fälle nicht hinreicht, die tausendfache Gefährdung des 
Neugeborenen und Säuglings zu kompensieren; daß aber andererseits 
alle geübten Methoden hinreichen, um die Erhaltung des Stammes zu 
garantieren. Man muß sich klar machen, daß unsere heutige Einstellung 
zum Kind, unsere heutige Wertung seines Lebens das Resultat einer 
langen psychologischen Entwicklung ist. Nicht alle Völker und Kulturen 
empfinden, daß die Geburt eines Kindes ihm auch das Recht auf Leben 
gibt, nicht alle bewerten den Tod des Kindes als ein Unglück, seine Tötung 
als Verbrechen. Die Zahl der Völker, die prinzipiell einen Prozentsatz, 
eine Kategorie (etwa die Erstgeborenen) oder Gruppen (etwa schwäch- 
liche) von Kindern töten, ist sehr groß, die Art der Motivierung sehr man- 
nigfaltig. Sehr wahrscheinlich war das in früheren Entwicklungszuständen 
auch bei manchen Völkern der Fall, die heute anders denken und handeln. 
Reik hat sehr wahrscheinlich gemacht, daß die sehr eigenartigen Riten 
der Couvade (Männerkindbett) und der Pubertätsinitiation entstellten 
und erstarrten Ausdruck ehemals aktueller Tendenzen die Neugeborenen 
(oder eine bestimmte Kategorie von ihnen) zu töten, enthalten. Die 
Ethnographen haben dies oft nachgewiesen. 

Man kann in den Gebräuchen der heutigen Kulturvölker noch man- 
chen Hinweis auf diese uralte säkular verdrängte Tendenz nachweisen. 
Wenn wir dies berücksichtigen, so werden wir geneigter sein, anzunehmen, 
daß die hohe Ziffer der Kindersterblichkeit die betroffenen Völker gar 
nicht erschüttert, daß sie sich mit ihr als einem notwendigen Übel abge- 
funden haben, mit ihr rechnen, ja daß bei einigen dieses Resultat ge- 
wünscht wird, bei vielen als Befriedigung unbewußter Wünsche hinge- 
nommen wird, wenn auch mit dem Gefühl, einem (notwendigen) Übel ge- 
genüberzustehen. 

Der Leser wird hier vielleicht doch ein verwerfendes Wort vermissen; 
zu dem wir aber — wie mir scheint — nicht berechtigt sind. Es ist für 
das wissenschaftliche Verständnis der Zusammenhänge, die hier studiert 
werden, schädlich, eine zu große Distanz zwischen das Handeln und Fühlen 
der primitiven Völker und dem unserer Zeit zu setzen, darum möchte ich 
anstatt der erwarteten Empörung darauf hinweisen, daß keineswegs dem 
Fehlen der feindseligen Tendenz das Aufblühen des Säuglingsschutzes in 
diesem Jahrhundert zu danken ist, sondern in erster Linie dem wirtschaft- 
lich-politischen Interesse des Staates an einer zahlreichen Bevölkerung. 
(Die psychologische Voraussetzung hiefür ist wahrscheinlich, wie Reik 
bemerkt, die Reaktionsbildung auf die Verdrängung jener feindseligen 
Impulse.) Und trotz des Aufschwungs der Fürsorge und Hygiene bleiben 
die Mortalitätsziffern für bestimmte Gruppen der europäischen Bevölke- 
rung nicht so weit zurück, als nach der Höhe der medizinischen Wissen- 



8 Das Neugeborene. 

schaft und der Empörung über kindesmörderische Einrichtungen bei den 
Primitiven zu erwarten wäre. So weist die offizielle Statistik für Berlin 
die allerdings verhältnismäßig niedrige Säuglings-Sterblichkeits-Ziffer von 
18,1 % auf, aber dies ist, wie Ruh le feststellt, eine Durchschnittsziffer, 
in der das reiche Tiergartenviertel mit 5,2 % und das arme Proletarier- 
quartier Wedding mit 42 % enthalten ist. 

Wo die Kindersterblichkeit Problem wird, da versucht man sie mit 
den Mitteln des Zaubers, der Magie, des Exorzismus, mit den Techniken 
der animistischen Weltanschauung, mit Gebet und Opfer der religiösen 
Weltanschauung, zu vermindern. Die Behandlung des Kindes mit Salz 
oder anderen heiligen Substanzen z. B. soll es stärken und immunisieren, 
Amulette sollen es vor den bösen Dämonen schützen, Opfer sollen die 
erzürnte Gottheit versöhnen. Viele Überreste dieser Gebräuche leben 
neben der wissenschaftlichen Kinderpflege heute noch als Aberglaube. 
Es kann kaum ein Zweifel bestehen, daß Dämonen, die das Kind bedrohen 
wie alle bösen Geister als Projektionen der bösen Impulse der Gläubigen 
selbst entstanden sind (Freud 12). Und es wird die zärtliche, hin- 
gebende Sorgfalt und Sorge, mit der die Primitiven zuweilen ihre 
Kinder pflegen, und die grausame Absurdität, ja mörderische Wirkung 
mancher Züge oder des ganzen Ensembles ihrer Gebräuche als Mani- 
festation der ambivalenten, der zärtlichen und zugleich feindseligen, Ein- 
stellung, die sie beherrscht, verständlich werden. 

Den ganzen Umkreis der hierhergehörigen Probleme zu erörtern, 
kann in diesem Buch nicht unsere Aufgabe sein, sie soll in einer späteren 
Arbeit versucht werden, darum sei bloß andeutend, wenn auch nicht über- 
zeugend, das an dieser Stelle Nötige zusammengefaßt. Ein großer Teil all 
jener Pflegemaßnahmen, die weder dem fötophilen noch dem fötophoben 
Typus angehören, läßt sich als entstellter und gemilderter Ausdruck ver- 
drängter Feindseligkeit erweisen, oder als Reaktion auf eine solche; 
manches ist Feindseligkeit schlechthin, altruistisch gerechtfertigt durch 
den Hinweis auf den Zweck : um das Kind rechtzeitig an die Härten des 
Lebens zu gewöhnen. Für die fötophoben Maßnahmen gilt das gleiche. 
Was im Gebet, das die Hebamme bei den Mexikanern nach dem ersten 
Bad des Kindes zu sprechen hatte, schön zum Ausdruck kommt: 
„Kind! Kostbarer als alles! Dich haben Ometecuhtli und Omecihuatl im 
zwölften Himmel erschaffen, damit du in dieser Welt geboren würdest. 
Wisse denn, daß diese Welt traurig, voll Schmerz, Mühsal und Elend, ein 
Tal der Tränen ist, und daß du, wenn erwachsen, dein Brot mit Schmerzen 
essen und mit deiner Hände Arbeit verdienen mußt." (Ploß 2). 

Der Träger dieser feindseligen Tendenz scheint der Vater zu sein, 
oder vielleicht richtiger, scheinen die Männer der Horde, des Stammes zu 
sein. Als Stütze dieser Vermutung darf man anführen: 1. Sehr häufig ist 
bei den Säugetieren das Junge in Gefahr, vom Männchen gefressen zu 



Die Funktion der Säuglingspflege. 9 

werden (Mitchell; Brehm); 2. Freuds Untersuchung „Totem und 
Tabu" und die genannten Arbeiten Reiks haben Motive im Völkerleben 
aufgedeckt, die uns ein gut Stück dieser Feindseligkeit voll verständlich 
machen, und die in dieser schematischen Allgemeinheit nur oder eher den 
Männern zukommen. 

Um ein Mißverständnis zu vermeiden, betone ich, daß damit nichts 
über die individuelle psychische Einstellung eines bestimmten Mannes 
oder einer bestimmten Frau ausgesagt ist. 

Die fötophobe Säuglingspflege ist demnach kein Instinkt; sie ist 
nach jenen Freud sehen Annahmen (Vatermord in der Urhorde und 
daraus entstandene Vergeltungsfurcht) verstehbar als Einschränkung, 
die die Vergeltungsfurcht fortschreitend erfährt oder als Durchbruch 
dieser Furcht — um vereinfachend diesen einen Faktor für die 
zahllosen wirkenden zu nennen. Vielleicht bleibt dennoch ein Stück 
Feindseligkeit als instinktives Verhalten des Männchens gegenüber dem 
hilflosen Jungen übrig, dann hätten wir gewissermaßen einen kleinen 
Instinktkern, um den sich das komplizierte sozialpsychische Gebilde auf- 
baut. Man kann es wagen, für die fötophile Pflegeform den entgegenge- 
setzten Aufbau anzunehmen. Die Brutpflege bei den Säugetieren, Funk- 
tion der Mutter, bei den Beuteltieren geradezu ein extrauterines Fötal- 
leben darstellend, weist bei den Affen deutlich fötophile Züge auf. So 
schildert z. B. Brehm : „Das Affenkind hängt sich bald nach seiner Ge- 
burt mit beiden Vorderhänden an dem Hals, mit beiden Hinterhänden 
aber an den Weichen der Mutter fest, in der geeignetsten Lage, die Mutter 
nicht zu behelligen und ungestört zu saugen." Von der Mutter heißt es : 
„ . . . . bald leckt sie ihn (den Affensäugling), bald laust sie ihn wieder, bald 
drückt sie ihn an sich. . . . bald legt sie ihn an die Brust, bald schaukelt 
sie ihn hin und her. ..." Wesentliche Züge der Pflege sind hier vorge- 
bildet, und man kann auch die komplizierteste Form der rein fötophilen 
Säuglingspflege als Anpassung dieses Instinktes an kompliziertere soziale 
Gegebenheiten oder als Einfügung von anderweitig gemachten Ent- 
deckungen in den Instinkt auffassen. Dennoch wird man vielleicht den 
Wunsch haben, der Erfindung der Menschheit auch auf diesem Gebiet 
eine größere Rolle zuzuweisen. Dann sind einige Gedanken naheliegend. 
Die primitive Mutter hat keine richtige Kenntnis von dem fötalen Zu- 
stand, doch kann sie einige Züge der fötalen Biosphäre erraten, und vor 
die Situation gestellt, ein hilfloses, schwaches Kind irgendwie zu versorgen, 
wird sie leicht das Vorbild, das sie — schwanger — selbst bot, nachzu- 
ahmen wissen. Stellen wir uns dies nicht als rationalen Prozeß vor, so 
sind wir vielleicht der Wahrheit nahe. Denn wir sehen die Mutter bei 
der Erfindung der Säuglingspflege unterstützt durch die triebhaften 
Äußerungen der Liebe, die dem Neugeborenen als einem Stück und Pro- 
dukt ihres Körpers leicht zukommt : An-sich-pressen, In-Körpernähe-halten 



10 



Das Neugeborene. 



u. dgl. Und schließlich darf man noch heranziehen, daß die Psychoana- 
lyse als „Urphantasie" der Menschheit, vielleicht in jedem Menschen 
wirksam, die Sehnsucht auffand aus den Mühen und Entsagungen des 
Lebens weg, zurückzukehren in die Welt der reizelosen Ruhe des vorge- 
burtlichen Lebens, ins Nirvana oder in den Mutterleib. Auch bei der Er- 
findung der Säuglingspflege mag diese Phantasie, sich an dem Stück des 
Körpers, das Kind heißt, erfüllend mitwirken. Sie wäre dann gewisser- 
maßen das sozialpsychologische Korrelat zu der konservativen Tendenz, 
die wir im psychophysischen Zustand des Neugeborenen vorfanden und 
in den Äußerungen seiner Triebe noch sehr deutlich nachweisen werden. 
Die Bemerkung von Krauß, daß beim Primitiven das Kind Tabu 
sei, als ein Stück der Schwangeren, der „Trägerin und Ernährerin eines 
seinem Ursprung nach rätselhaften Geschöpfes" ist sehr wahrscheinlich, 
und muß zum Verständnis manchen Kindespflege-Gebrauches herange- 
zogen werden; doch nicht jener, die den Typen fötophil und -phob ange- 
hören, und wird noch in anderem Zusammenhang Verwertung und Kritik 

erfahren. 

Einen kleinen Beleg zu dieser Auffassung sehe ich in den folgenden 
Sätzen des japanischen Irrenarztes Dr. T. Ischikawa : „ich bin zur An- 
sicht geneigt, daß man die natürliche Entwicklung des Kindes dann ver- 
vollkommnen könnte, wenn man es während gewisser Zeiträume in ein 
neues Medium, sozusagen einen „künstlichen Mutterleib" versetzte, 
welcher die dem eigentlichen Mutterleib sehr nahe stehenden Bedingun- 
gen in bezug auf Licht, Geräusch und Temperatur hätte. . ." 



Der Schlaf. 

Die Hauptbeschäftigung des Säuglings, seine hauptsächlichste Lebens- 
tätigkeit, ist der Schlaf. Wenn nicht Hunger oder sonst eine grobe Störung 
ihn hindert, so schläft er; etwa zwanzig Stunden im Tag (Vierordt). 
Diese lange Schlafzeit nimmt allmählich ab, so daß das einjährige 
Kind noch immer viel mehr schläft, als es wacht, und erst im vierten Jahr 
sich dieses Verhältnis umkehrt. Die Tatsache ist allgemein aufgefallen ; 
kaum eine Schrift über die Psychologie des Säuglings vergißt sie zu er- 
wähnen, und doch scheint sie nicht genügend studiert zu sein. Die De- 
tails, die festgestellt erscheinen, sind kurz mitteilbar. 

Ist die Schlafzeit im ganzen auch sehr beträchtlich, so ist die Dauer 
des einzelnen zusammenhängenden Schlafes gering, nämlich „nicht oft 
länger als zwei Stunden" (Preyer). Sie steigert sich nach Preyer recht 
rasch: im zweiten Monat oft dreistündiger, zuweilen fünf- bis sechs- 
stündiger Schlaf, im sechsten Monat sechs- bis achtstündiger Schlaf 
nicht selten. Der Schlaf des Säuglings ist demnach anders als der des 
Erwachsenen und Kindes, er hat einen viel rascheren Rhythmus. Dazu 



Der Schlaf. 11 

gehört, daß der Säugling rasch einschläft und leise schläft, leicht geweckt 
werden kann. Doch gilt dies offenbar nicht für alle Weckreize; denn im 
Gegensatz zur leicht zu beobachtenden Tatsache, daß der Säugling emp- 
findlich ist und leicht geweckt werden kann, kann man ebenso einfach fest- 
stellen, daß er auf eine Anzahl von Reizen zwar (etwa mimisch) reagiert, 
aber ohne zu erwachen. Ein gutes Beispiel dafür findet sich bei Dix: 
,,Bubi liegt auf dem Rücken, die Ärmchen in fötaler Lage am Kopfe 
aufwärts. Die auf der Straße vorüberfahrende elektrische Straßenbahn 
läßt ihn leicht zusammenschrecken; die Augenlider zucken zusammen; 
die Mundwinkel ziehen sich herab wie zum Weinen. Aber er schläft 
weiter. Plötzlich spitzt er den Mund zum Saugen. Die Finger ziehen 
sich von Zeit zu Zeit zusammen; ja, es bilden sich vorübergehend Fäust- 
chen. Die Augen rollen unter den geschlossenen Augenlidern nach oben 
und zur Seite. Plötzlich stößt er einen kleinen Jammerton aus. Gleich 
darauf fängt er an zu lächeln ... So scheint er zu träumen. Darauf folgt 
wieder ruhiger Schlaf, der ohne jede Störung zehn Minuten bleibt . . ." 
Diese Beobachtung wurde am 65. Tage gemacht; es gilt aber ähn- 
liches auch für die ersten Lebenstage. So schlief der Knabe von Dix am 
siebenten Tage so fest, daß ihn auch Anschreien nicht weckte, während 
er mit O, 1 /* beim Niederlegen, wenn er an der Brust eingeschlafen war, 
zusammenschreckte, saugte, knurrte und wieder einschlief. So viel kann 
man an jedem Fall beobachten: Der Säugling erwacht spontan nach 
zirka zweistündigem Schlaf für eine kurze Zeit; die Schlafperiode kann 
durch verschiedene Reize beliebig gekürzt werden; anderseits wecken 
nicht immer und nicht alle Reize, auf die vom Schlafenden reagiert wird; 
und schließlich, nicht selten ist überhaupt nicht festzustellen ob ein 
schlafstörender Reiz irgendwelche Reaktion hervorruft. Die Reize, 
deren Weckwirkung konstatiert werden konnten, sind: Hautreizungen, 
helles Licht, Kälte (siehe insbesondere Ischikawa) und Geräusche aller Art, 
freilich erst einige Tage nach der Geburt. Daß nicht jeder Reiz weckt, 
der reaktive Folgen hat, zeigt außer dem oben mitgeteilten, die Ver- 
änderung unbequemer Gliederlagen während des Schlafes. Für das Alter 
von zirka vier Wochen weisen die Untersuchungen von Caramaussel 
klar nach, wie Reize Veränderungen der Atemtätigkeit hervorrufen, ohne 
daß das Kind erwachte. Über den Schlaf in den ersten Wochen hat 
Caramaussel noch festgestellt, daß die Atmungskurve von der in 
späterer Zeit völlig verschieden ist, sie ist außerordentlich unregelmäßig 
und häufig folgt die Exspiration nicht unmittelbar auf die Inspiration, 
oder auch umgekehrt, sondern eine sekundenlange Pause der Atmung 
tritt ein, so als hätte das Kind das richtige Atmen noch nicht erlernt. 
Das gibt der Kurve die charakteristischen Plateaus wie bei Atemnot. 
Bald nähert sich freilich das Bild der Kurve dem gewohnten regelmäßigen 
des Erwachsenen. Das Kind von einem Monat zeigt dieses merkwürdige 



12 



Das Neugeborene. 



Zögern zwischen Ex- und Inspiration nicht mehr, außer eine Störung 
des Schlafes setzt ein. Wird der Säugling geweckt, so erfährt er, je jünger, 
desto stärker einen „wahren Angstzustand" (Preyer): Zusammen- 
zucken des Körpers, Werfen der Gliedmaßen, zuweilen sehr ähnlich 
einer Art leichten Krampfes. 

Die theoretische Einordnung dieser Tatsachen ergibt sich aus der 
jeweils vertretenen Anschauung über den Schlaf überhaupt. Die Sichtung 
dieser Anschauungen hat Claparede (1) sehr klar und eindrucksvoll 
vorgenommen. An dieser Stelle kann es sich nur um deren Anwendung 
auf den Schlaf des Kindes handeln. 1. Die älteste Erklärung knüpft an 
die Auffassung an, daß der Schlaf eine Folge der Intoxikation durch die 
Ermüdungsstoffe ist. Da der Stoffwechsel umso rascher ist, je jünger der 
Organismus ist, ergibt sich — in "Verbindung mit der geringeren Leistungs- 
fähigkeit der Organe — daß der Säugling mehr und rascher ermüdet, 
als das ältere Kind, also länger und schon nach kürzerem Wachsein 
(Schreien, Saugen, Betätigen der Sinnesorgane) schläft. Pr eye r nimmt noch 
überdies eine ermüdende (einschläfernde) Wirkung der Milch an. 2. Die 
zweite Erklärung zieht die So 11t mann sehen Untersuchungen heran, 
die — soweit sie hier in Rede stehen — ergeben haben, daß die Ermüd- 
barkeit des Nervensystems neugeborener, bezw. junger Tiere groß, die 
Reizbarkeit gering ist, was die Quantität des Schlafes, bezw. das schnelle 
und leichte Einschlafen zu erklären hilft (Bühler, Koffka). Die Reize 
haben keine Kraft, das Wachhalten zustande zu bringen, wie Dekker 
es hübsch ausdrückt: das Neugeborene schläft, „weil es noch nichts zu 
wachen gibt". 3. Die dritte Hypothese geht von der aufbauenden Wirkung 
des Schlafes aus; während des Schlafes werden nicht bloß die Ermüdungs- 
toxine zerstört und keine neuen in beträchtlichem Maß gebildet, sondern 
er ist der Entwicklung, dem Aufbau günstig, indem der Sauerstoff ver- 
brauch bedeutend sinkt und die Organe sich dadurch restituieren; so 
beträgt das Plus im Fettaufbau 24% (Key). Schlafbedürfnis finden wir 
demnach in Wachstumperioden gesteigert (Trömner), und die ersten 
Lebenswochen sind eine solche katexoehen. Dies ist Claparedes 
Anschauung, die natürlich nicht haltbar ist, ohne die weitergehende Auf- 
fassung, wie er sie in der genannten Arbeit vertritt, nach der Schlaf keine 
automatische (Reflex-) Folge einer bestimmten Quantität von aufge- 
speicherten Ermüdungsstoffen ist, sondern ein Instinkt, der zur Aufgabe 
hat, die Erschöpfung zu verhindern (und wie man wohl hinzufügen muß, 
Wachstum und Aufbau zu fördern); dessen Mittel vielleicht durch jene 
physiologischen Vorgänge anzugeben sind, auf denen die anderen Auf- 
fassungen basieren, der den Schlaf aber zu einer aktiven biologischen 
Funktion macht. 

Es kann sich uns nicht darum handeln, nun die Entscheidung über 
die Richtigkeit dieser Theorien zu treffen, denn das Schlafproblem ist 



Der Schlaf. . 13 

offenbar sehr kompliziert, und die ausgedehnte Literatur — auch die 
neueste, über die de Sanctis orientiert — hat nicht die Lösung, sondern 
widersprechende Tatsachen und Anschauungen gebracht. Wie es in 
solchen Fällen in der Wissenschaft zu sein pflegt, haben auch wohl hier 
die verschiedenen Meinungen je ein Stück Wahrheit erfaßt, aber es fehlt 
an ihrer Einordnung je an ihrem Platz. Wir werden uns in diesem Buch 
nicht selten im gleichen Fall finden: eine kinderpsychologische oder 
allgemein jugendkundliche Frage wird mit der Lösung eines allgemein 
psychologischen Problems verknüpft sein, die noch nicht befriedigend 
erfolgt ist. Wir können dann gewiß nie eine Entscheidung uns arrogieren, 
für die wir — als Autor und Leser eines kinderpsychologischen Buches — 
nicht kompetent sind. Aber wir werden versuchen, mit jener Hypothese 
weiterzuarbeiten, die für unsere spezielle kinderpsychologische Frage, 
oder für unseren allgemeinen Standpunkt am fruchtbarsten erscheint, 
was selbstverständlich nur dann der Fall sein kann, wenn die Tatsachen 
unseres Gebietes durch sie erklärt werden, ihr wenigstens in nichts wider- 
sprechen. 1 ) "Von diesem Standpunkt aus, bietet sich uns in erster Linie 
die C lapar cd esche Anschauung an; sie versucht die Schlafphänomene 
als Triebäußerungen (instinct sagt Claparede) anzusehen, und wir 
müßten, da wir uns als Aufgabe setzten die Entwicklung des Kindes vom 
Trieb als dem Zentrum aus zu betrachten, sie erfinden, läge sie nicht 
bereits vor. Ihr fügen sich alle Tatsachen, die uns die Beobachtung bot, 
und die mir zugängliche Literatur nachwies, leichter als den anderen 
Anschauungen. Diese haben etliche Schwierigkeiten. Die zweite Annahme 
(2), die uns das schnelle Einschlafen des Säuglings plausibel macht, 
erschwert das Verständnis seines Erwachens, insbesondere des baldigen, 
und des Erwachens nach verhältnismäßig schwachen Reizen, das für 
die zweite Lebenswoche gewiß, vielleicht für die erste bereits festgestellt 
ist. Annahme (1), die den kurzen Rhythmus des Schlafes verstehen läßt, 
ist unzulänglich eine Tatsache zu ertragen, die ich zwar in der Literatur nur 
kurz erwähnt finde (Dyroff, Bühl er), die aber nicht übersehen werden 
darf, daß nämlich das Neugeborene sehr rasch an viel längere Schlaf- 
perioden gewöhnbar ist. Das Tagebuch, das über mein ältestes Kind vom 
achten bis zum 150. Tag geführt wurde, hält fest, daß zu Anfang der dritten 
Woche sechs Mahlzeiten in Abständen von dreieinhalb Stunden und 
einer zusammenhängenden Nachtruhe von sechseinhalb Stunden gegeben 
wurden, an die das Kind sich bereits gewöhnt hat, zuweilen, aber nicht 
immer, nach fünfeinhalb Stunden erwachend und einige Minuten schreiend 
und dann wieder einschlafend. Ähnliches ist mir von mehreren Müttern 
bestätigt worden und erinnere ich mich von meinem zweiten Kind, über 
das Auf Zeichnungen sich nicht erhalten haben. In die Clapared esche 



') Des näheren ausgeführt: Bernfeld, Die Psychoanalyse in der Jugendforschung. 



14 



Das Neugeborene. 



Auffassung fügen sich beide Schwierigkeiten, die letztere ist geradezu 
geeignet sie zu bestätigen. 

Hat man einen Schlafinstinkt oder -trieb einmal eingeführt, so wird 
man sich schwer der Verpflichtung entziehen können, auch einige An- 
deutungen darüber zu machen, wie seine Entstehung hypothetisch 
vorzustellen wäre. Claparede versucht, den Schlaf instinkt ausgehend von 
dem Phänomen des Sich-Tot-Stellens, einzugliedern in einen umfassenden 
Schutz- und Verteidigungstrieb, innerhalb dessen der Schlaf den Schutz 
vor der Erschöpfung zur Aufgabe hätte. Diese Idee soll hier nicht dis- ' 
kutiert werden. Aber es ist wohl ein nützliches, methodisches Prinzip, zu 
Annahmen, die so weit zurück in die Tierreihe greifen, erst dann Zuflucht 
zu nehmen, wenn man sich die Überzeugung geholt hat, daß die Er- 
klärungs- und Konstruktionsmittel innerhalb der Menschheit versagen. 
Es scheint als hätte Claparede dies nicht genügend erwogen. Denn eine 
vierte Gruppe von Schlaf theorien weist mehr oder weniger nachdrücklich 
darauf hin, daß der nahezu andauernde Schlaf des Neugeborenen eine 
Fortsetzung des embryonalen Zustandes ist. Unter den Kinderpsychologen 
vertritt diese Anschauung, freilichbloß durch einen beiläufigen Satz Stern, 
und Perez schreibt vom schlafenden Neugeborenen: „es scheint wieder 
zu dem abgesonderten Dasein zurückzukehren, das sein normaler Zustand 
im Mutterleibe war, und dessen Gewöhnung sein Organismus noch bei- 
behalten hat." Claparede erwähnt diesen Hinweis und erledigt ihn kurz: 
der fötale Zustand habe mit dem Schlaf nichts zu tun, der relativ sei, 
und da nicht vorhanden, wo es kein Wachsein gibt. Dieser Standpunkt 
ergibt eine recht beträchtliche Schwierigkeit. Beim Neugeborenen ist es 
meistens sehr schwer festzustellen ob er schläft oder wacht. Die Kriterien 
des Schlafes beim Erwachsenen, Kind und älteren Säugling versagen 
völlig oder zum Teil in den ersten Lebenswochen. Die Bewegungslosigkeit 
kann auch dem "Wachzustand zukommen, und ist anderseits im Schlaf 
nur relativ. Für die geschlossenen Augen gilt ähnliches; sie sind zuweilen 
im Schlaf halb offen (Dix); gelegentlich liegt das Kind mit einem offenen 
und einem zugekniffenen Auge da und kann ebenso gut schlafen wie 
wachen. Geschlossene Augen sind nicht notwendig Schlaf. Die Reaktions- 
fähigkeit des Säuglings ist im allgemeinen gering, wir haben keinen Grund, 
wenn Reaktionen ausbleiben sicher auf Schlaf zu schließen, und finden 
Reaktionen ohne Erwachen (Caramaussel, Canestrini). Bacalo hat 
gezeigt, daß die Differenzen der Herz- und Pulsschläge zwischen Schlaf 
und Wachen sehr gering sind (de Sanctis). Canestrini betont, daß 
die Hirnpulskurve „vom ruhigen zum wachen Zustande meist keine 
scharfe Grenze beim Säugling" zeigt. 

Das entscheidende Kriterium wäre die Kenntnis des Wach- und 
Schlafbewußtseins. Wir haben keine Möglichkeit dieses zu erfassen, 
sollen wir darum sagen, der Neugeborene schläft nicht? Oder sollen wir 



Der Schlaf. 15 

Schlaf nur jene Höhepunkte der Schlaftiefe nennen, die nach Canestrini 
ungefähr eine Stunde nach dem Einschlafen erreicht sind und bald wieder 
verlassen werden? Ich glaube, man wird bei dem Wort Schlaf bleiben 
wollen. Alle Lebenserscheinungen sind beim Neugeborenen viel weniger 
differenziert, als später; sie sind vieldeutig, Ergebnis, zahlreicherer 
Prozesse als später. Dasselbe gilt für den Schlaf, auch er differenziert sich 
im Laufe des Lebens; die Zustände des Voll-Wachseins, des Dämmerns, 
der „gedankenlosen" Ruhe, des hypnagogischen Zustandes, des Tief- 
schlafes, „Luxusschlafes", Postdormitoriums usw., sondern sich nach 
und nach aus dem Zustand des Säuglings, bei dem wir ganz kurze Perioden 
unbezweifelbaren Voll-Wachseins und nicht viel längere Perioden sicheren 
Tiefschlafes unterscheiden können, dessen überwiegender Teil des Lebens- 
tages in einem undifferenzierten Zustand verläuft, der mit dem spä- 
teren Schlaf mehr Ähnlichkeit hat als mit dem späteren Wachsein. 
Es entspricht durchaus den Regeln wissenschaftlicher Begriffsbezeich- 
nung, diesen indifferenten Zustand mit dem Namen jenes Phänomens 
zu belegen, das sich aus ihm deutlich entwickeln wird unter Enthaltung 
wesentlicher Charakteristika. Man spricht mit Recht vom Schlaf des 
Neugeborenen. 

Und das gleiche gilt offenbar für den embryonalen Zustand. Er mag 
noch weniger differenziert sein als der Schlaf des Neugeborenen, er mag 
noch vieldeutiger sein, so ist er doch der Entwicklungsanfang für die 
späteren Schlaf phänomene und enthält sehr wichtige ihrer Charakteristika. 
Ja bis zu einem gewissen Grad wird im Schlaf regelmäßig, normalerweise, 
oder sehr häufig die fötale Situation wieder hergestellt: der größere 
Wärmeschutz, die Verdunkelung (beide auch physiologisch sehr förder- 
lich) und sehr häufig die Schlafstellung. Beim Neugeborenen kann man 
beinahe von einem Festhalten der fötalen Situation anstatt von der 
Rückkehr zu ihr sprechen, denn die Unterbrechungen sind so kurz, daß 
sie der Zeit nach kaum in Betracht kommen. Gerade sie sind aber für 
die Entwicklung des Neugeborenen von so fundamentaler Bedeutung, 
daß wir wohl besser tun, sie voll zu nehmen und zu sagen : der Schlaf des 
Neugeborenen ist die Rückkehr zum fötalen Zustand, die sobald als 
möglich nach jeder Unterbrechung desselben tendiert wird. Die erste 
Unterbrechung dieser Art ist die Geburt. Prinzipiell der gleichen Art ist 
eine umfangreiche Kategorie der späteren Schlafunterbrechung in den 
ersten Lebenswochen: plötzliche Hautreizungen aller Art, Licht und 
Bewegungsempfindungen, plötzliches Emporheben. Alle anderen Faktoren, 
wie Ermüdung, Torbidität des Nervensystems, kommen von Anfang an 
hinzu und sind eingeordnet in diese Tendenz zur Konservierung des 
bisherigen Lebenszustandes. Und das Ganze ist gewiß keine individuelle 
Erfindung des einzelnen Neugeborenen, sondern verdient die Bezeichnung 
Instinkt, Trieb. 



16 



Das Neugeborene. 



Diese Auffassung hat zwei Vorteile vor der Clapared eschen (soweit 
sie über sie hinaus geht): sie vermeidet die Schwierigkeit, den Schlaf 
des Neugeborenen von dem des älteren Säuglings zu trennen, was die 
Folge der Festlegung auf die Relativität wäre; sie hat nicht nötig, auf die 
tieferen Schichten der Tierreihe zu rekurrieren. Uns ermöglicht sie — 
soviel ich sehe, ohne eine widersprechende Tatsache — den Schlaf in jene 
Phänomene einzuordnen, die uns den Eindruck vom Walten jener kon- 
servativen Tendenz, den fötalen Zustand festzuhalten, zu ihm nach dessen 
Unterbrechung zurückzukehren, gaben. Ähnlich wie wir zu dem psycho- 
physischen Zustand des Neugeborenen ein völkerpsychisches Korrelat 
fanden, so wirkt, wie es scheint, diese konservative Tendenz als Rest im 
Leben des Erwachsenen nach, der nach Freuds (11) tiefsinniger Bemer- 
kung vielleicht sich genötigt sieht, periodisch, alle Nacht, ein großes Stück 
der Erwerbungen seines Wachlebens aufzugeben und zum primären Aus- 
gangspunkt seines Lebens zurückzukehren. De Sanctis bemerkt, er 
habe nach dem plötzlichen Erwachen aus dem Tiefschlaf das Gefühl, 
von irgendwo weit her zu kommen. Wenn diese Beobachtung allgemein 
zutrifft, so könnte man sie leicht als ein Bewußtsein von jener Regression 
deuten; man kehrte dann freilich von recht weit her zurück, aus dem 
Fötalzustand. Kempf bringt eine Reihe von Bildern bei, die diese Auf- 
fassung für den Schlaf in Völkerbrauch und -Psyche durch die Bestattungs- 
gebräuche illustrieren könnte. 

Dem naiven Volksglauben erscheint der Schlaf des Neugeborenen 
(und des Säuglings überhaupt) beinahe als heilig. Der Wunsch, vom Kinde 
ungestört zu bleiben, vermengt sich wohl mit einer Ahnung von der auf- 
bauenden Wichtigkeit des Schlafes, gestützt durch Erfahrungen an sich 
und den Kindern. Und vielleicht spielt auch hier etwas wie unbewußtes 
Verstehen, wie Erinnern an den psychoökonomischen Wert der konser- 
vativen Tendenz des Säuglingsschlafes mit, wie es häufig genug in Wiegen- 
liedern zum Ausdruck kommt. Und dennoch ist es nicht selten Brauch, 
den Säugling (auch in den ersten Tagen) zu wecken, um ihn zu reinigen 
oder zu säugen. Die Ärzte haben nicht selten diesen Gebrauch gefördert. 
Heute freilich sind sie wohl einstimmig dagegen, indem sie den Schlaf 
für eine unvergleichlich wichtige Lebenstätigkeit halten, und zum Teil 
auch allzu häufiges, unnötig häufiges Erschrecken des Neugeborenen mit 
seinen tetanischen Neigungen vermieden wissen wollen. Ein Beispiel 
für die Verknüpfung der beiden Richtungen, der Schätzung des Schlafes 
und der rational begründeten Empfehlung des Weckens, wie es bei den 
älteren Autoren so häufig ist, seien folgende Sätze aus des Med. Dr. und 
Physici Joh. Helferecht Jungkens Wohlunterrichtendem, sorgfältigen 
Medicus: „Das Schlaffen betreffend, ist es sehr gut, wenn die Kinder 
viel schlaffen, es sey Tag oder Nacht, und je mehr sie schlaffen, je gesunder 
es ihnen ist, es sey dann daß sie zu lang und zu viel schlaffen sollten, 



Das Schreien. 



17 



mag man sie woll aufheben und ermuntern, und zwar um des willen, 
damit wann es sich unrein gemacht, man es butzen und säubern könne. 
Zu dem End kan man das Kind, des Tages wol 2. oder 3. mall auf- 
heben." 

Eine andere als hygienische Rechtfertigung des Weckens junger 
Säuglinge kenne ich nur noch von einem Fall, den Juden, von denen 
Feldmann berichtet: „In some places the smiling of a child during 
sleep indicates. . . . playing with Lilith (especially during the night of the 
Sabbath or new moon) and the child should be woke up." 



Das Schreien. 

Von unserer Auffassung des Schlafes aus muß man die Frage stellen 
— und sie ist auch gelegentlich gestellt worden — warum wachen wir? 
Insbesondere, warum erwacht das Neugeborene, warum vermag die 
konservative Tendenz, die wir zu erkennen glauben, sich nicht durchzu- 
setzen, was stört sie so nachhaltig, daß der Mensch, erwachsen, das 
Wachsein für sein eigentliches Leben, für das Selbstverständliche, und 
den Schlaf für eine zwar sehr angenehme, aber doch eine Unterbrechung, 
für das Problem hält ? Es ist leicht einzusehen, daß dies im Grunde die 
Frage nach den Ursachen der Entwicklung des Neugeborenen überhaupt 
ist. Und niemand wird glauben, daß die Wissenschaft sie voll befriedigend 
beantworten kann; ebensowenig, daß die Beiträge, die zur Antwort 
gegeben werden können, auf wenigen Seiten erledigbar sind. Offenbar 
ist eine ganze Anzahl von Faktoren hier wirksam, von denen wir einige 
vielleicht erkennen werden. Ein Faktor läßt sich leicht aufstellen. Das 
Erwachen geschieht nämlich zum Zweck, das Weiterschlafen zu er- 
möglichen. Die Sache ist nicht so befremdlich, wie sie vielleicht jemandem 
erscheinen könnte. Normalerweise erwacht das Neugeborene mit Geschrei, 
das die wartende Person, die Mutter herbeiführt. Sie nimmt an, daß ihr 
Kind Hunger habe oder irgend eine Unlust spüre und schafft den störenden 
Reiz weg, und das Kind schläft wieder ein. Der Schlaf ist gerettet. Das 
Schreien wäre demnach ein Hilferuf, und das Erwachen geschähe, um 
diesen Hilferuf zu ermöglichen. 

Das Schreien des Neugeborenen wird daher von vielen Psychologen 
zu den Ausdrucksbewegungen gezählt (z. B. Darwin, Preyer, Bühler, 
Koffka). Vielleicht ist das nicht ganz genau, denn wir heißen beim 
Erwachsenen Ausdrucksbewegungen im Grunde zwecklose Bewegungen, 
die den Affekt begleiten und für die man eben wegen ihrer Zwecklosigkeit 
anzunehmen pflegt, daß sie entweder motorische Abreaktion zu starker 
Affekte, oder Reste ehemals nützlicher (vielleicht instinktiver) Hand- 
lungen sind. Beides gilt nicht für das Schreien des Neugeborenen; viel- 
mehr ist es durchaus zweckmäßig, das einzig Zweckmäßige, das er, sozu- 

Bernfeld, Psychologie des Säuglings. 2 






18 



Das Neugeborene. 



sagen, in seinem Falle tun kann. Aber es ist verständlich, was mit dem 
Wort Ausdrucksbewegung gemeint ist, und gewiß entwickeln sich die 
Ausdrucksbewegungen des Erwachsenen zum guten Teil aus dem Schreien 
des Säuglings. 

Dieser Hilferuf des wenige Stunden alten Menschen ist so erstaunlich 
zweckmäßig und, da er ein gut Stück des gesamten "Wachseins des Neu- 
geborenen ausmacht, von so unbezweifelbarer Entwicklungswichtigkeit, 
daß man gerne über seine Details und seine Entstehung mehr erfahren 
möchte. 

Das Schreien ist eine besondere Weise des Atmens: gewöhnlich 
stoßweise verstärktes Exspirium (zuweilen auch Inspirium) bei eng 
gespannter Stimmritze, weitgeöffnetem Mund, fest geschlossenen Augen. 
Das Schließen der Augen scheint automatisch (als Reflex) bei jeder starken 
Anstrengung einzutreten, wahrscheinlich, um den Blutandrang im Auge 
durch Zusammenpressen des Augapfels (und seiner Gefäße) zu vermeiden. 
Das Schreien ist demnach immer aufs neue Wiederholung derjenigen Be- 
wegungen, die den allerersten Atemzug nach der Geburt herbeiführten. Es 
sieht beinahe so aus, als wäre jedes Erwachen in den ersten Tagen mit dem 
„Erwachen" aus dem Fötalzustand assoziiert und wiederholte dessen 
motorische Reaktionen. Diese selbst, also die Mimik und Physiologie des 
ersten Atemzuges, der im allgemeinen auch der erste Schrei zu sein pflegt, 
ist nicht völlig befriedigend erklärt. Doch scheinen die Grundlinien festzu- 
stehen: sie entspringen der Atemnot und dienen dazu, sie zu beheben. 
Ihre reflektorische Auslösung scheint innig verknüpft zu sein mit den 
starken Hautreizungen, denen das Kind bei der Geburt zum erstenmal 
ausgesetzt ist. Sie wiederholen sich bei jedem Schreien, ohne daß ihm 
Atemnot vorausgegangen wäre. Freilich gibt es Fälle genug — wir haben 
oben mit Hinblick auf Caramaussel einen erwähnt — in denen auch die 
Atemnot reproduziert wird. Wenn man will, kann man auch sagen, 
daß ja schließlich der Schrei, das starke und lange Exspirium, wenn 
auch nur für Bruchteile einer Sekunde, anhaltende Atemnot ist. Das 
Beieinander all dieser physiologischen und mimischen Reaktionen bleibt 
zeitlebens die motorische Begleitung, die Ausdrucksbewegung mancher 
Affekte, und von ihr aus entwickelt sich der Ausdruck einer ganzen 
Reihe von anderen sehr wichtigen Gemütszuständen (Darwin), wovon 
später noch zu sprechen sein wird. 

Die Reize, auf die das Neugeborene mit Schreien antwortet, sind 
mannigfaltig. Nach Preyer: Hunger, Durst, unbequeme Körperlage, 
Kälte, Feuchtigkeit, unangenehmer Geruch der Luft, festes Einwickeln, 
Unbequemlichkeiten beim Saugen. Man könnte noch manche ähnlicher 
Art nennen. Für uns aber ist wichtiger, sie zu gruppieren. Dies könnte man 
etwa in der Weise versuchen: 1. Reize, die Bestandteile der Geburts- 
situation sind: die Kälte, plötzliches Licht, Druck, plötzliche starke 



Das Schreien. 19 

Lageveränderung 1 ); 2.'Reize, die eine Relation zur Geburtssituation 
haben: jede plötzliche Reizänderung der Sinnesorgane; 3. ohne Relation 
zur Geburtssituation: in den ersten Lebenstagen gewiß mir Hunger 
(und Durst). Wobei zu bedenken ist, daß die Reize des Körperinnern, die 
wir nicht kennen und die wir als Anlässe spontanen Schreiens annehmen, 
nicht eingeordnet werden können, aber nichts dagegen spricht, sie als 
einordenbar in 1. und 2. vorzustellen. 

Einige von diesen Reizen sind nun offenbar solcher Art, daß ihnen 
gegenüber Erwachen mit Hilfegeschrei als die zweckmäßige Verhaltungs- 
weise erscheint, z. B. Hunger, Kälte, denn sie gefährden das Leben, und 
dieses zu retten, für eine kurze Weile den Schlaf zu opfern, ist wohl zweck- 
mäßig. Bei anderen gilt das aber keineswegs. Sie sind harmloser Natur, 
es lohnt — sozusagen — ■ nicht, ihretwegen sich zu bemühen. Es geschieht 
auch keineswegs immer. Sie haben nicht notwendigerweise Erwachen zur 
Folge. Doch häufig. Die vorliegenden Untersuchungen geben hier keine 
Auskunft; sie sind einander bloß widersprechend; einmal wird etwa bei 
Türenzuschlagen oder Belichten des Gesichtes Erwachen und Schreien 
angegeben, andere Male wieder nicht. Die feineren Studien weisen bei 
gewissen Reizen Reaktionen regelmäßig nach, aber nicht immer Er- 
wachen und Schreien. Man muß wohl annehmen, daß der Reiz gewisse 
Bedingungen erfüllen muß, unter denen vielleicht in erster Linie gelten 
mag, daß er nicht in den kurzen Zeiten des richtigen Tiefschlafes eintrat. 
Wie dem aber immer sei, gewiß ist, er wird mit Schreien, und zwar zweck- 
loserweise, beantwortet. In diesem Fall sagt man wohl deskriptiv 
richtig, in der Deutung analogistisch, der Reiz erinnere an das bereits 
erlebte Beisammensein von Reizen und Reaktionen, das wir Geburt 
nennen, und rief einen Teil der fehlenden durch motorische Reaktionen 
hervor. Oder ein Stück des Geburtsvorganges wird wiederholt. Warum, 
ist schwer zu sagen. Folgen wir einem sich aufdrängenden Eindruck, so 
sagen wir mit Freud (11), das Neugeborene verhält sich, als wäre die 
Geburt ein traumatisches Erlebnis, das es — bei gegebener Anregung 

— wiederholen muß, nämlich den Teil, der von ihm reproduzierbar ist. 
Ich muß freilich zugeben, daß dieser Eindruck — mindestens vorläufig 

— noch kein Recht hat, als ernsthafter Gedanke genommen zu werden, 
weil das Schreien ja auch in diesen Fällen Ausdrucks-Hilferufsfunktion 
hat, haben kann, also keine sinnlose Wiederholung, sondern ein zweck- 
mäßiges Verhalten vorliegt, mit vorliegt oder doch vorliegen könnte. 
Dennoch ist es von vorneherein wahrscheinlich, daß auch das Schreien 
des Neugeborenen ein vieldeutiges Phänomen ist, das sich erst später 

J ) Untersuchungen dieser Frage sind mir leider nicht bekannt geworden, trotzdem 
sie vielleicht sehr interessante Ergebnisse brächten. Gewiß reagiert das Neugeborene 
auf Lageveranderungen, und zwar, wie es mir scheinen will, auf plötzliche starke Än- 
derungen mit Schreien, auf sanfte, andauernde, rhythmische mit Einschlafen. 

2* 



20 



Das Neugeborene. 



differenzieren wird, in ihm also die wiederholende und die Ausdrucks- 
funktion innig verknüpft sind. 

Dadurch konnte das Schreien auch auf Reize erfolgen, die in der 
Geburtssituation nicht enthalten waren, zu denen wir Hunger (und Durst) 
zählten, zählen mußten, weil über die feineren Vorgänge weder von der 
Geburt, noch vom Hunger genügend bekannt ist. Das Hungergeschrei 
ist nicht die Wiederholung des Geburtsgeschreies. Es ist zwar im Anfang 
von jedem anderen Schreien des Neugeborenen ununterscheidbar, dürfte 
aber erst erhoben werden, wenn Schreien aus anderen Gründen, wieder- 
holendes etwa, mehrmals erfolgt war; man nimmt nicht an, daß das 
Neugeborene vor Ablauf von 12 Stunden hungrig sei. Und gewiß sind 
die Vorgänge nicht differenziert genug, als daß man ein Recht hätte 
anzunehmen, einmal schreie das Kind aus Hunger, ein anderes Mal ledig- 
lich, weil es an die Geburt „erinnert" wurde. Aber es empfiehlt sich, theo- 
retisch diese beiden Fälle voneinander zu scheiden; ich werde später 
zeigen, daß sie eine recht verschiedene weitere Entwicklung nehmen. 
Es ist klar, das Hungergeschrei ist zweckmäßig, und es erfüllt eine 
Ausdrucksfunktion. Darum es unter die Ausdrucksbewegungen zu 
rechnen, ist nicht falsch, scheint aber wenig fruchtbar. Die Ausdrucks- 
bewegungen sind in Kinderpsychologien gern ein kleines Kapitel für 
sich ; da stehen sie nun recht isoliert und sind eigentlich nichts als eine 
Verlegenheit. Ich möchte vorschlagen, das Hungergeschrei anders, 
einfacher aufzufassen. Wenn der Erwachsene Hunger fühlt, so hat er 
eine Anzahl von Körperbewegungen zu machen, solche, die ihn zum 
Speiseort bringen, solche, die wir essen heißen. Will man genau sein, 
so hat man auch alle jene hinzuzurechnen, die ihn in den Besitz der 
Speise brachten, Berufsarbeit, Einkauf, Zubereitung. Alle diese Bewe- 
gungen entspringen dem Trieb Hunger, sie sind Handlungen, die zur 
Befriedigung dieses Triebes nötig sind, Triebhandlungen, die deshalb 
nötig sind, weil der Trieb erst befriedigbar ist, wenn ein Stück Veränderung 
in der Außenwelt vorgenommen wurde, und wäre sie so geringfügig wie 
einmaliges Armstrecken und Beugen. Das Neugeborene ist ganz in der 
Lage des Erwachsenen — im fundamentalen Gegensatz zur fötalen 
Situation ; auch in seinem Fall muß ein Stück Außenwelt Veränderungen 
erfahren, soll es satt werden. Nur daß bei ihm die hiezu nötigen Hand- 
lungen sich auf zwei Personen verteilen, auf ihn und seine Mutter (Amme). 
Die Bewegungen der Mutter sind wir nicht gewöhnt als Handlungen zur 
Befriedigung des Hungers zu bezeichnen, sondern wir nennen sie physio- 
logische (z. B. Milchsekretion) und Handlungen der Mutterliebe. Wir 
dürfen aber nicht vergessen, daß dies die Korrelate zu den Triebhandlungen 
des Säuglings sind, ein Bestandteil von ihnen, um von ihm aus zu sprechen. 
Er rechnet darauf, darum bleiben als sein Anteil an diesen Triebhand- 
lungen saugen, wenn die Mamilla in seinem Mund ist, und schreien, bis 



Das Saugen. 21 

das eingetroffen ist. Das Schreien wäre demnach eine Handlung des 
Neugeborenen, und zwar eine Triebhandlung. Freilich ein Teil eines 
Komplexes von Handlungen, jener Teil, den sein motorischer Apparat 
und seine soziale Situation (sozusagen) ermöglicht. Vom Standpunkt des 
Erwachsenen ist das Schreien eine Ausdrucksbewegung des Säuglings. 
Von seinem eigenen Standpunkt eine Triebhandlung. Und daher regulier- 
bar, anpaßbar, der Gewohnheit und Erfahrung unterworfen; was jede 
Kinderpflegerin weiß und wie ich oben schon erwähnte, seinen Ausdruck 
in der einen Tatsache findet, daß schon Neugeborene sehr bald zu ihrer 
Mahlzeit erwachen, die Zwischenzeit aber durchschlafen — wenn sie 
nur sonst nicht gestört werden. 

Nicht übergangen, aber an dieser Stelle auch nicht ausführlich 
behandelt, sei die Tatsache, daß nicht nur der Hunger eine Störung ist, 
zu deren Erledigung (Befriedigung) eine Veränderung der Außenwelt 
nötig ist, daß also nicht nur das Hungergeschrei, sondern auch manches 
andere als Triebhandlung gelten kann. 

Zur Eingangsfrage dieses Kapitels zurückkehrend, antworten wir: 
Das Aufwachen erfolgt, wenn eine Störung eintritt, die lebensgefährlich 
ist oder bei Anhalten es werden könnte, und dient dazu, jene Verände- 
rungen der Umwelt herbeizuführen, die die Störung beseitigen. Ist das 
geschehen, so setzt sich der Schlaf fort. Dies sehen wir deutlich. Nicht 
ganz so klar, aber doch eindringlich und verständlich genug, um es zu 
erwähnen, zeigt sich ein zweiter Faktor: es scheint, als wäre die Geburt 
ein Vorgang, den man am besten als Trauma bezeichnete, so daß Reize, 
die zum Syndrom der Geburtssituation gehören, die Wiederholung der 
Reaktionen des Neugeborenen auf die Geburt — wenigstens unter ge- 
wissen Bedingungen — erzwingen, ähnlich wie es Freud (9) für die 
Träume der Unfallsneurotiker annahm. 

Das Saugen. 

Schreien und Saugen sind bei wachen Neugeborenen komplementäre 
Vorgänge; bis zu einem gewissen Grade auch noch beim älteren Säugling. 
Das Schreien hört auf, so wie die Lippen etwas Saugbares erfassen, das 
Schreien wird so lange fortgesetzt bis etwas Saugbares erscheint. Ganz 
streng gilt dies freilich nur für Hungergeschrei, aber auch jedes andere 
Schreien ist eine Zeit lang durch Saugen ersetzbar. Das Hungergeschrei 
ist ja nichts anderes als die Einleitung des Saugens. Das Neugeborene ist 
nicht imstande, eine zielvolle Bewegung zu machen, durch die etwas irgend 
Saugbares in seinen Mund käme, ereignet sich dies nicht durch die Hilfe 
der Mutter oder durch Zufall (seine eigene Hand oder ein Finger gelangt 
bei den Strampelbewegungen in den Mund), so begeht es die Universal- 
Triebhandlung, das Schreien. Das Saugen beherrscht das Neugeborene 



22 



Das Neugeborene. 



von Anfang an mit bewunderungswürdiger Präzision. Wenn zuweilen 
beim ersten oder zweiten Anlegen Ungeschicklichkeiten bemerkt werden, 
so sind sie so geringfügig und so schnell verbessert, daß es gar nicht ins 
Gewicht fällt 1 ) gegenüber der gut belegten Tatsache, daß in anderen 
Fällen die Saugbewegungen noch vor vollendeter Geburt funktionierten 
(Preyer). Keineswegs handelt es sich dabei um einen einfachen Reflex; 
vielmehr ist das Saugen ein sehr komplizierter Vorgang, der in allen 
Details noch nicht völlig sicher erkannt ist. Jedenfalls saugt das Kind 
nicht etwa mit den Lippen, sondern diese dienen bloß zum luftdichten 
Abschluß der Mamilla (unterstützt von der Magitotschen Membran, die 
sich in späterem Alter zurückbildet) (Vierordt). Die eigentliche Saug- 
leistung wird im Innern des Mundes geleistet, wobei Zunge, Gaumen, 
Wange und Unterkiefer als Saugpumpe funktionieren. Das Schlucken ist 
mit dem Saugen innig assoziiert, aber nur, wenn Flüssigkeit ins Mundinnere 
gelangt ist. Das Saugen wird aktiv beendigt, noch ehe die Mamilla dem 
Munde entzogen wird, stößt sie das Neugeborene aus. Dieser komplizierte 
Vorgang ist unzweifelhaft angeboren, er ist das einzige Beispiel eines so 
vollständigen, ohne jedes Erlernen, von Anfang an vorhandenen Instinkts, 
so auffallend, daß einige Autoren annehmen, das Saugen sei bereits 
in Utero geübt worden (Tracy, Friedjung 1). Erklären kann man 
das Vorhandensein dieser Fähigkeit nicht besser, aber auch nicht schlech- 
ter, als das bewunderungswürdig vollkommene Funktionieren aller 
physiologischen und biologischen Vorgänge. Es ist dies aber auch nicht 
Aufgabe der Psychologie, wenigstens nicht der heutigen. Der Hinweis auf 
die embryonale Tätigkeit hilft in diesem Fall nicht viel, weil sich dann 
die Aufgabe ergäbe, zu zeigen, aus welchen Anfängen und in welchen 
Etappen sich die Saugfähigkeit entwickelte, was nicht möglich ist; oder 
das Problem ist bloß verschoben. So bleibt nichts anderes, als hinzuneh- 
men, daß eine sehr zusammengesetzte Leistung von Anfang an vorhanden 
ist, und so wie sie zum erstenmal den adäquaten Reiz findet, ausgebildet 
in Tätigkeit tritt. Daß diese Leistung im Dienste eines Triebes steht, des 
Hungers, ist zweifellos, scheint fast tautologisch. Und doch muß betont 
werden, daß das Verhältnis zwischen Saugen und Hunger nicht völlig 
einfach ist, ja mehrere recht beträchtliche Probleme in sich schließt. 
Sollen diese erörtert werden, was wir an dieser Stelle nur beginnen können, 
so muß man von zwei Tatsachen ausgehen. 1. Das Saugen geschieht von 
Anfang an auch an Gegenständen, die zur Stillung des Hungers ungeeig- 
net sind. 2. Das Saugen geschieht auch im Zustand der Sättigung. So 
sicher dies für die ersten Wochen des kindlichen Lebens gleicherweise wie 
in zahlreichen Fällen für viele Jahre feststeht, ist ein strikter Nachweis 
dafür aus den ersten Lebenstagen nicht zu erbringen. Die Schwierigkeit 

i) Tracys Ausdruck „oft weit davon entlernt, im Anfang vollkommen zu sein" ist 
stark übertrieben. 



Das Saugen. 



23 



liegt darin, daß wir ja über die Gefühle des Neugeborenen nichts wissen, 
sondern diese erschleißen müssen. Nach dem Trinken pflegt der Neu- 
geborene unmittelbar einzuschlafen, vorher aber kann man, und wenn er 
an Fingern saugt, umso eher annehmen, daß er hungrig ist. Freilich, die 
Tatsache des Fingersaugens in den ersten Lebensstunden, in denen Hunger, 
wenigstens imperativer Hunger, kaum wahrscheinlich ist, spricht sehr 
dafür, daß eine gewisse Unabhängigkeit des Saugens vom Hunger von 
Anfang an besteht und wohl auch die Bemerkung von D ix aus den ersten 
Tagen, (dessen Sohn sofort zu saugen anfing, wenn man ihm Zunge oder 
Lippe nach seinen drei Stunden Pause berührte, sonst mußte man seine 
Zunge einigemal kitzeln, ehe er zu saugen begann) und keine Tatsache 
würde dieser Annahme widersprechen. Eine Entscheidung in dieser 
Frage ist aber umso weniger wichtig, als es für die weiteren Überlegungen 
gleichgültig ist, ob diese Unabhängigkeit vom ersten Lebensaugen- 
blick an besteht, oder in den ersten Lebenstagen erworben wird. Die 
letztere Tatsache ist völlig unbezweifelbar und wurde von jedem Beobach- 
ter festgehalten. Am häufigsten saugt das Neugeborene dabei am eigenen 
Finger, aber schlechthin jedes Objekt dient als auslösender Beiz, wenn 
es nur nicht zu groß, zu rauh, zu heiß, zu kalt, zu stark bitter, salzig oder 
sauer ist 1 ). (Preyer). Auch ohne jedes Objekt saugt das Neugeborene so- 
zusagen leer, im Schlafe und nach der Stillung (vielleicht bei unge- 
nügender Nahrungsaufnahme), aber jedenfalls erst, bis es die Erfahrung 
des Saugens an Objekten gemacht hat. 

Der Trieb des Neugeborenen geht demnach auf das Saugen im all- 
gemeinen, unabhängig davon, ob dadurch die Sättigung erreicht wird. 
Gewiß wird das Saugen, wenn es erfolglos bleibt, schließlich durch Schreien 
ersetzt, aber die angeborene Handlung ist an sich nicht geeignet, den Hun- 
ger zu stillen, sondern nur unter der Bedingung, daß gelegentlich auch 
ein milchhaltiges Objekt in den Erfassungsraum der Lippen gelangen 
wird — eine Bedingung, mit der der Trieb rechnet und rechnen kann. 
Der Trieb lautet gewissermaßen „ich will saugen" und nicht „ich will 
trinken"; und dies „fällt" dem Neugeborenen auch erst „ein", wenn 
etwas Saugbares in seinen Mund kommt. 

Diese Auffassung kann man nicht leicht vorschlagen, ohne eine kleine 
Korrektur an dem Begriff des Selbsterhaltungstriebes vorzunehmen, dem 
man das Saugen einzuordnen für selbstverständlich hält (Kirkpatrik), 
wenn man sich um die Triebe des Kindes überhaupt kümmert, was frei- 
lich fast allen kinderpsychologischen Autoren fernliegt. Die Einordnung 



«) Isoliert steht, soviel ich sehe, in der kinderpsychologischen Beobachtungs-Literatur 
meine Beobachtung in dem erwähnten Tagebuch, wonach beim 25 Stunden alten Kind 
durch leises Wangenstreichen das Saugen ausgelöst wurde, wenn man nicht Darwins (2) 
Bemerkung: "It seemed clcar to me that a warm soft band, applied to bis face, excited a 
wish to sucle", hierher rechnen will. Inaiierem Zusammenhang von Popper beachtet. 






24 Das Neugeborene. 

besteht gewiß zu Recht, sie ist nur nicht ganz einfach und nicht ohne 
Problematik. Beim erwachsenen Menschen ist das Essen normalerweise 
nur indirekt Triebhandlung, die durch den Hunger ausgelöst wird, es ist 
eine Gewohnheitshandlung, deren Zeit, Menge und Art dazu dient, den 
Hunger zu vermeiden. Ist der physiologische Zustand des Hungers er- 
reicht, so wäre ihn durch Essen schlechthin zu befriedigen geradezu 
schädlich. Der Selbsterhaltungstrieb hat also in seinen Äußerungen eine 
Veränderung erfahren, die in jeder Beziehung zweckmässig ist und ihn 
prophylaktisch gestaltet. Analog dem Schlaf. 1 ) Wir werden schläfrig, 
noch ehe wir erschöpft sind, wir werden hungrig, noch ehe wir Hunger 
haben. Auch die Erwerbung der Nahrung ist beim erwachsenen Menschen 
jeder Zivilisationsstufe — nicht direkte Auswirkung des Selbsterhal- 
tungstriebes; wir arbeiten und verdienen keineswegs nur aus dem Selbst- 
erhaltungstrieb oder doch in einer von der reinen Triebhandlung sehr weit 
entfernten Weise. Eher sind die „Verzweiflungstaten** des Hungrigen 
geeignet, uns ein Bild von der direkten Äußerungsform des Selbsterhal- 
tungstriebes zu geben. Die Schwierigkeit, ihn zu studieren, ist sehr 
beträchtlich, weil offenbar mit seiner Bändigung jedes Gesellschafts- 
leben beginnt. Aber analog zu allem, was an Tieren und Kindern zu sehen 
ist, könnte man vielleicht den Selbsterhaltungstrieb — soweit er uns hier 
beschäftigt — so rekonstruieren: Ist das Individuum nicht voll gesättigt — 
und dies ist während des Wachens nicht häufig, denn vollgesättigt schläft 
es ein — so erregt jedes Nahrungsmittel, so wie es apperzipiert ist, den 
Drang, sich seiner zu bemächtigen, es in den Mund zu stecken und zu essen, 
oral zu vernichten, ohne jede andere Rücksicht als vielleicht die eigenen 
körperlichen Fähigkeiten. 2 ) Der Name Selbsterhaltungstrieb verdunkelt 
diesen Tatbestand, indem er dem Trieb ein Ziel unterlegt, das in ihm nicht 
enthalten ist. Im Rahmen seines Zieles ist der Trieb anpassungsfähig, 
so geschieht das Fressen — wie wir den geschilderten Vorgang richtig be- 
nennen — je nach den Bedingungen des Futters individuell; ist aber 
keines da, so verhungert das Individuum unweigerlich; sein Ziel ist das 
Fressen und erst indirekt die Selbsterhaltung. Erscheint diese Ausein- 
andersetzung den einen selbstverständlich, so erscheint sie anderen viel- 
leicht subtil. Ich halte sie für nötig, weil sie sich nirgends genügend scharf 
vorfindet und sie eine Auffassung einleitet, die durch ähnliche Überlegung 
auf einem anderen Gebiete angebahnt wurde, als man sich entschloß, den 
Fortpflanzungstrieb mit ähnlicher Argumentation zu revidieren. 3 ) 
Auch der Fortpflanzungstrieb hat nicht die Fortpflanzung zum Ziel, 
sondern einen konkreten Vorgang. Und doch dienen die Sexualtriebe der 

l ) Worauf mehrfach andeutend hingewiesen wurde, z.B. von de Sanctis. 
») Zahlreiche Beispiele, freilich nicht so gedeutet, in Köhlers Intelligenzprüfungen 
an Menschenaffen. 

8 ) Mehrfach; am nachdrücklichsten Freud. 



Das Saugen. 25 

Fortpflanzung, wie der Freßtrieb (so könnte man vorläufig sagen) der 
Selbsterhaltung. Aber durch einen psychologisch sehr wichtigen Umweg. 
Wir haben ähnliches am Schlaf gesehen. Der Schlaf ist triebhaft und dient 
demWachstum, der Assimilation allgemein. Dieses organische Bedürfnis hat 
einen psychischen Repräsentanten, wie Freud den Terminus auffaßt, den 
Schlaf wünsch, der aber, soweit er psychisch ist, sich psychischer Mechanis- 
men bedient, wie wir in Anlehnung an Claparede undFreud ausführten: 
die Reproduktion der fötalen Situation. Das organische Bedürfnis nach Nah- 
rung (Selbsterhaltung) hat als psychischen Repräsentanten den Freß- 
trieb. Die psychische Repräsentanz weiß nichts, sozusagen, von den 
Zielen und Bedürfnissen des Organischen und funktioniert nach ihren 
Mechanismen, ist aus ihnen verstehbar, während wir den Zusammenhang 
zwischen ihr und dem Organischen noch nicht verstehen, nur annehmen 
müssen, ohne daß wir uns im psychologischen Zusammenhang bestimm- 
tere Vorstellungen über sie zu machen brauchen. 

Beim Neugeborenen ist der Freßtrieb modifiziert : er tritt in Funktion, 
wenn die orale Erfassung vollzogen ist. Er ist nicht gänzlich undifferen- 
ziert, wie wir oben gesehen haben, gewisse Tastwahrnehmungen — wir 
werden darüber noch mehr zu erfahren suchen — hemmen seine Funktion. 
Das Schlucken ist mit ihm verbunden, es setzt automatisch ein, wenn 
Nahrung in den Mund, offenbar auf den hinteren Teil der Zunge, gelangt 
ist. Ist das der Fall, so erweist sich der Freßtrieb nicht unstillbar, er ist 
befriedigt, wenn eine gewiße Füllung des Magens erreicht ist. Wie die 
Sistierung der Saugens geschieht, wissen wir nicht. Die einfachste An- 
nahme wäre, daß bei Sättigung der Trieb sein Ziel erreicht hat. Sie würde 
aber das Ende der Triebhandlung vom Hunger und der Sattheit abhän- 
giger machen als deren Beginn, was zu einigen Schwierigkeiten führte. 
Immerhin sind wir ja vorbereitet, auch beim Saugen auf die Vieldeutig- 
keit aller Phänomene, die der Neugeborene studieren läßt, zu stoßen und 
dies verschiedene Verhalten auf das undifferenzierte Wirken zweier — 
oder vielleicht gar mehrerer — Faktoren zurückzuführen. Wir sind dazu 
aber nach dem Stand unserer Kenntnisse über die Details des Saugvor- 
ganges, die sehr mangelhaft sind, nicht genötigt. Die Beobachtungen, 
die ich in der Literatur finde, lassen keine sichere Angabe darüber zu, ob 
nicht das Ausstoßen der Mamilla ein Akt des so häufigen Vorganges des 
Erbrechens ist, der ja bei Säuglingen sich ganz natürlich und lange Zeit 
ohne Reaktionen des Unbehagens abspielt, und eintritt, wenn die opti- 
male Magenfüllung erreicht ist. Dazu konmmt, daß das Saugen ganz all- 
gemein nach kurzer Zeit Schlaf zur Folge hat — aus Gründen, die später 
erörtert werden sollen. 

Die Tatsache des über die Sättigung hinaus andauernden Saugens 
(leer am Finger) eröffnet eine sehr wichtige Ansicht dieses Vorganges 
überhaupt, sie ist aber nicht zu erörtern, ohne die Annahme einer Lust des 



26 Das Neugeborene. 

Saugens Und ehe wir diesen Terminus gebrauchen, müssen wir eine 
kurze Einschaltung vornehmen. Jedenfalls wird aber die wichtige Kon- 
sequenz aus jener Tatsache besser bei Besprechung des eigentlichen Saug- 
lingsalters besprochen, weil, wie bemerkt wurde, sie für die ersten Lebens- 
tage nicht einwandfrei festgestellt ist, vielleicht gar nicht feststellbar ist. 

Über das Bewußtsein des Neugeborenen. 

Die Einschaltung, die allmählich unvermeidlich wird, soll uns eine 
Erleichterung terminologischer Art bringen. An vielen Stellen war schon 
bisher schwer der Gebrauch von Worten zu vermeiden, die nur dann völlig 
berechtigt sind, wenn beim Neugeborenen Bewußtsein "von der Art des 
Erwachsenen angenommen ist. Diese Annahme muß gerechtfertigt und 
präzisiert werden, damit die Abbreviaturen, deren wir uns bedienen, wenn 
wir von Lust, Unlust usw. sprechen, unmißverständlich seien. Neben dem 
terminologischen hat die Frage nach dem Bewußtsein des Neugeborenen 
auch ein theoretisches Interesse, aber es scheint mir nicht so tief und wich- 
tig als zuweilen empfunden wird. Das Bewußtsein des Neugeborenen 
wurde von den einen ebenso temperamentvoll bejaht, wie von anderen 
streng verneint. Maßvolle Unentschiedenheit scheint sich aber heute bei 
den Kinderpsychologen durchzusetzen. B ühl e r meint, um Entscheidendes 
über das Bewußtsein des Neugeborenen auszusagen, müßte man etwas 
über die biologischen Leistungen des Bewußtseins überhaupt wissen. 
Ich glaube, man muß dem zustimmen; da wir diese Kenntnis nicht be- 
sitzen, da wir nicht mehr als Einfälle zu einer künftigen Konstruktion be- 
sitzen, so muß diese Frage offen bleiben. Doch empfiehlt es sich, minde- 
stens wegen jenes terminologischen Zweckes sie zu diskutieren. 

Einen durchschlagenden Grund dafür, dem Neugeborenen Bewußt- 
sein grundsätzlich abzusprechen, gibt es nicht. Ein bloßes Reflexwesen 
ist es gewiß nicht; die Reflexe sind mindestens so kompliziert, daß nichts 
uns verböte, sie von Bewußtsein begleitet zu denken. Der neurologische 
Zustand des Großhirns ist nicht so unausgebildet, daß — selbst wenn 
für Bewußtsein eine bestimmte Entwicklungsstufe des Großhirns uner- 
läßliche Voraussetzung sein sollte — die Möglichkeit des Bewußtseins 
strikte ausgeschlossen werden müßte. Und wie erwähnt, über das Be- 
wußtsein selbst, seine Entstehung und Funktion wissen wir nichts, so 
daß von hier aus ein Schluß auf die Bewußtseinslosigkeit des Neuge- 
borenen nicht vollziehbar ist. Andererseits muß ja irgendwann in den 
ersten Wochen Bewußtsein zu dem Zustand des Säuglings hinzutreten, 
denn niemand kann sich des Eindrucks erwehren, daß ein Vierteljahrkind 
Bewußtsein hat, und es auszuschließen, macht dem Verständnis, wie mir 
scheint, unüberwindliche Schwierigkeiten. Man könnte aber keinen Mo- 
ment der psychischen Entwicklung der ersten Lebenswochen angeben, 






Über das Bewußtsein des Neugeborenen. 27 

in dem irgend eine wesentliche Veränderung einträte, die man ein Recht, 
eine Möglichkeit hätte, als Geburtsstunde des Bewußtseins anzusprechen. 
Und so ist man wohl ganz natürlich berechtigt, es von vornherein in irgend 
einem Maße anzunehmen. Wo dies nicht getan wird, muß man nach guten 
Gründen fragen. Diese fehlen, und so gewinnt man den Eindruck, als 
wäre die prinzipielle Ansicht von der Bewußtlosigkeit des Neugeborenen 
tendenziös, und man gerät auf die Vermutung, der Augenschein, der 
schließlich in einer wissenschaftlich unentscheidbaren Frage maßgebend 
ist, wird abgelehnt, weil die Zulüssigkcit des Bewußtseins für den Neuge- 
borenen unerwünschte Konsequenzen hätte, z. B. daß dann auch kein 
Grund mehr besteht, die gleichen Erwägungen für den Fötus eines reiferen 
Entwicklungsstadiums und für gewisse Klassen der Tiere anzustellen. 
Diese Erwägung und der Eindruck, den das Kind in den ersten Lebens- 
tagen macht, daß es zwar mehr Tier als Mensch, aber keineswegs Maschine 
ist, können aber ebensowenig, wie sie mit Gründen widerlegt werden kön- 
nen als wissenschaftliches Ergebnis gelten. Denn man kann sich des Neu- 
geborenen Leben wohl verständlich machen, auch ohne Bewußtsein. Und 
wenn man versucht, sein Bewußtsein als unbezweifelbar erwiesen hinzu- 
stellen, so scheinen auch da außerwissenschaftliche Einstellungen mitzu- 
sprechen. In erster Linie wohl die Furcht, dem Neugeborenen das Psychi- 
sche absprechen zu müssen. Das ist aber nur so lange nötig, als man 
sich durch die grungsätzliche Gleichsetzung von psychisch und bewußt 
nicht nur in diesem Fall, sondern ganz allgemein unüberwindliche Ver- 
ständnisschranken gezogen hat. Indem wir uns auf den Boden der Freu d- 
schen Psychologie gestellt haben, berührt uns diese Furcht nicht. Daß das 
Neugeborene psychisch reagiert, ist kein Zweifel; ob es bewußt geschieht, 
wie weit und welcher Art, ist eine Frage für sich, die nicht von entscheiden- 
der Bedeutung ist, wenn man von der Existenz unbewußten Seelenlebens 
überzeugt ist oder sich zu dessen Annahme genötigt sah. Wir werden 
demnach von Lust und Unlust, Wahrnehmung und so weiter sprechen, 
ohne damit über die Qualität bewußt oder unbewußt etwas aussagen zu 
wollen, als Abkürzung für die exaktere Ausdrucksweise : kommt diesem 
Vorgang die Qualität Bewußtsein zu, dann würde ihn das Individuum 
als Lust usw. erleben, vorausgesetzt, daß die Relation des Bewußtseins 
zu dem Vorgang auch in diesem Fall dieselbe ist, die wir an uns selbst er- 
lebt und an anderen Menschen — auf Grund ihrer sprachlichen Äußerun- 
gen — als sicher erschlossen haben ; eine Voraussetzung auf der die Mög- 
lichkeit aller Psychologie der bewußten Phänomene basiert. 

Einige Bemerkungen möchte ich hier schon anfügen, obzwar sie 
später erst besser begründet werden können, weil sie vielleicht eine apper- 
zeptive Einstellung im Leser erzeugen können, die an ihrer Stelle von 
Nutzen sein wird. Bei aller Unsicherheit der Bewußtseinsfrage haben 
manche Forscher, die sie bejahen, Vermutungen über die Art des primi- 



28 



Das Neugeborene. 



tiven kindlichen Bewußtseins geäußert. So viel ich sehe, gehen diese Ver- 
mutungen immer dahin, dem Neugeborenen und jungen Säugling, „dunkle, 
gefühlsmäßige Bewußtseinszustände", „erste Spuren" solcher zuzuschrei- 
ben (Stern). Dies ist gewiß denkbar, und ich habe weder Absicht nocb. 
Möglichkeit, es zu bestreiten. Aber auf die Möglichkeit, sich die Sache 
auch anders zu denken, sei hingewiesen. Freud(lO) macht die wichtige Be- 
merkung, es empfehle sich nicht, die sicherste und unmittelbarste Kennt- 
nis die wir haben, das Bewußtsein, durch die Annahme seines kon- 
tinuierlichen Überganges durch Stadien immer schwächeren Bewußtsein 
bis ins Unbewußte zu verderben. Die Konstruktion der Psychoanalyse, 
die ein Unbewußtes anerkennt, ermöglicht gewissermaßen das Bewußt- 
sein in seinem prägnanten Sinne zu erhalten, indem eben Zustände, die 
der jedermann bekannten, deutlichen, unzweideutigen Qualität Bewußt- 
sein entbehren, dem Unbewußten zugeschrieben werden, das Nuancen- 
Differenzierungen wohl verträgt, wenn sie nötig sein sollten. Hält man 
diesen Begriff des Bewußtseins aufrecht, so ist es — kaum unmöglich, 
aber — recht schwierig, seine stufenweise Entstehung aus einem dunk- 
leren Bewußtsein sich vorzustellen ; ebenso wie wir irgend eine Sinnes- 
qualität nie auf etwas anderes als auf einen einfacheren Zustand, aber 
immer auf den mit dieser Qualität behafteten zurückführen können. Das 
heißt, wir möchten gerne sagen können : wenn Bewußtsein zum ersten- 
mal auftritt, so erscheint es eben mit der Qualität des Bewußtseins: einer 
gewissen Klarheit des Erlebens, die wir nicht beschreiben können, aber 
unvermittelt verstehen. 1 ) Wir könnten uns wohl vorstellen, daß anfangs, 
ob dies nun im Uterus oder nach der Geburt, sogleich nach ihr oder 
etliche Wochen später heißt, sei gleichgültig, psychische Vorgänge 
selten, vielleicht auch nur ganz kurz die Qualität Bewußtsein besitzen, 
diese Qualität selbst aber möchten wir ungetrübt erhalten haben. So 
wenig wir über den biologischen Wert des Bewußtseins wissen, wir ver- 
mögen uns schwer vorzustellen, was ein dunkles, dumpfes Bewußtsein 
dem Organismus nützen mag. Gewiß kennen wir solche Zustände, aber 
in ihnen sind wir gerade zu all dem nicht fähig, was Bewußtsein verlangt, 
gerade in ihnen hat das Bewußtsein keine Funktion, und es verläuft alles, 
als wären wir unbewußt. In jenen Zuständen, die uns ein Verständnis für 
die Bewußtseinfunktion zu eröffnen scheinen, ist das Bewußtsein eine sehr 
merkliche Qualität, z. B. Lust und Unlust. Man kann sich vorstellen, daß 
deutliche Unlust, eben bewußte Unlust, schnellere, sicherere Reaktionen 
erzwingt als den organischen Regulationen möglich wäre, dann aber muß 
das Bewußtsein gerade in seinen Anfängen eben deutlich sein, denn das 
dumpfe Bewußtsein würde keinen wesentlichen Unterschied machen. 

>) Von ganz anderen Überlegungen her kommt Koffka zu ähnlichen, teilweise 
identischen Resultaten. Kirkpa trik streift die Frage, wenn ich ihn richtig auffasse, eben- 
falls in dieser Weise. 






Über das Bewußtsein des Neugeborenen. 29 

Dennoch scheint im Begriff des „dumpfen Bewußtseins" ein Faktor 
enthalten zu sein, auf den er mit Recht hinweist, doch wird er — so scheint 
es — erst klar, wenn man ihn im Gesichtswinkel der Freudschen Kon- 
struktionen betrachtet. In seiner Traumdeutung hat Freud das System 
W-BW (Wahrnehmung-Bewußtsein) vom Vorbewußten (VBW) und UBW 
(Unbewußten) bekanntlich begrifflich streng gesondert, und dem W-BW 
ausschließlich Wahrnehmung, Sinneswahrnehmung und innere (Lust 
und Unlust) Wahrnehmung zugeschrieben; während die Erinnerungsspu- 
ren dem System VBW angehören. Für unser Problem kann diese Kon- 
struktion von beträchtlicher Hilfe sein. Denn in ihr wird der sozusagen 
punktuelle Charakter des BW betont, der alle Kontinuität den Systemen 
des Unbewußten (UBW und VBW) zuschreibt. Gerade das, was den dunklen 
Hintergrund des Bewußtseins ausmacht, was man den Strom des 
Bewußtseins nennt, gehört nicht eigentlich dem System BW an, in ihm 
-werden dabei nur, wie man sich vorstellen kann, sehr verdichtete 
zahlreiche Erinnerungsspuren, die dem VBW angehören, nicht im ein- 
zelnen, sondern sozusagen summarisch bewußt, und das gibt den Ein- 
druck des „Dunklen", Hintergründigen, im Vergleich zu den allein BW 
angehörigen Wahrnehmungen (Lust, Unlust, Sinnesempfindungen). Die 
Wahrnehmungen des erwachsenen Seelenlebens (von irgend einer, hier 
nicht näher zu bestimmenden Stufe der Kindheit an) kommen freilich 
nicht rein durch die Reize (inneren und äußeren) zustande, sondern sind 
vermengt mit bewußtwerdenden Erinnerungsspuren, aber diese Kom- 
plikation brauchen wir nur zu erwähnen, um Mißverständnisse zu ver- 
hindern. Nun ist, wie wir schon andeuteten, nicht recht wahrscheinlich, 
daß im primitiven Bewußtsein Erinnerungsspuren bewußt werden, 
sondern man darf ihm vielleicht die bloße Wahrnehmungsfunktion zu 
schreiben. Dann bestünde es aus mehr weniger isolierten, aber vollbe- 
wußten Wahrnehmungen, die Reize aus dem Körperinnern oder aus der 
Umwelt verursachten. Es leuchtet etwa für einen Augenblick Helligkeit 
oder Wärme, Kälte, Schmerz oder Lust auf, um spurlos aus dem BW zu 
verschwinden. Die Spur bleibt im Unbewußten, von dort in irgend einer 
Weise wirkend. 

Es ist dies alles gewiß bloße Spekulation. Aber es ist erlaubt, falls 
man nur nicht vergißt, daß hier keine Fragen des Wissens, sondern solche 
des Annehmens, vielleicht nur des Gedankenspiels vorliegen, ein paar spe- 
kulative Schritte zu machen, wenn man ans Ende des Tatsachenwissens 
gelangt ist. So sei noch ein Gedanke hinzugefügt. Auch er ergibt sich 
aus den Freudschen Konstruktionen, ohne Zwang, ist in ihnen eigentlich 
enthalten. Macht man Ernst mit einer energetischen Auffassung des 
Seelenlebens, wie es bisher nur von Freud und seiner Schule geschieht, 
so wird die Annahme wohl unausweichlich, daß ein psychischer Prozeß, 
zu dem die Qualität Bewußtsein hinzutritt, auch eine energetische Ver- 



3Q Das Neugeborene. 

änderung erfährt. Über deren Art und Zweck darf man sich eine Vor- 
stellung machen, falls man die Freudschen Andeutungen für Denlt- 
möglichkeiten hält. Und man wird versucht sein zu sagen, ein Erregung s _ 
ablauf erfährt durch die Bewußtwerdung eine Verminderung seiner freien 
Energie, die Bewußtwerdung bindet ein gewisses Maß seiner Energie. 
Dann wäre nach den Freudschen Gedankengängen, die an Fechner an- 
knüpfen, eine allgemeine Tendenz des Psychischen erfüllt, die Erregungs- 
summe möglichst niedrig zu halten. Man dürfte sich demnach vorstellen, 
daß die frühesten Bewußtseinsmomente mit starken Erregungen verknüpft 
sind, zu deren Herabsetzung sie geradezu dienten. Der gewiß überwiegend 
große Rest wird motorisch, durch Schreien, Strampeln usw. abgeführt. 

Nach dieser Einschaltung, die zuletzt recht theoretisch auslief, können 
wir zu dem Saugen des Neugeborenen zurückkehren. Es steht ebenso, wie 
das Schreien (häufig) im Dienste des Freßtriebes, es repräsentiert freilich 
gegenüber diesem den Lustanteil der Sache. Beide zusammen erreichen, 
daß ein Unlustzustand überwunden wird (Hunger) und haben neuer- 
liches Einschlafen zur Folge. Die Ausgangssituation, aus der die Geburt 
jäh aufweckte, ist wieder erreicht. Beide zusammen gehören der konser- 
vativen oder regressiven Tendenz an. Das Saugen für sich aber ihr zuzu- 
rechnen, fühlen wir uns gehemmt. Ein Einwand stört uns: Was für einen 
Sinn soll es haben, hier von einer regressiven Tendenz zu sprechen? Da 
Schlaf und Wachen einander im Leben rhythmisch ablösen, so könnte man 
ja alles Handeln des Menschen als Vorbereitung, als Ermöglichung des 
Schlafes ansehen, und an dieser möglichen Verallgemeinerung verliert 
das Prinzip allen Wert. Überdies, wenn das Wachsein nur dazu dient, 
Hindernisse des Schlafes wegzuräumen, wie kommt es, daß die Wach- 
seinsperioden immer länger werden? Denn, daß des Kindes Magen und 
Leistungsfähigkeit größer wird, daher die Nahrungsaufnahme immer 
länger dauert, kann von der völlig unproportionierten Verlängerung der 
Wachseinszeiten nicht mehr als einen Bruchteil erklären. Es muß neben 
der regressiven Tendenz, die uns kurze Wachperioden wohl verständlich 
macht, und neben dem traumatischen Charakter der Geburt und deren 
Folgen, die wir in einzelnen Fällen vielleicht heranziehen können, eine 
Tendenz geben, die auf das Wachsein geradezu hindrängt, eine progressive 
Tendenz, wie wir wohl sagen müssen. Es liegt nahe, sie in der Lust zu 
sehen, mit der gewisse im Dienste der regressiven Tendenz unternommene 
Tätigkeiten sich verbinden, oder von Anfang an verbunden sind. Ein Bei- 
spiel dafür mag das Saugen sein. „Lust will tiefe, tiefe Ewigkeit" — die- 
ser Charakter der Lust macht sie geeignet, der progressiven Tendenz zu 
dienen. Sie läßt den Wunsch wieder einzuschlafen vergessen, und er- 
zeugt das Bestreben, um ihrer selbst willen wach zu bleiben. 






Sinnespsychologie. 31 

Die wachhaltenden "Vorgänge werden wir demnach unter jenen finden, 
die mit Lust verlaufen, und es wird sich empfehlen, zunächst eine Über- 
sicht von ihnen zu geben. 

Sinnespsychologie. 

Physiognomie und Benehmen des Neugeborenen im warmen (an- 
nähernd körperwarmen) Bad ist so deutlich und auffällig, daß man sich 
des Eindrucks nicht erwehren kann, es befinde sich im Zustand großer 
Behaglichkeit. Alle Beobachter, soweit sie nur nicht von der Theorie des 
„spinalen" Lebewesens, das keiner Bewußtseinsvorgänge fähig ist, be- 
herrscht sind, stimmen darin überein. Sie zählen das warme Bad zu den 
wenigen angenehmen Erlebnissen, die der Mensch in seiner ersten Lebens- 
woche erfährt. Und da dies fürs erste Bad bereits so gut gilt, wie für alle 
späteren, meint Preyer mit Recht, daß es für die meisten die erste an- 
genehme Empfindung seit der Geburt ist. Man muß sich für spätere Er- 
örterungen vormerken, daß der Mensch diese erste angenehme Empfin- 
dung, diese erste Lust der Haut als Sinnesorgan verdankt. Für Wärme und 
Kälte ist das Neugeborene überhaupt sehr empfindlich. Die Reaktion auf 
Wärme ist mit feineren Methoden noch nicht untersucht worden. Die 
Beobachtung ohne Apparate lehrt uns, daß der Säugling jeden Alters für 
Wärmeschutz und -Zufuhr dankbar ist. Die Wirkung der Kälte äußert 
sich in verschiedenen, zum Teil recht heftigen Bewegungen bis zum Schreien, 
und führt Erwachen herbei, wie übereinstimmend von allen Autoren 
gefunden wurde. Canestrinis Untersuchungen, die den physiologischen 
Reaktionen nachgehen, haben solche bei jedem Kältereiz nachgewiesen, 
und sie in die Reaktionen vom Unlusttypus einreihen gelehrt: prompteste 
Beschleunigung der Atmung, Erhöhung des Hirnvolumens, motorische 
Unruhe und zuweilen Pulsbeschleunigung (Canestrini). 

Für Berührungsreize aller Art erweist sich von den ersten Stunden 
an, jede Stelle der Hautoberfläche empfindlich ; es sind durch sie Bewegun- 
gen leichter und stärkerer Grade auslösbar, ebenso wie physiologische 
Reaktionen. Dies konnte Preyer, die älteren Experimentatoren be- 
stätigend und nur wenig korrigierend, und Canestrini, der neueste Be- 
arbeiter des Gesamtgebiets der Sensibilität des Neugeborenen, mit den 
früheren Autoren im großen und ganzen übereinstimmend feststellen. 
Dabei sind aber einige sehr bemerkenswerte Besonderheiten des Neuge- 
borenen festzuhalten. 

1. Mit Ausnahme der Reizung von Zunge und Lippe 1 ) antwortet 



') Will man genau sein, so wären noch zwei Einschränkungen anzunehmen: daß 
wir 1. aus der Literatur nichts über die Empfindlichkeit der Genitalpartie und Anal- 
partie der Haut erfahren, was sich bei dem theoretischen Interesse, das dieser Frage 
zukäme, nur aus der Prüderie der Autoren erklären läßt, und daß 2. Fuß- und Handsohle 
auf Berührungsreize mit Reflexen antworten auf die noch zurückzukommen sein wird. 



32 



Das Neugeborene. 



das Versuchsobjekt auf alle taktilen Reize mit Unlustreaktionen. Di es 
ist erstaunlich genug, weil es so sehr vom erwachsenen Verhalten ab- 
weicht. Und doch ist es für uns kein Problem, wenigstens kein spezif i_ 
sches. Das Resultat folgt aus der Methode. Es sind plötzlich ein- 
setzende und kurz andauernde Reize, man könnte geradezu sagen, 
es sind ausnahmslos Weckreize; ihre Intensität ist so hoch gewählt oder 
wird so gesteigert, bis eine Reaktion erfolgt. Da bloß Unlustreaktionen 
eintreten, so müßte man eigentlich sagen: der Reiz wird gesteigert bis er 
Unlust herbeiführt, es wurde also die Schmerzempfindlichkeit geprüft. Dem 
widerspricht nur scheinbar, wenn übereinstimmend eine geringe Schmerz- 
empfindlichkeit beim Neugeborenen festgestellt wurde. Als Schmerz- 
empfindlichkeitstests wurden nämlich Nadelstiche verwendet. Genz- 
m er fand dabei, daß Kinder von ein, zwei Tagen auf Stiche, die beim Er- 
wachsenen Schmerzäußerung verursachen würden, mit leichten Reflex- 
bewegungen, wie auf eine einfache Berührung antworten. Canestrini 
bestätigt dies nicht ganz. Immerhin deutet auch sein Ergebnis auf geringe 
Schmerzempfindlichkeit. Aber man muß hier heranziehen, was Preyer 
schon nicht ganz in diesem Zusammenhang — feststellt, daß die Reak- 
tion offenbar abhängig ist von der Zahl der getroffenen Nervenendigun- 
gen. Eng begrenzte, annähernd punktuelle Reizfelder erzeugen keine 
oder sehr schwache Reaktion, ausgedehntere bei gleicher Reizintensität 
aber sehr wohl. Auf lokal beschränkte, plötzliche und kurze Berührungs- 
reize reagiert das Neugeborene im allgemeinen nicht, wenn sie nicht die 
Unlustschwelle übersteigen. Lust scheint es aus ihnen nicht zu ziehen, 
was aber wohl verständlich wird, wenn unsere Vermutungen über die 
"Weckreize ansprechend erscheinen. 

2. Das Empfindlichkeitsrelief der Haut des Neugeborenen ist vom 
erwachsenen Zustand verschieden. Lippen, Oberlippen außerhalb des roten 
Saumes, Wimpern, Nasenschleimhaut und Stirnhaut sind im Vergleich 
zum Erwachsenen überempfindlich ; Rumpf, Beine, Unterarm und Hand 1 ) 
unterempfindlich. In den Lippen ist die feinste Empfindlichkeit konzen- 
triert (Canestrini). Es ist, als wäre der Mund (die Schnauze kann man 
sagen, da Nasenspitze und Nüstern sich ebenfalls beträchtlicher Empfind- 
lichkeit erfreuen) des Neugeborenen eigentliches Tastorgan (Sully 1) und 
Lustorgan kann man hinzufügen. 

3. „Die Unterschiede in der Empfindlichkeit für Tasteindrücke sind 
bei den verschiedenen Körperteilen anfangs nicht so groß, wie sie später 
werden" (Tracy). Im ganzen ist beim Neugeborenen die Hautober- 
fläche, nicht so wie beim Erwachsenen in zahlreiche ziemlich abgegrenzte 
Zonen beträchtlich unterschiedlicher Sensibilität gefeldert, sondern stellt 
eine mehr homogene, undifferenzierte Fläche dar, in der sich die orale 

') Der Tatbestand erscheint mir für die Hand unbez weifelbar; ich linde aber kei ne 
Notiz darüber in der Literatur. 



Sinnespsychologie. 33 

Zone als sensibelste abhebt. Die zwei hauptsächlichsten, ja einzig siche- 
ren Lustzustände, die das wache Leben des Neugeborenen enthält, ent- 
stammen diesen Verhältnissen: die Lust des warmen Bades der undiffe- 
renzierten gesamten Hautoberfläche; die Lust des Saugens der oralen 
Zone. 

Daß der Geschmack zu den am frühesten funktionsfähigen Sinnes- 
organen gehört, war schon den älteren Beobachtern wohlbekannt. Die 
Experimente von Kußmaul, Genzmer, Preyer, Sikorsky und Ca- 
nestrini haben es erwiesen. Süß, Bitter und Sauer wird deutlich vom 
ersten Tag an unterschieden. Die beinahe immer sich einstellende Mimik 
entspricht der typischen auch dem Erwachsenen zukommenden für diese 
drei Qualitäten. Die übrigen Bewegungen sind bei Bitter und Sauer solche 
des Mißbehagens, zuweilen der Abwehr bis zum Würgen und Ausspucken 
(Erbrechen) ; bei Süß beginnendes Saugen oder Lecken, das anfangs nur 
bei deutlich süßem Geschmack vorkommen soll (Preyer). Diese Reak- 
tionen treten freilich nur auf, wenn die Lösung eine gewisse Konzentration 
erreicht hat; ein Anlaß, die Geschmackempfindlichkeit darum wenig aus- 
gebildet zu nennen, wie es einige Autoren tun (Stern, Perez), liegt kaum 
vor, weil gewiß die ,, Geschmackreize von allen Sinnesreizen die promp- 
teste Reaktion" ergeben (Canestrini). Sehr beachtenswert ist, daß erst- 
maliges Schmecken auch des Süßen eine Unlustreaktion, Überraschung 
über den neuen Eindruck sagt Preyer, herbeiführt, und erst wenn diese 
überwunden wurde, das Saugen einsetzt. Die Tatsache, daß schwach- 
saure und schwachbittere Lösungen ohne Abwehr genommen werden, 
hat zuweilen einige Verwirrung gestiftet. Zu Unrecht, denn es folgt daraus 
nichts anderes, als daß jede Berührung der Zunge (innerhalb der Mund- 
höhle und der Lippen vielleicht) von Saugen gefolgt ist, daß aber (und nur) 
gewisse distinkte Reize gewisser Stärke, Bitter und Sauer, abgewehrt 
werden. Fügen wir hinzu, daß ein distinkter Reiz gewisser Stärke: 
Süß, das Saugen nicht allein nicht inhibiert, sondern lustvoller macht, 
so haben wir die Funktion der frühen Ausbildung des Geschmacksinnes 
für die triebhaften Bedürfnisse allgemein formuliert. Keineswegs dürfte 
man sich etwa vorstellen, daß die Lust des Süßen durch das Saugen ver- 
folgt wird; vielmehr darf man Compaird unbedenklich zustimmen, 
wenn er sie als Hilfeleistung, die dem Freßtrieb geboten ist, auffaßt: 
„Während das Nahrungsbedürfnis und die instinktmäßigen Saugbewe- 
gungen den Säugling an die Mutterbrust fesseln, ermutigen angenehme 
Geschmackseindrücke diese Bemühung und tragen durch die Sinnes- 
erregung zur Vervollkommnung einer wesentlichen Verrichtung bei." 
Aber nicht allein die Tatsache des Saugens könnte gewiß nicht von der 
Lust des Süßen abhängig gemacht werden, auch die Lust des Saugens 
kann kaum mit der des Süßen identisch sein, diese wird vielmehr bloß ein 
Faktor im gewiß nicht einfachen Aufbau der Lust des Saugens sein. Daß 

Bemfeld, Psychologie dea Säuglings. <J 



34 



Das Neugeborene. 



dies nicht scharf genug betont wird, erklärt sich leicht daraus, daß die 
Psychologie bis in die jüngste Zeit dem Studium der Elemente so aus- 
schließlich nachging, daß ihr Lust, nicht immer prinzipiell, aber de fact< 
mit dem positiven Gefühlston einer Sinnesempfindung zusammenfiel. Dj 
es darüber hinaus noch Lustphänomene gibt, Trieblust wie ich vorläufig 
im Gegensatz zur Empfindungslust sagen will, wird wenig beachtet, noch 
weniger studiert. Halten wir uns zunächst an diese primitive Unterschei- 
dung, so ist kein Zweifel: die Lust des Saugens ist Trieblust, in der die 
Empfindungslust des Süßen eine noch nicht festgestellte, aber kaum di« 
entscheidende Rolle spielt. 

Eine Eigenschaft des Geschmacksinns ist seit Sigismund immer 
wieder beachtet worden. Hat ein Neugeborenes Muttermilch getrunken, 
so macht es nicht selten die hartnäckigsten Schwierigkeiten, wenn ihm 
fremde oder Kuhmilch, ja wie Preyer vom 4. Lebenstag berichtet, wenn 
ihm gewässerte Muttermilch verabreicht wird, und die Annahme findet 
erst statt, bis die ursprüngliche Milch oder ihr früherer Süßigkeitsgrad her- 
gestellt ist. Man schließt daraus, das Kind habe sehr früh Gedächtnis für 
Geschmacksreize, unterscheide die süßere Milch sozusagen in der Erinne- 
rung und lehne daher die gewässerte oder fremde ab. Die Frage ist von 
hohem Interesse, denn der Sachverhalt fordert einen sehr komplizierten 
Prozeß bereits in den ersten Lebenstagen anzunehmen. Saugt das Kind 
bei nichtschmeckenden Lösungen, bedarf es keiner weiteren Annahme, ist 
einmal der Freßtrieb und das Saugen in seinem Dienst angenommen. Di e 
Ablehnung bitterer und saurer Stoffe wird im Rahmen des Freßtriebes 
wohl verständlich, wenn man — wie wir gewöhnt sind — Bitter und Sauer 
als schädliche Substanzen ansieht. Das geschilderte Verhalten aber ist 
kein angeborenes und instinktives mehr, so nützlich es für die körperliche 
Entwicklung des Säuglings sein mag, sondern es ist ein in den ersten Tagen 
hinzutretendes, erworbenes und geht deutlich darauf aus, eine bereits 
genossene Lust noch einmal zu genießen. Gewiß, Gedächtnis ist dazu 
nötig, aber es erklärt nichts ; das Merkwürdige ist, daß vom Gedächtnis so 
eigensinnig Gebrauch gemacht wird, daß eine imperative Sehnsucht nach 
einem bestimmten Süßen sich gebildet hat. Denn Sehnsucht, das Wort 
freilich mehr als Analogie gebraucht, ist die Beschreibung des Vorganges. 
Daß sie imperativ ist, erweist sich, da Hunger nicht zusagend süßer 
Milch vorgezogen wird. Nichts spricht dagegen, diese Sehnsucht beim 
Neugeborenen anzunehmen, und wir werden bald zeigen, daß sie sehr früh 
deutlich genug auftritt, und zwar gerade beim Geschmack sehr früh; und 
es paßt nicht schlecht in andere Überlegungen, das Begehren nach Er- 
neuerung bereits erlebter spezifischer Lust schon für die ersten Lebenstage 
anzunehmen, es zeigt uns die progressive Tendenz sehr früh und mächtig; 
denn die Tendenz rasch satt zu werden und weiterzuschlafen, wird hier 
durch den Wunsch, auf eine bestimmte lustvolle Weise satt zu werden, 



Sinnespsychologie. 35 

also nicht satt zu werden und zu schlafen, sondern jene bestimmte» Lust 
zu erleben, sehr energisch unterbrochen. Aber die Tatsache selbst ist 
nicht einwandfrei sichergestellt, leider, dürfte ich sagen. Canestrini 
betont bei seinen Versuchen, an 1 bis 14tägigen Säuglingen sie nie bestä- 
tigt gesehen zu haben. Und sie widerspricht der absolut sicheren Tat- 
sache des Saugens am Finger und allen geeigneten Gegenständen, denen 
doch die Qualität des bestimmten Süßen und aller Eigenschaften der 
begehrten Milch fehlt. 

Nach den Untersuchungen und Beobachtungen von Preyer, Queck- 
Wilker, St er n.Sikor sky und Canestrini an den alten, auf Rousseau 
zurückreichenden Anschauungen festzuhalten, das Neugeborene habe 
keine Geruchsempfindungen, scheint ungerechtfertigt. Doch mag der 
Geruchsinn noch am wenigsten entwickelt sein. Eine endgültige Ent- 
scheidung wäre natürlich verfrüht, solange die Psychologie des Geruchs 
ganz allgemein wenig geklärt ist, was heute leider der Fall ist. Eine auf- 
fallende Rolle spielt der Geruch in der Entwicklung des Kindes nicht, 
und so dürfen wir mit dieser getanen knappen Feststellung uns begnügen. 
Nur eine Tatsache will ausdrücklich angemerkt sein. Canestrini fand, 
daß im allgemeinen die geprüften Säuglinge, soweit sie überhaupt ein- 
wandfrei sicher auf Geruchsreize reagierten, mit Vertiefung des Atmens 
antworteten, der beim Erwachsenen als Lustreaktion gedeuteten Reaktions- 
form. Da eine negative Reaktion nicht testgestellt wurde, ist die Mög- 
lichkeit nicht unbedingt auszuschließen, daß der Eindruck, der Geruchs- 
sinn des Neugeborenen sei unentwickelt, durch die unbemerkte Ein- 
mischung einer traditionellen Bewertung entstand. Der Beobachter, der 
aus seiner eigenen Erfahrung ein Reagens als übelriechend kennt und 
beim Neugeborenen keine Abwehrreaktion bemerkt, schließt auf Stumpf- 
heit des kindlichen Organs, während der Säugling mit einer schwachen 
Lustreaktion geantwortet hat; da er vielleicht uns unangenehme 
Gerüche positiv bewertet. Wir werden dies für einen Fall nachweisen 
können; vielleicht gilt dies allgemeiner. Dann wäre in vielen Fällen, 
die die Beobachter als Unempfindlichkeit notierten, positive, aber 
nicht mimisch ausgedrückte, daher übersehene Empfindung annehm- 
bar. Doch liegt kein Grund vor, dem Neugeborenen einen auch 
verhältnismäßig stumpfen Geruchsinn zuzuschreiben; da doch ge- 
wiß ist, daß der Mensch im Vergleich zum Tier ein sehr wenig ausgebildetes 
Geruchsvermögen besitzt. Sollte sich die angedeutete Möglichkeit be- 
wahrheiten, so wäre ein wenig Verständnis für den Weg gewonnen, auf 
dem der Geruchsinn in Verlust geriet; es ließe sich nämlich schließen, daß 
erst eine Verkehrung der Bewertung eingetreten wäre und ihr die Ver- 
kümmerung gefolgt wäre. Eine Möglichkeit die in Freuds (14) Idee vom 
Zusammenhang zwischen Geruchsverdrängung und aufrechtem Gang sich 
gut fügte. 

3* 



36 Das Neugeborene. 

Die Angaben der verschiedenen Beobachter differieren erstaunlich 
für die Feststellung der ersten Gehörsempfindung des Kindes. Freilich 
ist man längst davon abgekommen, das Kind für wochenlang taub 2li 
halten. Kaum jemand bestreitet, daß dasGehörnorma erweise in der erste** 
Woche funktioniert. Ebenso herrscht darüber Einigkeit daß die erster* 
Lebensstunden in Taubheit zugebracht werden. ^ anatomischen Tat-- 
sachen: die Erfüllung der Paukenhöhle mit Fluss lg keit (Vierordt), 
der dichte Verschluß des Gehörganges (Preyer) zwingen zu dieser An- 
nahme der kein widersprechender Befund gegenübersteht. Innerhalb 
dieses Zeitraumes schwanken die Angaben beträchtlich zwischen sechs 
Stunden(Canestrini)undvierTagen(Preyer,Dix,Queck).Wahrscheii*^ 

lieh ist dies auch die individuelle normale Schwankungsbreite. Aber mai* 
muß betonen, daß die Beobachtung hier vor einer Schwierigkeit steht, 
die vielleicht die Ursache der Widersprüche, jedenfalls aber von großer 
theoretischer Wichtigkeit ist. Die motorischen Reaktionen auf Gehör- 
reize sind diffus und treten nur unregelmäßig ein. Auf die mannigfaltigen 
schwachen und andauernden Geräusche, die das Kind, bei Tag und in 
normaler Umgebung, umfließen, scheint es überhaupt nicht zu reagieren, 
auf plötzliche und starke Geräusche antwortet es mit mannigfaltigen 
Bewegungen : Blinzeln, Zittern, Kopfbewegung, Arme-in-die-Höhe- werfen, 
Zusammenzucken, mit undifferenzierter Chokreaktion, wie Stern plastisch 
sagt. So wie die nur im Experiment erweisbaren physiologischen Reak- 
tionen geprüft werden, wird das um vieles deutlicher und verständlicher. 
Canestrini fand, daß keines der geprüften 70 Neugeborenen auf Gehörs- 
eindrücke bestimmt reaktionslos gewesen wäre. Seine Versuchsobjekte 
waren sechs Stunden bis 14 Tage alt. Er versäumt ihre Altersverteilung 
anzugeben, so daß die Frage nach dem Beginne der Gehörsreaktion aus 
seiner Arbeit nicht entschieden werden kann. Der Nachweis einer deut- 
lichen und regelmäßigen Reaktion auf der Respirations- und Hirnpuls- 
kurve läßt uns merken, daß die Feststellungen der Beobachter als zu 
oberflächlich nicht von entscheidendem Belang sind. Sie stellen im Grunde 
nicht fest, wann das Kind zum ersten Male hört, sondern wann es zun* 
ersten Male vor Gehörseindrücken erschrickt. Denn man kann die sicht- 
baren Reaktionen gar nicht anders bezeichnen, denn als Erschrecken. 
Dieser Ausdruck wird durch das Studium der physiologischen Reaktionen 
wohl berechtigt, da Canestrini „oft nach Gehörseindrücken eine Zu- 
nahme der Pulsation unter einer gesteigerten respiratorischen Tätigkeit 
graphisch registrieren konnte", was einer Reaktion des Unlusttypus 
entspricht. Ja soweit aus der Publikation zu ersehen ist, gibt es nur solche, 
neben dem anderen Typus der Aufmerksamkeitsreaktion Man darf 
sagen, die plötzliche, kurz andauernde Gehörsreizung -einer bestimmten 
Intensität - und nur solche wurden geprüft, ruft im allgemeinen Unlust 
hervor, deren motorischer Ausdruck nicht wenige Elemente des Er- 






Sinnespsychologie. 37 

Schreckens enthält. Den andauernden Gehörseindrücken gegenüber verhält 
sich das Neugeborene indifferent, wie taub. Zu sagen, ^s sei schwerhörig, 
reagiere nur auf starke Reize, ist voreilig. Die unmittelbare Beobachtung 
entscheidet hier nicht; die physiologische wurde nicht vorgenommen. 
Überdies sind manche der von Canestrini und auch von Cramaussel 
verwendeten Reize: Lispeln, Glockenfall, kaum stärker, als die Geräusche 
des Hin- und Hergehens, der Gespräche, die im Zimmer des Kindes 
geführt werden, ohne daß eine bemerkliche Reaktion einträte. Und schließ- 
lich hat sich gezeigt, daß schon in den ersten Tagen eine gewisse Ge- 
wöhnung an plötzliche Gehörsreize eintreten kann, indem bei kurz nach- 
einander abgegebenen Pfiffen, die Reaktionen schwächer werden. 

Die überaus erstaunliche Tatsache, daß auf Gehörsreize schon das 
Neugeborene mit einer Art Aufmerksamkeit reagiert, sei hier nur noch 
einmal angemerkt, sie wird uns in späterem Zusammenhang wichtig 
werden. 

Wenn man in älteren Schriften, gelegentlich auch in neueren (G au pp), 
liest, das Neugeborene sei blind, so ist dies entweder unklar ausgedrückt 
oder zweifellos falsch. Die anatomischen Befunde, ebenso wie die Eigentüm- 
lichkeiten der Augenbewegungen des Neugeborenen, schließen allerdings die 
Annahme völlig aus, es könne sich um ein Sehen im Sinne des Erwachsenen 
handeln. Worin die Unterschiede liegen, läßt sich nicht ganz präzis mit 
voller Sicherheit angeben. Wahrscheinlich trifft Sterns Formulierung 
zu: „Farbe, Form, Lage, Entfernung existiert noch nicht. . . . von einem 
Sehen der Gegenstände ist keine Rede", doch ist die Bestimmtheit dieser 
Anschauung ein wenig vorschnell, wenigstens für Form und Farbe. Von 
Blindheit zu sprechen ist aber völlig unrichtig. Es kann gar kein Zweifel 
darüber bestehen, daß unmittelbar nach der Geburt — normalerweise — 
Lichtempfindlichkeit besteht. Starke und plötzliche Lichtreize werden so gut 
wie ausnahmslos, prompt, mit Veränderungen der Respirationskurve oder 
Hirnpulskurve, oft mit Schließen der Augenlider, mit Zucken und anderen 
Schreckensäußerungen, zuweilen mit Schreien beantwortet, und zwar 
im Schlafe kaum weniger als im Wachen. Hierin stimmen die Beobachter 
und Experimentatoren von Preyer bis Canestrini widerspruchslos 
miteinander überein. 

Nicht ganz die gleiche Harmonie besteht in der Frage, ob dem Neu- 
geborenen die Lichtempfindung angenehm oder unangenehm ist. Hier 
gibt es enthusiastische Anhänger der „Sehlust" von Anfang an, Dix z. B. ; 
während andere eine anfängliche Lichtscheu „wirkliche Antipathie", 
sagt ihr Wortführer Compaire, Photophobie annehmen. Tatsächlich 
spricht viel für diese Annahme; wir würden sie sehr wohl von unserer 
regressiven Tendenz her verstehen. Espinas Bemerkung, das Neuge- 
borene öffne seine Augen mit Vorliebe am Abend (Compaire) ist treffend, 
der Hinweis auf die Blindgeborenen naheliegend und einleuchtend, und 






38 



Das Neugeborene. 



vor allem die Ergebnisse von Canestrinis Untersuchungen sprechen 
sehr für diese Autfassung. Diese haben nämlich ergeben, daß starke und 
plötzliche Lichtreize von allen Erscheinungen der Unlust begleitet sind. 
Aber auch die Kurven bei anderen Reizen würde Canestrini eher auf 
„Spannung" als auf Lust deuten. Demgegenüber will freilich bedacht 
sein, daß zugestandenermaßen Canestrinis Methode unsicher genug 
ist, und nicht die sichere Deutung aller Kurven zuläßt, und die Neigung 
des Neugeborenen, gewiß schon sehr bald nach der Geburt für mäßige 
Lichtreize, Dämmerung, entfernte Lichtquellen, außer Zweifel steht, ja 
schließlich bereits nach wenigen Tagen, auch stärkere Intensitäten nicht 
abgewehrt werden. Preyer, der von beiden Parteien in Anspruch ge- 
nommen wird, unterscheidet hier scharf und findet, daß mäßige Helligkeit 
angenehm, starke Grade unangenehm wirken. Und diese Auffassung 
hat alles für sich. Ein Gesichtspunkt kann noch hinzugefügt werden, d er 
für unsere Gedankengänge nicht nebensächlich ist und zugleich die 
erwähnten Gegensätze ein wenig verringert. Am erwachsenen Zustand 
gemessen, kann man das Verhalten des Neugeborenen wohl lichtscheu 
nennen, im Vergleich zu seinem fötalen Zustand aber ist er entschieden 
lichtfreundlich. Es ist keineswegs so, daß Licht in jeder Intensität ihn 
veranlaßt zu versuchen, die fötale Situation wieder herzustellen, vielmehr 
gewöhnt er sich sehr bald, in den ersten zwei Tagen spätestens scheint es, 
an mäßiges Licht, also an verhältnismäßig schwaches, aber eben doch 
an einen dem fötalen Leben fremden Reizzustand. Manche Autoren 
(z. B. Sikorsky) wollen bemerkt haben, daß schon am ersten, zweiten 
Lebenstag sich der Kopf mäßigem Licht zuwendet, niemand leugnet es 
für das Ende der zweiten Woche. Dies deutet nicht allein auf Gewöhnung, 
sondern auf eine positive Lust, die aus dem Hellen gezogen wird. Und 
sogar Ablehnung des Dunkeln wird von frühe an gefunden. So schreibt 
Preyer: „Lange vor Ablauf des ersten Tages wurde der Gesichtsausdruck 
des mit dem Antlitz (abends) gegen das Fenster gewendeten Kindes 
plötzlich ein anderer, als ich mit der Hand seine Augen beschattete. Also 
machte das Dämmerlicht unzweifelhaft schon einen Eindruck und zwar 
der Physiognomie nach, einen angenehmen. Denn das beschattete Gesicht 
sah weniger befriedigt aus." Ob das wirklich und allgemein schon für 
den ersten Tag gilt, bleibe dahingestellt, denn es ist irrelevant für die 
Feststellung, daß wir hier ein Verhalten vor uns haben, für das wir in den 
bisher dargestellten Tatsachen kein Analogon finden: ein Bestandteil des 
fötalen Zustandes wird als unangenehm abgelehnt, ein ihm völlig fremder 
Reiz wird begehrt. Diese Reaktion ist der völlig entgegengesetzt, die 
nach der regressiven Tendenz zu erwarten wäre; hier liegt eine positive 
Tendenz vor, den fötalen Zustand gegen das Wachleben zu vertauschen; 
wenn man so sagen will: von Anfang an liegt im Gesichtssinn eine Lust- 
möglichkeit, die einmal, und zwar gewöhnlich schon in den ersten Tagen, 



Sinnespsychologie. 39 

gekostet, das Wachsein im Hellen, der Rückkehr in den gewohnten Ruhe- 
stand des Embryonallebens sich widersetzend, vorzieht. Wir haben An- 
sätze, Grundlagen für solches Verhalten schon am Tastsinn, der Saug- 
lust, gesehen, am Auge haben wir den frühesten deutlichen Ausdruck 
der progressiven Tendenz. 

Fassen wir die Tatsachen der Sinnesempfindlichkeit des Neugeborenen 
zusammen, so ermöglichen sich folgende ordnende Bemerkungen, zwang- 
los wie mir scheint. 

Wir haben in dem bereits erörterten Sinn jeweils von Lust und 
Unlust gesprochen, wenn die Reaktionen physiologischer oder motorischer 
Natur diesen Ausdruck in Analogie zum erwachsenen Verhalten und 
Erleben gestatteten. Wir brauchen auch weiterhin von dieser Nomen- 
klatur nicht abzugehen, müssen uns aber umso deutlicher machen, 
welche Tatbestände sie deckt. Diese Reaktionen im Ganzen überschaut, 
lassen sich drei Typen aufstellen. I. Ein heller Lichtstrahl fällt plötzlich 
in die geöffneten Augen — diese schließen sich energisch. IL Duft dringt 
in die Nasenmuscheln — das Kind macht ungewöhnlich tiefe Atemzüge. 
Der Sinn dieser beiden Reaktionstypen ist unmittelbar verständlich; 
I. verhindert das Fortdauern des Reizes; IL fördert das Fortdauern des 
Reizes. Es heißt nichts Neues in den Tatbestand hineintragen, nur ihn 
etwas anders zu beschreiben, wenn wir sagen : bei I. ist der Reiz uner- 
wünscht gewesen, bei IL erwünscht. Wir verstehen diese Reaktionen 
unmittelbar. Dies gilt nicht für die physiologischen Reaktionen (Atem, 
Puls usw.), die beim Erwachsenen mit Lust und Unlust verknüpft sind, 
und die wir — häufig genug, aber nicht immer mit Rt (Reaktionstypus) I 
und Rt II verknüpft — auch beim Kinde vorfinden, und nach Analogie 
des erwachsenen Erlebens deuten oder benennen. Die Erklärung dieser 
Reaktionen ist ein Problem für sich, das hier noch nicht erörtert sein soll. 
Uns genügt, daß die physiologischen Reaktionen der gedachten Art I 
oder II sich anfügen, indem wir dort, wo Reaktionen nach Typus I oder II 
fehlen, annehmen dürfen, der Reiz sei zu wenig intensiv oder biologisch 
nicht genug wichtig gewesen, um auch sie herbeizuführen. 

Anders verhält es sich bei Gruppe III. Für sie sei beispielhaft: Ein 
schriller Pfiff trifft das Ohr des Neugeborenen — die Arme werden in die 
Höhe geworfen, das Gesicht zuckt, der Körper bewegt sich in kurzem und 
leichten Krampf, muß man sagen. Wir können diese Reaktion nicht un- 
mittelbar verstehen, weder verhindert sie das Andauern des Reizes, noch 
fördert sie es. Sie ist zwecklos. Ganz die gleiche Reaktion, auch gleicher- 
weise zwecklos, ist der Schreck des Erwachsenen. Und die physiologischen 
Reaktionen sind in beiden Fällen identisch oder ähnlich. Womit freilich 
recht wenig gewonnen ist, da wir zwar den Schrecken so gut wie Lust 
oder Unlust kennen, aber bei weitem nicht einmal so wenig als sie ver- 
stehen. Zudem erscheint beim Neugeborenen der Schreck noch zweckloser 



40 



Das Neugeborene. 



als beim Erwachsenen. Zuweilen sucht man nämlich Verständnis des 
Phänomens in seiner Ableitung von einem primären Fluchtreflex. Nun 
sind die Schreckbewegungen keine Flucht, sondern höchstens ein erstarrter 
Fluchtreflex, der wie Freud (11) richtig argumentiert, die Flucht ja ver- 
hindert. Aber immerhin kann man eine Hoffnung auf Verständnis aus dieser 
Auffassung für den Erwachsenen schöpfen. Beim Neugeborenen ist ei n 
Fluchtreflex in sich sinnlos. Rt I und II sind spezifische, für jede Rei z _ 
kategorie verschiedene, deren Abwehr- und Förderungsmöglichkeiten 
angepaßte. Der Rt III ist allgemein, kommt jedem Reizgebiet zu. Diese 
Tatsache ist doppelt wichtig. Erstlich legt sie nahe zu fragen, ob diese 
allgemeine Reaktion nicht eine verallgemeinerte ist. Und hiefür bietet 
sich sehr wohl eine Möglichkeit. Die Haut als Sinnesorgan hat keinen 
einfachen Reizabwehrmechanismus. Hautreizen kann der Körper als 
ganzer entfiehen, sie können durch die Hände beiseite geschafft werden, 
oder schließlich in ganz gewissen Fällen, die in der Phylogenie vielleicht 
eine gewisse Rolle gespielt haben, durch Zuckungen bestimmter Haut- 
partien. Nun finden sich wirklich alle drei Möglichkeiten in der Schreckreak- 
tion vereinigt : die Fluchtintention, die Armbewegungen, die Zuckungen. 
Ein erschrockener Säugling erweckt manchmal den Anschein, als wollte 
er etwas mit den Armen wegreiben, -schieben, abwehren, als zuckte er, 
wie wir etwa eine Fliege durch eine Gesichtsbewegung verscheuchen. 
Man müßte nun annehmen, daß dies Syndrom sich von der Hautreizung 
auf andere Reize verschob. Für eine Kategorie wäre das plausibel: fü r 
die Gehörsreize. Das Ohr hat noch weniger Abwehrmittel als die Haut, 
von Handlungen, wie Zuhalten, Verstopfen etwa abgesehen. Man kann 
das Ohr nicht schließen wie Mund und Auge, den Schall nicht ausblasen 
wie den Duft. Irgendwie ließe sich verständlich machen, daß dieses schutz- 
lose Organ sich der Reaktionen der Haut bemächtigte — freilich sinnloser 
Weise, denn der Schreck wehrt den Schall nicht ab. (Doch bleibt auffällig^ 
daß die Reaktionen gerade auf Schallreize so häufig und intensiv — \vi e 
wir sahen — vom Typus III sind). Kaum verständlich aber kann die 
weitere Verallgemeinerung des Rt. III von Haut und Ohr auf alle Sinnes- 
gebiete werden. Hier ist sie ein zweckloses Plus. Dennoch habe ich den 
Hinweis auf die Hautreizabwehr nicht unterdrückt, er ist doch beachtens- 
wert in einer so dunklen Frage, wenn er sie auch nicht mehr als ein winziges 

Stück aufhellt. 

Die Allgemeinheit des Rt III legt zweitens nahe, ihn als primitiven, 
undifferenzierten aufzufassen. Ich habe bereits einiges angeführt, um i n 
ihm Elemente aufzuweisen, die der Geburtssituation entspringen; anderes 
soll noch später beigebracht werden. Es war Freuds (11) geistreicher Ge- 
danke, den Schrecken mit den Reaktionen auf die Geburt zusammenzu- 
bringen. Sie ist jedenfalls das erste schockartige Ereignis im individuellen 
Leben, und erlebt das Kind etwas während ihres Verlaufs, so gewiß 



Sinnespsychologie. 41 

Schrecken. "Wir schließen uns dieser Auffassung vorläufig an, weitere 
Belege für spätere Erörterung versprechend, weil sie die einzige ist, die 
mir bekannt geworden, zahlreiche Tatsachen umspannend, und ent- 
wicklungspsychologisch gedacht. Wir fügen demnach die Phänomene 
von Rt III den traumatischen Folgen der Geburt ein. 

Jede Sinnesreizung kann Schreckreaktionen erzeugen. Deren Be- 
dingungen sind nicht bekannt, aber offenbar spielen Intensität und 
Plötzlichkeit (Unerwartetheit) eine große Rolle. Ja man kann sagen, daß 
anfangs jeder Sinnesreiz, der nicht der fötalen Situation entspricht, mit 
dein Rt III beantwortet wird. Im Voranstehenden sind die diesbezüglichen 
Beobachtungen mitgeteilt. Nur für den Geruchssinn läßt sich dieser 
Sachverhalt nicht erweisen — vielleicht bloß weil er überhaupt kaum 
studiert ist; gewiß aber ist auf seinem Gebiete kein Gegenbeweis zu 
finden. Es bedarf einer gewissen Zeit, bis diese anfängliche Schreck- 
antwort ausbleibt und solchen vom Rt I oder II Raum gibt. Die Über- 
windung des Schreckens ist nicht auf allen Reizgebieten im selben Augen- 
blick erreicht; es scheint, als setzte sie zuerst für den inneren Mund, 
zuletzt für das Ohr ein; bestimmteres ist hier noch nicht auszusagen. 
Jedenfalls befindet sich das Kind der ersten Lebenstage noch ganz in 
der Phase der Überwindung; es ist allgemein schreckhaft; es steht noch 
völlig unter den Folgen des Traumas der Geburt. 

Die frühesten deutlichen Reaktionen II verdankt der Mensch der 
oralen Zone, der gesamten Hautoberfläche und dem Auge. Die Süße der 
Milch und ihr Geruch, die Tastsensationen beim Saugen, die Wärme des 
Bades und mäßig helles Licht, das sind die Sinnesreize, denen das Neu- 
geborene sehr bald, in den ersten Stunden und Tagen, Lust zu entnehmen 
vermag, denen es seine Organe nicht entzieht, sondern anbietet. Wir 
verstehen dieses Verhalten am einfachsten bei der Wärme des Bades. 
Hier wird dem Organismus eine Situation wieder hergestellt, in der er 
von Anfang an aufwuchs, und die er durch die Geburt verlor. Die kon- 
servative oder regressive Tendenz, die allem Organischen zukommt, äußert 
sich in diesem Fall deutlich; und solche Zurückführung des Phänomens 
auf eine organische Gesetzmäßigkeit löst die psychologische Problematik, 
löst sie ab durch die biologische, die nicht mehr unseres Amtes ist. Für 
das Auge und die recht frühe Sehlust gilt dies nicht. Vielmehr verhält es 
sich hier ja so, daß ein Zustand, der vor der Geburt in keiner W T eise 
möglich war, erstaunlicherweise, so bald nach ihr Lust zu entwickeln ver- 
mag. Wir können eine Erklärung dafür noch nicht vorschlagen. Wir müssen 
die Tatsache hinnehmen, und die psychologische Problematik beendigen, 
indem wir auch sie einem organischen Grundgesetz einfügen : der progres- 
siven Tendenz. Dieser Terminus ist kaum mehr als knappste Beschreibung 
der Tatsachen. So wie die Keimzelle sich trotz der konservativen Tendenz 
— zuweilen unter Kompromißbildungen mit ihr — fortschreitend ver- 







42 Das Neugeborene. 

ändert, so verändert sich das Neugeborene auch fortschreitend, trotz der 
an ihm deutlich zu beschreibenden Tendenz, in den fötalen Zustand Zla _ 
rückzukehren, zuweilen Kompromisse mit dieser Tendenz eingehend. H> as 
Wirken dieser Tendenz sehen wir sehr früh am Verhalten des Au ges 
gegenüber den Lichtreizen; noch früher der oralen Zone gegenüber den 
Geschmacks-, Tast- und vielleicht Geruchsreizen, die mit Ernährung 
und Saugen verknüpft sind. 

Die Reaktionen vom Typus I sind nach allem Gesagten wohl deutlich 
genug als Ausdrücke der regressiven Tendenz zu verstehen. 

Eine Reaktionsweise habe ich unberücksichtigt gelassen: die Auf- 
merksamkeit. Canestrini will sie aus seinen Kurven bei Gehörsreizungen 
deuten können. Das Phänomen der Aufmerksamkeit wird uns noch z; u 
beschäftigen haben. Beim Neugeborenen ist es zu undifferenziert und 
undeutlich, als daß eine Erörterung fruchtbar wäre. Vormerken wollen 
wir uns aber, daß es gerade beim Gehör in Erscheinung zu treten scheint, 
jenem Organ, daß weder Rt I, noch Rt II in ausgesprochener Weise z Ur 
Verfügung hat. 

Abfuhrbewegungen. 

Von den Bewegungen des Neugeborenen haben wir bisher schon 
viel gesprochen, da sie ja im Grund das Objekt der Psychologie der 
frühen Kindheit sind und trotzdem, vielleicht auch gerade darum, emp- 
fiehlt sich aber eine zusammenfassende Erörterung. 

Preyer hat die schier unübersehbare Fülle der kindlichen Bewe- 
gungen in vier Gruppen geordnet: in die impulsiven, reflektorischen, 
instinktiven und vorgestellten Bewegungen, denen er die expressiven 
einfügt. Im großen und ganzen hat man bis heute diese Einteilung bei- 
behalten, so problematisch auch indessen die Grenzen zwischen der einen 
und anderen Gruppe geworden sind. Auch wir wollen uns zunächst ihrer 
bedienen, da sie — nicht nur durch Gewohnheit — ihre Bequemlichkeit 
hat und vor allem durch die Aufstellung der Kategorie der impulsiven 
Bewegungen einen wichtigen Tatbestand umgrenzt. 

Die impulsiven Bewegungen beginnen bereits monatelang vor der 
Geburt, zu einer Zeit, wo Reflexe noch nicht erzielt werden, wo der ana- 
tomische Entwicklungszustand sie auch noch gar nicht möglich macht. 
Sie sind daher von allen peripheren Reizungen unabhängig. Ein voll- 
ständiges Inventar der frühesten Bewegungen scheint noch nicht auf- 
gestellt zu sein; immerhin sind die einigermaßen wichtigen Vorgänge 
beschrieben, insbesonders die zweifellos impulsiven. Man zählt zu ihnen : 
Ausstrecken und Beugen der Arme und Beine, das das Neugeborene sehr 
reichlich, ohne feststellbaren äußeren Anlaß, übt; das Spreizen und 
Beugen der Finger; das Recken des Körpers (oft nach dem Erwachen); 
manche Augenbewegungen der ersten Tage; die mannigfaltigen Be- 



Abfuhrbewegungen. 43 

wegungen im Bade; allerhand Grimassen, besonders der Lippen und 
Augenlider ; gewiß auch das Hin- und Herfahren der Hände, insbesonders 
vor dem Gesicht, das Prey er freilich zu den Instinktbewegungen rechnet. 
(Diese Zuordnung will wenig einleuchten. Der Grund hierfür ist offenbar, 
daß sich aus ihnen das Greifen entwickelt, das Preyer kaum anders als 
unter die Instinktbewegungen rechnen konnte. Aber mit demselben 
Argument müßte man alle impulsiven Bewegungen zu den vorgestellten 
zählen, die sich wie Preyer selbst nachweist, aus ihnen entwickeln.) 

Vom Verständnis dieser Gruppe sind wir recht weit entfernt, so weit, 
daß — so viel ich sehe — nach Preyer überhaupt niemand hier eine 
Schwierigkeit sah. Preyer sieht ihre Ursache in instinktiven und son- 
stigen organischen Prozessen, die in den motorischen Zentren niedrigster 
Ordnung stattfinden. Zu ihrer Erklärung „bleibt nichts übrig, als eine 
innere, durch die organische Beschaffenheit der motorischen Ganglien- 
zellen des Rückenmarks gegebene, in frühen Embryonalstadien mit der 
Differenzierung und dem Wachstum jener Gebilde und des Muskel- 
systems verbundene Ursache der impulsiven Bewegungen anzunehmen. 
Es muß mit der Bildung der Bewegungsganglienzelle im Rückenmark 
und Halsmark eine gewisse Quantität potentieller Energie sich anhäufen, 
welche schon durch den Blutstrom oder Lymphstrom oder sogar die 
rasch fortschreitende Gewebsbildung ungemein leicht in kinetische 
Energie umgesetzt wird." 

Wie weit diese Annahme den heutigen Physiologen befriedigen 
würde, kann hier nicht diskutiert werden. Aber psychologisch sind einige 
Einwendungen vorzubringen, da die Annahme einige Bestandteile enthält, 
die wohl geeignet sind, größere Zusammenhänge zu erschließen. Zunächst 
ist nicht ganz klar, ob jene potentielle Energie nur der sich bildenden 
motorischen Ganglienzelle zukommt, oder ob sie bei ihrer Bildung in 
solcher Menge entsteht, daß sie auf Jahre ausreicht. Die Unklarheit ent- 
steht dadurch, daß Preyer davon spricht, die impulsiven Bewegungen 
verschwänden fast ganz und kämen beim Erwachsenen fast nur noch 
im traumlosen Schlaf vor. Man wird diese Möglichkeit wohl ganz aus- 
schließen müssen. Dann aber gibt es impulsive Bewegungen überhaupt 
nur im Fötalzustand und eine gewisse kurze Zeit nachher, ohne daß der 
Übergang irgend genau angegeben werden könnte. Hat die Ganglienzelle 
aufgehört zu wachsen, oder ihre potentielle Energie verbraucht, geht die 
impulsive Bewegung in eine andere Kategorie über, in welche, wäre nicht 
leicht gewiß nicht einheitlich zu sagen, ohne daß sie in irgend etwas von 
der impulsiven sich unterschiede. Sie könnte z. B. dem Lusterwerb 
kinästhetischer Natur dienen. Dafür ist freilich im Prey ersehen Schema 
kaum Platz. Wie immer aber, verlegt man das Kriterium in die „Reizung 
des motorischen Zentrums niederster Ordnung", so begibt man sich 
jeder anderen als rein negativen Entscheidungsmöglichkeit: da diese 



44 



Das Neugeborene. 



Armbeugen weder willkürlich seinkönnen, nochperipher angeregt sind, noch 
auch einem Instinkt angehören, so sind sieimpulsiv. Eine Schwierigkeit, 
die sich dadurch vermehrt, daß so gut wie alle impulsiven Bewegungen 
auch als Reaktionen auftreten können und das unbemerkte Einwirken 
von Reizen, Reizänderungen höchstens unter sorgfältigster Versuchs- 
anordnung vermieden werden kann. Faßt man aber, wie Stern, alle 
Bewegungen ohne äußeren Anlaß, „also aus innerem" unter den impulsiven 
zusammen, so erweitert man die Prey ersehe Gruppe — mit gewissem 
Recht, aber nicht in seinem Sinn — und gelangt dann schließlich dazu, 
Hungerschreien zu ihnen zu zählen (Stern), oder mit Bühler zu sagen: 
„Man kann sagen: alle Bewegungen des Neugeborenen sind entweder 
impulsive oder Reflexbewegungen in dem weiteren Sinne des Wortes 
(inklusive Instinktbewegungen)". Es hat gewiß einen guten Sinn so einzu- 
teilen 1 ), aber das, worauf Preyer mitNachdruck hinweisen wollte, daß 
nicht alle Bewegungen direkte Reaktionen auf „innere oder äußere 
Reize" sind, geht dabei verloren. Und wie ich noch zeigen möchte, liegt 
in diesem Hinweis eine fruchtbare Andeutung. 

Wenigstens in der einen Beziehung sind die Ausdrucksbewegungen 
den impulsiven verwandt, daß ihre Gruppierung und Einordnung be- 
trächtliche Schwierigkeiten macht. Preyer bildet eine offenbar aus prak- 
tischen Erwägungen sich ergebende Gruppe, die er den Instinktbewegungen 
anreiht, zu denen sie aber nur teilweise gehören. Die späteren Autoren 
haben sich verschieden, aber ohne die Frage irgend wichtig zu finden, 
geholfen. Dem Neugeborenen kommen etwa folgende Ausdrucksbewe- 
gungen zu: Schreien, Abwehrbewegungen mit dem Kopf, Mundspitzen, 
Stirnrunzeln, Kopfbewegung, die Mimik des Süßen und Bittersauren, 
der Schreck. Man sieht, es ist eine gar bunte Gruppe, die aus Preyer 
und Bühler gewonnen wurde. Das Schreien, so glaube ich gezeigt zu 
haben, ist hier gewiß auszuschalten, es ist zweifellos eine Instinkt- oder 
Triebhandlung; der berühmte erste Schrei ein Reflex. Dennoch bleiben 
einige Bewegungen übrig, die in den ersten Lebenswochen noch mannig- 
faltiger werden und uns daher später noch einmal beschäftigen werden ; 
gegen deren Zusammenfassung und Erklärung aber schon hier einige 
kritische Bemerkungen gemacht werden müssen. 

Im Gegensatz zu den impulsiven sind die expressiven Bewegungen, 
abhängig von einem Reiz, und zwar von einem distinkten inneren oder 
äußeren oder von einem allgemeinen Zustand. Gemeinsam ist ihnen, 
daß sie regelmäßig einer bestimmten Reizsituation zugehören, und daß 
sie aus dieser nicht völlig verständlich sind, und eine Beziehung zu anderen 
Individuen zuhaben scheinen, daß sie Mitteilungen an solche sind. 1. Diese 
soziale Funktion zuerst betrachtet, so soll sie keineswegs geleugnet 

] ) Freilich heißt es sehr viel behaupten, daß die so definierten impulsiven Bewe- 
gungen „sicher nicht Träger irgend welcher seelischer Vorgange sind". 



Abfuhrbewegungen. 45 

werden, wohl aber scheint recht fraglich, ob und was sie zu erklären 
vermag. In zahllosen Einzelfällen ist diese Mitteilungsfunktion uner- 
wünscht, und es ist peinlich, daß die Unterdrückung der Ausdrucks- 
bewegungen so schwierig ist. Das gilt für die komplizierten sozialen Ver- 
hältnisse der Menschen gewiß. In den primitiveren der Tiere ist auffällig, 
daß die expressiven Bewegungen auch dort nicht fehlen, wo es sich um 
prinzipiell einsame Funktionen handelt, etwa beim Jagen der Katze 
oder des Hundes. Und schließlich was für Mitteilungssinn mögen die 
Expressionen lustvoller Zustände haben ? Es sei denn, man unterschiebe 
diesen geringfügigen und primitiven Phänomenen überaus ethisch- 
altruistische Motive. Ich meine, die soziale Funktion kann nicht die 
Ursache dieser Bewegungen sein. 2. Die Expressionen sind in ihrer Be- 
ziehung zum Reiz nicht immer und nicht vollständig verständlich, sie 
sind oft zwecklos in der Relation zum Reiz, und wenn man die zur Sozietät 
leugnet, oder von ihr absieht, so erscheinen sie es ganz. Nun wäre dies 
kaum ganz richtig, denn manche der Ausdrucksbewegungen ist als Rt I 
oder II völlig verständlich und adäquat, während für andere, Mund- 
spitzen, Stirnrunzeln, Weinen und Lachen es im strengen Sinne und Um- 
fang des Wortes gilt. Aber es geht nicht an, nur die sichtbaren Ausdrucks- 
bewegungen, die mimischen, in der Kinderpsychologie zu berücksichtigen, 
es müssen hierher durchaus auch die physiologischen gerechnet werden, 
die pneumato- und sphygmographisch feststellbaren, die ebenso regel- 
mäßig, ja noch strenger gewissen Reizzuständen angehören, als die 
mimischen. Und in diesem Fall sind wir freilich weitaus in den meisten 
Fällen genötigt, die Zwecklosigkeit und Inadäquatheit zum Reiz einzu- 
gestehen. Hier fehlt aber auch die Möglichkeit eine Relation zur Gesell- 
schaft aufzustellen, denn diese Reaktionen sind ohne wissenschaftliche 
Untersuchung nicht wahrnehmbar, und sie sind in keiner Weise ver- 
ständlicher Ausdruck. Die phylogenetische Entwicklung der expressiven 
Bewegungen ist ein wenig aufgehellt und Darwin (1) zeigte von einigen, 
daß sie eine Funktion, die reizgemäß wäre, gehabt haben könnten — 
darüber werden wir später berichten — warum sie sich aber funktionslos 
erhalten haben, das bleibt ungeklärt. 

Und dies verknüpft sie wieder für uns mit den impulsiven Bewegungen. 
Deren Funktion ist — soweit es sich nicht um Impulse aus der wachsenden 
Ganglienzelle handelt — gänzlich ungeklärt, d. h. es liegt nicht einmal 
ein Erklärungsversuch — von jenem Preyerschen abgesehen — vor. 
Aber statt dessen findet auch hier die Aufstellung einer Relation, die der 
zur Gesellschaft entspricht, statt: von vielen Autoren wird der Übungs- 
wert der impulsiven Bewegungen betont (z. B. Stern). Auch hier 
möge ein Mißverständnis vermieden werden: der Übungswert besteht, 
die Frage ist nur, ob er das Vorhandensein des Phänomens erklärt. 
Die Berechtigung, Zwecke im Psychischen anzunehmen und mit ihnen 



46 



Das Neugeborene. 



als Erklärungen zu arbeiten, kann nicht allgemein bestritten werden, 
bedarf aber sorgfältiger Erwägungen, die wir an geeigneterem Material 
anstellen möchten. Aber im Ernst sagen wollen: die impulsiven Bewe- 
gungen sind vorhanden, weil sie später das Sehenlernen erleichtern 
werden, hieße sich sehr bedenklich der Lesebuchbiologie nähern, die 
behauptet, der Mensch habe einen Mund und zwei Hände, um wenig 
zu sprechen und viel Gutes zu tun. Ich übersehe nicht: niemand sagt 
dies im Ernst, und doch ist der Hinweis auf den Übungswert nicht immer 
bloß ein Hinweis, sondern doch auch der Versuch — und wäre es mit 
unzulänglichen Mitteln — ein Stück der Sinnlosigkeit dieser Erscheinung 
zu verringern. 

Die Länge der Kritik am Bisherigen rechtfertigt sich nicht durch die 
Fülle dessen, was ich nun als Erklärung vorzuschlagen habe. Dies ist nur 
wenig und nicht ganz neu; die Kritik schien mir aber prinzipiell nötig 
auf einem Gebiet, das gewiß nicht sehr wichtig ist, aber noch unwichtiger 
und flüchtiger behandelt wird als es verdient. 

Fragen der Bewegung sind notwendigerweise solche der psychischen 
Energetik. Also sehr wenig erforschte und durchdachte, sehr theoretische 
und hypothetische. Unter den neueren Psychologen ist es vor allem Freud, 
der ihnen Aufmerksamkeit geschenkt hat und bemüht ist, mit den ein- 
fachsten und wenigsten Hypothesen auszureichen. Und da sie eben nicht 
ganz vermieden werden können, so empfehlen sich gewiß die vorsichtigsten 
und am wenigsten weitgehenden. Wir haben oben schon von den F reu d _ 
sehen Aufstellungen Gebrauch gemacht und müssen hier aufs neue 
sie anknüpfen. "Wir nehmen mit ihm an, daß der Ruhezustand vor 
Erregungszustand auch so unterschiedlich bezeichnet werden kann, daß 
wir sagen, das Energiegleichgewicht ist gestört und will sich wieder 
herstellen. Die Energie im Ruhezustand „gebunden", ist durch einen 
Reiz frei geworden, dieser Erregungszustand muß bewältigt werden 
indem die freie Energie- wieder gebunden wird. Es sind das im Grunde 
keine Annahmen, die der Psychologie fremd wären, es wird nur in Ter- 
minis ausgesprochen, was irgendwie in jeder Erörterung der Bewegungs- 
vorgänge mitgedacht wird. Dies ist es auch ungefähr, was Preyer unter 
der „potentiellen Energie" vorschwebt, nur sind hier durch die Lokale 
sierung in motorischen Zentren niederster Ordnung und durch die Auf- 
fassung, die potentielle Energie sei während des Wachstums entstanden, 
zwei Annahmen enthalten, die nicht kontrollierbar und unnötig sind. 
Wir beschränken uns anzunehmen, daß dem Organismus als Ganzem 
irgend ein Maß von psychischer Energie zur Verfügung steht. Nichts 
nötigt uns, eine Annahme über ihre Lokalisation oder ihren Ursprung 
auszusprechen. Wohl aber müssen wir ausdrücklich annehmen, daß die 
Energie transformierbar ist: gebunden — frei; Preyer sagt potentiell 
kinetisch. Diese Annahmen haben kaum etwas Erstaunliches oder Unvoll- 



Abfuhrbewegungen. 47 

ziehbares an sich. Eine Form der Bindung freier (freigewordener) Energie 
ist die Überführung in „kinetische Energie", ist die motorische Abfuhr 
der Erregung. 

Demnach würden wir sagen: die impulsiven Bewegungen sind Ab- 
fuhrbewegungen. Das ist nun gewiß nicht mehr als eine Namensänderung, 
keine Vertiefung des Verständnisses über Preyer hinaus. Es erlaubt 
aber, da wir von unnötigen Annahmen befreit sind, seine Auffassung 
wirklich auf alle impulsiven auszudehnen, und nicht nur auf jene die von 
Wachstumreizen herrühren. Jede Entbindung von psychischer Energie 
kann zu impulsiven Bewegungen führen, auch beim Erwachsenen. Es 
muß nicht geschehen, wenn es noch andere Weisen der Bindung freier 
Energie gibt als die Abfuhr. Leicht möglich, daß die Wachstumserschei- 
nungen solche Energieentbindungen herbeiführen, Hunger, Temperatur- 
reize, die peristaltischen Bewegungen u. dgl, mehr. Sie werden sich dann 
in impulsiven Bewegungen abführen können. Womit wir nun die Prey er- 
sehe Gruppe der impulsiven Bewegungen vergrößert haben, etwa im Sinne 
der oben erwähnten Bühlerschen oder Sternschen Einteilung. Aber 
die Kriterien sind schärfer geworden: die Abfuhrbewegungen sind ohne 
Relation zu Reizen. Sie können durch äußere oder durch innere Reize 
ausgelöst werden, oder durch Vorgänge die wir gewöhnlich überhaupt 
nicht Reize nennen, aber sie haben auf diesen Reiz keinen bezug; sie 
wehren ihn nicht ab, sie fördern ihn nicht, sondern sie sind in Bezug auf 
den Reiz zwecklos, reizneutral könnte man sagen. Sie dienen dazu, die 
durch den Reiz — wenn überhaupt durch einen — entstandene Energie- 
situation zu bewältigen; das Energieniveau — die Quantität freier, ent- 
bundener Energie — herabzusetzen. 

Ist so das Fehlen der peripheren Reizung als Einteilungsgrund ver- 
lassen worden, besteht kein Anlaß mehr, der sich aufdrängenden Ähn- 
lichkeit zwischen den impulsiven Bewegungen und den expressiven nicht 
Raum zu geben. Offenbar ist ein gut Stück der sogenannten Ausdrucks- 
bewegungen nichts anderes als Abfuhrphänomen. Gewiß nicht alles, wir 
haben das am Beispiel des Schreiens gesehen, wir werden es an einigen 
anderen noch des Näheren auseinandersetzen. Nur muß der Versuchung 
widerstanden werden und etwa alle Bewegungen überhaupt den Abfuhr- 
vorgängen zuzuzählen. Vielleicht ist jede Bewegung ausnahmslos Ab- 
fuhr freier Energie, wir haben das hier nicht zu entscheiden, jedenfalls 
beschreiben wir den energetischen Vorgang so im allgemeinen richtig. 
Aber wir fragen ja nach dem energetischen Vorgang nur dort, wo er für 
sich die Funktion des Phänomens darstellt, d. h. wo oder insoweit die 
Bewegung reizneutral verläuft. Wir werden Fälle antreffen, in denen dies 
nicht leicht zu entscheiden sein wird. Ihnen stehen aber eine Fülle anderer 
gegenüber, bei denen kaum zu zweifeln ist. Und das trifft bei den impul- 
siven und einem gewissen — hier noch nicht näher bestimmbaren — Teil 



48 



Das Neugeborene. 



der expressiven Bewegungen zu. Wir werden daher diese beiden Gruppen 
als Abfuhrbewegungen zusammenfassen, wobei wir nur reizneutrale 
meinen, oder die reizneutrale Komponente komplexer Bewegungen. ü S 
werden im wesentlichen die Bewegungen vom Rt III auch hierher z u 
zählen sein. 



Reflexe. 

Die zweite große Gruppe Preyers sind die Reflexe. Über diese 
Gruppe bestehen kaum Meinungsverschiedenheiten, denn so verschieden 
auch die Auffassung des Phänomens Reflex sein mag: gewiß gibt es diese 
streng und starr reizgebundenen, einfachen Bewegungen, und sie bilden 
eine deutliche Gruppe für sich, deren Erklärung zwar unsicher, aber 
für die psychische Entwicklung auch nicht beträchtlich ist. Auch die 
Reflexe des Neugeborenen scheinen noch nicht restlos beschrieben zu 
sein. Immerhin dürfte der Forschung kein einigermaßen wichtiger ent- 
gangen sein. Festgestellt sind: der Pupillenreflex; der erste Schrei ; 
das Niesen, Schnaufen, Gähnen, Husten, Würgen, Singultus, Schlucken, 
Spreizen der Zehen bei Berührung der Fußsohle, Patellarsehnen-Reflex, 
Timklammern mit der Hand. Dabei sind nur diejenigen genannt, die 
einen gewissen Bezug zum Psychischen haben, während die physiolo- 
gischen unberücksichtigt bleiben, obgleich die Grenze zwischen diesen 
beiden sehr schwer bestimmbar ist. Umso mehr als ja die R efleXe 
überhaupt keine selbständige psychische Bedeutung haben. Sie sin<i 
für den motorischen Aufbau komplexer Vorgänge von Wichtigkeit. 
(Für den Aufbau der Saugbewegungen z. B. vergl. Popper.) Ihre Be- 
ziehung zum Reiz ist eine doppelte: sie sind an ihn gebunden, ohrx e 
Reiz kein Reflex; und sie sind von ihm aus verständlich, sie sin<J 
Reaktionen auf den Reiz, um ihn abzuwehren (Niesen etwa) oder um 
ihn aufzunehmen (Pupillenerweiterung im Dunklen), wären also einein 
der beiden Rt I oder II einzureihen. Bei einigen ist die Auffassung als 
Rt I oder II schwierig, z. B. das Spreizen der Zehen und das Um- 
klammern der Hand. Man kann hier an ehemals sinnvolle Reflexe 
denken. So mit Kirkpatrik annehmen, „daß sie wahrscheinlich auf 
irgend einer Stufe der rassengeschichtlichen Vorzeit insofern von Nutzen 
waren, als sie die Mutter beim Tragen der Kinder unterstützten". Das- 
selbe könnte auch für den Zehenreflex gelten, da die primitive 
Haltung des Säuglings — entsprechend dem der Menschenaffen — 
vielleicht war, sich mit den Händen am Fell der Mutter anzuklammern, 
und mit den Beinen sich gegen ihren Bauch zu stemmen (Moro). 
Wir hätten damit hier Instinktbewegungen vor uns, die keinen 
biologischen Zweck mehr haben, und daher als Reflexe gewertet 
werden. 



Handlungen. 49 

Handlungen. 

Vorgestellte oder willkürliche Bewegungen sind beim Neugeborenen 
nicht vorhanden, wir haben wenigstens keine Möglichkeit sie anzunehmen. 
Wohl aber solche Bewegungen, die von vorgestellten nicht zu unterschei- 
den sind, d. h. auf Beize — äußere oder innere — bezügliche, sinnvolle 
Bewegungen, von denen angenommen wird, daß sie ohne Bewußtsein ver- 
laufen, eine Annahme, die wir mitmachen können, weil es für diese Be- 
wegungen gleichgültig ist, ob sie bewußt oder unbewußt verlaufen. Man 
nennt solche Bewegungen instinktive. Wenn das Hühnchen eben aus dem 
Ei geschlüpft nach Körnern pickt, so ist das eine sinnvolle, reizbezogene 
Bewegung. Vom Beflex unterscheidet sie, daß sie nicht starr wie er ist, 
sondern im gewissen Grade abhängig von Faktoren, die außerhalb des 
Reizes liegen, etwa dem Hungergrad, auch gewisser Anpassung an Reiz- 
varianten und der übenden Vervollkommnung fähig ist. Vom willkür- 
lichen Handeln unterscheidet sich dieses instinktive dadurch, daß es — 
einerlei ob es von Bewußtsein begleitet ist oder nicht — jedenfalls nicht 
auf Überlegungen, auf dem Wissen um Voraussetzungen und Folgen des 
Tuns beruht. Es ist angeboren. Und diese angeborene reizbezogene Sinn- 
volligkeit ist das Charakteristikum des Instinktiven. Darüber scheint 
eine gewisse Übereinstimmung in der kinderpsychologischen Literatur zu 
herrschen, wenn auch viele Forscher in derUnbewußtheit das wichtigere 
Kriterium sehen. Solcher instinktiven Bewegungen lassen sich aufzählen : 
Die Bewegungen, welche der Aufnahme und Fortbewegung der Nahrung 
dienen (Saugen, Beißen, Lecken, Kauen, Schlucken, Würgen, Erbrechen, 
Aufstoßen, Ausstoßen der Fäzes und des Urins); die normalen Atembe- 
wegungen und was mit der Atemtätigkeit zusammenhängt (Niesen, 
Gähnen, Husten) (Bühler), die Kopf- und Körperhaltung (Preycr). 
Nach unserer obigen Erörterung ist das Schreien hier anzufügen. 

Das Verständnis des Instinktes ist wohl eines der allerschwierigsten 
Kapitel der Kinderpsychologie und es besteht keine Hoffnung, es bereits 
an dieser Stelle, bei der Darstellung des Neugeborenen zu fördern, da bei 
ihm alle Vorgänge so undifferenziert sind, daß die feineren Bezüge nicht 
deutlich werden können. Darum wäre auch die kritische Erörterung der 
Frage hier verfrüht und ich muß mich begnügen, einen Gesichtspunkt in 
den Vordergrund zu rücken, dessen Berechtigung erst später voll ein- 
leuchtend gemacht werden kann. Ich möchte versuchen, den Nachdruck 
auf den Handlungscharakter der instinktiven Bewegungen zu legen. 
Ohnedies fließt das Wort Instinkthandlung ungezwungener in die Feder 
als Instinktbewegung, so spricht Bühl er von impulsiven, expressiven, 
Reflexbewegungen, aber von Instinkthandlungen. 

Die Handlung ist nicht eine isolierte Bewegung, sondern auch im 
einfachsten Fall ein System von Bewegungen, weil sie, selbst wenn sie aus 
einer einzigen denkbar einfachsten Bewegung bestünde, auf ein Ziel be- 
Bern fei d, Psychologie des Säuglings. 4 



50 



Das Neugeborene. 



zogen ist. Sie hat. eine Absicht, sie dient, einem Bedürfnis, und ist von dieser 
ihrer Absicht, diesem Bedürfnis verständlich determiniert. Wenn ictx 
mit meiner linken Hand über das Papier streiche, das vor nur hegt, so 
ist dies gewiß eine sehr einfache Bewegung, da diese aber geschah, um ein 
Stäubchen, das der Feder im Wege war, wegzuräumen, so habe ich eine 
vollgültige Handlung vollführt. War keinerlei Absicht für diese Bewegung 
vorhanden, dann mag ich sie ein Abfuhrphänomen oder wie immer nennen. 
Aber ich werde mich nicht darum kümmern, ob mir der ganze Vorgang, 
oder was von ihm mir bewußt war, und wieweit. Ich kann jene Bewegung 
ausführen, ohne das Stäubchen, ohne sie selbst, ohne ihre Zweckmäßigkeit 
bemerkt zu haben, und all dies erst später feststellen, nachdem sie abge- 
laufen war. Ich kann dieselbe Bewegung machen, ihrer bewußt sein, und 
auch ihr Ziel bewußt haben : ich bin unzufrieden mit dem eben Geschrie- 
benen und will es ablehnen. Es würde sich empfehlen, dann nicht von 
einer Handlung zu sprechen, sondern von einer symbolischen Handlung, 
wenn man will, oder wie immer— denn diese Bewegung ist nicht ernstlicn 
auf die Änderung des Geschriebenen gerichtet; war sie es aber doch, dann 
wäre sie als Handlung, und zwar als falscheHandlung zu werten, denn sie 
kann ihre Absicht nicht erreichen. Hier aber muß dies Beispiel abgebrochen 
erden Die Bewegungen der Erwachsenen sind zu komplex, um mehr zu 
verdeutlichen. Also, die Handlung ist eine Bewegung, die von Bedürfnis 
und Zweck determiniert ist. Sie verläuft immer so, daß sie durch eine 
Kette von Überlegungen interpretierbar ist, auch dann, wenn wir zweifels- 
frei wissen, diese Überlegungen haben nicht stattgefunden. Das pickende 
Hühnchen handelt, als ob es wüßte, daß Körner bestimmter Art schmack- 
haft und nahrhaft sind, und als hätte es überlegt, wie es bei dem ih m 
nun einmal gegebenen Körperbau sie seinem Magen einverleiben könnte. 
Da wir überzeugt sind, daß weder jenes Wissen, noch dieses Überlegen 
im Falle des Hühnchens statt hat, so sagen wir, seine Handlung war eine 
instinktive. Und wir meinen damit nichts anderes, als eben die staunende 
Feststellung, daß Handlungen, die nicht überlegt sind, ablaufen können, 
als wären sie es. Vielleicht ist es nicht unnütz zu bemerken: man kann 
falsch überlegen, es gibt auch instinktive Handlungen, die so verlaufen, 
als hätte das Tier falsch überlegt. Es ist eine der wichtigen Neuerungen 
Köhlers, daß er bei scheinbar „unvernünftigen" Handlungen der Tiere 
sie als interpretierbar erweist, freilich als falsch „überlegte". 

Wir wollen demnach — von den Reflexen zunächst abgesehen —- 
zwei große Gruppen der Bewegungen aufstellen: die Abfuhrphänomene 
und die Handlungen. Die Handlungen des Neugeborenen sind instink- 
tive, sie kommen ohne Erfahrung, ohne Wissen, ohne Überlegung zustande. 
Es sind vor allem vier Gruppen von Handlungen des Neugeborenen von 
Wichtigkeit: Das Schreien — als sein Universalhandeln; das Saugen, 
Schlucken usw. bis zum Defäzieren; alle jene Bewegungen, die die tota le 



Die Struktur des Neugeborenen. 51 

Situation „wieder herstellen wollen" (Augenschließen, embryonale Hand-, 
Beinhaltung usw.) ; jene Bewegungen, die Lust „an sich" sozusagen suchen : 
Ludein, Ins-Licht-sehen usw. Die Handlungen dienen der regressiven oder 
der progressiven Tendenz und dem Freßtrieb, falls man ihn aus der re- 
gressiven Tendenz gesondert benennen will. Die Bewegungen vom Rt I 
wären als Abwehrhandlungen, die vom Rt II als Zuwendungshand- 
lungen ganz allgemein einzureihen. 

Die Struktur des Neugeborenen. 

Die umfangreiche Darstellung der einzelnen psychischen Phänomene 
des Neugeborenen rechtfertigt sich wohl, da sie der Ausgangspunkt der 
Entwicklung sind, die zu schildern in den folgenden Kapiteln und späteren 
Büchern meine Aufgabe sein wird, und da sie in den vorliegenden Gesamt- 
darstellungen der Kinderpsychologie zu sehr vernachlässigt wurden. Solche 
Darstellung der Psychologie des Neugeborenen hat die beträchtliche 
Schwierigkeit, daß ihr Objekt in höchstem Maße undifferenziert ist, so wird 
sie an mancher Stelle spitzfindig, allzusehr interpretierend und theore- 
tisch erscheinen. Um so dringender und einleuchtender aber macht diese 
Schwierigkeit eine Forderung, die langsam für die Psychologie aller Sta- 
dien der Entwicklung sich durchzusetzen beginnt, für die des Neugebore- 
nen aber unerläßlich erscheint: die Betrachtung des Ganzen nach der Er- 
forschung des Einzelnen. Die Beachtung der Beziehungen aller jener 
Phänomene, die der Forscher, sie zu erkennen, eine Zeitlang als isolierte 
studieren mußte, deren volle Erkenntnis er sich aber verschließt, wenn er 
nicht beizeiten bemerkt, daß diese Isolierung nur forschungsökonomische 
Abstraktion ist, daß es Wahrnehmungen, Vorstellungen, Bewegungen als 
solche gar nicht gibt, und daß die Frucht seiner Isolationen ihm erst 
reift, wenn er diese Sonderungen aufhebt, sobald sie ihm ihren Dienst getan 
haben. Das Neugeborene ist so wenig wie irgend ein Lebendes Summe 
von Sinnesreizen und Reaktionen, sondern ein in sich geschlossenes organi- 
sches Ganzes. Das Ganze ist nicht verständlich aus der Summe der Einzel- 
heiten, sondern eher jede Einzelheit aus dem Ganzen. Solche strukturell- 
psychologische Betrachtungsweise wird immer mehr anerkannt. Sie ist ein 
Grundgedanke dieses Buches, und wir haben mit ihr jedes Kapitel zu 
schließen. Doch wird eine Auseinandersetzung mit den sehr verschiedenen 
Begriffen und Tendenzen, die jeweils als Struktur bezeichnet wurden, 
nötig sein. Vorläufig will ich mit Struktur nichts anderes bezeichnen, 
als die gegenseitige Beziehung der Einzelphänomene zueinander; eine be- 
grifflich viel anspruchslosere Aufgabe demnach, als die Spranger sehe 
Meinung von Struktur oder die der Gestaltspsychologen. 

In diesem Sinne allein ist es gemeint, wenn ich sage, das Neugeborene 
selbst ist eine Isolation; das natürliche Ganze, auf das wir die Einzel- 

4* 



52 



Das Neugeborene. 






Phänomene zu beziehen haben, ist: das Neugeborene und seme M utter 
Wohl bedeutet die Geburt die physische Individuation des Kindes, Ä 
aber seine biologische und soziale, daher auch in J ine ^.f^ n ^: 
nicht seine psychische. Wir haben mehrmals - übrigens in ^emnsUm 
mung mit allen Autoren - darauf hingewiesen daß das Neu ebo reue 
selbstverständlich nicht imstande ist, seine Bedurfnisse s^ u ^ 
friedigen, nicht einmal seine primitivsten; diese sogar am wenigsten 

Es M dabei völlig auf seine Umgebung, kurz gesagt, auf seme Mutter 
angewiesen. Dies ist aber kein einfacher Defekt seiner Existenzform, 
sondern sie ist diesem Zustand angepaßt; der Struktur des Neugeborenen 
entsprechen bestimmte Einrichtungen im Organismus der Mutter, ja im. 
Aufbau der Gesellschaft. Und das erst gibt uns ein Recht, die Träger dieser 
aufeinander angewiesenen Funktionen (oder Einrichtungen) auch als 
eine Einheit anzusprechen. Von den zur Befriedigung seiner Bedürfnisse 
nötigen psychischen (und physischen) Arbeitsleistungen vollführt das 
Neugeborene selbst nur einen, und zwar verhältnismäßig kleinen Bruch, 
teil. Den Rest die Mutter (Gesellschaft). 

Diese Tatsache der besonderen sozialen Struktur des Neugeborenen 

rund Säuglings) bedarf einer klaren Formulierung. Wir fragen nach den 

Redingungen unter denen sonst der Fall eintritt, daß ein Mensch Arbeit 

Eistet zur Befriedigung des anderen, und können sagen, daß dies in zwei 

Fällen eintritt. Erstens wenn das „bediente" Subjekt geliebt w ird . D 

dies ist der paradoxe soziale Erfolg jeder Liebe, daß ihr Objekt 2Urn Sub _ 

jekt der Durchsetzung einer ganzen Anzahl seiner Forderungen ^ ir(i 

die Liebe also notwendigerweise sich — bis zu einem gewissen Grad -J 

„altruistisch" verhalten muß. Auf unser Thema angewandt, ist all die« 

nur die etwas umständliche Umschreibung der banalen Weisheit, da£ 

die Mutterliebe es ist, auf die der Säugling angewiesen ist, mit der er abei 

auch rechnen kann, weil sie niemals ausbleibt. Nur das letzte ist nicht 

richtig. Die Mutterliebe fehlt in gar nicht wenig Fällen. Es wurde davon 

bereits gesprochen, und wird noch Einiges dazu zu sagen sein. Aber di e 

Existenz des Kindes ist nicht allein an die ihr entsprechende Existenz 

der Mutterliebe geknüpft, sondern an ein ganz gewisses, und gar nicht 

unbeträchtliches Maß und eine bestimmte Art von ihr. Und daß dieses 

Maß niemals unterschritten wird, daß die Art der Liebe immer so sei, daß 

ihr Subjekt bereit ist, die Fülle von Arbeit und Versagung zu leisten 

(kompensiert zu erhalten durch die. Befriedigung, die sie als Liebes, 

handlungen bieten), das wäre denn doch zuviel behauptet. Und hier 

tritt der zweite Fall ein, in dem unter normalen sozialen Ver. 

hältnissen „altruistisches" Tun möglich ist. Dies geschieht wenn das 

Objekt der Arbeitsleistung über den Leistenden HerrschafUgew^t 

ausübt (Weber). So befremdlich es klingen mag, der Saugimg t 

auf seine Mutter nicht allein Liebesgewalt, sondern auch Herrscn 



Die Struktur des Neugeborenen. 53 

aus. Freilich fordert er keinen Gehorsam für seine Befehle und rächt 
nicht persönlich deren Mißachtung, sondern immer nur leitet er jene 
Arbeitsleistung ein, die zur Befriedigung seiner Bedürfnisse führen 
würde (meistens Schreien) und stirbt schließlich, wenn niemand sie 
fortsetzt. Aber eine Mutter, die ihr Kind vernachlässigt, erfährt Miß- 
achtung oder Strafe der Gesellschaft, die sich in irgend einer Form und 
in verschiedenem Maße zum Exekutor der Herrschgewalt des Kindes 
macht, und es so schützt, ihm die Befriedigung seiner wichtigsten Bedürf- 
nisse sichert. Das Ausmaß dieses Schutzes, seine Formen, die Exekutoren, 
all dies unterliegt einer Fülle von Variationen. Wir werden uns in einem 
späteren Zusammenhang mit ihnen zu befassen haben. Aber irgend- 
welche Ansätze dieses Tatbestandes dürften nirgends fehlen. 

Allerdings, wir haben ein wichtiges Merkmal der sozialen Struktur 
des Neugeborenen nur benannt, wenn wir darauf hinwiesen, es sei kein In- 
dividuum, alle, die wichtigsten seiner Handlungen seien keine abgeschlos- 
senen, es sei daher auf die Mutter absolut angewiesen und sagten, das 
Korrelat dieses Zustandes sei Liebesgewalt und Herrschaft des Säuglings, 
die es auf Mutter und Gesellschaft ausübe. Wie Liebesgewalt und Herr- 
schaft des Säuglings entstanden sind, ist damit nicht erklärt, und ist viel- 
leicht noch gar nicht erklärbar. Jedenfalls aber begnügen wir uns — bis 
wir an seiner Stelle versuchen dem Problem abzugewinnen, was es heute 
zu bieten vermag — mit der Banalität, daß die Herrschaft des Säuglings 
zu der Erhaltung der Gesellschaft unerläßlich nötig ist, sobald oder soweit 
seine Liebesgewalt nicht stark genug ist, ihm das Eintreffen der korrelaten 
Leistungen zu sichern. 

Ein isolierter Säugling wäre schlimm daran, er wäre von vorneherein 
so gut wie tot. Aber normaler Weise ist er so wenig isoliert, wie sonst ein 
Körperteil der Mutter, was allerdings nicht ausschließt, daß es gelegent- 
lich der Fall ist, etwa bei der Amputation. (Es ist wichtig, sich klar zu 
machen, weil es vor einem verzerrenden Fehler aller Betrachtung schützt: 
Daß das Neugeborene bemitleidungswürdig, hilfsbedürftig erscheint, ist 
eines seiner Machtmittel, es ist aber nicht bemitleidungswürdig, weil es 
eben so erscheint.) Unvollständig erscheint es, wenn wir nur einen Teil 
von ihm ansehen ; es wird sogleich vollständig, wenn wir es zusammen mit 
seiner Mutter, die unter seiner Liebes- und Herrschaftsgewalt steht, 
betrachten. Aber zur richtigen Bewertung der Struktur des Neugeborenen 
bedarf es nicht nur der Ergänzung durch die Mutter, sondern der Be- 
achtung des historischen Moments. Das Neugeborene ist zwar der Aus- 
gangspunkt, den wir dem Studium der Entwicklung geben, es ist aber 
nicht der Anfangspunkt der Entwicklung selbst. Über die Psychologie 
des Fötus wissen wir sehr wenig ; doch dürfte die Annahme sich empfehlen 
und unwidersprochen sein, daß der fötale Zustand strukturell charakteri- 
siert ist durch ein Maximum gebundener Energie, also den äußersten 



64 



Das Neugeborene. 



Ruhe- und Gleichgewichtszustand darstellt, der uns empirisch gegeben 
ist. Das psychische Leben des Neugeborenen besteht nun zum Teil dann, 
diesen Ruhezustand wieder herzustellen, sobald er durch die Geburt ge- 
stört wurde und nach ihr immer wieder aufs Neue durch innere und äußere 
Reize in Frage gestellt wird. Das wichtigste Element der psychischen 
Struktur des Neugeborenen ist die konservative Tendenz. Auf sie sin<i 
eine ganze Reihe von psychischen Erscheinungen zu beziehen - Wlr 
haben sie im vorausgehenden einzeln geschildert - was wir so ausdrucken, 
daß wir sagen, sie stehen im Dienste der konservativen Tendenz. Di e 
merkwürdigen, und je feiner die Untersuchungsmethoden sind, um so 
widerspruchsvoller, erscheinenden Tatbestände des Verhaltens der Sinnes- 
empfindlichkeit können von hier aus positiv und sinnvoll verstanden werden . 
Übersieht man die kunservative Tendenz, so muß man davon sprechen, 
daß die Leistungen der Sinnesorgane defekt sind, auch vermag man der 
Tatsache nicht gerecht zu werden, daß sie andererseits doch in Funktio] 
sind, oder gelegentlich sein können. Mit Beziehung auf jene Tendenz 
aber kann dieser Widerspruch und zwar ganz auf psychischer Ebene ge- 
löst werden: die Sinnesorgane werden außer Funktion gesetzt, es wird 
von ihnen kein Gebrauch gemacht, soweit die konservative Tendenz 
wirksam ist, was beim Neugeborenen im allgemeinen, aber nicht immer 

der Fall ist. 

Unter die Erscheinungen der konservativenTendenz gehört im weiteren 
Sinne, noch eine Gruppe, die in sich geschlossen ist, und sehr wohl auch 
für sich betrachtet werden kann, und als Äußerung eines Triebes prä- 
zisierbar ist: Hunger und dessen Befriedigung. Hier dürfen wir den un- 
verbindlicheren Terminus der Tendenz mit dem präziseren mehr präju- 
dizierenden des Triebes vertauschen, auch wenn wir dieBegriffserörterun^ 
des Triebes noch vermeiden wollen. Hungergeschrei, Kopfwendung, Er- 
fassung des Objektes durch den Mund, Saugen und Schlucken, sind die 
Erscheinungen, die auf den Freßtrieb zu beziehen sind. Dieser Trieb selbst 
ist letztlich gewiß in die konservative Tendenz einzuordnen, verdient 
aber wohl ebenso gewiß eine Sonderstellung in ihr. 

Historischen Bezug haben auch jene Vorgänge, die wir als uneinreih- 
bar erklären müssen, wenn wir uns nicht entschließen, sie als Nachwii 
kungen des traumatischen Modus der Geburt aufzufassen. Sie haben nichi 
die konservative Tendenz, sie zeigen uns zunächst überhaupt keine Ten 
denz, sondern sind Reproduktionen, deren Anlaß und deren Mechanismus 
uns zur Not begreiflich ist, noch nicht aber deren ökonomische Funktion. 

Und schließlich sind auch schon in den ersten Tagen Phänomene 
sichtbar, die den Ansatz einer neuen Strukturgruppe geben denen w ir 
bisher nur im Gegensatz zur konservativen eine progressive Tendei» : z u _ 
geschrieben haben, deren wesentlicher Kern aber eine noch nicht deutheh 
angebbare Beziehung zur Lust ist. 



Erste Fortschritte. Das Schauen. 55 

B. Erste Fortschritte. 
Das Schauen. 

Die Struktur des Neugeborenen erfährt sehr bald eine Reihe von 
wesentlichen Veränderungen, die als Entwicklungsfortschritte bezeichnet 
werden. Das Wort Fortschritt ist freilich nicht völlig glücklich. Zwar 
wird niemand ein Werturteil dahinter vermuten, sondern jedermann es 
deskriptiv verstehen, als Bezeichnung für Phänomene, die dem Neuge- 
borenen noch fehlen, und deren Auftreten den Säugling dem erwachsenen 
Menschen ähnlicher machen. Aber man wird sich vor Augen halten 
müssen, daß die Entwicklung nicht geradlinig verläuft und daß daher 
manche Erscheinung, die der Struktur des Neugeborenen fremd oder 
in ihr kaum angedeutet ist, sich aber im nächsten Entwicklungsab- 
schnitt deutlich ausbildet, zunächst der Norm struktur des Erwachsenen 
sehr unähnlich bleibt; so, daß schwer zu entscheiden wäre, ob das 
frühere Stadium oder das spätere dem Erwachsenen näher steht, so 
sehr sie sich auch untereinander unterscheiden mögen. Und es wäre 
gut, hätten wir ein treffendes Wort zur Bezeichnung solcher Ver- 
änderungen, die vom Ausgangspunkt der Entwicklung wegführen, ohne 
sich unmittelbar dem Endpunkt zu nähern, für die Umwege der Ent- 
wicklung. Ein solcher Terminus fehlt; darum verwenden wir den des 
„Fortschritts" umso unbekümmerter, als wir ja wissen, daß solche und 
diese Umwege notwendige Schritte sind. 

Die ersten Fortschritte dieser Art werden unser besonderes Interesse 
aus denselben Gründen beanspruchen, die uns ein ausführliches Studium 
der ersten Lebenswoche vorschrieben. So mannigfaltig sie sich auch er- 
weisen werden, so fest stehen sie miteinander in Zusammenhang und geben 
einer bestimmten Entwicklungsspanne eine präzise Signatur. Und zwar 
sind es ungefähr die drei ersten Lebensmonate, die zusammenfassend als 
Periode der ersten Fortschritte betrachtet werden können. Schon die 
naive Beobachtung war geneigt, dem ersten Vierteljahr eine einheitliche 
Sonderstellung einzuräumen. Sigismund nennt es das dumme Viertel- 
jahr. Dieser Name hat sich nicht durchgesetzt, aber die Sonderung, die 
er vorschlägt, ist vielfach aufgenommen worden und rechtfertigt sich sehr 
wohl auch durch tiefere Gründe, als die Bequemlichkeit des Rechnens mit 
Kalenderjahrabschnitten. 

Summarisch läßt sich dieses Stadium leicht und gut charakterisieren. 
Die Kinderpsychologen sind darüber kaum uneinig, daß der aktive Ge- 
brauch der Sinnesorgane und das Auftreten von Gedächtniswirkungen im 
Gefühls- und Willensleben des Kindes, wie es z.B. Bühler formuliert, 
die ersten wichtigen Fortschritte der Entwicklung sind. Tatsächlich ist 
beides beim Neugeborenen gar nicht oder in so undifferenzierter Andeu- 
tung vorhanden, daß die Entfaltung dieser beiden Phänomene eine sehr 



56 



Erste Fortschritte. 



wesentlich veränderte Struktur des Vierteljahrkindes ergeben muß. 
Diese klar zu erfassen müssen die festgestellten Tatsachen aber erst ge- 
sammelt dargestellt sein. 

Von vornherein ist es klar, daß die ersten Fortschritte Erscheinungen 
sein werden, die der progressiven Tendenz - der Tendenz psychische Fort- 
schritte zu machen -einzuordnen wären. Daher darf man erwarten daß 
sie auf dem Gebiet des Gesichtssinnes, der sich von Anfang an -erstaun- 
licherweise wie wir fanden - progressiv verhält, besonders deutlich s m <i 
und wird es sich empfehlen, die Darstellung mit ihnen zu beginnen 

" Das Auge ist von Geburt an lichtempfindlich ; und mäßige Lichtreiz e 
lösen mannigfaltige Reaktionen der Lust aus: weites Offnen der Augen, 
Zuwendungsbewegungen des Kopfes; die Atmungs- und Pulskurven sind 
mehr vom Lust- als vom Unlusttypus. Wenn dem Neugeborenen das 
Licht aber auch angenehm ist, so kann es doch wenig tun, um sich diese 
Annehmlichkeit zu verschaffen oder zu sichern. Die Zuwendungsbewe- 
gungen sind anfangs selten - nicht immer sicher festgestellt - wenig aus- 
dauernd und erfolgreich und setzen auch nur gegenüber diffusen erleuch- 
teten großen Flächen ein. Von einem Sehen im erwachsenen Sinn lst 
trotz der ausgesprochenen Lichtfreundlichkeit keine Rede. Ist es über- 
haupt fraglich, ob schon in den ersten Tagen kleine leuchtende Objekte 
(Kerzenflamme etwa) ebenso wie große helle Flächen (Fenster) bemerkt 
werden, so ist es sicher, daß die Richtung des Blickes auf das Objekt und 
die Akkomodation auf -seine Entfernung nicht von Anfang an besteht. 
Vielmehr wird die Fähigkeit zu beidem im Laufe des ersten Vierteljahrs 
erst allmählich erworben. Die ältere Kinderpsychologie, Prey er voran, 
hat dieser Frage sorgfältige Beobachtungen gewidmet, so daß wir über 
einige wichtige Fragen aus diesem Zusammenhang gut unterrichtet sind. 

Das Richten des Blickes vervollkommnet sich in vier Stadien 
(Preyer, Bühler): 1. Der Blick irrt planlos umher, trifft er zufällig i n 
entsprechender Nähe ein deutliches Objekt, so können die bereits genann- 
ten Lustreaktionen eintreten — oder der Säugling starrt geradeaus vor 
sich hin und ist darauf angewiesen, daß ein Objekt sich in seiner Blick- 
linie befindet oder in sie gerät. 2. In der zweiten Woche ungefähr werden helle 
Flächen in der Blicklinie aktiv festgehalten; auch das Wenden von einer 
hellen Fläche zur anderen wird beobachtet (elf ter Tag Preyer). Es ist da- 
mit eine Art wirkliches Sehen für ruhende Objekte erreicht. Ein Stadium, 
das dem Säugling manche starke Lust bietet. Der nächste wichtige, 
wenn man will der entscheidende Schritt ist 3. in der dritten Woche gemacht, 
wenn der Blick langsam bewegten Gegenständen zu folgen vermag und 
der Blick einen „neuen befriedigten, intelligenten Ausdruck" (Preyer) 
erhält Die Lust steigert sich oder wenigstens ihren Ausdruck zu lautem. 
Jubel" (Preyer). So hat das Kind eine gewisse Unabhängigkeit von den 
Zufälligkeiten des Auftretens und Verschwindens eines Lichtreizes er- 



Das Schauen. 57 

langt und nicht nur die Vorbedingung für ein scharfes eigentliches Sehen, 
die Fixierung des Reizes im gelben Fleck der Netzhaut. Mit dem Erwerb 
der Fähigkeit 4. zu „Suchen" hat es jenes Maß von Aktivität und Unab- 
hängigkeit erreicht, die mit den Muskeln des Kopfes allein überhaupt 
erlangt werden kann. Dies Suchen pflegt zu Ende des dritten Monats zu 
beginnen. Und zwar regelmäßig in der Form, daß das Kind nach der Ur- 
sache von Geräuschen sucht und seine Augen oder den Kopf, aber sicht- 
lich planvoll und intelligent, nach verschiedenen Seiten, oft sofort nach 
der richtigen wendet. 

Zugleich mit dem Ervverb dieser Fähigkeiten bildet sich auch die 
Konvergenz der Achsen beider Augäpfel aus. Anfangs sind divergente 
atypische Bewegungen der beiden Augäpfel, oder Bewegungen eines für 
sich allein, sehr häufig. Sie sind aber keineswegs ausschließlich, es kom- 
men von Anfang an — wenn auch seltener — konvergente Bewegungen 
vor. Sehr bald überwiegen diese weit über jene. Genauere Daten lassen 
sich nicht angeben, aber jedenfalls ist dieses Stadium bereits vor Ablauf 
des ersten Monats erreicht. Nach dem dritten Monat kommen diese Aty- 
pien normalerweise überhaupt nicht mehr vor. 

Ähnlich steht es mit der Akkommodation; auch sie wird in den ersten 
Tagen bereits bemerkt, dürfte aber kaum regelmäßig in bezug auf Ge- 
nauigkeit, Sicherheit und Raschheit ausgebildet sein. Genauere Studien 
liegen nicht vor, doch spricht viel dafür, daß sie in der Zeit des „Folgens" 
bereits mit einiger Exaktheit und Regelmäßigkeit funktioniert (Bühler); 
daß vor dem beendeten dritten Monat die Entwicklung der Akkommodation 
nicht abgeschlossen ist(Preyer) und vielleicht erst am Ende des zwölften 
Monats ihre Vollendung erreicht. 

Diese Tatbestände sind der Ausgangspunkt für zwei lebhafte Dis- 
kussionen geworden; man hat erstens gefragt, ob sie die nativistische oder 
die empiristische Auffassung belegen; und man versucht zweitens aus 
ihnen sich eine zutreffende Vorstellung über die Art der Wahrnehmungen 
des Säuglings, der primitiven Wahrnehmung überhaupt zu bilden. Die 
erste Frage kann heute, kaum mehr strittig sein. Die Mechanismen der 
Konvergenz, der Akkommodation sind zweifellos angeboren. Das heißt, 
das System der Muskelbewegungen, die nötig sind, um einen Sehakt, im 
eigentlichen Sinn, durchzuführen, ist bei der Geburt vorgebildet. Er 
braucht vom Kinde nicht erfunden zu werden, und wird ihm nicht „beige- 
bracht" wie das Klavierspiel. Andererseits ist er aber anfangs nicht völlig 
ausgebildet und das Zusammenspielen der Muskeln, das den Sehakt kon- 
stituiert, ist nicht die einzige Bewegungsweise, die diesen Muskeln möglich 
ist. Anders als beim Saugen, das nicht bloß vorgebildet, sondern als völlig 
ausgebildete Koordination mannigfaltiger Muskelbewegungen am ersten 
Tag dem Neugeborenen zur Verfügung steht. Das Bewegungssystem 
„Saugen" ist freilich ebensowenig wie das „Sehen" das einzige, das mit 



58 



Erste Fortschritte. 






den betreffenden Muskeln möglich ist, aber es bildet sich automatisch und 
von Anfang an, beim Wirken eines bestimmten Reizes, während bei m 
Sehen nicht allein ein präziseres Koordinieren der Teile überhaupt nötig 
ist und sich allmählich entwickelt, sondern vor allem die Zusammenfassung 
als regelmäßige Reaktion auf einen Reiz erst allmählich „gelernt werden 
muß. Ein Unterschied, der noch als krasser erscheint, als er wirklich i st , 
weil normalerweise die Augenmuskeln in späterer Zeit nur mehr „Sehbe- 
wegungen" machen, ja, zum Teil nur mehr solche machen können; die 
Lippen- Zungen-, Gaumenmuskeln zeitlebens zu verschiedenen Funktio- 
nen sich koordinieren. Die Frage kann nicht sein, angeboren oder er- 
worben, sondern wie Stern allgemein formuliert „was ist angeboren, was 
ist erworben?" und erscheint beantwortet: Die Augenmuskelbewegungen 
sind zum Teil angeboren (Koordination, Akkommodation), zum Teil vor- 
gebildet; erworben wird die Präzision und die Subordination unter den 
Reiz, wenn man so sagen kann, die Zusammenfassung als ausschließliche 
Reaktion. Daß es sich um eine R vom Rt II handelt, braucht nicht aus- 
drücklich erwähnt zu werden; denn die Sehbewegungen dienen ja da zu , 
einen Lichtreiz einzulassen, ihn optimal wirken zu lassen; sie sind a Us 
dieser Funktion restlos verständlich. 

Was bedeutet aber das Wort „erworben"; wie wird erworben? i S j 
die Frage, die sich aus dieser Antwort zunächst' ergibt. Sie ist wichtig, 
denn die Klärung des Begriffs der psychischen Erwerbung, die Aufdeckung 
ihres Mechanismus ist eine vornehme Aufgabe der Entwicklungs- 
Psychologie. Sich ihr zu nähern, verlangt einige Unterscheidungen. Das 
Schauen besteht aus einer Reihe von psychisch nicht gleichwertigen 
Bewegungen. Man geht kaum zu weit mit der Behauptung, die Augen- 
bewegungen des Erwachsenen sind überhaupt nicht psychischer Natu r . 
Sie sind physiologische Bewegungen. Ähnlich wie die Bewegungen des 
Herzens, der Lunge, des Darms, die inneren Sekretionen. Es ist kaum 
ein Grund, jene von diesen prinzipiell zu sondern. Die physiologischen 
Bewegungen können sehr oft für eine Zeitlang bewußt werden, wahr- 
genommen werden, wie die Außenfläche unseres Körpers; sie haben oft 
psychische Folgen — zuweilen sehr beträchtliche, sie sind psychisch 
beeinflußbar, zuweilen sehr energisch und nachhaltig, wir haben aber 
keinen Grund, etwa die peristaltischen Bewegungen ins Gebiet der Psycho- 
logie zu rechnen. Und was für diese gilt, gälte für die Augenbewegungen 
ebenso, wenn die des Erwachsenen mit denen des Neugeborenen identisch 
wären. Lediglich die Tatsache ihrer Entwicklung, gibt ihnen einen gewisse» 
Raum in der Psychologie. Das Essen ist gewiß eine psychische Angelegen- 
heit aber die Bewegungen der Kaumuskeln und Zunge sind es an sich 
nicht, sondern physiologische Vorgänge. Zweifellos psychologisch werden 
Bewegungen, wenn sie Abfuhrphänomene oder Handlungen sind. Und 
eben das sind die Augenbewegungen im ersten Vierteljahr, was ihnen 



Das Schauen. 59 

mittelbar eine etwas andere Stellung in der Psychologie geben muß, 
einerlei in welchem Maße ihnen diese genetische Tatsache eine Art 
Mittelstellung zwischen physiologischen und psychologischen Phäno- 
menen bietet. 

Koffka bemerkt, so viel ich sehe als Einziger, es sei anzunehmen, 
daß bei weitem nicht alle Augenbewegungen der ersten Tage etwas mit 
dem Sehen zu tun haben, sondern daß viele wohl einfach als impulsive 
Bewegungen aufzufassen seien, nach unserer Nomenklatur demach als 
Abfuhrphänomene. 

Diese Deutung scheint durchaus einleuchtend und berechtigt. Man 
kann nicht oft genug betonen, daß wegen der Undifferenziertheit der 
frühen psychischen Erscheinungen jede einzelne verschiedene Bedeutungen 
haben kann; ja, meistens haben dürfte. Sind viele der Augenbewegungen 
Abfuhrvorgänge, so ist nicht verwunderlich, daß sie atypisch verlaufen, 
weil die Koordination der Augäpfel kein starrer Reflex ist, sondern erst 
im Laufe des Lebens zur fast allein möglichen Bewegungsweise wird. 

Wir haben oben die Bewegungen — nämlich die psychisch relevanten 
— in zwei Gruppen zusammengefaßt: die Abfuhrphänomene und die 
Handlungen; soll diese Einteilung aufrecht bleiben, müssen die koordi- 
nierten Bewegungen (und überhaupt alle, die nicht bloße Abfuhrphänomene 
sind, sondern mit dem Schauen etwas zu tun haben) als Handlungen 
aufgefaßt werden. Das widerspricht allerdings ein wenig dem üblichen 
Sprachgebrauch, aber, so scheint mir, auch nur ihm. Sachlich wäre diese 
Einordnung wohl zu rechtfertigen. Wir brauchen uns nur klar zu machen, 
daß die verschiedenen Augenbewegungen sinnvoll sind, die Lichtreize 
als scharfe Bilder auf der Netzhaut erscheinen zu lassen, und müßten uns 
mit der Statuierung eines „Bedürfnisses zu sehen" abfinden. Dies 
kann uns leicht fallen, wenn wir jene Tatsachen betrachten, die sich 
über die Lust beim Sehen und über die Intensität der Leistung fest- 
stellen ließen. 

Kein Beobachter hat versäumt, die „hohe Lustbetonung" (Bühler), 
das „große Vergnügen", „laute Jubeln" (Preyer), des Kindes zu er- 
wähnen, die nicht allein beim ersten Sehen oder ersten Gelingen eines 
Fortschrittes des Sehaktes eintreten, sondern das Sehen überhaupt, jedes 
Sehen begleiten und besonders im ersten Vierteljahr lebhaft und andauernd 
sind. Ein auffälliges Sehobjekt weckt jeden Lustausdruck, dessen das 
Kind jeweils fähig ist, bis zum Lachen, Strampeln und „Krähen". Anfangs 
sind die Äußerungen der Lust überhaupt wenig merklich (im Gegensatz 
zu denen der Unlust, wovon noch zu sprechen sein wird), aber allein schon 
die Tatsache, daß das Kind in den ersten Wochen mit Aufmerksamkeit 
sich dem Schauen hingibt, beweist ein gewisses Maß von Lust oder Drang 
zu sehen, wo doch dem Lichtreiz zu entgehen so einfach ist: Es bedarf 
nur des Lidschlusses, einer Reaktion, die schon das Neugeborene wohl 



60 



Erste Fortschritte. 



beherrscht. Merkwürdig und in diesem Zusammenhang beweisend i st 
auch, worauf Preyer hinweist: Weites öffnen der Augen also Einlaß 
von Licht, ist allgemeines, nie fehlendes Symptom von Lust überhaupt . 
Zukneifen der Augen, „Nichtsehenwollen", Symptom der Unlust. Es xst, 
als wäre der Ausdruck der Sehlust vorbildlich für jede Lust, was wohl 
für die Intensität dieser Sehlust spräche. Etwas sehen zu können ist aber 
zudem eine Kompensation für manche Unlust, oft und sehr frühe , schon 
(zweite Woche z. B . bei S c u p i n s Jungen) hört der Säugimg auf zu schreien , 
wenn seine Augen etwas Leuchtendes, Buntes, für ihn Sehbares zu sehe* 
bekommen. Es lenkt ihn ab, und nicht bloß für den Augenblick der 
Überraschung, sondern für eine je nachdem längere oder kürzere Weile. 
Ein Verhalten, das kaum anders gedeutet werden kann als — naheliegen a. 
— : die Lust des Sehens ist stärker als die Unlust, die die Quelle des 

Schreiens war. 

Das Schauen ist ein Vorgang, der aktiv und mit Anstrengung ver- 
bunden abläuft. Alle Anzeichen der Aufmerksamkeit sind mit ihm ver- 
knüpft Kann man in den ersten Wochen noch darüber im Zweifel sein, 
ob die Aufmerksamkeit des Kindes nicht eine passive, erzwungene ist, 
so ist das in einem späteren Stadium der Entwicklung nicht mehr möglich. 
So schildert S cupin von der vierten Woche anschaulich: „Das wache 
Kind wurde neben ein buntseidenes Kissen gelegt. In gespannter Auf- 
merksamkeit blickte es darauf, blähte die Nasenlöcher weit auf und schob 
die Lippen vor, so daß das Mündchen ganz spitz wurde." Die Aktivität 
wird so deutlich, daß man das Verhalten des Kindes gar nicht anders 
beschreiben kann als mit den Worten, es will dies oder jenes sehen. So 
wenn Queck-Wilker schreibt: „(42. Tag) haften seine Augen fest a Uf 
einem Punkte der Zimmerdecke, und Kopf und Augen richten sich danach 
zurück, als das Kind abgewendet wird..., am 70. Tage folgt es de m 
Lampenlicht, dreht den Kopf danach und wird unruhig, wenn man ihi 

beschattet." 

Selbstverständlich sind diese ausgebildeten Schauvorgänge Hand- 
lungen. Warum sollen die Versuche, vier -Wochen früher einer bewegten 
Kerzenflamme mit den Augen zu folgen, nicht ebenso aufgefaßt werden ? 
Doch nicht, weil jene Kopfbewegungen, diese nur Augenbewegungen 
verlangen. Ebensowenig, weil diese noch unbewußt, jene aber bereits 
bewußt wären ; wir wissen das eine genau so unsicher wie das andere, 
und berücksichtigen überhaupt nicht, ob ein Vorgang bewußt ist oder 
nicht, wenn wir ihn als Handlung einordnen wollen. Der entscheidende 
Grund für das Widerstreben kann nur der sein, daß die Handlung von einer 
organisierten psychischen Instanz im Sinne ihres Bedürfnisses vollzogen 
wird und es nicht leicht ist, diese im frühesten Säuglingsalter anzunehmen. 
Aber gerade um die Annahme einer solchen Instanz als nötig zu erweisen, 
widme ich der anscheinend rein terminologischen Frage einen gewissen 



Das Schauen. 61 

Raum. Könnten wir ein bewußtes Ich annehmen, das sehen will, so würden 
wir selbstverständlich sagen, sein Schauen sei Handlung. Da wir das nicht 
können, so müßten wir an seine Stelle ein Bedürfnis setzen, das triebhaft 
oder instinktiv komplexe Bewegungen erzeugt: Handlungen, instinktive 
Handlungen, genauer gesagt. Und das meine ich, empfiehlt sich. Es 
besteht von Anfang an ein Bedürfnis zu sehen; instinktiv vollzieht das 
Kind Bewegungen, dieses Bedürfnis zu befriedigen. Die Relation zu dem 
Bedürfnis drückt der Terminus Handlung aus. 

Doch wird man begreiflicherweise den Wunsch haben, das „Bedürfnis 
zu sehen" näher zu verstehen. Die erste Möglichkeit, die sich hier böte, 
wäre, diesem Bedürfnis den Namen Seh-trieb etwa zu geben. Aber wir 
wollen uns dieser "Verlockung nicht ergeben. In diesem Fall sagt der neue 
Name nichts, und den Brauch, so bequem er ist, Bedürfnis durch „Trieb" 
zu bezeichnen, müssen wir vermeiden, da es ja zu den Aufgaben dieses 
Buches gehört, Triebe und Triebleben ernsthaft zu behandeln. Claparede 
(2) spricht davon, daß in der frühen Kindheit das perzeptive Interesse 
vorherrschend ist und daß dem Sehen ein besonderes Maß dieses Interesses 
gewidmet ist. Diese Auffassung hat einen wesentlichen Vorzug vor dem 
Sehtrieb, denn sie ist mehr als Nomenklatur. Sie reiht das Bedürfnis zu 
sehen in einen größeren Zusammenhang ein, in das festgestellte perzep- 
tive Interesse überhaupt. Ja, sie kann sogar noch einen Schritt weiter 
dienen und kann dieses Interesse biologisch erklären — Interesse gehört 
dem biologisch Wichtigen. Die Betrachtung der psychischen Entwicklung 
unter diesem Gesichtswinkel des Interesses, ist der hier vorgetragenen 
sehr verwandt und man könnte sich mit ihr zufrieden geben, wenn nicht 
dieses Interesse ein sehr rätselhafter und bei Claparede wenigstens 
nicht ganz scharf bezeichneter Begriff wäre. Zudem ist die Beziehung des 
Sehbedürfnisses zur Lust so innig, daß man die Verkehrung der Beziehung, 
die sich aus der Interesse-Lehre ergäbe, nur ungern akzeptiert. Sie müßte 
nämlich sagen: das biologisch-adäquate Interesse, ausgeübt, erzeugt 
Lust. Das Bedürfnis zu „Sehen" kommt vom allgemeinen perzeptiven 
Interesse; dieses vom biologischen Nutzen; daher ist es mit Lust ver- 
knüpft. Mir scheint es einfacher, umgekehrt zu denken: Das Bedürfnis 
zu sehen ist ein Fall des allgemeinen Begehrens nach Lust. Weil das 
Schauen Lust bringt, wird es geübt, so intensiv geübt, daß es erscheint, 
als bestünde ein Bedürfnis zu sehen. Und solche Verhaltensweise be- 
zeichnen wir mit Interesse haben. Das Schauen ist also einfach 
eine Handlung, deren Zweck Lusterwerb ist. Die Tatsache, daß das 
Sehen Lust bringt und daß eine Lust jedenfalls genossen werden 
will, ist unmittelbar verständlich. Dabei kann jedem unbenommen 
bleiben, sich bei der Auskunft befriedigt zu fühlen, das Sehen sei mit 
Lust verbunden, damit das perzeptive Interesse, Bedürfnis zu schauen, 
erweckt und so der biologische Zweck sicher gestellt werden. 



62 



Erste Fortschritte. 



Von Anfang an besteht die Lust bei gewissen Lichtreizen; sehr früh 
Bemühungen, die auf einen Drang nach wiederholten gesicherten Liclxt- 
erlebnissen schließen lassen, aber erst nach einigen Wochen (zu Ende des 
ersten Vierteljahrs) kann der Sehakt einigermaßen vollkommen ausg e . 
führt werden. Eine Anzahl der hiezu nötigen Bewegungen wd Von 
Anfang an - als Abfuhr oder Reflex - vollzogen, sehr bald die übrigen. 
Der Inhalt des Vervollkommnungsprozesses ist demnach: der Lusttrieb 
gewinnt allmählich mehr Gewalt über die Bewegungen sie werden imrrrer 
umfangreicher, präziser und vollständiger in seinen ^\f^\ *« 
Abfuhr- und Reflexvorgänge verlieren üire Selbständigkeit, die L Us1 
wi rd ausschließlich zum Ziel und besser erreicht. Die Bewegungen sirx< 
da angeboren", die Lustbetonung der Lichtreize ebenso, und der ^ 
gemeine Trieb Lust zu erwerben gewiß nicht zum mindesten. Die Be- 
herrschung des motorischen Apparates durch den Trieb wird stufenweis« 
erworben. Freilich in verhältnismäßig so kurzer Zeit, daß man nicht utnh« 
kann den Prozeß der Erwerbung selbst als gewissermaßen angebore, 
zu ve'rmuten, was mit einem guten Worte Koffka(nach Stern) Reif ei 
im Gegensatz zu Lernen nennt. Dieses Verhalten werden wir noch an v r 
schiedenen Erscheinungen als ein typisch gültiges kennen lernen. 

Freilich scheint die Frage nicht von der Hand zu weisen, ob m C h1 

statt des Wachsens der Beherrschungsfähigkeit ein Wachsen der Sehlu« 

Oder (vielleicht auch von ihr abhängig) ein Wachsen der Triebkraft vorliegt. 

Uneingeschränkt kann das letztere nicht gelten ; denn will man in psycho- 

energetischen Problemen eine gewisse Klarheit gewinnen, so muß man 

so lange als ohne Zwang möglich mit der Vorstellung operieren: E> as 

Energiequantum ist konstant. Doch ist es auffällig, daß die Energie, aie 

auf das Schauen verwendet wird, wächst, und man versucht zu sagen: 

es wird allmählich ein immer größeres Maß von Energie (Triebkraft) dem 

Schauen zugeführt. Und gewinnt so zugleich einen Gesichtspunkt, die z u _ 

nehmende Beherrschtheit— das Reifen des Sehaktes — zu verstehen, 

sie ist die Folge des Einströmens von Triebkraft in einen erbangelegt en 

Apparat, um eine bildliche Ausdrucksweise zu Hilfe zu nehmen. Woher 

kommt aber dies Plus an Energie? Auf keinem Gebiet der psychischen 

Lebensäußerungen des Kindes sehen wir in dieser Zeit eine Abnahme der 

Intensität. Das Prinzip der Konstanz festhaltend, bleibt uns kaum anderes 

übrig als die Anschauung, dieFreud (9) vertritt, daß die Energie im Or ga . 

nismus anfänglich nahezu völlig gebunden ist, und erst allmählich Äu 

mannigfaltigen psychischen Verwendungen frei wird. Die Entwicklung d es 

Schauens ist ein Symptom einer solchen Freiwerdung. Von hier aus bietet 

sich dann folgerichtig auch eine M öglichkeit die Sehlust einzureihen. Sie vvä re 

das Ergebnis der neuerlichen Bindung der Energie durch die Abfuhr in 

der Handlung des Schauens und ihren mannigfaltigen Bewegungen, und 

durch die „Wahrnehmung" — vielleicht, wie vorgreifend erwähnt Sei> 






Die orale Zone. 63 

Eine verständliche Erklärung verdunkeln wir uns freilich leider durch 
diese Spekulationen. Früher wollten wir die Lust, die das Sehen bietet 
und die wir für angeboren erklärten, als Motor für die Entwicklung des 
Schauern ansprechen, nun soll sie das Resultat jener Freiwerdungs- 
vorgänge sein, die überaus dunkel und konstruiert erscheinen. Ein "Wider- 
spruch, der nicht leicht zu lösen ist. An dieser Stelle gewiß nicht. Dessen 
Erörterung auf später verschoben sei, unter Hinweis auf Freuds (9) 
angenommenen Wiederholungszwang, der ins Organische reichend die 
Tatsache benennt: daß aus unbekannten Gründen in jeder Einzelgenese 
ein gesetzmäßiger Ablauf gewiß seit Jahrtausenden stattfindet. In unserem 
Fall wäre diesem Zwang einzuordnen, daß das Individuum mit nahezu 
völlig gebundener Energie sein Leben beginnt, die in den ersten Wochen 
sich teilweise frei macht und im Sinne der größten Lustmöglichkeit sich 
am Sehapparat neu bindet und abführt. 

Die oben erwähnte Diskussion über die Art der Wahrnehmungen, 
die das Auge dem Kinde entwickelt, besprechen wir besser im Gesamt- 
zusammenhang der Wahrnehmungen überhaupt. 



Die orale Zone. 

Das Saugen tritt gleich nach der Geburt als so präziser Mechanismus 
in Erscheinung, daß man von vornherein keine Fortschritte dieser Funk- 
tion erwarten kann. Und doch findet eine deutliche und bedeutsame 
Entwicklung der Tätigkeit der oralen Zone bereits in den ersten Wochen 
statt, die vielleicht dahin zusammenfassend charakterisiert werden kann, 
daß die Erscheinungen intensiver und differenzierter werden. Je länger 
die Wachseinperioden werden, um so anhaltender wird die Saugtätigkeit. 
Und dies nach zwei Richtungen. Nicht allein trinkt das Kind immer 
länger, zuweilen mit kurzen Unterbrechungen und gegen das Ende der 
Mahlzeit in einer spielerischen Weise, möchte man geradezu sagen ; — 
sondern immer häufiger saugt es ohne Hunger oder ohne Möglichkeit ihn 
zu stillen, am Finger oder jedem beliebigen geeigneten Gegenstand, der 
ihm in den Mund gerät. Scupin schildert die größere Mannigfaltigkeit 
des Trinkvorganges sehr lebhaft aus dem Beginn der zweiten Woche: 

„Tritt jemand an das Bett des schreienden Kindes, so wird es augen- 
blicklich ruhig und sieht den Betreffenden groß an. Bei Hunger saugt das 
Kind laut schmatzend an den Fingern, doch beruhigt ihn das nur für 
kurze Zeit. Vor dem Anlegen an die Brust wackelt das Köpfchen unruhig 
hin und her, der Mund sucht gierig, die Augen sind weit aufgerissen. Ist 
die Warze endlich gefunden, so stößt es befriedigte Grunzlaute aus, saugt 
hastig bis es sich verschluckt, schnauft als hätte es die anstrengendste 
Arbeit vor. Dann wird das Saugen träger und häufiger unterbrochen, die 
Augen fallen dem Kinde zu, wohlig wie ein Kätzchen schnurrt es noch 



64 Erste Fortschritte. 

eine Weile und stößt schließlich mit seitlichen Kopfbewegungen die 

Warze aus." 

Konnte ein Zweifel darüber bestehen, ob das Neugeborene Saug- 
bewegungen um ihrer selbst willen macht, so ist beim Kind im ersten 
Vierteljahr irgend ein Bedenken gegenüber der regelmäßig festzustel- 
lenden Tatsache, daß alle Kinder auch ohne Hunger am Finger saugen, 
völlig ausgeschlossen und daher wohl nie erhoben worden, so heftig auch 
gelegentlich die Meinungsverschiedenheit über die Deutung der Tat- 
sache sein mag. Wieder mag eine Notiz der Gatten S cupin zur Illu- 
stration dienen (zehnte Woche) : „Es saugt mit Vorliebe an den Fingern, 
steckt auch wohl die ganze Faust in den Mund, selbst wenn es eben erst 
getrunken hat. Um ihm auch dies abzugewöhnen, wurde ihm ein Tüchlein 
vorgesteckt, welches dann mit der Hand zugleich in den Mund gerät und 
gar nicht schmeckt, wenigstens dem mißmutigen Gesicht nach zu urteilen. 
Nach einigen Versuchen unterläßt es dann gewöhnlich das Saugen/' 
Aber offenbar nur solange, bis es sich durch Zufall oder Versuche über- 
zeugt hat, daß die Bahn frei ist; denn zehn Tage später notieren die 
Eltern : „Das Kind nimmt den Finger fast nicht mehr aus dem Mund« 
und beißt mit den zahnlosen Kiefern eifrig daran herum." 

Dies ist durchaus typisch. Mit keinem Mittel gelingt es, dem Kinde 
das Ludein in diesem Alter abzugewöhnen. Es wird mit der ganzen Hart- 
näckigkeit, deren sein primitiver Wille fähig ist, fortgesetzt, allen Wider- 
ständen zum Trotz. Und ganz offenbar vermittelt das Ludein dem Kinde 
ein sehr beträchtliches Maß von Lust. Man hat es daher sehr mit Recht 
Wonnesaugen genannt (Lindner). Nicht allein die Hartnäckigkeit, mit 
der es angestrebt und festgehalten wird, spricht für den hohen Lust- 
charakter. Auch die Mimik des ludelnden Kindes ist die höchster Befrie- 
digung; das unruhige schreiende Kind kann — wie jede Pflegerin weiß — 
sofort und häufig für lange Zeit beruhigt werden, wenn ihm ein „Lutscher* 
oder irgend ein geeignetes Instrument in den Mund geführt wird. Das 
Kind beruhigt sich häufig selbst, indem es nach einer Weile Schreiens 
seine Absicht förmlich aufgibt, resigniert am Finger saugt und auch so 
zu einer gewissen Befriedigung gelangt. Hat das Saugen lange genug 
gedauert, so führt es Schlaf herbei und zwar allem Anschein nach — 
„selig lächelnd" — sehr befriedigenden, wie nach angenehmer Ermattung, 
Sorgfältige Untersuchungen über das Wonnesaugen wurden, so scheint 
es, mit der einen Ausnahme der durch Freud (2) berühmt gewordenen 
Lindn ersehen Arbeit „Über das Saugen an den Fingern, Lippen etc. 
bei den Kindern (Ludein)", keine angestellt; Lindn er s Aufsatz behandelt 
das Säuglingsalter nur ganz nebenbei. Die zahllosen verstreuten Bemer- 
kungen in den Kinderpsychologien und biographischen Tagebüchern 
genügen zwar, sich vom Wesentlichen des Vorgangs — wie wir es eben 
darstellten — einen Begriff zu machen, sie reichen aber leider nicht hin, 



Die orale Zone. 65 

Näheres über die individuellen Verschiedenheiten zu erkennen. Ja deren 
Vorhandensein selbst scheint den Beobachtern entgangen zu sein, oder 
schien ihnen zu geringfügig, um ausdrücklich bemerkt zu werden.' Und 
doch habe ich sehr den Eindruck, als würde es sich wohl lohnen, dieser 
Frage ein wenig nachzugehen. Alle Phänomene, die uns bisher beschäf- 
tigten — und alle, die in diesem Kapitel noch weiter behandelt werden 
sollen — sind streng gesetzlich verlaufend; wiederholen sich in jeder 
Genese jedes einzelnen Menschen wesentlich gleich. Individuelle Varia- 
tionen — in der Breite des Normalen natürlich — sind kaum vorhanden. 
Nur in einer Beziehung sind sie eigentlich überhaupt feststellbar: Der 
Zeitpunkt des ersten Auftretens eines Phänomens, aller seiner weiteren 
Entwicklungsfortschritte, differiert beträchtlich von Fall zu Fall Und 
vielleicht wird sogar ein eindringendes Studium lehren, diese scheinbar 
individuellen Abweichungen als typische, als Gruppenerscheinungen, zu 
verstehen. Trotzdem ist es für jedermann, der mehr als einen Säugline 
beobachten konnte, auffallend genug, daß jeder eine Individualität für 
sich ist und sehr frühe schon sich individuell äußert, so schwer es auch 
wäre, den frühesten Zeitpunkt anzugeben, in dem die individuelle Be- 
sonderheit in Erscheinung tritt, oder gar den allgemeinen Eindruck von 
ihr des näheren zu analysieren. 

Wollen wir uns dieser Schwierigkeit gegenüber nur an das einiger- 
maßen Sichere halten, an das Dominierende in jenem deutlichen, aber 
doch sehr allgemeinen Eindruck, ergibt sich uns, daß das Verhalten der 
oralen Zone jedenfalls zu den frühesten Beobachtungen individueller 
Züge Anlaß gibt, und gewiß bereits im ersten Vierteljahr. Fast nach jeder 
möglichen Richtung hin differieren die einzelnen Säuglinge in den oralen 
Funktionen. Sehr bald bietet der eine das Bild eines leidenschaftlichen, 
ungeduldigen, gierigen Trinkers, während der andere, gewiß im Rahmen 
der immer vorhandenen „tierischen Gefräßigkeit" (Perez), wesentlich 
gleichgültiger, ruhiger, sachlicher, möchte man sagen, sich dieser erfreu- 
lichen Tätigkeit hingibt. Die motorischen Begleitvorgänge des Trinkens, 
das Pressen, Schlagen, Halten, Kratzen der Brust mit den Händchen, 
mögen von der Intensität des Hungers abhängen und nach jeweiligen 
Stimmungen differieren, doch scheint sich auch hier frühe eine Art 
charakterisierende individuelle Gewohnheit auszubilden. Und insbe- 
sondere das Wonnesaugen entwickelt höchst individuelle Verhaltungs- 
weisen. Für ein späteres Kindheitsalter gibt Lindner einen überraschend 
reichen, wohlgeordneten und dennoch nicht annähernd vollständigen 
Katalog. Es kann nicht verwundern, wenn eine — bisher nicht unter- 
nommene — Untersuchung für die früheste Kindheit sehr beträchtlich 
geringere Mannigfaltigkeit aufwiese. Diese zwar geringere Mannigfaltig- 
keit würde sich aber sicherlich als individuell determiniert erweisen. 
Zwar, wie gesagt, es ludein alle Kinder, ebenso wie ja alle trinken. Manche 
Bornfeld, Psychologie dos Säuglings. 5 



66 



Erste Fortschritte. 



aber beginnen sehr früh ausdauernd, ja, beinahe unaufhörlich und sicht- 
lich mit größter Anspannung der Aufmerksamkeit, andere später, mehr 
intermittierend, seltener und mehr nebenbei sich die Lust des Ludeins 
zu verschaffen. Auch gewisse bevorzugte Methoden und Gewohnheiten 
beginnen sich recht bald, gewiß nicht selten schon im ersten Vierteljahr, 
individuell auszubilden. Im allgemeinen unterscheidet sich freilich das 
Wonnesaugen dieser Zeit von dem der späteren durch einige allgemeine 
Charakteristika: Anfangs ist gewöhnlich das Ludelobjekt nicht ein ein- 
zelner Finger, sondern die geballte Hand; der Ort des Ludeins ist nicht 
die Lippenpartie, sondern eine etwas tiefere Stelle im Mund, vermutlich 
die Gegend der Magitotschen Membran. Der Übergang zum Saugen an 
einzelnen Fingern, die Bevorzugung des Daumens, die Benutzung des 
Handrückens, -ballens, die Einführungsstelle im Munde, aktive Hilfen, 
wie Lindner sagt, die andere Organe, die andere Hand, Nase usw. 
bieten, die Mitbewegungen der Arme und all dies mehr kann sehr frühe 
schon ' zu individueller Gewohnheit, persönlicher, unterscheidender 
Verhaltungsweise werden. 

Merkwürdig genug ist es, wie selten und flüchtig alle diese Erschei- 
nungen der oralen Funktionen Gegenstand sorgfältiger Untersuchung 
wurden. Die geringe Wichtigkeit des Themas kann keinesfalls Begrün- 
dung und Entschuldigung dieser sonderbaren Lücke der Kinderpsycho- 
logie sein. Noch erstaunlicher fast ist es aber, daß einmal gemachte Fest- 
stellungen nicht weiter berücksichtigt, mitgeteilt oder geprüft werden. 
Bei der Armut unseres Wissens über die Details des Saugens rechtfertigt 
sich daher wohl, wenn ich auf die Arbeit von Herz zurückgreife, der, 
soviel ich sehe, zum letzten Male eine ausführliche Erwähnung der M a g i- 
tot sehen Feststellung über die Membrana gingivale bringt. Diese Mem- 
bran, auch Magitotsche Membran genannt (Vierordt), zeigt sich auf dem 
Zahnflächenrande beider Kiefer in der Gegend der Eckzähne beiderseits 
als membranöser Vorsprung, der an der unteren Maxille deutlicher zu 
sehen ist. Das Organ ist von bedeutendem Gef äßreichtum ; nach vor- 
und rückwärts beweglich und schwillt während des Saugens an. Bei guter 
Entwicklung kann man von sehr deutlichen papillären Hervorragungen 
sprechen. Sie sind zuweilen durch einen Saum miteinander verbunden, 
und „es entsteht so eine Art von sehr kleiner, äußerst dünner Lippe, 
welche von einem Hundszahn zum anderen geht und einer Art von 
Erektion fähig ist" (Herz). Die Magitotsche Membran dient dem Saugen, 
indem sie den luftdichten Abschluß, das Umfassen der Brustwarze fördert. 
Sie tritt aber offenbar auch beim Wonnesaugen in Funktion, da dieses — 
wie ich oben bemerkte — nicht an den Lippen, sondern in der Gegend der 
Kiefer vorgenommen zu werden pflegt. Selbst beim Leersaugen - ohne 
Brust und Finger — scheint es sich um eine Reizung dieser Membran 
zu handeln; wenigstens in etwas späterem Alter wird das leere Ludein 



Die orale Zone. 67 

so geübt, daß die Zunge rhythmisch an der Innenwand der Unterlippe 
oder des Unterkiefers gerieben wird. Es würde dazu wohl stimmen wenn 
Herz bemerkt, daß die Magitotsche Membran an der unteren Maxille 
deutlicher zu sein pflegt. Ob die Membran ausnahmslos anzutreffen 
ist, kann nicht als entschieden gelten. Herz versichert, daß sie gewiß 
in sehr zahlreichen Fällen vorhanden ist. 

Nicht allein der Wunsch dort möglichst vollständig zu sein, wo die 
Forschung bisher noch nicht genügend viel Material beschrieben hat, 
war für die Mitteilung der Befunde über die Magitotsche Membran maß- 
gebend, sondern weil sie gerade für unsere Betrachtungsweise einen 

wichtigen Anhaltspunkt bieten. Denn offenbar bietet die Membran 

neben der Funktion des Luftabschlusses für den Kolben der Pumpe, 
die der Mund während des Saugens darstellt — dem Säugling ein Plus 
an Lust. Zweifellos reicht die Lust, die der Mund ohne dieses Organ 
bietet, aus, die Mühe des Saugens zu lohnen, denn sonst müßte das 
Wonnesaugen nach dessen Rückbildung (im dritten bis vierten Monat) 
aufhören oder doch sehr beträchtlich nachlassen. Um so interessanter, daß 
im ersten Vierteljahr ein spezifisches Saugorgan vorhanden ist, dessen 
Lustwert zwar noch nicht festgestellt ist, aber nicht unbeträchtlich sein 
kann. Ein histologischer Befund ist mir nicht bekannt geworden. Es läßt 
sich dennoch kaum zweifeln an der Existenz von Nervenendigungen in 
der Magitotschen Membran — muß sie doch tasten können — sie dient dem- 
nach als Lustquelle bei fortgesetzter rhythmischer Reizung, einer Be- 
dingung, unter der jeder Teil der Hautoberfläche — und gewiß ein erektions- 
fähiger — Tastlust bieten kann. 

Die Einordnung der Funktionen der oralen Zone in unsere Begriffe 
macht zunächst wenig Schwierigkeiten. Das Saugen erzeugt jedenfalls 
Lust; verständlich genug, wenn es hingebungsvoll geübt wird. Die Be- 
friedigung des Freßtriebes geschieht demnach von Anfang an unter Lust- 
erlebnissen. Man kann diese Tatsache sehr wohl biologisch so auffassen, 
als wäre die Funktion dieser Lust die Sicherung des Freßtriebes 
(Compaire, Friedjung 1). Man würde also etwa sagen: Die Natur 
schenkt als Belohnung für fleißiges Trinken Tastlust und erreicht dadurch, 
daß sicherlich getrunken wird. Sehr viel sagt diese Auffassung dem Psycho- 
logen nicht. Er wird lieber annehmen wollen, daß der Freßtrieb — eben 
als Trieb — sich selbst befriedigt, indem er eine imperative Unlust auf- 
hebt und den Ruhezustand wieder herbeiführt. Aber die geschilderten 
Erscheinungen zeigen, daß nicht alle Tätigkeiten der oralen Zone vom 
Freßtrieb hervorgerufen sein können. Wir sehen hier deutlich in den 
ersten Wochen eine Differenzierung eintreten, die beim Neugeborenen 
nicht deutlich, kaum angedeutet, wahrzunehmen war. Das Wonnesaugen 
dient nicht dem Freßtrieb, sondern dem Erwerb von Lust an sich. Sie 
ist Tastlust und wird in Befriedigung des Freßtriebes erfahren ; einmal 

5* 



68 



Erste Fortschritte. 



erlebt, wird sie immer wieder angestrebt, wie jede Tastlust in einfachen 
psychischen Verhältnissen, die Verbote, Hemmungen, Verdrängungen 
noch nicht kennen. Wir müssen diese Abzweigung einer von der Lust, 
die der befriedigte Freßtrieb gewährt, losgelösten Lust scharf hervor- 
heben, wenn sie auch in realitate nicht immer so deutlich sonderbar er- 
scheint. Beim Trinken, das der regressiven Tendenz dient, lernt das Kind 
eine Lust kennen, die, so könnte man sagen, so süß ist; daß es um ihret- 
willen der regressiven Tendenz die Nachfolge verweigert, den Schlaf- 
zustand aufschiebt und dem Erwerb der Tastlust nachgeht: Wonne- 
saugt. Da das Saugen — sowohl beim Trinken als beim Ludein — mit 
offenen Augen geschieht, wenigstens in seinem Anfangsstadium, bietet 
sich vermehrte Gelegenheit, auch die Lust des Sehens immer wieder zu 
erleben. Und diese beiden scheinen das Wachleben wohl zu lohnen, dies 
scheint zumindestens des Säuglings optimistische Weltanschauung zu 
sein. In Anlehnung an die vegetative Funktion entwickelt sich der Trieb, 
dieseLust immer aufs neue und für sich zu erleben, formuliert Freud (2) 
seine wichtige Erkenntnis. 

Die ersten Fortschritte der Funktionen der oralen Zone liegen da- 
nach im wesentlichen nicht darin, daß die Triebe den notwendigen Apparat 
zu beherrschen lernen, wie wir es bei der Entwicklung des Schauens 
fanden, sondern in der Differenzierung; in der Loslösung des reinen 
Tastlusterwerbs von der Nahrungsaufnahme; womit der Säugling ein 
sehr beträchtliches — das erste — Stück Unabhängigkeit von der 
Umwelt erlangt; sich auch psychologisch von dem Körper und der 
Person der Mutter loslöst, ein Stück Individuum wird, wenn er bisher im 
Wachzustand ganz — wie wir ausführten — in der Befriedigung seiner 
Bedürfnisse von der Mutter abhängig war und lange Zeit zum großen 

Teil weiter bleibt. 

Da nunmehr an den Funktionen der oralen Zone zwei verschiedene 

Triebe in Erscheinung treten, so ergibt sich die Notwendigkeit, sie beide 
zu benennen, also den, der nicht Freßtrieb sein kann, einzuordnen. Am 
nächstliegenden wäre es, ihn Tastlusttrieb zu nennen. Dieser Terminus 
ist jedoch der Psychologie unbekannt und ich habe Gründe — sie werden 
in späterem Zusammenhang auch auseinanderzusetzen sein — dies neue 
Wort nicht zu bilden. Lindner betont den Wollustcharakter des Wonne- 
saugens und rechnet es zu den sexuellen Erscheinungen. Und diese 
Zurechnung geschieht mit vollem Recht. Denn die Tastlust ist ja ein 
wesentlicher Bestandteil aller Sexuallust, sie ist eines der Ziele, und zwar 
ein unvermeidliches, vielleicht das einzige direkte und gemeinsame der 
Sexualtriebe. Doch ist diese Zuteilung bei Lindner nur nebenbei und 
nicht präzise und bezieht sich auch nicht direkt auf den Säugling, von 
dessen Ludein in seiner Arbeit kaum die Rede ist. Eine entschiedene Auf- 
fassung des Ludeins als Äußerung des Sexualtriebes hat Freud (2) aus- 



Die orale Zone. 69 

gesprochen und in seinen und seiner Schule Arbeiten durch zahlreiche 
Belege und Bezüge gesichert. Freuds Begriff des Sexualtriebes ist weiter 
als der bis zu ihm übliche. Sexuell werden von ihm alle Erscheinungen 
genannt, die auf Erwerb von Tastlust als solcher ausgehen; ohne daß damit 
etwa der Umfang des Freud sehen Begriffes erschöpft wäre. Was man also 
etwa mit Tastlusttrieb bezeichnen wollte, ist gewiß identisch mit dem 
Sexualtrieb der Freud sehen Nomenklatur. Ich habe keinen Widerstand 
diese Nomenklatur anzuerkennen, daher muß unsere frühere Feststellung 
mit Freud sehen Terminis formuliert werden: Das Ludcln ist eine 
Äußerung des Sexualtriebes, sein Ziel ist die Gewinnung der Sexual- 
lust — der Tastlust — welche die Lippen, Schleimhäute des Mundes, 
Magitotsche Membran, zu bieten vermögen; sie differenziert sich in 
Anlehnung an den Freßtrieb. Die orale Zone ist als erogene zu be- 
zeichnen, worunter Freud eine Körperpartie versteht, die als Sexual- 
Lustquelle dienen kann. 

Unter den Entdeckungen und neuen Auffassungen Freuds hat 
gerade die Charakterisierung des Ludeins als Sexualtätigkeit besonders 
heftige Feindschaft erfahren. Zahllos sind die gegnerischen Äußerungen. 
Doch liest man nur sehr selten eine sachliche Auseinandersetzung, sondern 
überaus heftige Angriffe. So spricht z. B. Stern (3) mit Bezug auf 
unser Thema von der „Klimax des Widersinnigen", von „plumpen 
Händen", die „sich an der werdenden Seele vergreifen"... „Absur- 
dität"... „..nicht nur eine wissenschaftliche Verirrung, sondern eine 
pädagogische Versündigung" usw. Diese für einen objektiven Gelehrten 
recht wunderliche Aufregung hat in der jüngsten Literatur etwas nach- 
gelassen; viele Forscher schließen sich mehr oder weniger an Freud an. 
Andere bleiben bei der Ablehnung mit oder ohne Affekt. Ihre Gründe 
sollen bald besprochen werden, soweit sie deren anführen. "Vorerst aber 
sei mit Nachdruck auf die sonderbare Verhaltungsweise hingewiesen: 
Die Frage der sexuellen Natur des Ludeins ist keine einfache wissenschaft- 
liche Frage, so scheint es nach der Reaktion ihrer Gegner; es geht ihnen 
offenbar um anderes, um mehr als um die Feststellung einer Tatsache 
oder gar bloß um die Erwägung, ob ein Terminus glücklich gewählt ist. 

Merkwürdigerweise scheint das Ludein, auch dort, wo es nicht im 
Sinne Freuds aufgefaßt wird, mehr Anlaß zur Wertung als zur Forschung 
zu bieten. Denn dem mehrfach erwähnten Mangel an wissenschaftlicher 
Sorgfalt für die Erscheinung, steht eine reiche Fülle von — Abgewöhnungs- 
versuchen und schwarzen Drohungen gegenüber. Wir werden denselben 
Tatbestand noch viel krasser bei einem anderen Streitpunkt, der Mastur- 
bation, zu besprechen haben, darum genügen hier einige Andeutungen. 
Scupins fühlen sich genötigt, etwas gegen das Ludcln zu tun; die Eltern, 
auch die wissenschaftlich gebildeten, sind meistens dieser Meinung, 
ebenso ist die Zahl derÄrzte sehr groß, die das Ludein für schädlich halten. 



70 Erste Fortschritte. 

Die Überzeugung von der Schädlichkeit wird mannigfaltig begründet. 
Ein extremes, aber darum lehrreiches Beispiel ist der englische Arzt 
Thomas Ballard, „der auf das fruchtlose und leere Saugen des Kindes 
eine Theorie aufbaut, vermittels welcher er die meisten den Säuglingen, 
ia selbst den Wöchnerinnen zukommenden Erkrankungen aus dem obigen 
Phänomen zu erklären sucht" (Herz). Unsere Aufgabe ist es nicht hier- 
zu entscheiden, wie weit das Ludein schädlich ist, jedenfalls ist es alteren 
Kindern schwer, Säuglingen gar nicht abzugewöhnen, bei diesen allgemem 
vorhanden, und die Frage der Schädlichkeit offen. Warum hegt es aber 
so vielenÄrzten nahe, eine Schädlichkeit anzunehmen ; und wenn dies etwa 
auf ihre bösen Erfahrungen zurückgeführt werden sollte, und diese selbst 
in ihrer Glaubwürdigkeit sichergestellt wären, warum ist der naive ge- 
bildete Erwachsene von vornherein geneigt, dem Ludein des Kindes aller- 
hand zuzumuten; während die breiten Volksschichten und — wie es 
scheint — die primitiven Völker dem Ludein völlig harmlos gegenüber- 
stehen? Die Schärfe der Problemstellung sei nicht übertrieben; vielleicht 
haben andere einen wesentlich geringeren Eindruck von seiner Existenz 
eine Andeutung davon scheint mir zweifellos vorhanden. Jedenfall 
gibt es Menschen genug, denen es nicht recht ist, daß geludelt wird 
die das verhindert sehen möchten; ihre Argumente sind so verschieden, 
ihre Befürchtungen haben so verschiedene Namen, daß man sich fragt, 
ob nicht alle Argumente und genannten Befürchtungen bloß Rationalisie- 
rungen sind und ob sie nicht unbewußt etwas anderes als das harmlose 
Ludein bekämpfen. Allers, ein leidenschaftlicher Bekämpfer der Psycho- 
analyse, ist überzeugt, daß beim Erwachsenen das Ludein sexueller Nati 
ist. Groos setzt das Küssen und seine Rolle im Sexualleben in einen g 
wissen Konnex mit dem infantilen Saugen, Galanth veröffentlicht ein 
interessantes Bekenntnis eines jungen Mädchens, das keinen Zweifel dar- 
über läßt, daß die Ludlerin Sexualgenuß empfindet. Dies sind einige 
wenige Belege dafür, daß der Erwachsene das Ludein als sexuell auf- 
faßt, bei sich, und beim älteren Kinde; der Säugling ist ihm noch harmlos, 
rein,' fern von dem Unanständigen, als das ihm das Sexuelle eben erscheint. 
Darum die leidenschaftliche Ablehnung, wenn jemand wagt, vom Säug- 
ling zu behaupten, er habe sexuelle Regungen. Und darum auch die Be- 
kämpfung des Ludeins, die Angst vor seinen Folgen. Es wird (un- 
bewußt) als sexuell aufgefaßt, auch wenn die bewußte Bezeichnung 

dafür eine andere ist. 

Widersinnig scheinen weniger Freuds Anschauungen, als das prin- 
zipielle Unverständnis der Gegner, die nicht hören wollen, was immer 
wieder von Freud betont wird, daß sein Terminus „sexuell" anderes, mehr 
begreift- das ganze Gebiet der Tastlust z.B.- als der landläufige Begriff ; 
die ihn ad absurdum führen wollen, indem sie Freud unterschieben, er 
nehme beim Säugling erwachsene Sexualität an. Mag sein, daß das Wort 







>se 
ur 



Die orale Zone. 71 

sexuell nicht glücklich gewählt wurde — aber ist etwa der Ausdruck 
kinästhetisch schön und glücklich? Der Freudsche Terminus ist wohl 
definiert; wer ihn beurteilen will, muß sich auf den Boden der Definition 
stellen. Wir setzen ihn zunächst für Tastlusttrieb, weil ich mich nicht be- 
rechtigt fühle, Neubildungen — und diese wäre zwar harmloser, aber weniger 
glücklich noch — vorzuschlagen, wo sich ein Terminus in der wissen- 
schaftlichen Literatur vorfindet. Diese Begriffsbezeichnung deutlich ver- 
ständlich gemacht, gäbe es nur ein Motiv, das Wort sexuell zu vermeiden: 
die Rücksicht auf die Prüderie oder eine sexualfeindliche Weltanschauung 
der Leser. Ich halte diese Rücksicht nicht für nützlich. Die Kinder- 
psychologie ist im Begriff die scientia amabilis für junge Mütter und 
Kindergärtnerinnen zu werden — die zusammenfassenden Darstellungen 
■wenigstens sind an sie gerichtet — und dieser Zustand ist kaum der wün- 
schenswerte. So erfreulich es ist, wenn junge Mütter und Kindergärtnerin- 
nen die Psychologie des Kindes interessant finden, ausschließlich für sie — 
und gar für den prüden Typus von ihnen — sollte die Entwicklungspsy- 
chologie doch nicht getrieben oder auch nur geschrieben werden. 

Die sachlichen Einwände, die — meines Wissens — gegen die Ein- 
ordnung des Ludeins in die Sexualtriebäußerungen erhoben wurden, sind 
gut repräsentiert durch Stern (3) und Allers. Stern wendet — vielfach 
unterbrochen von Affektausbrüchen — ein: 1. Falscher Analogieschluß 
vom Erwachsenen auf den Säugling. Würde unsere Darstellung nicht treffen, 
da wir nur vom Säugling selbst sprachen und bloß den gewiß nicht ge- 
wagten Schluß machten — auf dem die Möglichkeit aller Entwicklungs- 
psychologie beruht — daß die rhythmische Reizung einer Mundpartie 
Tastlust erzeugt. Ob diese Tastlust dieselbe ist, wie beim Erwachsenen, 
ist von vornherein anzunehmen, wer dies nicht wahr haben will, müßte 
es — als eine sonderbare Ausnahme durch Nachweise annehmbar machen. 
2. „Daß der Sauginstinkt als conditio sine qua non der Lebenserhaltung 
beim kleinen Kinde stark ausgebildet sein muß, schert die Psychoanaly- 
tiker wenig" — in dieser Frage mit Recht, scheint mir denn wie sollte dies 
erklären, daß hartnäckig von diesem Instinkt ein Gebrauch gemacht wird, 
der absolut ungeeignet ist, das Leben zu erhalten. 3. Der Mund ist das 
primitivste Tastorgan. Das ist zweifellos richtig. „Noch vor der Aus- 
bildung des Handgreifens vermittelt er die ersten Erkenntnisse über Form 
und Konsistenz der Dinge", das ist wohl etwas weniger sicher; wir können 
nur wenig darüber aussagen, wie weit der Mund Erkenntnisse vermittelt, 
darüber soll noch gesprochen werden; aber es selbst so apodiktisch er- 
klärt, ist eben nicht „vollkommen verständlich, warum das Kind auch 
dann, wenn es keinen Hunger hat, mit Vorliebe Dinge in den Mund steckt 
und an ihnen saugt". Denn das Saugen ist zur Erkenntnis völlig unnötig, 
aus ihr demnach nicht verständlich zu machen; am wenigsten, wie es die 
Erkenntnis fördert, wenn das Kind eine Viertelstunde an derselben Stelle 






72 Erste Fortschritte. 

der Hand saugt und dabei schläfrig wird. Das ist nur erklärbar, bei An- 
nahme einer der Tastlust des Erwachsenen ähnlichen — sie sogar an In- 
tensität übertreffenden — Lust beim ludelnden Säugling. Allers „be- 
hauptet keineswegs, daß alle diese . . .Handlungsweisen des Säuglings oder 
kleinen Kindes nicht sexualer Natur seien oder sein könnten", nach seinen 
vorangehenden Äußerungen scheint ihm dies sogar wahrscheinlich, nur 
die „Freudsche Beweisführung ist eine unzureichende". Ein Anlaß zu 
der Annahme liegt nur dann vor, „wenn man von der Identität aller Lust 
oder zumindest aller somatogenen Lust mit der Libido überzeugt ist". 
Wie er selbst es hält, verrät er nicht. Wir haben allen Grund, die Identität 
aller Tastlust anzunehmen und schliessen uns der Freudschen Bezeich- 
nung „sexuell" an. 

Nur ein Gesichtspunkt, der dabei leitet, sei schon hier angeführt. 
Verfolgt man die Erscheinungen der erwachsenen Sexualität in ihrer Onto- 
genie nach rückwärts — und das ist die Aufgabe der entwicklungspsycho- 
logischen Forschung, so findet man als einen der am weitesten zurück- 
reichenden Äste der weitverzweigten Phänomene der Sexualität gerade die 
Funktionen der oralen Zone. Sie spielt zwar im normalen erwachsenen 
Sexualleben eine sehr untergeordnete Rolle, immerhin eine unbezweifel- 
bare; je tiefer in die frühe Kindheit um so wichtiger wird gerade die orale 
Zone; am Ende des ersten Lebensjahres, im zweiten, im dritten ist noch 
je nach der Auffassung des Forschers eine unzweifelhaft sexuelle Ludel- 
tätigkeit anzutreffen. Woraus hat sie sich entwickelt'? Gewiß aus dem 
früheren Ludein. Der sexuelle Charakter mag bei ihm zweifelhaft sein, 
so schwer vorstellbar es auch ist, daß das asexuelle Ludein des zweiten, 
ersten Lebensjahres plötzlich ins sexuelle sich verwandelt (wohlgemerkt 
sexuell im erweiterten Sinn!); trotzdem wird es entwicklungspsycholo- 
gisch als sexuell zu bezeichnen sein — wenn der anders geartete Charakter 
nicht beweisbar ist — nach dem methodologischen Prinzip der Entwick- 
lungspsychologie, daß differente psychische Erscheinungen gleichen 
Ursprungs als verwandte aufzufassen, bzw. zu bezeichnen sind. 

Die ersten Erscheinungen, bei denen sich deutlich aus dem Ursprung- 
lieh völlig undifferenzierten Zustand Verhaltungsweisen unterscheiden 
lassen, denen Charaktere anhaften der späteren Sexualität, aus denen sich 
diese also entwickelt, sind an der oralen Zone anzutreffen, und zwar beim 
Ludein des Säuglings, sobald es vom Trinken unabhängig geworden ist. 

Das Hören. 

Die Entwicklung des Schauens und die Differenzierungen an der 
oralen Zone sind zwei verschiedene Formen der „ersten Fortschritte". 
Keiner von beiden entsprechen die Vorgänge, die wir als erste Fortschritte 
im Hören bezeichnen können. Freilich ist die Beobachtung der ersten 



Das Hören. 73 

Entwicklungsstadien hier wesentlich schwieriger, teilweise sogar völlig 
unmöglich, und die Tatsachen, die festgestellt erscheinen, darum recht 
gering an Zahl und zum Teil vieldeutig. Es muß genügen, die großen Züge 
und die entscheidenden Wendepunkte festzuhalten. Deren wesentlicher 
Inhalt liegt darin, daß die anfängliche Schreck-Unlustreaktion, mit der 
das Neugeborene auf Gehörsreize antwortet, auf grobe und plötzliche 
wenigstens, einer Lust am Hören weicht. 

Das Verhalten des Neugeborenen gegenüber Gehörsreizen, das wir 
an seiner Stelle schilderten, erfährt nach den biographischen Tagebüchern 
folgende Veränderungen: 1. Die Schockreaktionen werden im Laufe des 
ersten Vierteljahrs seltener. Sie verschwinden auch nachher nicht ganz, 
auch der Erwachsene reagiert zuweilen auf plötzliche Geräusche in dieser 
biologisch sinnlosen Weise. Aber bei ihm ist sie nur ein Fall des Schreckens, 
der keineswegs von Gehörseindrücken allein ausgelöst wird. Und so 
reiht man die Schockreaktion beim Kinde auch den Erschreckensfällen ein, 
wenn es sich in einem Alter befindet, das die intellektuellen Vorgänge, die 
man dem Schrecken unterzulegen pflegt, anzunehmen gestattet, also ge- 
wöhnlich in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres. Ein etwas un- 
genaues Verfahren, das wir leicht präzisieren können, wenn wir formu- 
lieren: die Schockreaktion hört auf, die einzig sichtbare Reaktion auf Ge- 
hörseindrücke zu sein. Das tritt jedenfalls im ersten Monat ein; in der 
genaueren Datierung sind die Angaben der Autoren widerspruchsvoll. 
Begreiflicherweise, denn es hängt auch beim regelmäßig beobachteten 
Kind sehr vom Zufall ab, ob dieneue Reaktionsweise gleich oder doch bald 
nach ihrem Auftreten bemerkt wird. Bei Stern finden wir in der dritten 
Woche, bei Dix ungefähr zu dem gleichen Zeitpunkt, bei Scupin in der 
12. Woche, bei Preyer am 11. Tag, bei Ischikawa am 31. Tag, bei 
Buchner in der 2. Woche, bei Queck-Wilker am 6. Tag eine Notiz, 
aus der zum erstenmal eine andere als die Schockreaktion zu entnehmen 
ist. Meine eigenen Beobachtungen lassen mich glauben, daß Wilker und 
Preyer wirkliche Anfänge festhalten, während den Beobachtern, die 
spätere Zeitpunkte angeben, die ersten Phänomene entgangen sind, we- 
nigstens was die Niederschrift oder Publikation angeht. Die zweite Woche 
dürfte das durchschnittliche Eintreten einer neuen Reaktion auf Geräu- 
sche und Töne terminieren. 

2. Die früheste Form dieser neuen Reaktion ist gespannte Aufmerk- 
samkeit. Dix schildert sie anschaulich: „Der Körper bewegungslos, offener 
Mund, Stirn in Querfalten, der Blick nach innen. Mit dem „Blick nach 
innen" meine ich folgendes : Wenn Bubi nur aufs Hören angewiesen war, 
da er zur Zeit nichts sah, zeigte das Auge einen eigenen, „versonnenen" Aus- 
druck, wie ich ihn später bei der intellektuellen Aufmerksamkeit fand. Nichts 
schien Bubi zu sehen — nur zu hören, denn sobald er die Schallquelle auch 
sah und das Begehren auftrat, fingen die Augen an zu glänzen." 






74 



Erste Fortschritte. 



Wir werden uns mit diesem Phänomen noch zu befassen haben, fahren 
aber vorläufig in der Darstellung der Entwicklungsetappen fort. 

3. Die Aufmerksamkeit wird bald von lebhaften Lustäußerungen 
begleitet, eine Stufe, die spätestens im Anfang des zweiten Monats er- 
reicht zu sein pflegt; so lacht Scupins Kind lebhaft in der 4. Woche, 
wenn die Mutter es anredet, jubelt in der 6. Woche einem klappernden 
Ball zu; Preyers Sohn läßt in der 7. Woche den Ausdruck höchster Be- 
friedigung wahrnehmen, wenn gesungen wird, Tiedemanns Sohn mit 
einem Monat und einigen Tagen beim ersten Hören von Musik (C o m p a i r e). 

4. Gleichfalls wohl schon im 2. Monat, sicherlich im dritten, wendet 
das Kind seinen Kopf mehr weniger nach der ungefähren Richtung der 
Schallquelle, und zwar zunächst ohne das tönende Objekt mit den Augen 
zu suchen. Dix notiert dies vom 61. Tag, Shinn vor dem 50. Tag, 
Scupin in der 12. Woche, Preyer vor der 11. Woche — wenn ich die 
Bemerkungen der Verfasser, die kaum scharf unterscheiden zwischen dem 
Zuwenden des Ohres und des Auges, richtig verstehe. 

5. Kurz darauf, also im dritten Monat, wendet das Kind nicht nur 
sein Ohr (Kopf) in die ungefähre Richtung des Schallerregers, sondern 
sucht diesen mit den Augen, weiß ihn bald sicher zu finden und zu fixie- 
ren, und zwar auch in recht komplizierten Fällen, von denen Scupins Be- 
obachtung vom 57. Tag eine gute Vorstellung gibt, an dem Bubi erkannte, 
daß die sich bewegenden Tasten es sind, auf die man sehen muß, wenn es 
vom Klavier her tönt. Streng genommen gehört dieses Stadium nicht 
mehr in die Entwicklung des Gehörs, sondern des Schauens; es schließt 
sich aber organisch an jene an, ist ihre regelmäßige Folge. 

Vom dritten Stadium an gewiß, vom zweiten an sehr wahrscheinlich 
ist der Lustcharakter der Reaktion. Es bedarf nur eines Hinweises für 
das zweite Stadium, in dem Gehörsreize gespannte Aufmerksamkeit zur 
Folge haben. Diese selbst braucht keineswegs von Lust begleitet zu sein, 
schon gar nicht bedeutet sie an und für sich Lust ; vielleicht spräche sogar 
manches dafür, bei ihr Unlust anzunehmen ; immerhin steht sie zwischen 
beiden Phänomenen. Aber das zweite Stadium ist nicht allein durch 
diese Spannung charakterisiert, sondern die gedachten Gehörsreize haben 
Beruhigung der Kinder zur Folge, jede Amme weiß dies, die Beobachter 
haben selten versäumt, es anzumerken. Hört das Geräusch — Stimme, 
Akkord usw. — auf, so beginnt das Kind nicht selten sein Schreien aufs 
neue. Hier ist die Spannung offenbar in ein Vergnügen an der Perzcption 
der Töne übergegangen. Das aufmerksame Zuhören ist gegenüber Tönen 
die adäquate Reaktion unseres Typus IL Es entspricht dem weiten öffnen 
der Augen bei angenehmen Lichtreizen, man „öffnet so die Ohren", äußer- 
lich freilich unsichtbar; über die inneren motorischen Vorgänge dabei 
wissen wir wenig, und das Wenige ist zweifelhaft, so daß es hier nicht heran- 
gezogen werden kann. 



Das Hören. 75 

Das Kind überwindet den anfänglichen Schreck- und Unlustcharakter 
der Gehörsreize und wandelt sie im Laufe des ersten Vierteljahres in eine 
Lustquelle um. Dieser allgemeinen Formel fügen sich zwei Tatsachen 
nicht leicht ein. 1. Reagieren die Neugeborenen, wie gezeigt, auf einen 
guten Teil der sie umgebenden Geräusche überhaupt nicht, obwohl kaum 
einzusehen ist, warum sie gerade diese nicht perzipicren sollten. Für den 
Säugling gilt dies in sehr verstärktem Maße. Denn bei ihm fällt das Be- 
mühen der Umgebung, ihn gehörsreizlos zu erhalten, solange er wach ist, 
ganz weg, wenn es beim Neugeborenen nicht selten vorhanden ist. Und 
trotzdem ist er offenbar nicht angezogen oder erschreckt von den Ge- 
räuschen, die ihn umgeben, wenn sie nicht bestimmte Qualitäten 
besitzen. 1 ) 

2. Nach wie vor ist die Schockreaktion auf Gehörsreize vorhanden. 
Sie wurde seltener, aber darum nicht selten. Ihr Fortbestehen zwingt zur 
Annahme, daß die Reize bestimmten Bedingungen entsprechen müssen, 
sollen sie lustvoll empfunden werden. Ließe sich mein eigener Beobach- 
tungseindruck bestätigen, daß die Schreckbarkeit periodisch ab- und zu- 
nimmt während des ersten Vierteljahres, so wäre dies ein Hinweis dafür, 
daß die Bedingungen für Reaktionstypus I oder III nicht allein im Reiz', 
sondern in der psychischen Gesamtsituation liegen. So naheliegend dies 
ist, wurde doch bisher keine gründliche Untersuchung vorgenommen, 
und die Beobachtungen sind recht widersprechend. Als sicher kann 
höchstens gelten, daß die Schallempfindlichkeit in irgend einer Weise 
während der ersten Lebensmonate wächst, und die Schallempfindlich- 
keit sich erst nach und nach auf mäßige entfernte Geräusche auszudehnen 
scheint; ferner daß plötzliche, kurze, laute und scharfe Geräusche am 
längsten und ehesten Schreckreaktionen hervorrufen; die menschliche 
Stimme, Musik, Singen hingegen eine bedeutende besondere Rolle spie- 
len ; sie werden sehr früh als Lusterlebnisse genossen. 

Prüft man in den publizierten Kindertagebüchern, bei welchen Ge- 
hörsreizen zuerst Lustcharaktere notiert werden — ein sehr wenig schlüs- 
siges, aber doch irgend ein Verfahren — so ergibt sich, daß dies regel- 
mäßig die menschliche Stimme, Akkorde auf einem Musikinstrument oder 
rhythmische Geräusche irgend einer Art sind. Man darf es vorläufig ver- 
muten, daß die zweite und dritte Stufe zuerst, oder vielleicht zunächst 
ausschließlich, bei rhythmisch aufeinanderfolgenden Tönen erreicht wird, 



'} Sikorsky meint: „Beobachtet man Kinder, wenn sie. . . in tlirem Bettchen 
liegen und .strampeln', so ist zu bemerken, daß das Kind den von seinen Bewegungen, 
seiner Bekleidung, Atmung und vielleicht sogar seinen. Herzklopfen herrührenden Ge- 
räuschen lauscht... man kann mit Gewißheit sagen, daß das Kind ganz und gar 
vom Hören absorbiert ist". Der Gedanke scheint nicht von der Hand zu weisen; doch 
habe ich nicht den Eindruck, als gälte dies für die ersten zwei Monate; es würde sich 
aber vielleicht als eine Vertiefung oder Erweiterung des fünften Stadiums nachweisen lassen. 






76 Erste Fortschritte. 

während die ursprüngliche Verhaltungsweise bei den anderen Reizen, 
wenn sie nur eine bestimmte Intensität, Stärke oder unbekannte Qualität 
aus der Sphäre der Indifferenz heraushebt, festgehalten wird. Die Freude 
am „Schall an sich" (Compaire) an Geräusch und Lärm jeder Art ist 
ein späteres Stadium, das möglicherweise auf der fünften Stufe beginnt, 
vielleicht auch erst etliche Wochen später. 

Über diesen Ansatz zu einer Ordnung der Tatsachen hinaus- 
zugehen, gestattet das Material derzeit kaum. Ist schon diese bloße 
Ordnung unbefriedigend, wie fraglich müssen die Bemerkungen werden, 
die diese schlecht untersuchten, schlechter noch geordneten Tat- 
sachen einreihen und verständlich machen wollen. Überdies hemmt 
dabei, daß die Psychologie des Hörens im Vergleich zu seiner Psy- 
chophysik so völlig im Unklaren geblieben ist. Sie bietet größere 
Schwierigkeiten als etwa die Psychologie des Sehens. Es ist oft ausge- 
sprochen worden, daß hier ein spezifisches Problem vorliegt, daß Hören 
ein „dunklerer" Vorgang ist als Sehen, bis zu den „geheimnisvollen" 
Wirkungen der Musik. Ein paar Belege aus sehr differenten Sphären zu 
dieser allgemeinen Anschauung mögen die folgenden — freilich über ver- 
schiedene Kapitel des Buches zu verstreuenden — Ansätze einer Erörte- 
rung einleiten. Der Absatz ausJeanPauls Levana stehe ganz hier, trotz- 
dem nur einige Sätze voll dem Zusammenhang angehören; so mancher 
Grundgedanke dieses Buches findet hier eine dichterische Gestaltung: 
„Der erste Atemzug schließet, gleich dem letzten, eine alte Welt mit 
einer neuen zu. Die neue ist hier die Luft- und Farbenwelt; — aber noch 
ins Reich des Gefühls gehörig, daher Vögel in Eiern und weiche viel- 
höckerige Seidenraupen am Knalle sterben. Das erste Tönen fällt mit 
einem dunkleren Chaos in die eingewindelte Seele, als das erste Leuchten. 
So hebt denn der Lebensmorgen mit zwei Sinnen der Ferne im losgelas- 
senen Gefangenen an, wie der tägliche Morgen mit Licht und Gesang oder 
Getöse. Indes bleibt Licht der erste Schmelz der Erde, das erste schöne 
Wort des Lebens. Der Schall, der ins fortschlummernde Ohr eingreift, 
kann nur ein starker sein ; diesen erregt aber niemand neben der Gebärerin, 
als ihre Geburt selber, das Kind, und so fängt die Tonwelt mit einem 
Mißton an, aber die Schauwelt mit Glanz und Reiz." Compaire betont 
nachdrücklich die Bedeutung der mütterlichen Stimme für die Entwick- 
lung des Kindes, beinahe wird auch er hymnisch, wenn er darauf zu 
sprechen kommt: „Der Gehörsinn ist es, der beim Kinde zuerst seine 
Intelligenz freizumachen scheint . . . man müßte den Vers des Dichters abän- 
dern und sagen: Incipe, parve puer, lingua cognoscere matrem! Die 
menschliche Stimme, besonders die Stimme der Mutter, welche gleich- 
sam der Zuruf der tätigen Intelligenz an die noch schlafende ist, findet 
vielleicht von allen Sinneseindrücken am schnellsten den Weg zur Auf- 
merksamkeit des Kindes." 



Das Hören. 77 

Die einzige über die Tatsachendarstellung hinausgehende Erwägung, 
die sich in der kinderpsychologischen Literatur vorfindet, ist Com- 
paires Meinung, die anfänglich geringe Schallempfindlichkeit diene der 
Verhinderung eines Schadens, den das Ohr des Kindes nehmen könnte, 
wenn es der ganzen Macht der Schallreize ausgesetzt wäre. Die Falsche 
und Schiefe dieser pseudobiologischen Bemerkung liegt so deutlich zu- 
tage, daß wir eine Widerlegung unterlassen können. An ihrer Stelle ge- 
nügt die prinzipielle Feststellung, daß die Kinderpsychologie vermeiden 
muß, sich an Scheinerklärungen zu befriedigen, die ein Problem, freilieb 
eines einer fremden Wissenschaft, der Biologie, und zudem eines ihrer 
kapitalen und unlösbaren, das der Zweckmäßigkeit des Organischen, als 
Erklärungsgrund verwenden. Und wenden uns den eigenen Aphorismen 
mehr als Überlegungen zu. 

Die anfängliche Unlustreaktion auf jeden Gehörsreiz ist verständlich. 
Sie reiht sich in die regressive Tendenz ein. Um das energetische (ökono- 
mische) Verständnis ihrer Form, den Schockcharakter, haben wir uns oben 
bemüht. Nehmen wir die Ergebnisse der Erörterung der Abfuhrphäno- 
mene hinzu, so begreifen wir etwa folgendes. Der Schall — als Reiz — er- 
höht das psychische Energieniveau beträchtlich, seiner Erniederung dient 
eine plötzliche, allgemeine motorische Abfuhr. Als solche darf die Schock - 
reaktion zunächst — ohne Determinierung ihrer einzelnen Ablaufsformen 
— aufgefaßt werden. Warum nun ist gerade die Gehörsreaktion solch 
eine allgemeine und energische ? Weil sie gerade eine besondere Erhöhung 
des Energieniveaus mit sich bringt. Diese Antwort brächte ein sehr be- 
trächtliches Stück Verständnis. Und man darf sie, ohne waghalsig zu 
sein °eben. Denn der Schall ist ein regelrechter Berührungsstoß, insbe- 
sondere der laute, plötzliche, kurze und scharte. Er ist es auch vornehm- 
lich bei dem die Schockreaktion am längsten bestehen bleibt. Das Kind 
fährt zusammen, ganz ähnlich, wie bei plötzlicher körperlicher Berührung. 
Warum die Körperberührung, und zwar diese spezifische solche Reaktion, 
solch erhöhtes Energieniveau schafft, bleibt noch aufzuklären. Immerhin 
ist die Gehörsreaktion durch eine Einreihung in eine Gruppe von Phäno- 
menen, mit denen sie ähnliche Formen aufweist und mit denen sie als 
identisch aufgefaßt werden kann, um ein Stückchen ihres Unverständ- 
lichen gebracht. Und der Unterschied zum ganz anderen Verhalten des 
Auges wird deutlich. Das Ohr ist wirklich ein Stück Hautoberfläche, das 
beim Perzipieren von einem materiellen Stück Außenwelt berührt wird. 
Wie sehr es das ist, zeigt aufs neue die identische Reaktion auf einen plötz- 
lichen und starken Berührungsreiz. Die Analogien, um die wir uns oben 
bemühten, waren demnach doch nicht bloße Analogien. 

Hilft uns der Berührungscharakter des Schallreizes die Unlustreak- 
tion in ihrer Stärke und Form verständlich zu machen, so ist naheliegend, 
ihn auch für die Einreihung der Lustreaktion heranzuziehen. Und tat- 






78 Erste Fortschritte. 



sächlich besteht hier eine auffallende Analogie. Rhythmische längerdau- 
ernde Reize einer gewissen Intensität und Stärke werden mit allen An- 
zeichen lebhafter Lust beantwortet. Die große Menge der Reize zwischen 
jener Form und dieser treffen auf mehr oder weniger völlige Indifferenz. 
Auch einige Charakteristika der Lustäußerung können hier herangezogen 
werden; so scheint es, als würde das Lachen zuerst bei Gehörs- und Kitzel- 
reizen auftreten und sich von hier erst zur Lustreaktion überhaupt verall- 
gemeinem; und die starke Ermüdbarkeit des psychischen Apparates 
durch Hörlustgenuß gemahnt an die ähnliche einschläfernde "Wirkung der 
Tastlust; das Wiegenlied basiert auf dieser eigentümlichen Wirkung der 
Töne auf die kindliche Psyche; Prey ers Sohn verfiel nach erstem Anhören 
von Musik in der 8. Woche in sechsstündigen Schlaf. Dennoch möchte 
ich die Ähnlichkeiten nicht überschätzen ; das erste Auftreten und die Funk- 
tion des Lachens ist zu wenig bekannt, das Wesen der Ermüdung zu wenig 
verstanden, als daß diese Argumente schlagend wären. Immerhin bleibt 

auffällig und für den, der meine Annahmen nicht mit annehmen möchte, 

ein schwer zu lösendes Problem — daß Hören und Saugen (bezw. Tast- 
empfindungen überhaupt) sich in so vielen Punkten ähnlicher sind als 

Hören und Sehen. 

Dürfte man demnach formulieren, das Hören sei eine Handlung im 
Dienste des Sexualtriebes ? Ich glaube nicht. Trotzdem es recht verlockend 
wäre und manche Tatsache für die Bedeutung des Gesanges und der Stimme 
bei Tieren und Menschen anzuführen wäre. Aber dies letztere beträfe ja 
bloß die erwachsene Sexualität mit ihren so überaus komplizierten Zu- 
sammenhängen; und der Vereinheitlichungsverlockung wollen wir uns 
nicht hingeben, wenn so gewichtige Gründe dagegen sprechen, wie meines 
Erachtens die folgenden sind: 1. Das Hören ist überhaupt keine Handlung 

auch hier ein voller Gegensatz zum Sehen. Schock sowohl wie Jubeln, 

Händewerfen vor Vergnügen, Zappeln, Lachen — all das ist im Falle des 
Hörens Abfuhrphänomen und nicht Handlung, denn es dient weder der 
Abwehr noch der Zufuhr von Reizen ; die Muskelbewegungen des Tensor 
tympani, die man zuweilen den Augenbewegungen gleichstellen wollte, 
sind in ihrer Relation zum Reiz überhaupt fraglich, beim Säugling nicht 
nachgewiesen (Bühl er). Der Säugling kann nichts Spezifisches zur Ab- 
wehr einer Hörunlust, nichts zur Fixierung oder Herbeiführung einer Hör- 
lust tun, solange er nicht selbst Töne und Geräusche zu erzeugen vermag. 
Ob die Zuwendungsbewegungen des Kopfes wesentlich zur Erhöhung der 
Hörlust beitragen, ist nicht gewiß, wenn ja, wäre dies wohl eine Handlung 
— aber eine recht geringfügige. 2. Darf nicht übersehen werden, daß das 
Hören zwar viel Ähnlichkeiten mit dem Berührungsempfinden hat, daß es 
aber darum doch nicht mit ihnen identisch ist. Leicht möglich, daß im so 
viel weniger differenzierten Zustand des Säuglings Tastlust und Hör- 
lust miteinander noch viel verwandter sind als später; ihre Identität an- 



Das Hören. 79 

zunehmen, haben wir bei der gänzlich anderen Struktur der bezüglichen 
Sinnesorgane keine Möglichkeit. Daher empfiehlt es sich nicht, die be- 
trächtlichen Unterschiede zu verwischen; und auch die abgeschwächte 
Formulierung, das Hören als „sexuell" zu bezeichnen, wenn schon nicht 
als im Dienst des Sexualtriebes stehend, wäre mißverständlich. Wohl aber 
würde ich, die andererseits aufdringliche Verwandtschaft berücksichtigend, 
den Freudschen Begriff der Libido heranziehen, der ja mehr umfaßt und 
energetisch präziser ist als der der Sexualität, und das Hören als libidi- 
nöses Phänomen bezeichnen. Besonders das Hören des Säuglings, das 
den Komplikationen und Differenzierungen des erwachsenen Zustandes 
noch fern ist. Eine Bezeichnung, die im Grunde nur ein anderes wissen- 
schaftliches Wort für das ist, was Philosophen und die Sprache selbst 
meinen, wenn sie von den aufwühlenden, beunruhigenden, erschüttern- 
den Wirkungen der Musik sprechen, die die künstlich gesteigerte reine 
Hörlust an sich ist. 

Vor der ausgesprochenen Lustreaktion tritt neben die Schockreaktion 
die gespannte Aufmerksamkeit. Sie ist im Ansatz bereits beim Neuge- 
borenen zu konstatieren (Canestrini); die ihr zugehörigen „Ausdrucksbe- 
wegungen" treten aber deutlich erst auf der zweiten Stufe in Erscheinung. 
Die Psychologie der Aufmerksamkeit läßt sich am Säugling dieser frühen 
Entwicklung nicht gut studieren, sie und ihre Probleme und Erscheinun- 
gen werden uns darum erst später ausführlich beschäftigen. Aber ein 
wesentliches Merkmal der Aufmerksamkeit läßt sich gerade an den Gehörs- 
reaktionen in den ersten Lebenswochen sehr deutlich sehen, darum sei 
hier schon die fraktionierte Erörterung des Phänomens — die ich als grund- 
zügliche Darstellungsweise für dieses Buch festhalte, ihrer Fehler wohl- 
bewußt, um ihrer wenigen, aber wie mir scheint bedeutenden Vorteile 
willen — begonnen. Äußerlich wahrnehmbar ist an der Aufmerksamkeit 
des Säuglings dieses Alters: 1. Die Buhe; 2. die weitgeöffneten Augen; 

3. im Ansatz jener mimische Zustand, den wir als Spannung bezeichnen; 

4. (vielleicht noch nicht im ersten Monat) Vorschieben der Lippen. Die 
physiologischen Merkmale sind im wesentlichen: Das Aussetzen von At- 
mung und Zirkulation. Aufmerksamkeit und die lähmende Form des 
Schreckens erweisen sich so als nahe verwandt. In den ersten Lebens- 
tagen ist die Aufmerksamkeit vom Schrecken nicht zu unterscheiden, 
denn die Erscheinungen 2 bis 4 fehlen noch, und der Zustand der Schreck- 
aufmerksamkeit hält nur ganz kurz an: er wird abgelöst von der Schock- 
reaktion — bei Gehörsreizen, die überhaupt eine Reaktion hervorrufen', 
von der Fortsetzung des Vorreizzustandes bei Gehörsreizen, die indiffe- 
rent sind. Im letzteren Fall könnte man von einem geringen Grad des 
Schreckens sprechen. Und doch ist die Spannung kein notwendiger Be- 
standteil des Schreckens; noch weniger ist sie ausschließlich das Anfangs- 
stadium des Schreckens, vielmehr gehen von diesem Ausgangspunkt zwei 



1 



80 Erste Fortschritte. 






verschiedene Entwicklungen aus. Die eine führt zur Aufmerksamkeit, 
die andere zum Schrecken. Die einfachste Form der Aufmerksamkeit ist, 
wenn sich der Fall des „geringen Schreckens" verlängert; das Typische 
der Aufmerksamkeit, ist aber bereits gegeben, wenn sich an diesen „ge- 
ringen Schrecken" Reaktionen des Typus I oder II anschließen. Und 
schließlich besteht die Aufmerksamkeit als ganz entwickeltes Phänomen 
auch ohne anschließende Handlung, als Verhaltungsweise für sich; oder 
als Begleiterscheinung zu mannigfaltigen Prozessen. 

Merkwürdig ist, daß die beiden gegensätzlichen Phänomene der Ruhe 
und höchsten motorischen Aufregung ursprünglich in einem so nahen 
Konnex zueinander stehen. Dies erweckt den Eindruck, als wäre die 
Ruhe, die Spannung oder Lähmung vor der energischen und plötzlichen 
Abfuhr so etwas wie die Sammlung von Energien vor einem kräftigen Aus- 
bruch. "Will man diesem Eindruck eine präzisere Formulierung geben, so 
bieten sich Freuds vorsichtige und doch so weit ausschauende Vermu- 
tungen über Schreck und Schmerz in „Jenseits des Lustprinzips". Er 
nimmt an, daß der Schmerz einer Durchbrechung des psychischen Reiz- 
schutzes in beschränktem Umfang entspricht. „Und was können wir als 
Reaktion des Seelenlebens auf diesen Einbruch erwarten ? Von allen Seiten 
her wird die Besetzungsenergie aufgeboten, um in der Umgebung der Ein- 
bruchstelle entsprechend hohe Energiebesetzungen zu schaffen. Es wird 
eine großartige ,Gegenbesetzung' hergestellt, zu deren Gunsten alle 
anderen psychischen Systeme verarmen, so daß eine ausgedehnte Lähmung 
oder Herabsetzung der sonstigen psychischen Leistung erfolgt." Für den 
Schreck darf man füglich ein gleiches annehmen. Die mannigfaltigen 
Probleme, die sich aus dieser Auffassung ergeben, besprechen wir besser 
an einer günstigeren Stelle. Hier ergänzen wir nur unsere Einteilung der 
psychischen motorischen Erscheinungen in Handlungen und Abfuhr- 
phänomene durch die Vorgänge der Besetzung. 

Die Schreckaufmerksamkeit wäre demnach eine Sicherung gegen 
einen zu starken und zu plötzlichen Zuwachs an Energien durch gewisse 
Reize der Außenwelt. Sie ist vor allem bezeichnend für die Vorgänge im 
Ohr. So als drohte dem seelischen Apparat von hier eine besondere Ge- 
fahr. Und die Reaktion auf Gehörsreize — die über die Indifferenz hinaus- 
ragen — ist ursprünglich die Besetzung ; reicht sie nicht aus — um einen 
der möglichen Fälle zu nennen — so wird sie gefolgt von kräftigen Ab- 
fuhrerscheinungen. Daß diese im Laufe der ersten Woche seltener werden, 
kann auch — neben den Ursachen, die wir noch kennen lernen werden — 
vielleicht, davon herrühren, daß ein gewißes Maß von „Gegenbesetzung" 
dem Ohr dauernd zugewendet bleibt, etwa so, daß nach jeder aktuellen 
Gehörsreizung die Besetzung nicht völlig abgeführt und zurückgezogen 
wurde, sondern eine Liegenschaft für gefährliche Zeiten sozusagen zurück- 
bleibt. Es wäre dann das Ohr eine Zone mit höherem Energieniveau, was 



Die Triebgruppen. 81 

sehr wohl — wie noch des näheren zu zeigen sein wird — seine Eignung 
zur Lustquclle verständlich machen würde. Ist die Besetzung vom 
Schrecken (seinen Abfuhrphänomenen) unabhängig geworden, so ist sie 
offenbar schon ganz das, was wir Aufmerksamkeit zu nennen pflegen, 
oder doch in wesentlichen Merkmalen. Die Aufmerksamkeit wäre den 
Besetzungsphänomenen einzuordnen. Und die ersten Fortschritte auf 
dem Gebiet des Gehörs bestünden in gewissen — noch nicht genauer zu 
formulierenden — Veränderungen der Besetzungsverhältnisse. 

Die Triebgruppen. 

Einen Katalog der Handlungen des Säuglings hat man noch nicht 
zusammengestellt. Und aus den Beobachtungstagebüchern der kinder- 
psychologischen Literatur alle Handlungen zusammenzutragen und zu 
ordnen hat keinen Sinn, denn der eigentliche Nutzen des Katalogs läge in 
seiner Vollständigkeit, und gerade in dieser Beziehung sind die Tage- 
bücher recht mangelhaft, und was von ihnen gedruckt vorliegt, erst recht. 
So lassen wir uns gern nötigen, einige Fälle, die typisch sind, zu besprechen, 
und sind gewiß, daß eindringendere Forschung zeigen wird, daß die ersten 
Anfänge und Fortschritte der seelischen Phänomene noch früher anzu- 
setzen sind, als die heute vorliegenden Beobachtungen erlauben. Dies 
scheint ja geradezu eine Regel für die Entwicklung der Kinderpsychologie 
zu sein: Hat die naive Betrachtung die Neigung gehabt, in die Äußerungen 
der ersten Kindheit erwachsenes Seelenleben hineinzudeuten, so nahmen 
die Wissenschafter eine zu große Kluft zwischen dem Säugling und dem 
Erwachsenen an, und seit Preyer werden die Grenzen für das erste Auf- 
treten von Sinnes-, Willens-, Intelligenzfähigkeiten immer näher an die 
Geburt zurückgeschoben. 

Die einfache Handlung der Abwehr oder Zuwendung kompliziert 
sich während des ersten Vierteljahres nach zwei Richtungen hin deutlich. 
1. Handlungen beziehen sich nicht mehr ausschließlich auf einen Reiz, 
sondern auf deren zwei oder mehrere. 2. Die Handlungen sind begleitet, 
unterbrochen von (bestehen zuweilen sogar aus) einer Anzahl von Be- 
wegungen, deren Beziehung zur Abwehr oder Zuwendung schwer ver- 
ständlich ist. Das erste ist der Fall etwa beim Betrachten eines klappernden, 
hin und her pendelnden Balles, oder wenn das Kind nach der Quelle eines 
Geräusches mit den Augen sucht. Eine beträchtliche Komplikation tritt 
hier ein, wenn die Handlungen bald auch einen Bezug auf die Zukunft 
und auf die Vergangenheit erhalten, wenn Erwartung und Erinnerung 
sie beeinflußt. Das zweite trat ein, wenn das Kind das freundlich zu- 
nickende Sprechen mit Lachen und A-brrh, mit Zappeln und Strampeln 
beantwortet. Beide Entwicklungsrichtungen bedürften einer sorgsameren 
Darstellung als wir ihnen geben können; vielleicht führten sie dann auch 
zu einfacheren und schlüssigeren Deutungen. 

Bemfeltl, Psychologie dos Säuglings. 6 



! 



82 Erste Fortschritte. 



Zunächst wird uns wohl die Ordnung der mannigfaltigen Handlungen 
interessieren müssen; wir haben dabei größtenteils nur zusammenzu- 
fassen, was an verschiedenen Stellen des Buches bereits erörtert wurde. 
Dabei ergibt sich eine Zusammenstellung einer Anzahl von Gruppen, 
deren Umfang ebenso verschieden ist wie ihre Verständlichkeit. 

1 Abwehrhandlungen. Sie gehen von einem bestimmten meist 
lokalisierten unangenehmen Reiz aus. Schließen der Augen; Abwenden 
des Kopfes; Wischbewegungen mit der Hand sind die frühesten differen- 
zierten- das Schreien ist die allgemeinste Abwehrhandlung. Sie alle 
machen nur eine geringfügige Entwicklung im ersten Vierteljahr durch, 
denn in ihm macht das Aufrichten des Körpers, die zielvolle Beweglichkeit 
von Hand, Arm, Fuß und Bein bloß die ersten Anfänge. Und diese Organe 
sind es, die zu den eigentlichen Abwehrmitteln gegenüber der Außenwelt 
werden. Vor allem ist es die langsamere Entwicklung der Körperbe- 
weglichkeit, die das Schreien in der ersten Kindheitsperiode die einzige 
Abwehrhandlung gegen alle Unannehmlichkeiten der Außenwelt bleiben 
läßt, bei denen Beizabschluß nicht genügt. Das Kind kann sich noch 
nicht selbständig aus seiner Lage befreien, kann auch die Umstehenden 
noch nicht wegstoßen. Man wäre beinahe versucht zu sagen, er möchte 
dies, aber seine Muskeln tun ihm noch nicht den "Willen. In solchen Fällen 
scheint das Schreien jene differenzierte Form anzunehmen, die jeder 
Beobachter in Übereinstimmung mit den Müttern und Ammen als böse 
und zornig bezeichnet. 

2. Der Freßtrieb. Ihm haben wir zugeordnet: Hungergeschrei, 
Saugen, sowie etwas Saugbares in den Mund gerät, Schlucken, wenn das 
Saugbare Flüssigkeit gewisser Qualität abgesondert, erneutes Hunger- 
geschrei, wenn dies nicht nach einiger Zeit der Fall ist, und vielleicht 
das Ausstoßen der Brustwarze bei Sättigung. Sehr früh sind auch Zu- 
wendungsbewegungen des Kopfes zu konstatieren, wenn die Brust in 
die Nähe des Gesichtes gebracht wurde. In den ersten Lebenswochen 
werden die Handlungen des Freßtriebes auch vom Sehen oder Riechen 
der Brust, bald auch durch Vorbereitungshandlungen aller Art, z. B. 
Umbinden eines Latzes, ausgelöst: allgemeine höchste Unruhe bemächtigt 
sich des Säuglings, die leicht in Hungergeschrei oder in Fingerlutschen 
übergeht, wildes Suchen mit dem Kopf usw. hervorruft. Sehr häufig ist 
auch schon in dieser Zeit eine Art Halten, Schlagen, Kratzen der Brust 
mit den Händen während des Anlegens und während des Trinkens. Ob 
dies schon Triebhandlungen sind oder Abfuhrphänomene, oder ob sich 
dies völlig zufällig daraus ergibt, daß die häufigste Lage der Hände 
überhaupt die der embryonalen nicht unähnliche vor dem Mund ist, 
kann kaum entschieden werden; gewiß aber erhalten die Hände schon 
sehr früh — wie wir noch des näheren sehen werden — eine Funktion lm 
Dienste des Freßtriebes. Ebensowenig läßt sich sicher entscheiden, wie 






Die Triebgruppen. 83 

weit man das Spitzen des Mundes bei aufmerksamem Sehen schon auf 
dieser Stufe als Äußerung des Freßtriebes deuten darf. Diese Deutung 
hätte nicht wenig für sich. Ich habe schon darauf hingewiesen, und werde 
noch darauf zurückkommen, daß es wohl angängig ist, dem Freßtrieb 
ein Verhalten zuzuschreiben, das sich umschreiben ließe: ist das Indi- 
viduum hungrig — oder doch nicht völlig gesättigt — so löst jede Wahr- 
nehmung (der Augen und der Nase könnte man einschränkend sagen) den 
Impuls aus, sich oral des Dinges zu bemächtigen. Das Mundspitzen wäre 
demnach keine Ausdrucksbewegung der Aufmerksamkeit, sondern eine 
vorbereitende Handlung zum Fressen, zum Saugen an dem aufmerk- 
sam beobachteten Dinge; Vorbereitung, die in der Zeit der Handlosigkeit 
zu keiner Konsequenz führen kann, aber sowie das Greifen erlernt ist, 
zum Erfassen und In-den-Mund-stecken des Dinges führt. Daß das 
Mundspitzen zugleich der Ausdruck des Süßen ist, fügte sich sehr wohl 
in diese Deutung, denn welche verlockendere Erwartung kann der Säugling 
haben, als daß dies gesehene Ding da, wenn es vom Mund erfaßt sein 
wird, süß schmecken wird? 

3. Der Sexualtrieb, wohlgemerkt in jener Erweiterung des Be- 
griffes, die Freud zu verdanken ist, in der aller Tastlusterwerb einge- 
schlossen ist, verursacht jenen Komplex von Handlungen, den wir unter 
dem Ludein ausführlich abgehandelt haben. Was etwa an Handlungen 
des Säuglings vorkäme, die Wirkungen des warmen Bades zu erreichen 
oder zu verstärken und festzuhalten, müßte auch dem Sexualtrieb zuzu- 
zählen sein, denn die Lust am Baden ist Tastlust kat exoehen. Doch ist 
es sehr schwierig, die Abfuhrerscheinungen von den Handlungen auf 
dieser Stufe bereits zu trennen. Die Sexuallust des Bades ist „ein Geschenk 
der Umwelt", das der Säugling nicht herbeiführen kann, sondern bloß 
genießen. Ganz ähnlich wie die libidinöse Lust des Hörens. 

4. Die Sehlust zu erlangen, zu sichern, zu steigern, vollführt 
der Säugling jene komplizierten Bewegungen, die das Schauen aus- 
machen, deren Entwicklung im ersten Vierteljahr wir oben ausführlich 
darstellten. 

Bei dem Studium der Abfuhrphänomene wird uns noch ein oder das 
andere Phänomen als Handlung deutbar erscheinen — im wesentlichen 
aber ist mit dem Gesagten eine Ordnung der Handlungen erschöpft. Auf- 
fallend deutlich ergibt sich aus ihr, daß Objekt und Mittel vornehmlichster 
Art für den handelnden Säugling im ersten Vierteljahr sein Kopf ist, die 
Hände geraten ihm gegenüber in eine sehr nebensächliche Bolle; der 
übrige Körper kommt überhaupt nicht in Betracht. 

Eine eigene Gruppe von Zuwendungshandlungen etwa aufzustellen, 
ist nicht nötig weil alle Zuwendungsbewegungen in dem Zusammen- 
hang einer der genannten Gruppen mit enthalten sind, insbesondere 
in den Freßtrieb- und Sexualtriebhandlungen. 

6* 



g 4 Erste Fortschritte. 

Daß diese Einteilung eine endgültig befriedigende wäre, kann nicht 
behauptet werden, und da sich die Kinderpsychologen bisher mit den 
Trieben so gut wie gar nicht befaßt haben, kann auch nicht erwartet 
werden, daß dieser - beinahe erster - Versuch der Zuordnung aller 
Erscheinungen zu Trieben gelungen sein könnte Insbesondere die 
Gruppe 1 und 4 ist nicht glücklich, für sie müßten entweder neue Triebe 
aufgestellt werden, oder sie müßten sich in die Freßtnebe oder Sexual- 
triebe einreihen lassen, sollte die Einteilung befriedigend erscheinen. 
Ehe diese beiden Möglichkeiten diskutiert werden, empfiehlt sich abf- 
wohl den Anschluß an die Literatur zu finden. 

Kirkpatrik ist unter den Kinderpsychologen — im engeren Sinn 
der einzige, der den Trieben eine wesentliche Rolle in der Kinderforschung 
zuweist Er unterscheidet fünf Gruppen von Trieben: Selbsterhaltungs- 
triebe, Elterntriebe, Herden- oder Gesellschaftstriebe, Anpassungstriebe 
und den Trieb zur Gesetzmäßigkeit. Beim Säugling findet er — so scheint 
es - nur Selbsterhaltungstriebe und eine primitive Form der Anpassungs- 
triebe wirksam. Von den Anpassungstrieben (der Nachahmung) zu sprechen, 
ist beim ersten Vierteljahr kein Anlaß ; es wird in anderem Zusammenhang 
nicht wenig Kritisches zur Aufstellung dieses Begriffes anzumerken 
sein. Den Selbsterhaltungstrieben zählt Kirkpatrik alles zu, was wir 
als Freßtrieb bezeichneten, und auch die Gruppe der Abwehrbewegungen 
— ebenso wie im Grunde alles, was an Handlungen beim Säugling zu sehen 
ist, denn er definiert die Selbsterhaltungstriebe: „Hierher gehören alle 
Bewegungsantriebe, die auf das augenblickliche Wohlbefinden des ein- 
zelnen gerichtet sind.... Die einfachste Form dieser Neigung erblickt 
man in dem Bestreben, sich so zu bewegen, daß der einmal empfangene 
Reiz zunimmt, wenn er günstig, und abnimmt, wenn er ungünstig ist." 
Das heißt, alle Handlungen des Säuglings entspringen dem Selbst- 
erhaltungstrieb. Sicherlich zutreffend ist, daß sie alle zusammen den 
Säugling erhalten, wenigstens unter normalen Verhältnissen. Diese Auf- 
stellung hat demnach nichts Unsinniges in sich; und sie birgt sogar ein 
gewisses Maß philosophischer Befriedigung, die sich allemal einstellt, 
wenn eine große Mannigfaltigkeit auf ein Prinzip zurückgeführt ist. 
Die Schwierigkeit ist nur, daß nicht einzusehen, warum es nötig sein 
sollte, noch weitere Triebe aufzustellen; auch die Elterntriebe lassen sich 
auf Handlungen reduzieren, die das „augenblickliche Wohlbefinden" 
herzustellen suchen, das augenblickliche Übelbefinden abwehren wollen. 
Dies ist ein allgemeiner Charakter des Psychischen überhaupt, unbe- 
schadet der Tatsache, daß gelegentlich Handlungen vorkommen, die 
Unlust herbeiführen. Es ist ein allgemeines Prinzip psychischen Ge- 
schehens, und zwar ein primitives Prinzip, daß die Unlust wo nur irgend 
möglich vermieden, die Lust wo nur irgend möglich erlangt werden will. 
Fre\id (4) hat dieser allgemeinen Tendenz den sehr zutreffenden Namen 



Die Triebgruppen. 85 

des Lustprinzips gegeben. Es ist wenig förderlich, dieses Prinzip als 
Trieb zu benennen, weil sonst ein das ganze Verhalten umfassender Trieb 
statuiert wird, der die Aufstellung spezieller nicht erspart, sie aber diesem 
allgemeinen untergeordnet sein läßt. Womit wenig gewonnen ist. Ich 
werde demnach das Lustprinzip als ein Merkmal psychischen Geschehens 
von den Trieben begrifflich gesondert halten ; und es wird eine Aufgabe 
für sich sein, die Beziehungen der Triebe zum Lustprinzip festzustellen. 
Von dieser Beziehung ist eines sogleich erkennbar: im allgemeinen fügen 
sich die Triebe in das Lustprinzip ein, ihre Ziele sind mit Lust, ihr unbe- 
friedigtes Drängen mit Unlust verbunden. Doch ist diese Relation keines- 
wegs immer so einfach. Solche begriffliche Scheidung empfiehlt sich auch 
aus der Erwägung, daß das Lustprinzip, Lust und Unlust überhaupt, 
Wahrnehmungen des Systems BW (Bewußtsein) sind, während Triebe 
allem Organischen zukommen, und man daher sich wesentliche Horizonte 
verschließt, wenn man die Trieblehre von den psychischen System- 
verhaltnissen abhängig macht, die man mit Sicherheit nur beim er- 
wachsenen Menschen kennt. 

Auch außerhalb der kinderpsychologischen Literatur ist die Beschäf- 
tigung mit der Psychologie der Triebe bei weitem nicht so häufig und 
intensiv, als dieses wichtige und dunkle Problem verlangen dürfte. Immer- 
hin könnte aber doch die Erwägung der Vorteile und Nachteile der 
differenten Annahmen und Einteilungen für unsere Aufgabe nicht auf 
wenigen Seiten erledigt werden. Darum trifft es sich bequem, daß die 
einzige Theorie, die den genetischen Gesichtspunkt berücksichtigt, die 
einzige entwicklungspsychologische Trieblehre die psychoanalytische* ist 
und der Kinderpsychologe nicht langen R echtfertigen s bedarf, wenn er 
versucht sie — als die einzige vorhandene — zur Ordnung der . 
Tatsachen seines Forschungsgebietes heranzuziehen. Freuds Trieb- 
lehre möchte ihr Auskommen mit zwei Trieben finden. Dabei ist 
ein älteres Stadium der Theorie von dem neueren zu unterscheiden; 
der Wendepunkt ist deutlich Freuds kleine überaus gedankenreiche 
Schrift: „Jenseits des Lustprinzips". Dem älteren Stadium gehört 
die Unterscheidung der Sexualtriebe von den Ichtrieben an. Die Sexual- 
triebe sind nach allen Seiten wohl studiert, in ihrer Entwicklung verständ- 
lich gemacht; in Freuds „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" ist 
die erste Entwicklungspsychologie, freilich nur des einen, Triebes 
gegeben. Die Ichtriebe erfuhren keine eingehende Behandlung, sie sind 
eigentlich nur postuliert und bloß den Sexualtrieben gegenüber abgegrenzt, 
es ist unter ihnen alles zusammengefaßt gedacht, was Nicht-Sexualtrieb 
ist. Das neue Stadium der Theorie läßt alle Aufstellungen über die Sexual- 
triebe unangetastet, bloß der Sadismus erfährt eine, übrigens nicht 
prinzipiell neue Auffassung; wurde er früher als Partialtrieb der Sexual- 
triebe gedeutet, so geschieht dies nicht mehr ganz in derselben Weise, 



86 Erste Fortschritte. 

seine Beziehung zu den Sexualtrieben wird komplizierter; er wird in seiner 
emen „entmischten" Form ihren Gegenspielern zugesel \*»«*»*** 
triebe Verden mit den Sexualtrieben als eine weitere Einheit erfaßt als 
Lebenstriebe, Eros, den Todestrieben gegenübergestellt, von denen einen 
einwandfreien psychischen Repräsentanten nachzuweisen nicht möglich 
wa od r ist, als deren Typus aber der entmischt gedachte Sadismus 
ITt'cn könnt . Eros und Todestriebe erfahren eine weitere Unifizierung 
im Wesen, im Ziel des Triebes überhaupt, das Freud (9) so formuliert: 
Ein Trieb wäre also ein dem belebten Organischen innewohnender 
Drang zur Wiederherstellung eines früheren Zustandes, welchen dies Be- 
lebte unter dem Einfluß äußerer Störungskräfte aufgeben mußte, eine 
Art von organischer Elastizität, oder wenn man will, die Äußerung der 
Trägheit im organischen Leben." 

Welche tiefen Zusammenhänge und weittragenden Aufschlüsse diese 
Konstruktionen ermöglichen, zeigt Freuds „Ich und Es". Dennoch werde 
ich mich im folgenden nur an die Aufstellungen der älteren Freudschen 
Trieblehre halten. Die neue ist von einem Gesichtspunkt aus aufgestellt, 
der für unsere Aufgabe keine wesentlichen Vorteile bietet, da unser 
Material nicht reich, nicht durchsichtig genug ist. Eros und Todestriebe 
sind biologische Gewalten, sie sind individuumtranszendent, wenn man 
solches Wort bilden darf. Die Aufklärung der Seelenerscheinungen beim 
Säugling braucht konkretere Aufstellungen. Die Triebe sind Gewalten 
innerhalb des Individuums, die sein Handeln und Verhalten in einer 
einheitlichen typischen Weise determinieren. Die Ziele der Triebe sind 
nicht bekannt, sie müssen aus den Handlungen erschlossen werden; 
dieser Schluß ist umso sicherer zutreffend, je näher das Ziel begrenzt ist, 
je konkreter, je mehr immanent dem Individuum es gesetzt wird. Die 
Triebe sind freilich auch Gewalten, die über den Bereich des Individuums 
hinausragen; und diesen Anteil hat Freud bei seinen neueren Konstruk- 
tionen vor Augen. Sie machen aber zugleich gewisse Einsichten unklarer ; sie 
sind biologisch, philosophisch, soweit sie die Psychologie treffen, meta- 
psychologische Gebiete, mit denen sich derzeit die Psychologie des 
Säuglings besser noch nicht befaßt. Wir geraten in keinen Widerspruch zur 
Psychoanalyse oder auch nur zu einer ihrer Annahmen, wenn wir die 
Unterscheidungen der älteren Tricblehre im wesentlichen festhalten, 
so wie ja die neuere Trieblehre der älteren nicht gegenübersteht, sondern 
sie fortführt, sie ins Biologische und Metapsychologische fortsetzt. 
Deutlich ist dies bei der Scheidung zwischen Sexualtrieben und 
Ichtrieben. Die Zusammenfassung zum Eros hebt die früher So 
sorgfältig untersuchten Unterschiede nicht auf; sie erscheinen nur 
nicht mehr als entscheidend, weil die Gemeinsamkeiten beider Gruppen 
gegenüber den Todestrieben so auffallend und wichtig sind. Aber 
gerade die Sonderung dieser beiden Triebgruppen ist für das Ver- 



Die Triebgruppen. 87 

ständnis der Entwicklung des Kindes wichtiger als ihre Zusammen- 
fassung. 

Es ist recht aufschlußreich diese gesonderten beiden Triebgruppen 
mit dem Lustprinzip in Beziehung zu setzen. Das Lustprinzip enthält 
zwei verschiedene Verhaltungsweisen in sich: Die Vermeidung der 
Unlust und das Aufsuchen der Lust. Beides sind im Grunde positive 
Verhaltungsweisen; nicht nur das Streben nach der Lust, sondern auch 
das Vermeiden der Unlust, denn dieses ist Streben nach einem bestimmten 
Gleichgewichts- und Ruhezustand, der in gewissem Sinn auch eine „Lust" 
genannt werden könnte. Wir haben bereits mehrfach gesehen, wie die 
Vermeidung, Abwehr von Unlust sich deuten läßt, als Trieb zu der 
Situation zurückzukehren, die vor dem Reiz bestand, zur Situation der 
Reizlosigkeit und psychischen Ruhe, letzten Endes zur Rückkehr in den 
embryonalen Zustand, der durch den ersten nachhaltigen Reiz die 
Geburt, gestört wurde. Doch ist diese „Lust" der Reizlosigkeit offenbar 
eine ganz andere Qualität als die Lust, die etwa beim Ludein angestrebt 
w ird, und es empfiehlt sich kaum, beides mit gleichem Namen zu be- 
zeichnen. Anderseits kann man mit großem Recht auch betonen, daß das 
Streben nach Lust schließlich in die Reizlosigkeit einmündet, dem Ludein 
etwa folgt der Schlaf. Man sollte daraus aber nicht folgern, das Streben 
nach Lust habe nicht diese zum Ziel, sondern den Zustand der Reiz- 
losigkeit, der ihr folgt, die Lust sei nur ein Mittel ihn zu erreichen. Dies 
widerspricht zu sehr dem Wesen der Lust, die sich erhalten will, deren 
Zuendegehen bedauert wird, wenn nicht die eingetretene Müdigkeit 
solches Bedauern unmöglich gemacht hat, und die sofort wieder ange- 
strebt wird, sobald nur die Ermüdung verschwunden ist und die aus- 
lösenden Bedingungen gegeben sind. Für das Bewußtsein ist im einfachen 
Fall gewiß die Lust selbst das Ziel der Triebhandlung. Die -psycho- 
analytische Erforschung des Unbewußten deckt auch in ihm nichts 
anderes als dieses Ziel auf, bzw. das Substrat, an dem die Lust erlebt 
werden will, gewiß aber nicht den Ruhezustand nach abgeebbter Lust. 
So daß Lust — die eine freilich sehr wenig verstandene Reizsituation ist 
— und reizlose Ruhe zwei wohl unterscheidbare Ziele sind, die zwei 
differenzierbare Triebe verfolgen: die Lust, die Gruppe der Sexualtriebe; 
die Reizlosigkeit, die Gruppe der Selbsterhaltungstriebe. Der Name der 
Selbsterhaltungstriebe ist nicht frei von Mißverständnissen. Wir wiesen 
oben bereits darauf hin, daß die Selbsterhaltung der Erfolg und nicht das 
Ziel dieser Triebe ist. Ihr Ziel ist die Reizlosigkeit, und — wie ich noch 
zeigen will — unter einer gewissen Bedingung die „Bemächtigung". Es 
wäre sehr sinnvoll, den Namen Todestriebe ihnen zu verleihen, und 
gelegentlich wird sich dies auch empfehlen, wenn diese ihre Tendenz: 
das Töten und das Rückkehren in die Embryonalruhe besonders betont 
sein soll; im allgemeinen steht dieser Nomenklatur der Freud sehe 



88 Erste Fortschritte. 

Terminus gegenüber, dem unsere Zusammenfassung nicht- widerspricht, 
der sie aber nur teilweise deckt. Diese Gruppe der Selbsterhaltungstriebe 
entspricht den „Ichtrieben", die Freud (9) von den Objekttrieben (den 
Sexualtrieben) trennt. Hier ist der wesentliche Gegensatz der beiden 
Triebgruppen, die wir beim Säugling sehen, scharf gezeichnet: das 
libidinöse Sich-Zuwenden zur Welt, und das narzißtische Sich-Ihr- 
entziehen. Dennoch wäre im Zusammenhang der Säuglingspsychologie 
der Terminus „Ichtrieb" eine ständige Verleitung zu Mißverständnissen. 
In diesem Lebensalter entwickelt sich das Ich erst langsam und ist auch 
an seinem Ende noch recht undifferenziert. Aber während der erwachsene 
Sexualtrieb sich in seinem wesentlichen Bestand aus jenen noch wenig 
differenzierten Triebäußerungen entwickelt, die wir schon beim Säugling 
Sexualtriebhandlungen nannten, eben wegen dieser Kontinuität mit 
Recht so nannten, vollzieht sich der allmähliche Aufbau des Ich nicht in 
ähnlich direkter Weise aus den primitiven Äußerungen der „Ichtriebe". 
Sondern hier walten recht komplizierte und noch wenig gekannte Be- 
ziehungen. Sie aufzuhellen wäre die Aufgabe der Psychologie des 
Säuglings und der frühen Kindheit, und es empfiehlt sich daher eine nicht 
präjudizierende Nomenklatur. Daher sei, um diese Aufgabe und noch 
bestehende Unklarheit anzudeuten, die Gruppe der Selbsterhaltungs- 
triebe, der Ichtriebe, bis auf weiteres mit R-Triebe bezeichnet; wobei das 
R sowohl den Ruhezustand, die Reizlosigkeit, die „Ruhe-Lust", als auch 
die Regression, die regressive Tendenz, in die sich, je älter das Neu- 
geborene wird, umso deutlicher, die konservative Tendenz verwandelt, 
in Erinnerung rufen mag. 

Nicht übersehen sei, und darum wiederholt, daß die Beziehung zum 
Lustprinzip nicht notwendig so einfach ist, als die eben versuchte Ab- 
leitung annehmen läßt. Hauptsächlich darum, weil in realitate die Triebe 
in mannigfaltiger "Verschränkung und Vermischung erscheinen, und 
unsere Sonderungen zuletzt doch nur — aber eben — wissenschaftliche 
Abstraktionen sind. Nicht weniger aber auch, weil das Lustprinzip dem 
ökonomischen Gesichtspunkt, die Aufstellung der beiden Triebgruppen 
dem dynamischen Gesichtspunkt psychologischer Betrachtungsweise 
entspringt, und beide Gesichtspunkte — als verschiedene Betrachtungs- 
weisen des teilweise selben Gegenstandes — in einer nicht ganz einfachen 
Beziehung zueinander stehen. Freud (7). 

Zu unserer Ordnung der Handlungen zurückkehrend, können wir 
deren unbefriedigende Punkte bis zu einem gewissen Grade verbessern. 
Aus 1. (Abwehrhandlungen) und 2. (Freßtriebhandlungen) wird Gruppe I : 
jene Handlungen, die wir den R-Trieben zuschreiben. Sie streben den 
narzißtischen Ruhezustand an, suchen ihn wieder herzustellen wenn er 
gestört wurde. Sie entsprechen den Freudschen Ichtrieben und teilweise 
auch den Todestrieben. Als Gruppe II: Sexualtriebe stehen diesen R, 






Lachen, "Weinen und Erschrecken. 89 

Trieben jene Motive zu Handlungen gegenüber, die auf die Gewinnung 
von Lust gerichtet sind; und zwar nicht auf jene „Lust", die der reizlose 
Ruhezustand bieten mag, sondern auf die Lust, welche mannigfaltigen 
Reizen, „Objekten" abgewonnen wird. Die Sehlust-Handlungen (4) 
rücken in einen näheren Bezug zu dieser Gruppe II. Die Details dieser 
Relation zu untersuchen, wird an Erscheinungen, die ein höheres Alter 
des Säuglings bietet, leichter und fruchtbarer sein. 

Von den Trieben, ja von der Entwicklung sprechen, ohne bald an 
jene Grenze aller psychologischen Einsicht zu gelangen, die uns durch 
alle jene Erscheinungen gezogen ist, die wir unter „Vererbung" meinen, 
ist unmöglich. Die angeborenen Mechanismen, die Tatsache der Triebe 
selbst und der von ihnen angeboren abhängigen Handlungen und Aus- 
lösungen, die Aufeinanderfolge von Erscheinungen (die phasischen 
Ekphorierungen Semons), das gesetzmäßige Reifen des motorischen 
Apparates und der psychischen Fähigkeiten, liegt hinter den beiden 
Triebgruppen, hinter dem Lustprinzip, und außerhalb unserer Aufgaben. 
Freuds Todestriebe und Eros, sein Wiederholungszwang und seine 
Definition des Triebes rühren an diese Probleme. Die Psychologie des 
Säuglings, des Kindes und der Jugend wird nicht vergessen dürfen, den 
Anschluß an sie aufzuzeigen. Sie wird es nicht vergessen können, denn 
der Wiederholungszwang ist kaum unterscheidbar von den frühen Äuße- 
rungen der konservativen Tendenz der Selbsterhaltungstriebe (unserer 
.Triebgruppe I). Den Anschlußweg zu gehen, wird sich derzeit wohl auch 
ein waghalsiger Autor versagen, wenn er mehr als bloße subjektive Ein- 
fälle bieten will. 

Lachen, Weinen und Erschrecken. 

Recht kompliziert sind die beträchtlichen Änderungen, die die Ab- 
fuhrphänomene, insbesondere die sogenannten mimischen Ausdrucks- 
bewegungen, während des ersten Vierteljahres erfahren. Die Unterschiede 
- zwischen diesen Erscheinungen beim Neugeborenen und dem Yierteljahrs- 
kind sind wesentlicher als zwischen diesem und dem Erwachsenen. Denn 
in die erste Entwicklungsphase fällt die Ausbildung aller Anzeichen der 
Gemütsbewegungen, der körperliche mimische und zum Teil auch der 
pantomimische Ausdruck der Gefühle, deren Entwicklung im weiteren 
Verlauf des Lebens wesentlich nur mehr Modifikation und Ermäßigung 
ist. Was für den Säugling etwa Ausdruck eines — wie wir wohl annehmen 
müssen — schwachen Unlustgefühles ist, wird der Erwachsene nur in 
stärkstem, überwältigendem Affekt äußern: lautes Weinen. Das bleibende 
Wie aber wird im ersten Vierteljahr erworben — und ist ein Problem von 
reichlicher Rätselhaftigkeit. 

Dies gilt bereits für die auffallendste Äußerung, für das Weinen und 
Lachen, die beide dem Neugeborenen fehlen, das Vierteljahrskind aber 



90 Erste Fortschritte. 

völlig beherrschen, und ihm den bezwingenden, rührenden, gelegentlich 
paradoxen Ausdruck der Menschenähnlichkeit, der Erwachsenenähnlich- 
keit verleihen. Um es vorweg zu sagen: so unmittelbar wir das weinende 
und lachende Kind verstehen, vielleicht auch bloß zu verstehen glauben 
das Weinen, das Lachen verstehen wir wissenschaftlich überhaupt 

nicht. 

Das Schreien des Neugeborenen wird zum Weinen, wenn sich die 
Tränen einstellen. Dieser Zeitpunkt ist — anscheinend individuell — 
verschieden. Die neueren Beobachter notieren die ersten Tränen in der 
dritten bis neunten Woche (Dix), während Darwin (1) und seine Ge- 
währsleute „in einem Fall das ungewöhnlich frühe Alter von 42 Tagen", 
sonst 62 — 139 Tage angeben. Freilich spricht Darwin vom Zeitpunkt, 
an dem die Tränen über die Backen laufen, was für die Beobachter seit 
Preyer nicht der entscheidende Termin ist, doch ist dieser Termin gewiß 
erst recht individuell verschieden. Gewiß können Tränen durch Reizung 
des Auges schon erzeugt werden, noch ehe sie spontan als Begleiterschei- 
nung des Schreiens auftreten; und auch während der Zeit des habituellen 
Schrei-Weinens kommt Schreien des Säuglings ohne Tränensekretion 
oder ohne beträchtliche, vor. "Vielleicht würden genauere Beobachtungen 
uns Differenzierungen lehren, vielleicht ist das Weinen an andere Ur- 
sachen, an spezielle Situationen geknüpft. Träfe dies zu, so ergäbe sich 
vermutlich ein wichtiger Einblick in manche Frage, es ist aber müßig 
Annahmen zu machen, wo noch nichts festgestellt wurde. Was die Ur- 
sachen für die Variationen des Sekretionsbeginns sind, weiß man nicht. 
Lehmann hat die Frage gestellt und vermutet, daß die spontane Tränen- 
sekretion der Auslösung durch eine somatische Reizung bedarf, die ge- 
wiß in den ersten Lebenswochen durch Staubkörnchen, Berührung des 
Auges u. dgl. eintritt, aber zu sehr zufälligen Zeitpunkten. 

Das Schreien als solches den Abfuhrphänomenen zuzuzählen, besteht 
kein Grund. Es ist eine Handlung wie jede andere frühinfantile auch, 
wie ich oben ausführte. Ein gut Stück dessen, was man den Ausdrucks- 
bewegungen zuzählt, sind nichts anderes als Muskelbewegungen, die zur 
Schreihandlung notwendig gehören oder die doch in ihrem Zusammenhang 
wohl verständlich werden. Nach Darwins sorgfältiger Analyse läßt sich 
der Tatbestand etwa so darstellen : Das Weinen (Schreiweinen) ist gekenn- 
zeichnet durch 1. die Exspiration, 2. festes Schließen der Augen, 3. Stirn- 
runzeln, 4. weitgeöffneten Mund, 5. Lippen zurückgezogen, Mund „vier- 
eckig", 6. Tränen. 1. und 4. konstituieren das Schreien, sie bedürfen 
keiner weiteren Ableitung. Das Stirnrunzeln (3) sowohl wie das eigen- 
artige Zurückziehen der Lippen (5) ergeben sich beide aus der ana- 
tomischen Situation der Augen-, Wangen-, Nasenmuskeln, es sind Folgen 
des krampfhaften Schließens der Augen. Dieses selbst ist bei jeder heftigen 
krampfhaften Exspiration anzutreffen und dient dazu, das Auge vor dein 



Lachen, Weinen und Erschrecken. 91 

Blutandrang und der Blutstauung in seinen Gefäßen zu schützen, so daß 
alle „Ausdrucksbewegungen" des Weinens Teile der Handlung Schreien 
sind — bis auf die Tränen. Sie in den motorischen Zusammenhang dieser 
Handlung einzureihen, ist Darwin kaum gelungen. Die Kompression des 
Augapfels mag reflektorisch die Tränendrüsen affizieren, aber er muß 
doch „das Weinen als ein zufälliges Besultat betrachten, so zwecklos 
als die Absonderung von Tränen infolge eines Schlages auf das Äußere 
des Auges." Als Auskunft meint D arwin, daß sich doch „keine Schwierig- 
keit dafür darbietet, einzusehen, daß die Absonderung der Tränen zur 
Erleichterung des Leidens dient." Und mit dieser Einreihung des Weinens 
in die Abfuhrphänomene müssen wir uns auch heute noch begnügen. Nur 
daß wir den Zweifel nicht unterdrücken können, ob dies für die Erschei- 
nung beim Säugling nicht noch weniger Erklärung bietet, als für dasselbe 
Phänomen beim Erwachsenen. Denn vermögen wir uns auch irgendwie 
vorzustellen, daß seelisches Leiden beträchtliche Linderung durch solche 
Abfuhr erfährt, so ist das bei den viel imperativeren und mehr physischen 
„Leiden" des Säuglings wenig einleuchtend. Aber damit berühren wir die 
Frage der Abfuhrphänomene überhaupt, deren Bestand und Entwicklung 
w ir vorerst zu schildern haben. 

Eine große Erleichterung der Frage ergibt sich aus der Tatsache, daß 
das Weinen kein absolutes Spezifikum der Unlust ist. Kinder und Er- 
wachsene können auch vor Lust und Glück weinen, was freilich bereits 
eine gewisse Kompliziertheit der Gefühle und der psychischen Struktur 
zur Voraussetzung hat, aber auch starkes Lachen — ohne jede psychische 
Komplikation — hat Tränenerguß zur Folge. Woraus gefolgert wurde, 
daß die Affektion der Tränendrüsen im Zusammenhang mit starker 
Kompression der Augenmuskeln erfolgt (Lehmann). Doch kann diese 
Auffassung den Kern der Sache nicht treffen; denn erstlich scheint das 
Lachen unter Tränen bei Säuglingen überhaupt noch nicht vorzukommen, 
die Beziehung kann also keine ursprüngliche sein; zweitens gehört eine 
gewisse mäßige Funktion der Tränendrüsen zu den häufigsten Erschei- 
nungen jeder Lust, auch der ohne jede Augenmuskelbewegung sich 
äußernden. Das „glänzende" Auge — gewiß eine Folge mäßiger Tränen- 
absonderung — ist eine allgemeine mimische Lustäußerung. Es gibt dem- 
nach eine Beziehung zwischen Unlust- und Lustgefühlen einerseits und 
der Tätigkeit der Tränendrüsen überhaupt, und nur gewisse Formen 
dieser Sekretion sind mit der Unlust näher verknüpft, andere mit der 
Lust. 

Betrachtet man die Chronologie des Auftretens, so kann man for- 
mulieren: mäßige Feuchtung der Augen tritt in den ersten Lebenswochen 
bei Lust und Unlust auf; starke Sekretion tritt erst etwas später ein, 
und zwar in Form des Tränenergusses mit Unlustgeschrei verknüpft. 
Dies ist die Situation am Ende des ersten Vierteljahrs. Die weitere Ent- 






92 Erste Fortschritte. 

Wicklung ist bezeichnet dadurch, daß sich die Verknüpfung zwischen 
Schreien und Weinen löst, die starke Tränenabsonderung bei Unlust vom 
Schreien unabhängig wird; daß stärkere Tränenabsonderung als Folge 
des Lachens bei Lust auftritt; daß schließlich das Weinen als Unlust- 
äußerung immer seltener wird, eigentlich völlig aufhört und nur in Augen- 
blicken höchsten Affektes gelegentlich wieder auftritt; daß auf diesem 
Stadium das Weinen auch bei einem nicht rein unlustvollen Affekt, 
sondern auch bei einem, der im wesentlichen als Lust bewertet werden 
kann, sich einstellt. Bei den letzten Entwicklungsstadien ist gewiß weit- 
gehend die Gesellschaftskonvention im Spiele ; es gab Völker und gibt sie 
heute noch, die das Weinen als Lust- und Unlustausdruck pflegten, andere, 
die es stärker noch unterdrücken, als ich es oben darstellte. Die Hemmung 
der Affektäußerung ist zweifellos konventionell. Die Vorgänge in der 
frühen Kindheit so aufzufassen, wie Lehmann geneigt zu sein scheint, 
ist aber zweifellos unrichtig. Eher wäre es möglich, beim Lachen des 
Kindes, auch schon des Säuglings Faktoren der Nachahmung heran- 
zuziehen. Beim Weinen spielen sie gewiß nicht mit. Man lacht zwar mit 
Säuglingen im Spiel, man weint aber nie mit ihnen. 

Die Leistungen der Drüsen unter verschiedenen Gefühlszuständen 
sind beim Erwachsenen schlecht, beim Säugling gar nicht untersucht. Und 
doch würde sich vermutlich ein Verständnis der Tränensekretion erst 
zusammen mit dem Schweißausbruch, vielleicht auch mit Blasen- und 
Darmentleerungen ergeben. Da nun solche Studien fehlen, so müssen wir 
bei den mimischen Bewegungen allein des weiteren zeigen, daß der 
Ausdruck der Lust und Unlust keineswegs völlig kontrastiert, und 
daß das ursprünglich noch weniger der Fall ist, als im späteren 
Leben. Die Mimik des Lachens ist in keiner Beziehung der Gegen- 
satz zur Mimik des Weinens. Folgen wir Darwins Analyse des Lachens, 
so ist zu unterscheiden 1. Lautbildung, 2. Öffnen des Mundes, 3. Empor- 
ziehen der Oberlippe, 4. leichte Kontraktion der Ringmuskeln des Auges, 
5. Heben der Wange von den Jochbeinmuskeln aus, meist damit ver- 
bunden die Hebung des Mundwinkels, 6. Glanz der Augen. Auch die 
Mimik des Lachens enthält somit einen Komplex von miteinander zu- 
sammenhängenden, von einander abhängigen Bewegungen: 2., 3., 4. und 
vielleicht 6. Dieser Komplex ist mit der Mimik des Weinens identisch, 
er ist ein abgeschwächtes Weinen. Besonders deutlich wird das beim 
Lächeln, das ein abgeschwächtes Lachen ist: sehr häufig ist nicht zu er- 
kennen, ob das Mundverziehen beim Säugling zum Lächeln, Lachen oder 
zum Weinen führen wird. Spezifisch für das Laehen ist ursprünglich nur: 
die feine Nuance, die durch die Hebung der Mundwinkel gegeben ist (von 
der nicht feststeht, wann sie auftritt, die aber jedenfalls in den ersten Lebens- 
wochen bereits vorhanden ist) ; das offene Auge (die schwache Kontraktion 
der Ringmuskeln); die besondere Lautbildung und später auch der spe- 



Lachen, "Weinen und Erschrecken. 93 

zifisch gewordene Glanz des Auges. Besteht das Schreien aus verstärktem, 
andauerndem Exspirium von kurzen und schwachen Inspiriumszügen 
unterbrochen, so ist das Lachen im Gegenteil langes verstärktes Inspirium 
von kurzen und schwachen Exspiriumsstößen rhythmisch unterbrochen. 
Das Lachen ist demnach mimisch teils mit dem Weinen identisch, teils 
(offenes Auge, Inspirium) sein volles Gegenteil. Das Lachen ist ontogene- 
tisch jünger als das Schreiweinen. Die von den Beobachtern angegebenen 
Termine differieren beträchtlich. Erstlich wegen ihrer differenten Auf- 
fassung der Phänomene. Schon in den ersten Lebenstagen sind Mund- 
bewegungen, die beinahe wie ein Lächeln aussehen, häufig. Will man 
aber den Termin des ersten Lächelns als Anzeichen wohlbehaglicher 
Stimmung bezeichnen, so muß man diese frühen Grimassen bis in die 
zweite Woche etwa unberücksichtigt lassen. Zweitens aber ist offenbar 
das Lachen in den Anfängen seiner Entwicklung von individuellen 
Faktoren sehr abhängig, so daß die Termine bei verschiedenen Kindern 
gelegentlich recht differieren. Preyer „bemerkte ein hörbares und sicht- 
bares Lachen mit gesteigertem Glanz der Augen zum ersten Male am 
23. Tag". Dieser Zeitpunkt der dritten bis vierten Woche stimmt mit 
den meisten Beobachtungen überein ; doch wird das Lachen erst zu Ende 
des zweiten, zu Beginn des dritten Monats in bezug auf die Dauer, die 
Rhythmisierung und Stärke der Lachlaute seine Entwicklung beendet 
haben; die Differenzierungen und Nuancierungen schreiten bis ins vierte 
Lebensjahr fort. 

Das Lachen entwickelt sich aus dem Weinen durch Veränderung des 
Inspiriums, und Offenhalten des Auges und unter Hinzufügung der spezi- 
fischen Bewegung der Jochbeinmuskulatur. Dieses letztere Detail ist 
völlig rätselhaft; nicht einmal eine Annahme oder Vermutung liegt vor. 

Das Lachen ist keine Handlung; es hat keinen verständlichen Zweck, 
nicht einmal ein biologischer Nutzen ließe sich angeben. Die Funktion, 
welche es in der Gesellschaft ausübt, seine verbindende sozialpsychische 
Kraft ist gewiß eine Folge, kann aber nicht als seine determinierende Ur- 
sache angesprochen werden. Man wies oft darauf hin, z. B. Stern, wie 
der Ausdruck der Lustzustände nach dem der Unlustgefühle auftritt, und 
daß diese Aufeinanderfolge ihren biologischen — beim Menschen meint 
man eigentlich „soziologischen" — Sinn hat. Das Unlustschreien ruft 
die Mutter herbei. Die Feststellung ist richtig und darum nannten wir 
auch den Unlustausdruck eine Handlung, aber aus dieser Betrachtung 
folgt nicht, daß die Lustäußerungen überhaupt jemals auftreten müßten. 
Sie sind ja beim Erwachsenen im allgemeinen noch seltener und noch mehr 
abgeschwächt als die Unlustäußerungen, beim Säugling aber sind sie um 
nichts stiller, gewiß nicht seltener und am wenigsten unauffälliger als 
diese. Im Gegenteil ist das gesunde und wohlgepflegte Kind vom 3. oder 4. 
Monat an durch wenig Erscheinungen so deutlich charakterisiert, als durch 



94 Erste Fortschritte. 

seine mannigfaltigen und lebhaften Lustkundgebungen. So bleibt keine 
andere Möglichkeit, als das Lachen als Ganzes, ebenso wie die Tränenab- 
sonderung aus dem Komplex des Schreiweinens, als Abfuhrphänomen auf- 
zufassen, was freilich dem Phänomen selbst zunächst nichts von seiner 
Rätselhaftigkeit nimmt. 

Es ist methodisch sehr wohl berechtigt, wenn wir uns gehemmt 
fühlen, die soziale Komponente des Lachens, der Abfuhrphänomene über- 
haupt, zu deren Verständlichmachung heranzuziehen, und diese Ab- 
lehnung bis zur Bekämpfung des Terminus Ausdrucksbewegung steigern, 
der mißverständliche Perspektiven ermöglicht. Das methodische Prinzip, 
das uns dabei leitet, ist das gleiche, das uns veranlaßt, solange als jeweils 
möglich, ohne den Begriff der Vererbung, ohne phylogenetische Gesichts- 
punkte auszukommen. Nur so gelangen wir zur weitesten Einsicht in die 
psychologischen Kräfte und ihre Erscheinungen. Aber übersehen werden 
darf die soziale Kompenente so wenig als die Vererbung. Und führen wir 
in die Kinderpsychologie — durch dieses Buch — stärker als es sonst üb- 
lich ist, das kulturgeschichtliche Material ein, betrachten wir die Rela- 
tionen der erwachsenen Umwelt auf die Entwicklungstatsache Säugling, 
so dürfen wir gewiß nicht verfehlen, auch die "Wirkungen dieser Relationen 
im Säugling selbst zu erkennen. Nimmt man den Terminus der Ausdrucks- 
bewegung ernst, so könnte er solchen vererbten psychischen Niederschlag 
einer sozialen Tatsache meinen. Derartiges schwebt ja auch den Autoren 
vor, wenn sie meinen, der Ausdruck der Unlust trete bereits beim Neuge- 
borenen auf, weil er für ihn nützlich ist. Soviel ich sehe, hat niemand die- 
selbe Betrachtungsweise dem Lachen des Kindes gewidmet. Da wir 
solche sozialpsychologische Überlegung scharf von der individualpsycho- 
logischen trennten, dürfen wir den Versuch machen, sie — und wäre es 
mit einigen Übertreibungen — zu unternehmen, vielleicht ergibt sie einen 
lohnenden Ausblick. Die Folge des Schreiens ist, daß die Mutter herbei- 
eilt und den störenden Reiz aufhebt. Aus dieser Folge läßt sich der soziale 
Wert, die soziale Tendenz der Erscheinung erschließen — der Erfolg wird 
als Absicht gesetzt. Was ist die Folge des Lachens? Die Antwort ist 
nicht leicht zu geben. Diese Schwierigkeit liegt aber nicht darin, daß sich 
auf die Frage keine Antwort einstellte, sondern daß man sich gehemmt 
fühlt, sie auszusprechen, denn sie erscheint gar unwissenschaftlich. Jede 
Mutter weiß sehr wohl, was die Folge des Lachens ihres Säuglings bei ihr 
und allen, die ihn sehen, ist: Glück, Freude, Liebe, Heiterkeit. Das jubeln- 
de Kind ruft unvermeidlich Glücksgefühl in der Mutter, Freude — wenig- 
stens — bei allen Zuschauern hervor und erfährt sofort an sich selbst die 
Wirkungen seiner Handlung: es erhält Zuneigung, Liebe, Zärtlichkeits- 
beweise. Gewiß, das schöne Familienidyll ist nicht die notwendige Folge 
jedes einzelnen Lachens, aber es ist die wahrscheinliche, allgemeine Folge, 
wenn sich Kind und Umgebung in normaler Situation befinden. Nicht 



Lachen, Weinen und Erschrecken. 95 

anders als im Falle seines Schreiweinens. Auch dieses kann gelegentlich 
erfolglos bleiben; und es kann auch manches Kind in Umständen auf- 
wachsen, in denen dieser gelegentliche Fall zum normalen wird. Man 
kann auch nicht annehmen, die genannte Wirkung trete nur in unseren 
heutigen gesellschaftlichen Verhältnissen ein. Vielmehr war immer — in 
jeder gesellschaftlichen Struktur — diese Relation unzweifelhaft gegeben; 
sie folgte unvermeidlich aus der Identifikation, die die Mutter mit ihrem 
Kinde vornimmt, vornehmen muß. Ich werde in anderem Zusammenhang 
dieser Tatsache eine ausführliche Besprechung zu widmen haben. Hier 
sei sie von einer sehr oberflächlichen Erkenntnis her gestützt: die Aus- 
drucksbewegungen der Affekte sind in höchstem Grade ansteckend; wir 
verstehen ja das lachende Kind deshalb, weil es lachen zu sehen und eine 
gewisse Tendenz selbst zu lachen, diese Tendenz und das ihr zugehörige 
Gefühl nahezu ein und dasselbe sind. Ist das Lachen mehr als Abfuhr- 
phänomen, hat es einen Ausdruckswert, so ist eine andere Auffassung un- 
möglich: die Folge des Lachens ist die Liebe der Mutter (um diesen Reprä- 
sentanten der Umwelt allein zu berücksichtigen), ihr subjektives Liebes- 
gefühl und dessen Ausdruck, der dem Kinde Liebe zuführt. Hat man 
keinen Einwand gefunden, beim Weinen die Folge als Absicht zu setzen, 
so kann man beim Lachen nicht anders schließen und müßte sagen: das 
Lachen des Kindes ist eine Liebeshandlung, es will durch das Lachen 
Liebe erwecken und erfahren. 

Ich möchte zu dieser möglichen, vielleicht sogar sehr anmutenden 
Auffassung vorläufig noch keine Stellung nehmen; manches Folgende 
wird sich wohl in sie fügen, anderes würde zur Präzisierung und Einschrän- 
kung zwingen. Eine volle Lösung der Fragen, die wir hier erörtern, ist sie 
keineswegs. Denn es bliebe außer ihr die Frage nach der gewählten Form, 
warum ist das Lachen, gerade diese eigentümliche Form des Inspiriums, 
eine geeignete Liebeshandlung; und am wenigsten bringt sie Licht in das 
Dunkel der Lustabfuhrphänomene überhaupt, denn deren sind einige, die 
unsichtbar sind, eine soziale Relation also nicht haben können. 

Zunächst betrachten wir, mit jener Sorgfalt, die derzeit die kinderpsy- 
chologische Situation gestattet, entwicklungspsychologisch die Ontogenie 
der spezifischen Erscheinungen des Lachens: das Lächeln, die Hebung der 
Mundwinkel und den Inspirationslaut. Eine Art Lächeln, ein Ausdruck 
des zufriedenen Behagens, tritt bereits in den ersten Tagen auf. Die kri- 
tischen Beobachter wollen ihm, mit Recht, gegenüber glücklichen Müttern 
und stolzen Ammen den Rang eines eigentlichen Lächelns aberkennen. 
Dennoch enthält diese leise Bewegung Merkmale des Lächelns, sie ist als 
eine Verbreiterung des Mundes bei ganz leicht geöffneten Lippen zu be- 
schreiben, vielleicht von Anfang an mit leichter Hebung der Mund- 
winkel verknüpft, und tritt im Zustand der Befriedigung, der Gesättigt- 
heit, des Einschlafens auf. Freud (13) zeigt, daß diese Mimik woW verstand- 






95 Erste Fortschritte. 



lieh ist als Ablehnung weiterer Nahrung. Sie ist tatsächlich das genaue 
Gegenteil des gespitzten saugenden Mundes. Die Hebung der Winkel stellt 
sich, so ist mein Eindruck, automatisch ein, wenn die Verbreiterung des 
Mundes heftig, rasch, geschieht; insbesondere wenn man versucht, die 
Bewegung unter dem Geschmackseindruck des Süßen zu machen ; während 
das Herabziehen der Winkel des breiten Mundes sich bei bitterem Ge- 
schmack ergäbe. Es hieße dieses Vorstadium des Lächelns:" genug des 
Süßen, und wäre eine in sich verständliche Handlung. Zum eigentlichen 
Lächeln wird sie durch das energischere Emporheben der Winkel, eine 
Folge der Benützung des Jochbeinmuskels. Die Beobachtungen sind nicht 
genau genug, als daß sie eine nähere Erkenntnis vermittelten ; mit dieser 
Salvierung aber, darf man feststellen, daß dieses echte Lächeln bei ge- 
wissen Gesichtswahrnehmungen, vor allem beim Sehen von Bewegtem und 
beim Hören der menschlichen Stimme zuerst auftritt, manchmal bereits 
mit einem grunzenden, gurgelnden, krähenden Laut verbunden. Es ist, 
als hätte die Bewegung des Jochbeinmuskels etwas mit der Aufmerk- 
samkeit zu tun. Ein Blick auf die Lageverhältnisse des Muskels zeigt, 
daß er sowohl mit den Kreismuskeln des Auges, als auch mit den Ohr- 
bewegern, die freilich gewöhnlich auch bei Kindern nicht zu funktionieren 
pflegen, wohl in Verbindung stehen kann und Versuche haben mir den 
Eindruck gebracht, als hätte sehr aufmerksames Sehen, noch klarer auf- 
merksames Hören, die Tendenz, den Jochbeinmuskel zu bewegen und da- 
mit die Lippenwinkel zu heben. Sollte sich dieser Eindruck bestätigen 
lassen, so würde er auch dieses Detail der Lachmimik, der Freudemimik 
als verstanden erweisen. Bleibt das tiefe Inspirium, das von einer Art 
leichtem Zwerchfellkrampf gefolgt ist und rhythmisch wiederholt wird. 
In dieser ganz der erwachsenen gleichen Weise lachen Säuglinge wahr- 
scheinlich erst spät, in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres. Zu 
Ende der ersten Vierteljahrs, im 4. Monat haben sie es erst zu einem kurzen 
„Meckern" gebracht (Dix), und im 2., 3. Monat ist das rhythmische und 
krampfartige Element nur angedeutet. Hier besteht das Lachen in der 
Bildung kurzer Töne während raschen, tiefen Inspiriums. Ist das Lachen 
des Erwachsenen eine Art angenehmen Erstickungsanfalles, so ist das 
frühe Lachen des Säuglings nur die erste Phase eines solchen : die inspiri- 
tatorische Apnoe, während die expiratorische Apnoe noch fehlt. Diese 
ist eher beim Schreiweinen vorhanden. Das spätere Lachen vereinigt in 
sich beide Formen in rhythmischer Abfolge, beginnend mit der inspiri- 
tatorischen Phase. Das krampfhafte Lachen, vom Weinen kaum mehr mi- 
misch zu unterscheiden, zeigt so die Lust- und Unlustelemente in seiner 
Expression innig miteinander vermengt, also deutlicher und auffallender, 
was wir schon oben vom Lachen überhaupt sagten. So sehr die Gefühle 
polar entgegengesetzt sein mögen, die Lachen oder Weinen erzeugen, die 
Expression des Lachens ist keineswegs der Gegensatz des Weinens, viel- 




Lachen, Weinen und Erschrecken. 97 

mehr dessen Vermischung mit „Lustbewegungen". Die Unlust geht in 
ihm unter, wird zur Lust bewältigt, könnte man sagen. Der genetische 
Verfolg des Schreiens hat uns auf das erste Exspirium, auf den ersten Schrei 
des Neugeborenen geführt. Suchen wir das erste, tiefe und heftige Inspi- 
rium, so haben wir noch einige Sekunden weiter zurückzugehen, zum 
ersten Atemzug des Neugeborenen, der ersten postfötalen Lebensleistung 
des Menschen überhaupt. Dieses erste Inspirium wird in jedem Lach- 
anfall reproduziert, mitsamt der Apnoe, die ihm folgte und das erste Ex- 
spirium auslöste. 

Können wir nicht zweifeln, daß das Offenhalten der Augen, das Ver- 
breitern des Mundes, das Heben der Mundwinkel mit Lustsituationen, das 
Heben der Oberlippe, das Zusammenziehen der Augenmuskel mit Unlust- 
situationen verknüpft ist, und sprechen wir darum von einer Mischung 
von Lust- und Unlustbewegungen im Akt des Lachens, so sind wir unent- 
schieden, wie wir das Inspirium bewerten sollen. Hätte das Kind bei der 
Geburt ein erwachsenes Bewußtsein, so würde es sie als höchste Unlust, 
als Erdrücktwerden, als Kälteschauer, Getöse und Erstickung, als einen 
ungeheuer unangenehmen Angstzustand empfinden; das ist gewiß. In 
diesem Zustand müßte der erste Atemzug (Inspirium) als eine zwar kurze, 
aber sehr beträchtliche Erleichterung erscheinen. Ihn selbst könnte man 
daher vielleicht mit einem gewissen Recht als eine Lustkomponente be- 
zeichnen. Wie immer aber das auch entschieden werde, die Bedeutung 
der Reproduktion dieses Momentes der Geburtssituation in der exquisit 
lustvollen Lache scheint deutlich: es ist als würde im Lachen die Unlust 
(das Trauma) der Geburt überwunden; alle dem R-Trieb angehörigen 
Verhaltungsweisen — in jenem Komplex des Lachens enthalten, der mit 
dem Weinen identisch ist — ■ und die Erinnerung an die Geburt — 
repräsentiert durch den Krampf des Inspiriums — werden zusammen 
mit Lustvorzeichen versehen in Erinnerung, dürfte man sagen, 
an die genossene Lust der oralen Befriedigung, der akustischen und 
visuellen Lust. Vielleicht klingt dies ein wenig philosophisch. Ich 
'glaube nicht, mit dieser Auffassung den empirischen Boden ganz 
verlassen zu haben. Sie ist nicht mehr als Zusammenfassung aller 
Eindrücke und Erkenntnisse, die uns die Analyse der Expression ver- 
mittelte. 

Und wir finden uns in guter Übereinstimmung mit den Anschauun- 
gen vieler Psychologen, die das Lachen eingehender Würdigung für wert 
erachteten. Zwar handeln sie meistens nicht vom Lachen, sondern vom 
Lächerlichen und hat die überaus weitschichtige Literatur nicht entfernt zu 
einheitlichen, abschließenden Erkenntnissen geführt, aber in einigen Punk- 
ten sind sonst unvereinbare Gegner ziemlich in Übereinstimmung. Die 
Inkongruenz von Aufwand und Erfolg, die Aufhebung einer Befürchtung, 
die Ersparung an psychischem Aufwand, dies alles sind Wurzeln des 

Bern fei d, Psychologie dos Säuglinge 7 



98 Erste Fortschritte. 

Lächerlichen, Anlässe zum Lachen*), die Überwindung einer drohenden 
unangenehmen Situation ist eine sehr allgemeine Auslösung für die Freude 
des Lachens. Gewiß erschöpft dies das Wesen des Lächerlichen beim Er- 
wachsenen nicht (es ist aber auch nicht meine Aufgabe, eine allgemeine 
Psychologie des Lachens zu geben), für das Lachen der Kinder erfaßt es 
einen sehr wesentlichen Faktor. Die ungenau berichteten Beobachtungen 
verhindern es, eine allgemein gültige Behauptung aufzustellen, für zahl- 
reiche Fälle gerade der ersten Lachsituationen des Säuglings gilt aber: 
er lacht, wo er erschrecken sollte, er lacht plötzlich in einer Situation, 
die ihn bisher erschreckt hatte. Es findet hier eine ähnliche Umkehrung 
statt, wie bei der Gehörslust. Sie ist gerade an den Gehörsreizen (Stimme 
der Mutter) und zwar nur wenig später besonders deutlich. An mancher 
Beobachtung ist es gut zu sehen, wie das Kind schwankt, wie es sich 
anfangs fürchtet, dann auflacht; wenn der Reiz eine bedenkliche Form 
annimmt, aber schließlich doch weint. Beim Studium der frühesten Lach- 
anlässe muß auffallen, wie es immer wieder die Mutter ist, ihr Anblick 
oder ihre Stimme, die dem Kinde die ersten deutlichen und intensiven 
Lachäußerungen entlockt. Neben ihr kommen nur noch lebhafte Farben 
oder Bewegungen (etwa der Klapper) in Betracht. Gewiß aber findet die 
Ausbildung des eigentlichen Lachens im Kontakt mit der Mutter, und 
zwar mit der zum Kind sprechenden Mutter, statt. Das Wiedererkennen, 
die Bekanntheit von Eindrücken scheint in engster Beziehung zum 
Lachen zu stehen. Es ist die neue Verhaltungsweise gegenüber Reizen. 
Anfangs wurden sie abgelehnt, durch Abwehrhandlungen (Rt.I) oder durch 
Indifferenz; oder sie erregten schockartiges Erschrecken oder die unsicht- 
baren Unlustreaktionen in Atmung und Pulsbewegung. Wir sahen diese 
Tendenz langsam überwunden werden durch die Lust des Sehens, durch 
die Sexuallust und schließlich durch die Gewinnung von Lust aus dem 
Hören. Dieser Weg ist wieder gespiegelt im motorischen Komplex des 
Lachens. In einem plötzlichen Ausbruch wird er gewissermaßen in ver- 
dichteter Weise reproduziert und zeigt die neugewonnene Einstellung zur 
Außenwelt an, die nicht mehr in ihrer Gänze feindlich ist, sondern einen 
Komplex von Bekanntem, Geliebtem enthält, der nicht mehr abgelehnt 
wird und nicht mehr erschreckt, sondern gesucht wird und erfreut. Das 
R-Triebverhalten ist von einem libidinösen abgelöst. 

Diese Betrachtung setzt das Lachen in einen gewissen Bezug zum 
Erschrecken, sie sind polare Abfuhrphänomene, die in ihren motorischen 
Verhältnissen weder geradezu gegensätzlich, noch eigentlich gemischt 
sind Ihre Beziehung ist komplizierter als auf den ersten Blick anzu- 
nehmen wäre. Gegensätzlich ist das Verhalten der Atmung; Schreck ist 
Lähmung, äußerste Herabsetzung der Atemtätigkeit, Lachen zwar nicht 






>) Siehe Freud, (13) und die Darstellung der fremden Meinungen darin. 



Lachen, Weinen und Erschrecken. 99 

einfach verstärktes normales Atmen, aber gewiß verstärkte Atemtätig- 
keit. Dasselbe gilt für die Erweiterung der Gefäße beim Lachen, deren 
Verengung beim Schreck. Der Schreck führt noch weiter zurück als das 
Lachen, er reproduziert in gewissem Sinn, im ersten Augenblick seiner 
Aktualität den apnoischen Zustand des vorgeburtlichen Lebens (Eisler). 
Im übrigen aber ist der auffallendste Unterschied, daß der Schreck eine 
diffuse Abfuhr herbeiführt, allgemeines Zusammenfahren, allgemeine 
Schwäche, Zittern, Zucken u. dgl., während die Abfuhr durch das Lachen 
ein organisiertes motorisches Phänomen ist. Schon der Rhythmus der 
Inspiration zeigt die Organisation. Aber noch deutlicher ist sie an den 
so wohl analysierbaren zusammenhängenden Bewegungskomplexen der 
Mimik zu bemerken, die auf ganz wenige Muskeln konzentriert sind, wenn 
auch bei heftigem und andauerndem Lachen andere Körperpartien mit- 
beteiligt werden. Die Konzentration findet bezeichnenderweise am Kopfe 
statt, worauf wir bereits hinweisen, auf dem Ort aller organisierten Ab- 
fuhr und Bewegungsphänomene, aller Handlungen des Neugeborenen und 
Vierteljahrkindes. Vielleicht heißt das eben Überwindung des Schreckens, 
der Angst — die wir vorläufig noch nicht voneinander zu trennen brau- 
chen — daß die allgemeine (traumatische) Abfuhr Bahnen gefunden hat, 
sich organisierte. Und zwar benützte die Abfuhr Bewegungen, die jede 
für sich einen Sinn als Handlung hat, zu plötzlicher und vom Handlungs- 
sinn unabhängiger Erregungsabfuhr. So würde das Lachen eine Anzahl 
von R-Triebhandlungen und Sexualtriebhandlungen zusammenfassen, 
nicht um eine komplizierte Leistung, die im Sinne eines dieser Triebe läge, 
zu vollführen, sondern um ein Übermaß von Erregung abzuführen, das 
durch einen Reiz ausgelöst wurde. Und dieses Phänomen würde sekundär 
eine sozialpsychische Funktion erfüllen, und durch sie eine endliche 
neuerliche Befriedigung der Sexualtriebe herbeiführen, wenn wir die 
Erörterung über das Lachen als Liebeshandlung nicht völlig beiseite- 
schieben wollen. 

Damit sind wir aber an die Grenze der ökonomischen Betrachtung ge- 
langt und müssen fragen: Welche Energie wird beim Lachen, welche beim 
Schrecken abgeführt; und was bedeuten die dynamischen Bezeichnun- 
gen wie Überwindung der Angst, Bewältigung der Unlust vom ökonomi- 
schen Gesichtspunkt aus; und erwarten insbesondere hier endlich eine 
präzisere Formulierung des ständig aushilfsweise und Verlegenheitswegen 
gebrauchten Wortes vom Trauma der Geburt. 

Einiges aus diesen Fragen ist nach dem bisher Dargestellten und An- 
genommenen leicht zu beantworten. Vor allem ist es offenbar freie Ener- 
gie, die beim Lachen sowohl wie beim Erschrecken abgeführt wird. Das 
ergibt sich per definitionem, nachdem wir uns versuchsweise auf den 
Boden der Freud sehen — bekanntlich von Fechner beeinflußten — 
energetischen Annahmen gestellt haben. Schwieriger ist die Entscheidung 

7* 



100 Erste Fortschritte. 

welche Vorstellung wir uns über den Ursprung dieses Quantums freier 
Energie machen sollen. Es gäbe zwei Denkmöglichkeiten > erstlich könnte 
es sich um Energie handeln, die von Geburt an frei ist, die vielleicht zum 
Zweck jeweils nötiger Abfuhren frei gehalten wird. Zweitens könnte der 
Reiz — oder sonst ein Umstand — der das Lachen oder Erschrecken aus- 
löste, gebundene Energie freigemacht haben. Nach der Spencerschen 
und nach der F r e u d sehen Auffassung ist beim Lachen der zweite Fall anzu- 
nehmen ; das Lächerliche hebt eine bestehende Energiebindung (den Ver- 
drängungsdruck bei Freud, den Aufwand der Bereitschaft) auf, diese nun 
ohne Verwendung, wird im Lachen abgeführt. Wir haben diesen komplizier- 
ten psychischen Mechanismus beim Säugling nicht, er kann keinen Verdrän- 
gungsaufwand machen, braucht ihn also nicht zu ersparen ; und dennoch 
scheint die Freudsche Auffassung gerade für den Säugling sehr wohl zu 
stimmen. Denn er macht ja Angstaufwand, den er im Fall des Lachens 
erspart. An der Gehörsreaktion können wir uns diesen Vorgang leicht 
deutlich machen. Ein Gehörsreiz tritt ein, das Phänomen der Aufmerk- 
samkeit folgt ihm ; der Gehörsreiz dauert an, das Kind lacht auf und schafft 
sich neue rhythmische Gehörsreize. Die Aufmerksamkeit als Besetzungs- 
phänomen ist uns bereits bekannt geworden ; gleichsam als Schutz gegen 
die drohende Erhöhung des Energieniveaus wurde Energie als Gegen- 
besetzung der Gehörssphäre zugeführt, der nächste Augenblick er- 
weist den Reiz als ungefährlich, die Besetzungsenergie erweist sich 
an diesem Orte als überflüssig und wird abgeführt. Die Energie- 
situation von vor dem Reiz ist wieder hergestellt, und ein Lustge- 
fühl war erlebt worden. Ganz anders ist die Situation beim Erschrecken. 
Hier hat keine Besetzung der gefährdeten Zone stattgefunden, der Reiz 
hat eine plötzliche starke Erhöhung des Energieniveaus von außen ge- 
bracht, die gesamte Energiesituation wird gelöst, es werden an verschie- 
denen Stellen Bindungen gelöst und diffus abgeführt, das Individuum 
braucht nach dieser Abfuhr eine gewisse Zeit, sich zu erholen, das heißt 
nach abgeführtem Reiz die gestörte Situation wiederherzustellen, die ge- 
lösten Bindungen wieder zu vollziehen. Auch in diesem Fall war der Auf- 
wand unnötig, was sich aber erst erweist, wenn er vertan ist. Es zeigt 
sich auch bei dieser Betrachtung, wie sinnlos der Schreck ist. Gebundene 
Energie ist es demnach in beiden Fällen, die frei und abgeführt wird. 
Aber es scheint, als gäbe es ein Quantum von Energie, das in einer relativen 
Freiheit sich befindet, das leichter beweglich, verschiebbar wie die übrige, 
zu gewissen mehr vorübergehenden Besetzungen verwendet wird; 
Freud (1) nennt dieses Quantum Besetzungsenergie. Mit dieser haben 
wir es offenbar im Falle des Lachens, mit der gebundenen im allgemeinen 
im Falle des Schreckens zu tun. 

Woher stammt die Besetzungsenergie? Eine definitive Antwort 
brauchen wir nicht zu geben, doch scheint die Entstehung eines Teiles 



Lachen, Weinen und Erschrecken. 101 

von ihr leicht verstanden. Sie dient ja zur Vermeidung von Erschreckens- 
anfällen, dient dem Schutz vor solch unliebsamen Überraschungen. 
Vielleicht bleibt bei den zahllosen Schocks, die das Kind in den ersten 
Wochen erlebt, jeweils ein Quantum Energie bei der Neuordnung, die nach 
dem Anfall nötig wird, frei und schafft sich so eine Art Fonds von Re- 
serveenergie, die für Besetzungsphänomene aller Art zur Verfügung steht. 
Wäre es so, dann gäbe es wenigstens eine sinnvolle Folge des Erschreckens 
gewiß eine affektiv befriedigende Konstruktion. Um so mehr, als gewiß für 
den ersten Schrecken, die Geburt, nicht minder gilt, was bei deren Wieder- 
holungen zutrifft. Gerade dieser Hinweis aber stellt uns die umgekehrte 
Möglichkeit vor Augen. Bei der Geburt wird jedenfalls die Energiesitua- 
tion des Fötus plötzlich und sehr radikal gestört. Diese freiwerdenden 
Energiemengen erfahren Abfuhr in den neuen physiologischen Bewegun- 
gen: Atmung, Blutkreislauf, Schrei und in den Gliedmaßenbewegungen. 
Der erste Schlaf stellt vorübergehend die Situation pränatal wieder her, 
aber offenbar gelingt die Bindung nicht mehr völlig, ein Quantum Ener- 
gie (Besetzungsenergie) freigeblieben, schafft eine labile Situation. Ein 
Reiz, dem Geburtsreizsyndrom entnommen, gibt diesem Quantum Ge- 
legenheit zur Abfuhr, die Geburtssituation wird reproduziert. Die wieder- 
holten Schocks verringern das Quantum, indem es durch die häufigen 
Abfuhren aufgezehrt wird, bis auf den Rest, der zeitlebens für die eigent- 
lichen passageren Besetzungen reserviert bleibt. Die Verringerung des Be- 
setzungsenergiequantums geschieht sicherlich noch entschiedener durch 
die neuen Bindungen der Energie, die sich in den ersten Lebensmonaten 
vollzieht. Welche dieser beiden Auffassungen vorzuziehen ist, wäre kaum 
zu entscheiden, ohne die Bildung einer festen Anschauung über die Be- 
deutung des Ausdrucks „starke" und „schwache" Bindung und über die 
Möglichkeit einer „Aufzehrung" von Energie durch Abfuhr. Ich fühle 
mich nicht berechtigt, in diesem Zusammenhang solche Anschauungen 
zu bilden. So lassen wir die Frage offen; vielleicht kommt der Realität 
die Annahme am nächsten, daß beide Wege ineinanderfließend eingeschla- 
gen werden. 

Wäre nicht die Aufgabe dieses Buches der Versuch einer zusammen- 
fassenden Darstellung, die die Lücken unseres Wissens durch An- 
nahmen, Vermutungen und Bildung von vorläufigen Anschauungen aus- 
füllt, damit die Lücken um so deutlicher und schmerzlicher würden, 
hätte sich eine Erörterung wie die über die Besetzungsenergie schwer 
rechtfertigen lassen. Ich fürchte, die nunmehr nötigen Andeutungen über 
die Lust und ihre Beziehung zu den Abfuhrphänomenen, werden auch in 
diesem Buch noch zu gewagt erscheinen. Dennoch möchte ich sie nicht 
unterlassen, aber neuerlich betonen, daß ich mir bewußt bin, solche 
theoretische Erörterungen sind im kinderpsychologischen Zusammenhang 
so lange suspekt, als nicht die Psychologie zu einer selbständigen Durch- 



102 Erste Fortschritte. 

arbeitung jenes ihrer Zweige gelangt ist, der sich mit der psychischen 
Energie, ihren Ursprüngen nnd Quellen, ihren Umwandlungen, qualita- 
tiven und quantitativen Beziehungen befaßt. Man könnte diesen Fragen- 
komplex sehr wohl als theoretische Psychologie konstituieren. Solange 
sie aber nicht besteht, nicht anders besteht als in mehr weniger verant- 
wortlichen, eingestreuten Bemerkungen bei den verschiedenen Autoren, 
ist ihre Anwendung auf die Kinderpsychologie natürlich nicht möglich. 
Und wenig aussichtsreich wäre der Versuch, anläßlich und beiläufig einer 
Psychologie des Säuglings den unbescheidenen Versuch des Aufbaues 
einer energetischen Psychologie zu machen. Gehe ich trotz alledem über 
den Rahmen dessen hinaus, was heute berechtigterweise von einer Kinder- 
psychologie verlangt werden kann, so geschieht es, um die Notwendigkeit 
und wie ich hoffe, auch Fruchtbarkeit theoretischer Annahmen und Über- 
legungen besonders vor Augen zu führen. Was diese Absätze meines Bu- 
ches inhaltlich enthalten, bedarf an sich kaum der Rechtfertigung. Fast 
immer sind es Anschauungen, die ihren Vertreter und Verteidiger in der 
Literatur bereits gefunden haben; im wesentlichen sind es die von Freud 
mannigfaltig belegten und erwogenen Lehren. Aber die Begründung da- 
für, warum ich mich gerade dieser geäußerten Meinung anschließe, wie 
die' Einwände, die gegen sie erhoben wurden oder hätten erhoben werden 
sollen, zu zerstreuen wären und was solcher umsichtiger Stützen für theo- 
retische Annahmen mehr sind, muß ich dem Leser schuldig bleiben, der 
sich sonst in der Erwartung enttäuscht sähe, eine zusammenfassende 
Psychologie des Säuglings zu erhalten und wohl wenig zufrieden wäre, 
statt dessen Ansätze einer theoretischen Psychologie vorgetragen zu be- 
kommen. 

So entschuldigt, fragen wir, was die dynamische Darstellung in 
ökonomischer Betrachtung sagen mag. Warum ist Abfuhr der Be- 
setzungsenergie lustvoll, Abfuhr eben freigewordener Energie unlustvoll 
i m Falle des Erschreckens wenigstens. Im wesentlichen sind zwei An- 
schauungen über die Lust geäußert worden: die Lust als Utilitätszeichen 
und Lust als Wahrnehmung eines bestimmten Energiezustandes. Beide 
Standpunkte sind nicht unvereinbar miteinander (wie z. B. Heiligs Buch 
über die sinnlichen Gefühle zeigt, das vom Utilitätsprinzip ausgehend, zu 
mancher Auffassung gelangt, die sich mit unserer in schönster Überein- 
stimmung befindet). Wir denken den Freudschen Begriff der Lust als 
Wahrnehmung von Energieunterschieden durch. Und zwar wird ange- 
nommen, daß die Wahrnehmung eines hohen Erregungsbetrages Unlust, 
die eines geringen Lust ergibt. Diese Vorstellung, so gut begründet sie 
ist, führt zu mancherlei Schwierigkeiten. Zunächst mußte nach ihr jede 
Abfuhr lustvoll sein, denn Abfuhr bedeutet doch offenbar Energiever- 
brauch; und ferner müßte jeder Reiz unlustvoll sein, denn Reiz bedeutet 
offenbar Vermehrung der Erregungsgrößen. Nun trifft beides m exnem 






Lachen, Weinen und Erschrecken. 103 

gewissen Maß zu, was neuerlich die Richtigkeit der Anschauung erweist, 
doch gilt es nicht für differenziertere Verhältnisse. Es gibt zweifellos eine 
Lust der Erregungsvermehrung, Reizlust, und sie ist sogar die höchste 
Lust, die wir kennen. Sie von der Lust der Erregungsverringerung ab- 
zuleiten ist wahrscheinlich möglich, aber nicht unsere Aufgabe. Wir 
können uns begnügen, in Übereinstimmung mit vielem früher Gesagten, 
den Unterschied zwischen beiden Lustarten zu betonen. Wenn der Säug- 
ling an Licht und Gehörsreizen, am rhythmischen Reiz des Saugens Lust 
hat, so dürfen wir dies als Reizlust der Befriedigungslust, der Ruhelust 
gegenüberstellen, die er haben mag, wenn er satt und zufrieden einschläft. 
Die Reizlust das Ziel der Sexualtriebe, die Ruhelust das Ziel der 
R-Triebe könnten wir formulieren. Die Reizlust wird erworben, die Ruhe- 
lust ist primär könnte man weiter sagen, in Zusammenfassung der Unter- 
suchungen, die wir darstellten, wenn wir die Tatsache vernachlässigen 
wollten, daß beim Sehen und Saugen Reizlust in Andeutung von der 
Geburt an vorhanden ist. 

Schwierig ist dabei das Verständnis der ökonomischen Situation bei 
Reizlust. Aber eine Bedingung für ihr Zustandekommen ist doch bis 
zu einem gewissen Grad ersichtlich zu machen. Es fällt nämlich auf, 
daß viele von den Reizen, die beim Säugling anscheinend Lust erzeugen, 
als gemeinsames und charakteristisches Merkmal Rhythmus besitzen. 
Wir dürfen das Wort freilich nicht in seinem strengsten Sinn nehmen, 
sondern müssen uns die einfache Form irgend eines Alternierens von 
Reiz und Reizpause vor Augen halten, wobei die Reizpause so wenig 
wie der Reiz gleiche Dauer hat, aber kurz genug sein muß, um den 
nächsten Reiz nicht als völlig neuen, mit dem ersten völlig unzusammen- 
hängenden auffassen zu lassen. Daß Rhythmen lustvoll sind, daß jeder 
Rhythmus als solcher angenehm ist — es sei denn, andere Faktoren ver- 
dürben, verdeckten die Lust — und daß Kinder frühesten Alters für 
Rhythmus besonders empfindlich sind, das sind Tatsachen, aus denen 
folgt, daß wir rasch aufeinanderfolgende, sich wiederholende, mäßige 
Energiegefälle, Anstieg beim Reiz, Abstieg bei der Pause, im ganzen als 
Lust wahrnehmen können. Und es scheint, als fände gerade dies beim 
Säugling regelmäßig statt. Nichts dergleichen sehen wir beim Neu- 
geborenen, erst nach einigen Lebenswochen ist dieses Verhalten deutlich 
zu bemerken. In dieser Zeit hat die Besetzungsenergie ihre Funktion 
angetreten. Sie steht zur Gegenbesetzung bereit, wenn ein Reiz erfolgt, 
an ihm vollzieht sich das Spiel des gehäuften Energiegefälles, wenn der 
Reiz rhythmisch verlief. Wir haben Gründe, anzunehmen, was im Kapitel 
Wahrnehmungen zu erweisen wäre, daß während des Wachseins Energie- 
quanten den Sinnesorganen zur Verfügung stehen, noch ehe sie von Reizen 
getroffen wurden, daß eine Erhöhung des Energieniveaus der Sinnes- 
organe mit dem Erwachen beginnt, was die ohne diese Annahme paradoxe 



104 Erste Fortschritte. 

Tatsache des Reizhungers verständlich macht. Diese relative Dauer- 
besetzung der Sinnesorgane vollzieht sich offenbar in den ersten Lebens- 
wochen und schafft die Basis für andauernde Reizlustmöglichkeiten an 
den Sinnesorganen. Dies akzeptiert, ergibt sich der Anschein, als be- 
stünde die Reizlust darin, daß eine unzählbar ofte Wiederholung der 
Geburtssituation und deren Überwindung im ersten Schlaf, der raschen 
Abfolge von Reizlosigkeit — Reiz — Reizlosigkeit, stattfindet und daß 
diese häufigen und plötzlichen Energieentbindungen und Bindungen nicht 
an der ganzen Energiemenge des psychischen Apparates sondern nur 
an einem kleinen Quantum — der Besetzungsenergie — vorsichgehen, 
nicht an der schwer lösbaren und schwer bindbaren Energie, sondern an 
der verhältnismäßig freien, leicht beweglichen Besetzungsenergie. Man 
könnte geradezu sagen, die Reizlust tritt an Stelle von Unlust ein, weil 
derselbe Vorgang, der, an der ganzen Energiemasse vorgenommen, Un- 
lust zur Folge hätte, sich an einem geeigneten geringen Quantum abspielt, 
weil es nicht Ernst ist, sondern Spiel. 

Daß wir von Spiel und Ernst sprechen, ist keine stilistische Phrase ; 
es ist wahrscheinlich viel mehr als Analogie. Wollten wir das Spiel er- 
klären, so hätten wir zu seiner Erklärung bis auf diese „spielerischen" 
Geburtswiederholungen, die bei jedem rhythmischen Reiz vorsichgehen, 
zurückzugreifen. Indem wir die energetischen Verhältnisse der Reizlust 
uns überlegen, können wir sie nur verständlich machen an Vorgängen, 
die damit identisch sind, die wir aber unmittelbar erlebt haben. Es ist 
ein Spiel mit Energie, ein Spiel mit dem Erschrecken, ein Spiel mit dem 
Geboren werden, was wir als Reizlust erleben. Es ist all dies zugleich auch, 
einerlei, was für Ursachen, Inhalte und Formen die Lust überdies haben 
mag. Und es sei nicht vergessen, daß wir damit die Lust weder erklärt, 
noch völlig verständlich, sondern bloß an einem Beispiel uns deren Mög- 
lichkeit im Rahmen der Freu d-Fechner sehen Auffassung der Lust- 
Unlustphänomene klargemacht haben. (Die im Eingang dieser Er- 
örterung ausgesprochene Erwartung, der Begriff des Traumas der Geburt 
werde durch sie eine präzisere Formulierung finden, ist freilich unerfüllt 
geblieben, und die so oft erwähnten Beziehungen auf die Geburt und ihre 
„Wiederholungen" und „Überwindungen" müssen daher auch weiterhin 
noch als bloß bildliche Ausdrucksweise aufgefaßt werden.) 

Eine Tatsache, die in diesen Zusammenhang gehört und gelegentlich 
beachtet wurde, verdient erwähnt zu werden. Das Lachen als Folge des 
Kitzeins. Beim Erwachsenen und bei Kindern tritt dieser Erfolg so häu- 
fig auf, sogar in gewisser Unabhängigkeit davon, ob das Kitzeln lustvoll 
oder eher als Unlust empfunden wurde, daß man vom Lachen als einem 
Reflex spricht. Beim Säugling Tst hier aber ein bemerkenswertes Verhalten 
zu verzeichnen. Anfangs kann durch Kitzeln ein Lacherfolg nicht er- 
reicht werden. Der Zeitpunkt des ersten Lachens nach Kitzeln wird ver- 






Lachen, Weinen und Erschrecken. 105 

schieden angegeben, aber Sullys (2) Feststellung scheint zuzutreffen, 
daß das erst dann eintritt, wenn das Kind bereits eine Zeitlan« über 
andere Ursachen gelacht hat, doch scheinen die beiden Termine nicht 
weit voneinander entfernt zu sein. Das Kitzeln erregt Lachen des Kindes 
auch nur dann, wenn es von einer ihm bekannten Person vorgenommen 
wird, und das Kind nicht völlig plötzlich vom Reiz überrascht wird. Am 
Fall des Kitzelns ist die Tatsache so aufdringlich, wie das Lachen an Stelle 
des Erschreckens steht, daß Sully — ebenso wie andere Autoren — die 
Erklärung der Erscheinung auf diesen Gegensatz aufbaut. Und zwar 
sieht Sully hier einen intellektuellen Faktor wirksam, die Einsicht, daß 
dieser Reiz, von dieser Person ausgehend, trotz des überraschenden, 
aggressiven Charakters, der instinktiv Furcht auslösen will, ungefährlich, 
ein Spiel ist. Dieser Einsicht ist das Lustvolle des Vorganges zu verdanken, 
der an sich keineswegs lustvoll wäre. Sully rechnet die Lust am Kitzeln 
konsequenterweise auch zu den Spielen. Die Vermischung von Unlust- 
bewegung (Abwehr) und Lustbewegungen beim Kitzeln wird bei dessen 
komplexeren Erscheinungen von ihm betont, ebenso wie wir es oben für 
das Lachen selbst versuchten. Dieses selbst als Folge des Kitzelns, ja 
auch nur der Lust des Vorganges überhaupt, verständlich zu machen, ge- 
lingt Sully nicht. Er muß gewagte und unkontrollierte Sprünge ins phylo- 
genetische Gebiet machen: zurückgreifen auf die Lust, die das junge 
Tier spüren mag, wenn es durch die sorgsame Mutter von seinem Unge- 
ziefer befreit wird, und anderseits spezifische Situationen, die sich im 
Kampfspiel der älteren Kinder ergeben mögen, für den Säugling aber ganz 
und gar nicht gegeben sind, heranziehen: Das Lachen als deutlichstes 
Signal des Spielpartners, er habe das Wesen der Aggression als Spiel er- 
faßt und wünsche sie als solches fortgesetzt. In unsere Auffassungen 
fügen sich die genannten Tatsachen, ebenso wie der Spielcharakter, sehr 
wohl, sie geradezu festigend, ohne daß wir so abliegende Vorstellungen 
annehmen mußten und ohne daß wir dem Kind in seinem ersten Lebens- 
monat bereits zumuten müßten, daß es intellektuelle Vorgänge gar nicht 
unkomplizierter Art beherrscht. Das Kitzeln als rhythmischer Reiz ist 
sehr wohl fähig, jenen eigenartigen Verlauf der Abfuhr der Besetzungs- 
energie hervorzurufen, der als Lust, Spiel, Lachen, sich äußert. Und ein 
Punkt, den wir bei der Sehlust völlig ungeklärt ließen, den wir bei der 
Hörlust nur vorsichtig erwogen, kann hier zweifelsfrei entschieden werden. 
Die Kitzellust ist Tastlust, die Energie, die bei ihr in Verwendung steht, 
ist Libido; das Lachen ist hier deutlich Sexuallust, und die Neigung, sich 
kitzeln zu lassen, die Bereitschaft dazu, steht im Dienste des Sexual- 
triebes. Wir werden hier also von Libido sprechen können, ohne zu er- 
örtern, ob das immer im Falle der Reizlust zutrifft und welches die 
komplizierten Beziehungen zwischen Energie und Libido und deren 
Quanten sein mögen, wenn es nicht zutrifft. 



106 Erste Fortschritte. 

Die Wahrnehmungen. 

Von allen Fortschritten der Entwicklung im ersten Vierteljahr 
erscheinen die des Wahrnehmens als die bedeutendsten, beinahe als 
unwahrscheinliche. Denn so weit entfernt in tausend Einzelheiten die 
Welt des Viertel] ahrkindes — die Welt, wie es sie wahrnimmt — von 
der unsrigen sein mag, vom Zustand, den man als den primitiven an- 
sieht und den das Neugeborene repräsentiert, ist es nicht nur unvergleich- 
lich weit quantitativ vorgerückt, sondern von ihm prinzipell getrennt. 
Für das Vierteljahrkind ist die Welt ganz bestimmt kein Chaos von 
Licht und Dunkelheit, von zahllosen, unentwirrbaren Farbflecken, von 
Tönen und Geräuschen, sondern es sieht seine Mutter, die Milchflasche, 
sein Spielzeug, es hört Akkorde, Stimmen, es hat bekannte Gesichter 
und fremde, freundliche Stimmen und unfreundliche, sieht die Welt also 
prinzipiell so, wie wir sie selbst sehen, wenn auch die Zahl der Welt- 
dinge sehr gering sein mag. Aber nicht dies allein trifft zu, die Über- 
einstimmung mit der erwachsenen Wahrnehmung ist noch größer. Die 
entblößte Mutterbrust sind nicht Farbflecken, sondern etwas, das das 
Kind als ein Ganzes, als Struktur oder Gestalt sagen die Psychologen 
um Köhler und Wertheimer (Koffka), von anderen Ganzen oder 
auch bloß Farbflecken unterscheidet. Das Kind sieht wirklich die 
Brust der Mutter, aber es sieht sie nicht, wie ein Naturforscher einen 
Gegenstand betrachtet, um dessen Konturen, Gestalt, Eigenschaften fest- 
zustellen, sondern es sieht dieses Ganze zugleich in Relation zu sich selbst, 
es kennt die Brust als etwas, das in den Mund genommen werden soll, 
woran gesaugt sein will und bereitet sich sogleich dazu, und hat Erwar- 
tungen in bezug auf das Künftige. Schöne Beispiele für die Deutlichkeit 
solcher Erwartung, für ihre Reife, möchte man sagen, sind etwa folgende 
Stellen: Scupin, 6. Woche: „Vor dem Trinken wird dem Kinde ein 
Lätzchen unter das Kinn gebreitet. Längst schon verbindet der Knabe 
damit die Vorstellung der nun folgenden Annehmlichkeit; denn der 
Blick wird plötzlich gierig, der Mund sucht, die Händchen werden lebhaft 
bewegt; sieht sich das Kind nun in seiner Erwartung getäuscht oder wird 
ihm die Brust nicht schnell genug gereicht, so bricht es in ein heftiges, 
zornig klingendes Schreiweinen aus." Scupin, 12. Woche: „Heute be- 
merkten wir zum ersten Male, daß das Kind die Brust erkennt. Bei 
ihrem Anblick riß es die Augen weit auf und sah danach mit allen Zeichen 
der Gier. Bisher hatte es nur an den Vorbereitungen des Anlegens er- 
kannt, daß es zu trinken bekommen würde, und sogar angesichts der 
entblößten Brust sich noch auf die andere Seite gewandt und täppisch 
in die Luft geschnappt." Qu eck: „Er nimmt am 67. Tage drei Teelöffel 
voll Honig mit großem Behagen. Den Teelöffel leckt er so lange, 
bis er rein ist ... . Als er einige Tage nachher Fruchtsaft er- 
halten soll, sieht er zunächst den Vater, der ihm die Flasche reicht, 



Wahrnehmungen. 107 

lachend an, spitzt den Mund und öffnet ihn dann, als ob er um 
Trinken bitten wollte." 

Dies ist ganz deutlich das erwachsene Wahrnehmen; hier ist ein 
Ding gesehen und kein Empfindungschaos, mit dem Ding zugleich die 
Relation zu sich selber auf Grund von Erwartungen, zu denen das bis- 
herige eigene Erleben und Erfahren berechtigt. Die Wahrnehmung des 
Vierteljahrkindes bezieht sich demnach auf Dinge (Strukturen, Gestalten), 
und sie kommt unter der Einwirkung des Gedächtnisses zustande, sie ist 
wenigstens von ihnen begleitet. Mit Sicherheit läßt sich dieser Satz frei- 
lich nur für die Gesichts- und Gehörswahrnehmungen aufstellen, aber 
wahrscheinlich nur darum, weil die Beobachtungen auf den anderen Sinnes- 
gebieten unzureichend sind und die Gestaltspsychologie auf ihnen noch 
kaum vorgeschritten ist. Denn es ist an sich höchst unwahrscheinlich, 
daß das Kind zu der Zeit, wo es die Mutterbrust kennt, noch nicht die 
Milch kennen sollte, daß es zwar nicht Farbflecke chaotischer Art, wohl 
aber Wahrnehmungen des Süßen, Flüssigen, Warmen, anstatt der „Ge- 
schmacksgestalt" Milch haben sollte. 

Die Schwierigkeit, die sich aus diesen Tatsachen für die Erklärung 
ergibt, wird noch vermehrt dadurch, daß sich schlechterdings keine 
Entwicklung des Wahrnehmens feststellen läßt, nämlich keine seiner 
wesentlichen Eigenschaften, keine, die über quantitative Erweiterungen 
hinausginge. Sobald die Reaktionen des Kindes auf Wahrnehmungen 
so mannigfaltig und eindeutig werden, daß sie überhaupt einen Schluß 
auf den Wahrnehmungsakt gestatten, ergibt sich für ihn nur eine mögliche 
Vorstellung: das Kind hat Strukturen wahrgenommen und deren durch 
Erinnerungen an persönliche Erfahrungen gefärbte Relation zu sich selbst. 
Man kann zweifeln, ob jene Beobachtung von Preyer, die uns oben be- 
schäftigte (S. 34), richtig war, ob dieses Verhalten des Neugeborenen 
wirklich statthatte, man kann erörtern, ob es nicht das zufällige Ergebnis 
anderer Ursachen war; würde es aber einwandfrei festgestellt sein, so 
hätten wir keine vernünftige Möglichkeit, anderes zu sagen als: das Neu- 
geborene erinnert bereits eine gewisse Geschmacksgestalt, hat sie also vor- 
her wahrgenommen, vergleicht sie mit der anderen, eben gegebenen, und 
lehnt diese ab. Die Zeit, die dem psychischen Apparat gegeben ist, sich 
von der angenommenen primitiven Anfangsstufe zum erwachsenen Zu- 
stand zu entwickeln, beträgt nicht einmal drei Monate, sondern höchstens 
zwei, vielleicht nur einen ; denn um diese Zeit bereits sind Handlungen zu 
verzeichnen, aus denen der gedachte Schluß gezogen werden muß. Es ist 
hier dasselbe Problem wie bei der Frage des Bewußtseins. Daß es beim 
Vierteljahrkind vorhanden ist, kann gar nicht anders gedacht werden: 
wann, wie es sich entwickelt haben mag, ist völlig unerfindlich. Beide 
Fragen scheinen überdies in einem gewissen Zusammenhang miteinander 
zu stehen, denn gerade jene Fälle, bei denen wir einen, im wesentlichen 



108 Erste Fortschritte. 

dem erwachsenen ähnlichen Wahrnehmungsakt annehmen müssen, sind 
es auch, die uns den stärksten Eindruck vom Vorhandensein von Bewußt- 
sein zurücklassen. 

Es gibt ein einfaches Mittel, diese Schwierigkeiten in Einem zu über- 
winden. Man muß nur die Voraussetzungen über den primitiven Zustand 
fallen lassen und durch neue ersetzen, die mit den Tatsachen in besserer 
Übereinstimmung stehen. Unter den Kinderpsychologen ist es Bühler 
und noch entschiedener Koffka, die diesen Schritt tun, indem sie eine 
neue Auffassung der Psychologie auf die Interpretation der Entwicklungs- 
stadien anwenden, diese verständlicher machen und jene sehr wesentlich 
stützen. Es handelt sich um die Gedanken der sogenannten Gestalts- 
psychologen. Diese selbst brauchen uns nicht zu beschäftigen, da die 
Anwendungsversuche auf unser Tatsachengebiet bereits vorliegen. Man 
muß nur annehmen, daß Freundlichkeit z. B. ein einfaches Phänomen 
ist, einfacher als eine sogenannte einfache Sinnesempfindung (Koffka). 
Und gerade das sagen die Tatsachen der Säuglingspsychologie. Wir 
können nicht mit Genauigkeit angeben, wann das Kind zum erstenmal 
Wahrnehmungen hat; der Fehler ist aber wahrscheinlich um so geringer, je 
früher dieser Zeitpunkt angesetzt wird, jedenfalls in den ersten Wochen be- 
reits; vielleicht auch schon in den ersten Tagen. Aber diese frühesten Wahr- 
nehmungen sind eben Wahrnehmungen und nicht isolierte Empfindungen. 
Sie sind Zusammenfassungen von Empfindungen, die sich von einem 
„indifferenten Grund" abheben, und sind gefühlsbetont, haben schließlich 
wohl auch irgend eine Beziehung zu Erwartungen, die sich aus den bis- 
herigen Erfahrungen des Individuums ergeben. So muß man annehmen 
nach den Befunden, die uns die Beobachtung bisher bietet. Ob dies auch 
phylogenetisch die primitivste Stufe der Wahrnehmung ist, brauchen wir 
nicht zu entscheiden, so viel auch dafür sprechen mag. Ontogenetisch 
veranlaßt uns nichts, Vorstadien anzunehmen, aus denen sich dieses 
entwickeln könnte; ja, welches Vorstadium immer wir uns ausdenken 
wollten, der Weg von ihm zum empirisch-primitiven ist so kompliziert, 
daß es die größten Schwierigkeiten hätte, ihn in wenigen Tagen zurück- 
gelegt zu denken, wo doch noch dazu diese ersten Tage und Wochen zu 
einem so großen Teil im Schlafzustand — also im Wahrnehmungslosen — 
verbracht werden. 

Diese Auffassung wird nicht ohne Einwände Eingang in die Literatur 
finden, auch ich werde noch Einschränkungen vorzuschlagen haben, 
manche aber werden affektiven Gründen entspringen, die zu durch- 
sichtig sind, als daß sie erst abgewartet werden müßten. Zu sehr hat man 
sich gewöhnt, die Empfindungen als die elementaren Bestandteile unserer 
Wahrnehmungswelt anzusehen, als daß es leicht wäre, sich klarzumachen, 
daß sie Fiktionen sind, die tauglich sein mögen, einer generellen Psycho- 
logie zu dienen, die aber gänzlich unbrauchbar sind, die Entwicklung 



Wahrnehmungen. 109 

der Erscheinung verständlich zu machen (Krüger). Die Entwicklungs- 
psychologie sucht nicht die „zusammengesetzten" Erscheinungen auf , ein- 
fache" zurückzuführen, sondern die entwickelten auf unentwickelte, die 
komplizierten auf primitive. Ein „primitives" Phänomen kann auch ein 
„einfaches" sein; muß dies aber keineswegs. Keinesfalls aber kann das 
primitive Phänomen konstruiert sein nach den Analogien der Physik 
oder Geometrie. Die Vorstellung von „einfachen" Empfindungen, aus 
denen unsere Wahrnehmungswelt „zusammengesetzt" ist, bezieht sicli 
auf den Wahrnehmungsinhalt und nicht auf den Wahrnehmungs vorgang 
oder -Akt. Dies Zimmer vor mir kann ich (physikalisch und geometrisch) 
tatsächlich in einfache Formen, in Farbenflecken, Helligkeitsunterschie.de 
zerlegen und mir es aus ihnen aufgebaut denken. Diese Einfachheit und 
Zusammensetzung hat nichts zu tun mit der Einfachheit psychischer 
Vorgänge oder ihrer Kompliziertheit. Warum soll es einfacher — primi- 
tiver — sein, einen roten Fleck wahrzunehmen, als einen roten Kreis 
auf blauem Grund, aus welcher anderen Ursache, als deshalb, weil das 
eine eine einfache, das andere eine zusammengesetzte geometrische 
Figur ist? Wir sind auf unser Bewußtsein, seine intellektuellen Funk- 
tionen, das Vergleichen, Schließen, Urteilen so stolz, daß wir gern all 
dies als höhere Funktionen uns selbst vorbehalten und dem Säugling nur 
das Vorstadium gönnen möchten, sozusagen das bloße Wahrnehmen. 
In Wahrheit aber ist jedes Wahrnehmen bereits ein intellektueller Vor- 
gang, ist bereits Vergleichen, Relativieren, das Primitivste so gut, wie 
das Komplizierte. Es ist ähnlich wie mit den rechnenden Pferden. Man 
will es nicht für wahr halten, weil man sonst die Pferde auf ein viel höheres 
Niveau setzen müßte. Dies ist aber noch nicht das Schlimmste. Ich 
glaube nicht, daß die Pferde rechnen können. Sollte es sich aber bewahr- 
heiten, daß Tiere Rechenoperationen vornehmen können, so folgte daraus 
zunächst, daß das Rechnen eine viel primitivere Leistung ist als wir 
meinen. Wir müßten uns herabsetzen, und das ist schlimmer noch wie 
das Erhöhen des Anderen. 

Es muß uns nicht genügen, die prinzipielle Ähnlichkeit zwischen den 
Wahrnehmungen des Säuglings und denen des Erwachsenen zu betonen, 
wir dürfen auch versuchen, uns die Unterschiede vorzustellen. Denn 
nachdem festgestellt ist, daß die Primitivität der Wahrnehmungen nicht 
in ihrer Einfachheit liegt, so kann versucht werden, die Primitivität 
näher zu präzisieren. Die Beobachtungen sind hier für ein induktives 
Verfahren zu spärlich und vieldeutig; aber sie stützen wohl einen Stand- 
punkt, der sich aus der Überlegung gewinnen läßt. Die Leistung der 
Wahrnehmung für das Individuum ist, daß sie Proben der Außenwelt 
bietet (Freud 9), an denen sich das Individuum für sein Verhalten orien- 
tiert. Der rationalisierteste Prozeß läuft dabei so ab, daß das Individuum 
überlegend die Wahrnehmungen ausdeutet und danach handelt; die 



HO Erste Fortschritte. 

Bewertung der Wahrnehmung — der durch sie vermittelten Einsicht in 
die Situation Welt. — Ich — erfolgt unter Ausschluß jeder affektiven 
Tönung. Im allgemeinen aber ist die Rationalisierung nicht so weit ge- 
diehen, vielmehr wird die Bewertung durch Überlegung gefunden, die 
begleitet und beeinflußt wird durch Affekte der Freude oder Furcht z. B. 
Und nicht einmal dies ist das empirisch allgemeinste Verhalten, sondern 
in ihm wird die Überlegung mehr oder weniger in den Hintergrund gerückt 
sein, und die Bewertung der Wahrnehmung sich vor allem affektiv er- 
geben. Das heißt, es sind zwei Wahrnehmungsreihen zugleich : die optische, 
ein Beispiel zu nehmen, vermittelt uns die Einsicht in die Situation, die 
Furcht, die mit ihr sich verknüpft, vermittelt uns die Einsicht in die 
Reaktion unseres Psychischen auf die Situation. Die innere und äußere 
Wahrnehmung tritt zugleich auf; unser Bewußtsein ist in diesem Fall 
sozusagen nichts als Zuschauer eines Prozesses, der sich ohne ihn und 
sein Überlegen vollziehl. Man versteht eigentlich nicht, weshalb beide 
Wahrnehmungsreihen nötig sein sollten, wird aber klugerweise diese 
Frage nicht als wissenschaftliches Problem stellen, sondern sich mit der 
Feststellung begnügen, daß — soweit das Bewußtsein in Frage kommt — 
alles dafür spricht, die innere Wahrnehmung als das Primitivere anzu- 
sprechen 1 ). Also anzunehmen, daß in der äußeren Wahrnehmung des 
Säuglings das affektive Elemeut weitaus überwiegt. Gewiß sind es Struk- 
turen, die der Säugling wahrnimmt, aber optisch-affektive, akustisch- 
affektive usw. und nicht etwa optische als solche. Konkretere Formu- 
lierungen sind hier nicht möglich, aber 'man kann beispielsweise sich so 
ausdrücken: von dunklem Hintergrund hebt sich nicht die Milchflasche 
ab, sondern die geliebte Milchflasche. Wir wissen dabei nicht, welche 
Elemente für die Auffassung Milchflasche konstitutiv sind, können aber 
sicher sein, daß das verbindende, das gestaltstiftende Element die Er- 
weckung von Sehnsucht nach oraler Lust oder Befriedigung ist. Ex- 
perimente, wie sie Bühler wünscht, werden uns vielleicht Einblick 
gewähren können, welche Veränderungen der Gestalt, Farbe, ausreichen, 
um die geliebte Milchflasche in das gefürchtete Unbekannte zu 
verwandeln. Aber daß wir auch den affektiven Faktor in seinem 
ganzen Umfang präzise erfassen könnten, besteht wenig Hoff- 
nung. Man wird daher guttun, seine Rolle nicht zu unterschätzen, 
sich aber zu erinnern, daß wir beinahe von Anfang an ein ge- 
wisses Interesse des Säuglings an Reizen bemerken können, deren 
affektive Bedeutung biologisch wenig verständlich ist. Es also 
wahrscheinlich wird, daß die frühen Wahrnehmungen bereits, 
deutliche optische Elemente im optisch-affektiven Zusammenhang be- 
sitzen. 




') Zahlreiche Belege für diese Auffassung bei Heilig. 












Wahrnehmungen. 111 

Vielleicht gibt es aber auch Wahrnehmungen der Außenwelt, in denen 
das affektive Element absolut dominiert, das sensorische möglicherweise 
sogar ganz fehlt. Auch das erwachsene Seelenleben kennt solche, wie wir 
wohl sagen können, an der Grenze der Primitivität stehende Wahr- 
nehmungserlebnisse. Ein plötzlicher, heftiger Schmerz vermittelt uns 
nahezu gar keine Einsicht in die Umweltsituation ; wir haben die Reiz- 
quelle nicht tastend erkannt, sondern wir wissen nur — eben als heftigster 
Schmerz — von unserer eigenen Reaktion auf diesen Eingriff. Manche 
Psychologen sind freilich bemüht, auch den Schmerz als Summe gewisser 
Tastwahrnehmung aufzufassen; die Frage ist strittig, darum erwähnen 
wir noch einen anderen Fall ähnlicher Art : auch beim heftigen Erschrecken 
tritt das sensorielle Element der Wahrnehmung gegenüber dem affektiven 
erheblich in den Hintergrund; erschrecke ich, so erfahre ich von der mich 
erschreckenden Situation viel weniger, als von meinem Verhalten, eben 
meiner Schreckhaftigkeit oder momentanen Erschrockenheit. Es liegt 
nahe, dasselbe, noch verstärkt beim Säugling anzunehmen. Der schrille 
Pfiff, vor dem er erschrickt, tritt sensoriell in der Wahrnehmung so völlig 
in den Hintergrund zurück, daß man paradox sagen könnte, er hat ihn 
gar nicht gehört. Vermutlich gilt das in gewissem Maß für die Unlust- 
reaktionen überhaupt. Sie bestehen ja zum großen Teil — als unser 
Reaktionstypus I — darin, daß das Sinnesorgan vor weiterer Reizung 
geschützt wird; und soll das sensorielle Element in der Wahrnehmung 
an Bedeutung gewinnen, so bedarf es einer gewissen Zeit zur Entfaltung, 
die nur dann gegeben ist, wenn sich das Individuum ihm zuwendet, ihm 
sein Sinnesorgan anbietet. Die Entwicklung der sensoriellen Wahr- 
nehmung wird sich also an jenen Dingen der Außenwelt anbahnen und 
ausbreiten, die in Lustzusammenhänge eingestellt sind. Man könnte 
geradezu deduktiv von hier aus voraussagen, welche Resultate die Be- 
obachtungen ergeben würden. Zum Glück liegen die Beobachtungen vor, 
so dürfen wir die Bestätigung dieses Satzes aus ihnen holen. Das Viertel- 
jahrkind kennt ein gut Stück jener Dinge und alle Personen, die die 
Mittel zur Befriedigung des Freßtriebes schaffen, es kennt Schnuller, 
Finger und dergleichen Spender von oraler Lust; es kennt die Veran- 
staltungen zu Bad, und Waschung, Kleidungsstücke, die mit seiner 
Hauterregungslust verknüpft sind ; und es kennt schließlich eine ganze 
Anzahl jener Dinge, die ihm dienen, die eigentlich sensorielle Reizlust 
sich zu verschaffen, das Spiel der Besetzungsquanten der Libido: 
Zelluloidball, Klapper und dergleichen Spielzeug. 

Die primitive Wahrnehmung ist vom affektiven Element mehr 
beherrscht als die entwickelte — wäre die erste Annahme, die wir zur 
Erkenntnis des Spezifikums der Säuglingswahrnehmungen heranziehen 
können. Als zweites können wir die Beziehung zwischen dem reproduk- 
tiven und perzeptiven Element genauer beachten. Ob eine Wahrnehmung 



112 Erste Fortschritte. 

ohne reproduktive Prozesse möglich ist, ob sie ohne Gedächtnis irgend 
einen Sinn hat, brauchen wir nicht zu untersuchen. 1 ) Denn an unserem 
Studienobjekt, dem Säugling, läßt sich über seine Wahrnehmung erst 
dann etwas mit einiger Sicherheit aussagen, wenn wir Wirkungen des 
Gedächtnisses wahrnehmen. Erst wenn das Kind wiedererkennt, erkennt 
es unbezweifelbar, hat es eine primitive Wahrnehmung. Aber selbst 
wenn wir über seine früheren Wahrnehmungen etwas konstruieren wollten, 
so werden wir ihm Wahrnehmen am ehesten in solchen Fällen zusprechen, 
wo es anscheinend Interesse für Veränderungen, Bewegungen, Rhythmen 
zeigt, und diese wahrnehmen, heißt allerdings im Moment B sich des 
eben vergangenen Momentes A in irgend einer Weise erinnern. Merk- 
würdig genug, daß gerade das Wahrnehmen von Veränderungen, das uns 
keineswegs einfach erscheint, sondern sehr kompliziert, zu den frühesten 
gehört. Es ist sehr primitiv; gehört völlig in die bereits erörterten Zu- 
sammenhänge. Jedenfalls also sind Gedächtnis und Wahrnehmung zwei 
Prozesse, die sehr früh in der Entwicklung der Kinder auftreten, gewiß 
vor dem Ende des Vierteljahrs, wahrscheinlich beträchtlich früher, 
vielleicht bereits in den ersten Tagen oder auch gleich nach der Geburt 
und deren Beziehung zueinander so eng ist, daß wir da, wo irgend welche 
Anzeichen das Bestehen einer Wahrnehmung vermuten lassen, auch das 
Gedächtnis bereits als wirksam annehmen müssen. Formulierungen, 
wie die von Max Offner: „Wir wissen, daß kleine Kinder in den ersten 
paar Monaten ihres Lebens keinerlei Spuren von Gedächtnis zeigen; erst 
vom dritten oder vierten Monat ab nimmt man die ersten Anzeichen 
wahr", so häufig sie in der Literatur sich finden, sind jedenfalls unzuläng- 
lich, wenn sie einen zu engen Begriff des „Gedächtnisses" zur Voraus- 
setzung haben, sonst geradezu falsch. Um zu unserer Auffassung zu 
gelangen, braucht man anderseits das Gedächtnis keineswegs als 
organisches Phänomen anzunehmen, die Erscheinung, von der hier die 
Rede ist, meint nur das individuelle Gedächtnis ; die Reproduktion ganz 
im Rahmen der individuellen sensorischen Erfahrung. Nur eine Er- 
weiterung — wenn es nicht eine selbstverständliche Implizität ist — wäre 
vorzunehmen. Man muß dabei nicht an eine lange Latenzzeit, die zwischen 
der Wahrnehmung und dem reproduktiven Prozeß, der Aktualisierung 
der Wahrnehmungsspur, verstrichen ist, denken. Wenn der Anschlag des 
Klöppels an eine Glockenwand stattgefunden hat, so ist die Schallwahr- 
nehmung Engramm geworden, und erreicht der Klöppel die andere 
Glockenwand und wird die Schallwahrnehmung nicht als isolierter erster 
Ton erlebt, sondern in irgend einer Beziehung zum ersten Ton, so ist das 
Wirkung der Reproduktion, trotzdem zwischen der Niederlegung des 
Engramms und seiner ersten Ekphorierung nur der Bruchteil einer Se- 



*) Siehe z.B. Bleulers interessante Ausführungen, der dies strikte leugnet. 



Wahrnehmungen. 113 

künde vergangen sein mag. In diesem Sinn ist Wahrnehmung ohne Ge- 
dächtnis im Bereich unserer empirischen Entscheidbark eit nicht vorhanden. 

Von zwei Seiten her liegt es nahe, eine freilich nicht beweisbare 
Annahme über primitive Reproduktionen zu machen. Traum und 
Halluzination lassen sich leicht verständlich machen, wenn sie als Regres- 
sion auf einen primitiveren Zustand des psychischen Apparates begriffen 
werden. So hat Freud (4) sich die Vorstellung gebildet, der primitivste 
Verlauf psychischen Geschehens sei: „Der psychische Ruhezustand wurde 
anfänglich durch die gebieterischen Forderungen der inneren Bedürfnisse 
gestört. In diesem Fall wurde das Gedachte (Gewünschte) einfach 
halluzinatorisch gesetzt .... Erst das Ausbleiben der erwarteten Be- 
friedigung, die Enttäuschung hatte zur Folge, daß dieser Versuch der 
Befriedigung auf halluzinatorischem Wege aufgegeben wurde." 

Das heißt, die Reproduktion tritt im primitiven Zustand mit einer 
viel größeren Lebhaftigkeit auf, als in entwickelteren Stadien. Die Repro- 
duktion hat die sinnliche Lebhaftigkeit der Realität. Dies trifft für den 
Erwachsenen nicht zu. Zwar sind hier die einzelnen Typen von recht 
verschiedenem Verhalten und man mag das Wesen der Reproduktion 
mit Recht in anderen Charakteren suchen, als in ihrer geringeren Inten- 
sität, so bleibt, daß diese die Regel ist. Durchbrochen wird diese Regel 
bei Vision und Halluzination (und Inspiration, wie man hinzufügen kann), 
in denen das primitive, das Säuglingsstadium erreicht wird. Es muß der 
halluzinatorische Charakter der Reproduktion nicht der regelmäßige 
sein, man kann ihn auf die Wunscherfüllungen einschränken, so bleibt 
doch eine Idee, die nicht wenig Schwierigkeiten zu bieten scheint, die 
rundweg abzulehnen sich aber nicht empfiehlt, weil sie zwar kein unent- 
behrlicher, aber ein sehr bequemer Stein im Gebäude der Freudschen 
Psychologie ist. Nun haben aber Untersuchungen, die auf einer ganz 
anderen Seite vorgenommen wurden, von Jaensch und seinen Schülern 
(Kroh), das sehr bemerkenswerte Resultat ergeben, daß offenbar die 
halluzinatorische Deutlichkeit der Reproduktionen mit dem Lebensalter 
abnimmt; daß die Kindheit durch viel häufigeres Vorhandensein hallu- 
zinatorischer Reproduktionen ausgezeichnet ist. Und wenn auch die 
Experimente nicht in die frühe Kindheit zurückgeführt wurden und ihre 
generelle Bedeutung noch nicht über jeden Zweifel erhaben ist, so haben 
wir allen Grund, zu erwarten, sie werden sich auch an der frühen Kindheit 
und gerade an ihr erweisen. Denn es erhöht doch die Wahrscheinlichkeit 
der Freudschen Konstruktion (die übliche erwachsene Erscheinungs- 
weise der Reproduktion sei Ergebnis eines Verdrängungs-Entwertungs- 
Prozesses), die in sich so wohl gefügt ist, außerordentlich, wenn sie von 
völlig anderem Gesichtspunkte her bei Anwendung einer ganz anderen 
Methode solche Bestätigung erfährt, Resultate, die eine ähnliche Auf- 
fassung nahelegen, gefunden werden. 

Born f cid, Psychologie des Säuglings. 8 



/ 



114 Erste Fortschritte. 

Zu alledem kommt, daß das Viertel] ahrkind keinesfalls Kenntnis 
von einer Außenwelt, Einsicht in den Unterschied zwischen der Realität 
und seinen subjektiven Vorstellungen haben kann. Auch dies, dies vielleicht 
nicht zuletzt, muß den Unterschied zwischen Wahrnehmung und Re- 
produktion zu verwischen mithelfen. Dabei bleibt es ziemlich gleich- 
gültig, ob man den Reproduktionen von Anfang an irgend welche 
Subjektivitätsmerkmale zuschreiben will oder deren Genese ganz von der 
fortschreitenden Erfahrung abhängig machen will; denn diese verschärft 
gewiß jene Merkmale und da sie fehlt, ist der Unterschied geringer. 

Dies zusammenfassend, werden wir auf eine Konstruktion geführt, 
die nicht ohne Schwierigkeiten ist. Der Säugling sei hungrig, so wird sich 
zunächst halluzinatorisch die bereits oft erlebte Befriedigungssituation 
einstellen. Zugleich trete die Mutter an sein Bett, er wird also zugleich 
mit der Halluzination (Reproduktion) eine Wahrnehmung haben und beide 
werden von ähnlicher Intensität, in Struktur und Merkmalen wenig 
verschieden sein. Man muß zugeben, diese Gleichzeitigkeit von Repro- 
duktion und Wahrnehmung ist nicht bequem vorzustellen und erscheint 
beträchtlich bizzar. Ersetzen wir aber die Gleichzeitigkeit durch rasche 
Aufeinanderfolge, so erhalten wir einige sehr fruchtbare Ausblicke. 
Die Ersetzung ist rechtfertigbar. Zwar ist die Halluzination des Erwach- 
senen gewöhnlich stärker als die Wahrnehmung und überdeckt sie, 
aber das ist ein pathologischer Fall. Haben wir auch der Säuglingsrepro- 
duktion die Lebhaftigkeit und Wahrnehmungsähnlichkeit der Hallu- 
zination zugeschrieben, so müssen wir doch nicht auch ihre übrigen 
Charaktere mit hinzudenken. Die Reproduktion des Säuglings bleibt 
Reproduktion, d. h. das Zuströmen von Reizen aus der Umwelt entzieht 
der Reproduktion Energie, die zum Prozeß der Wahrnehmung verwendet 
wird, die Reproduktion wird blaß oder verschwindet völlig; die Ek- 
phorierung des Engramms hört auf. Wahrscheinlich lernt der Säugling 
gerade aus Freßtrieb sehr bald Reproduktion von Wahrnehmung zu 
unterscheiden, indem er bald die unangenehme Erfahrung macht, daß 
die Reproduktion nicht zur Befriedigung führt, sondern daß es dazu des 
Auftauchens jenes Bildes bedarf, das sich von der Reproduktion in 
gewissen Merkmalen unterscheidet. Er erwirbt also vermutlich an den 
halluzinatorischen Reproduktionen, die mit dem Hunger und seiner 
Befriedigung verbunden sind, die Erkenntnis von den Vorstellungs- 
merkmalen, einerlei, ob diese der Vorstellung von Anfang an anhaften 
oder sich mit diesem Prozeß überhaupt erst entwickeln. Es sollte uns 
nicht wundern, wenn spätere Untersuchungen ergeben sollten, daß ein 
Mittel, die fortdauernde Enttäuschung an den Reproduktionen zu ver- 
hindern, und zwar das vorzüglichste, bald angewendet wird: die Ver- 
hinderung ihrer allzu starken Besetzung mit Energie, ihre relative Blässe 
und irreale Haltung. Die fortschreitende Verblassung der Reproduktionen 



Wahrnehmungen. 115 

nähme demnach ihren Ausgang von den Vorstellungen, die mit dem Freß- 
trieb verbunden sind, und führte bei einem Typus bis zur völligen Avisua- 
lität, bei anderen bis zur relativen. Daß es sich hier um reale Vorgänge 
und nicht um bloße Fiktionen handeln kann, zeigt die Tatsache der Hunger- 
visionen, bei denen nach Erschöpfung aller normalen Mittel der Trieb- 
befriedigung, und vielleicht auch nach Schädigung des psychischen Appa- 
rates, der längst als unbrauchbar verlassene, ursprüngliche Weg der Hallu- 
zination als Verzweiflungstat beschritten wird. Dieser Energieentzug, der 
an den Engrammen Hunger-Befriedigung vorgenommen wird, wäre die 
Uranlage, das Urvorbild der richtigen Verdrängung; die Erinnerungs- 
spur wird von der Zufuhr von Energie, die sie zur Reproduktion beleben 

würde, — in diesem Fall nur bis zu einem gewissen Grad abgesperrt. 

Die große Ähnlichkeit, die enge Verknüpfung zwischen Reproduktion 
und Wahrnehmung korrigiert uns das Bild der intellektuellen Leistungen, 
das man sich vielleicht nach dem bisher Gesagten machen könnte, ein 
wenig. Mußten wir einsehen, daß Vergleichen, Erwarten, ja, selbst Schlie- 
ßen, zu Schweigen vom Erinnern, primitivere Vorgänge sind, als man häu- 
fig glaubt, so läßt sich nun weiter erkennen, daß diese primitiven Vorgänge 
beim Vierteljahrkind in primitiverer Form sich vollziehen, als beim älteren 
Kind oder Erwachsenen dies der Fall ist. Es ist im Grund der quantita- 
tive Faktor, die Distanz der Vergleichsglieder, die hier eine Rolle 
spielen. Es ist nicht leicht zu glauben, das Kind von acht oder zehn Wochen 
„erinnere sich", wenn es in den Wagen gelegt wird, wie das gestern war, 
und „wisse" nun, was folgen werde. Und doch ist sein Verhalten völlig 
richtig so beschrieben — ja, es gibt noch viel erstaunlichere Fälle, nur ist 
dies Erinnern und gar dies Wissen etwas recht anderes als das unsere : es 
besteht in einer — in allem dem Kind Wesentlichen — affektiv-sensoriellen 
treuen, realitätsähnlichen, weil halluzinatorischen, Reproduktion des 
gestern (und wahrscheinlich schon früher öfters) gehabten Erlebnisses. 
Das Kind hat sozusagen nichts anderes zu tun, als die beiden nahezu 
gleichzeitig gegebenen Bilder der Erinnerung und der Aktualität zur 
Deckung zu bringen. Gelingt das, so hat es das Gefühl der Bekanntheit; 
und es hat eine Erwartung, weil das eine Bild bereits mitteilt, was das 
andere in Sekunden oder Minuten erst zeigen wird. Von einem Bekannt- 
heitsgefühl zu sprechen, ist indessen wohl nicht ganz exakt. Denn man 
darf sich vorstellen, daß im Fall der wesentlichen Deckung beider Bilder 
nichts anderes erlebt wird, als ihre affektive Bewertung als eines einzigen; 
es ist eine Befriedigungssituation (oder eine Reizlust bietende) ein- 
getreten. Da aber mit der fortschreitenden Unterscheidung zwischen Re- 
produktion und Wahrnehmung und den häufig erlebten Enttäuschungen 
sich wohl bald auch eine gewisse Erkenntnis der Bekanntheit, die allemal 
positiv empfunden wird, einstellen mag, genügt die Abbreviatur Bekannt- 
heitsgefühl. 

8* 



116 Erste Fortschritte. 

Das Erlebnis der Deckung zwischen Reproduktion und Wahrneh- 
mung ist in den meisten Fällen lustvoll; weil gewiß vor allem lustvolle 
Zustände überhaupt erst zur richtigen Wahrnehmung führen. Es dauert 
offenbar recht lange, gewiß weit in das zweite oder selbst dritte Viertel- 
jahr hinein, ehe das Kind im Zustand der Unlust zur Entfaltung und rela- 
tiven Dominanz des sensoriellen Elementes in der Wahrnehmung gelangt. 
Aber auch die Reproduktion unlustvoller Situationen ist gewiß sehr selten. 
Die Tatsachen würden, soviel ich sehe, einer Verallgemeinerung nicht 
strikte widersprechen, sie aber auch nicht erweisen können. Es sind vor- 
läufig noch theoretische Gründe, die mich veranlassen möchten, ganz all- 
gemein zu formulieren: in den ersten Lebensmonaten findet keine hallu- 
zinatorische Reproduktion von Unlusterlebnissen statt. Diese Behaup- 
tung scheint mir jedenfalls noch weniger gewagt, als die wäre, daß in der 
Unlustsituation keine sensorielle Wahrnehmung zustande kommt. Und 
doch trifft das bis zu einem gewissen Grad — wie wir eben erörterten — 
offenbar zu, indem das sensorielle Element gegenüber dem affektiven sehr 
weit zurücktritt. Die Reproduktion, die doch auf der vorausgegangenen 
Wahrnehmung beruht, könnte also bestenfalls, selbst wenn sie absolut 
treu wäre, nur einen sehr schmalen, sensoriellen Teil enthalten. Aber 
selbst der ist in hohem Maße unwahrscheinlich, denn es widerspräche dem 
Lustprinzip so grundsätzlich, daß es kaum mehr möglich wäre, sein Walten 
überhaupt zu entdecken. Will man solche deduktive Bemerkung nicht 
gelten lassen, so füge ich mich gern und stelle folgendes zur Erwägung: 
der Säugling kennt, nachdem er sich mit der Tatsache von embryofremden 
Reizen einmal abgefunden hat (was für das Auge sehr bald, für das Ohr 
zuletzt zutrifft), überhaupt keine an sich unlustvollen, sensoriellen Ele- 
mente; er kennt nur solche, die mit Befriedigungssituationen (oder Reiz- 
lust) verbunden sind, von dem Fall der Furcht abgesehen, über den gleich 
zu sprechen sein wird. Und er kann sie nicht kennen, denn allcseine Wahr- 
nehmungen sind sowohl mit Lust-, als mit Unlustsituationen verknüpft 
gewesen. Die Milchflasche ist ein Bestandteil seiner Hungersituation, in 
der sie ja zuerst auftritt, ebensogut, wie der Befriedigungssituation, 
während der er an ihr saugt. Das Gesicht der Mutter gehört zu allen (oder 
den meisten) Unlustsituationen so gut wie zu vielen Befriedigungs- 
situationen. Wäre nun wirklich von der sensoriellen Wahrnehmung her 
die Lust- und Unlustsituation gleich leicht zu reproduzieren, so wäre gar 
nicht einzusehen, wie eine erträgliche Einstellung zur Außenwelt, die das 
Vierteljahrkind bereits ohne Zweifel erlangt hat, zustande käme. Dies 
Resultat ist nur möglich, wenn die Unlustsituation sehr schwer, womög- 
lich gar nicht, reproduzierbar ist. Und das könnte am ehesten dadurch 
erreicht sein, daß: 1. die Wahrnehmung in der Unlustsituation überhaupt 
nicht beträchtlich war; 2. die Engramme, die sich ausschließlich in Un- 
lustsituationen bildeten, von der Energiebesetzimg weitgehend abgesperrt 



Wahrnehmungen. 117 

sind. Beide Möglichkeiten mqgen Wahrscheinlichkeit haben; die erste für 
sich allein würde aller zum Verständnis der meisten Fälle ausreichen die 
zweite für sich allein, verlangte einige nicht einfache Hilfsannahmen. 

An sich sind die Wahrnehmungen anfangs nicht unlustreproduzierend, 
vielmehr fassen sie in sich — so scheint es doch — ein schönes Quantum von 
Lustmöglichkeiten. Erschließen wir das aus den Annahmen, die wir über 
die Reizlust sensorieller Natur machten, nach denen auch jene Wahr- 
nehmungen, die nicht in den notwendigen Zusammenhang mit Trieb- 
befriedigungssituationen gehören, zahllose Male im Spiel der Schreck- 
überwindung bejubelt wurden, so wäre ein geradezu schlagender Hinweis, 
wenn sich die Annahme von der halluzinatorischen Reproduktion als 
Triebbefriedigungsversuch bestätigte. Denn hier ist deutlich, wie die Be- 
setzung einer Vorstellung, die ebensogut in den Unlust- wie in den Lust- 
zusammenhang gehört, in Gegensatz zu der aktuellen affektiven Situation 
gerät: die Unlust der Unbefriedigung in Lust der Befriedigung verwandelt. 
Soviel ich sehe, kann man diese Argumentationen nur dann als wertlos 
hinstellen und auch dann nur zum Teil, wenn man sich entschließt, dem 
Säugling Verständnis der Kausalitätsrelationen zuzuschreiben. Wohl- 
verstanden, ist dies kaum von vorneherein abzuweisen, soll uns aber erst 
in späterem Zusammenhang interessieren. 

Freilich gibt es auch eine Art von Reproduktion, eine Art Gedächt- 
nis von Unlust in diesem frühen Lebensabschnitt, nur ist sie nicht senso- 
rieller Natur, sondern motorischer. Wir sind oft auf Phänomene gestoßen, 
die wir nicht anders einzuordnen wußten, als daß wir sagten, hier werde 
die Geburtssituation reproduziert, nämlich motorisch wiederholt. Es 
handelte sich in erster Linie um das Erschrecken. Ein Reiz „erinnert", 
so sagten wir, unsere Ausdrucksweise als bildliche schüchtern genug an- 
sehend, an die Geburt. Diese Erinnerung besteht aber lediglich in einer 
motorischen Aktion, deren Sinn wir nur energetisch zu formulieren wuß- 
ten. Man muß betonen, daß solche Reize die Erinnerung auch nicht ver- 
möge ihres Wahrnehmungsinhaltes auslösen (ihres sensoriellen Wertes), 
sondern wegen ihrer formalen Qualitäten (Plötzlichkeit, Intensität usw.). 
Die Angst (Furcht, Schrecken), als deren „Ausdruck" wir bei uns selbst 
diese Reaktionen kennen, dürfen wir auch dem Säugling und Neugebore- 
nen zuschreiben. Sie ist aber im Grunde unabhängig von allen sensoriellen 
Elementen, sie lösen sie aus, begleiten sie, aber in beliebiger Variabilität. 
Wenn man will: Die Angst ist eine Erinnerung an die Geburt, aber dies 
meint etwas anderes als Erinnerung im bisher gebrauchten Sinne des 
Wortes. Richtiger wäre zu sagen: Anstatt der Erinnerung an die Geburt, 
anstatt der sensoriellen Reproduktion aller Wahrnehmungen haben wir 
die Angst. Niemand kann sich sensoriell an seine Geburt erinnern, auch 
Hypnose und Psychoanalyse, die die Erinnerung bis tief in die früheste 
Kindheit treiben können, vermögen nicht, die Geburt erinnern zu lassen. 



118 Erste Fortschritte. 

Das ist überhaupt unmöglich, weil das individuelle, sensorielle Gedächt- 
nis — so mußten wir vorläufig annehmen — erst mit der Überwindung des 
Traumas der Geburt beginnt. Denn der obige Satz verträgt eine Um- 
kehrung: An Stelle der Angst steht sensorielle Reproduktion. Das indivi- 
duelle, sensorielle Gedächtnis entsteht im Überwindungskampf gegen die 
Geburtsangst, die sich bei jedem postnatalen Reiz reproduzieren will. 1 ) 
Vorläufig mag diesen letzten Aufstellungen noch reichlich Dunkel an- 
haften. Sie sind mir selbst nichts als tastende Vermutungen, die Grenzen 
psychologischer Erkenntnis durch Hypothesenansätze hinauszuschieben. 
In späterem Zusammenhang wird versucht werden/was sich hierüber heute 
überhaupt schon sagen läßt, zu formulieren. An dieser Stelle genügt die 
apperzeptive Anknüpfung. 

Eine oft gemachte Beobachtung, „die wenig verstanden ist" 
(Bühler), findet eine einfache Erklärung durch unsere Auffassung. Es 
genügt oft eine verhältnismäßig geringfügige Veränderung des Objektes, 
um beim Säugling statt des Bekanntheitsgefühles Furcht zu erwecken. 
So genügt, daß die Mutter einen dem Kind unbekannten schwarzen Hut 
aufhat, daß es, statt sie mit Freude zu begrüßen, ängstlich sich von ihr 
abwendet, sichtlich zwischen Wiederkennen und Angst schwankt. 
Hier deckt sich Wahrnehmung mit Reproduktion in einem dem Kinde 
wesentlichen Punkt nicht. Es ist in seiner Erwartung, die Mutter zu sehen, 
enttäuscht, weil es die Mutter in einem schwarzen Hut sieht. Es kann 
nicht die Fremdheit des Eindrucks sein, der dem Kinde angst macht, den 
neuen Eindrücken gegenüber hat es deutlich das perzeptive Interesse 
Claparedes (2). Dieses Interesse des Säuglings an Seh- und Hörbarem 
ist bereits in diesem Alter sehr stark entwickelt und versagt gegenüber 
keinem Ding und Geräusch, das nicht durch die Plötzlichkeit oder In- 
tensität seines Auftretens Schreckreaktionen hervorruft. Das Kind in 
diesem Alter fürchtet noch gar nichts, soviel ich in der Literatur sehe 
und an Eindrücken aus eigener Beobachtung gewann, auch nicht Dinge, 
mit denen es böse Erfahrungen machte. Das perzeptive Interesse ver- 
wandelt sich in Unlust nur in zwei Fällen: 1. Wenn ein imperatives 
Bedürfnis Stillung verlangt, Schlaf, Hunger, Wonnesaugen; aber auch 
dann besteht noch in hohem Maße Ablenkbarkeit, wenigstens für kurze 
Zeit, und zwar auch durch ganz neue Reize. 2. Wenn ein sonst gut be- 
kanntes, geliebtes Objekt, darf man sagen, verändert ist. Der erste 
Fall ist einfach. Das Bedürfnis hat eine lebhafte Reproduktion der Be- 
friedigungssituation erzeugt. Was sich mit ihr nicht deckt, wird je nach- 
dem entschieden oder halb und halb abgelehnt. Der zweite Fall ist 
komplizierter, er erzeugt nicht Ablehnung, sondern Angst. Hier ist eine 
Befriedigungssituation eingetreten, die Mutter ist da, sie deckt sich aber 






') Dies scheint auch Ranks Meinung zu sein. 



"Wahrnehmungen. 119 

nicht völlig mit der reproduzierten. Das Kind hat nicht Furcht, sondern 
das Gefühl des Unheimlichen, wie Stern sagt, oder weil auch dieses noch 
zu "viel Reflexion und Erfahrung verlangt, Angst. Furcht und Angst 
verdienen streng auseinandergehalten zu werden, wie Lehmann und 
Freud (11) tun. Furcht ist begründete Angst vor einem Objekt. 
Angst ist objcktlose, unbegründete Furcht. Der Säugling dieses frühen 
Alters kennt noch keine Furcht, aber hat reichlich Angst. Nur die Ver- 
mengung dieser beiden Begriffe konnte zu so unmöglichen Annahmen 
führen, wie die von der angeborenen Furcht vor bestimmten Tieren etwa 
ist. Im Fall des schwarzen Hutes der Mutter findet wirkliche Angst statt, 
nicht Erschrecken, das eine momentane, motorische Abfuhr von Angst 
ist, sondern diese als ein eine Zeitlang andauerndes Phänomen. Die Re- 
produktion (Halluzination) versprach Reizlust, die Wahrnehmung hindert 
sie; Libido, im Begriff sich zu entwickeln, wird gehemmt und muß sich 
in Angst verwandeln, was ja nach Freuds grundlegenden Entdeckungen 
die allgemeine Formel der Angst ist. 

Ursprünglich löst die Reizwelt nur die Reaktion auf den Urreiz: die 
Geburt aus: Erschrecken (Angst); die R-Triebe suchen die Möglichkeit 
zu solcher steter Wiederholung zu verhindern durch immer neue Her- 
stellung der fötalen Situation, sie antworten auf Reize mit Reaktions- 
Typus I. In Ausübung des Freßtriebes, der die gestörte fötale Situation 
wieder herzustellen dient, erfährt das Individuum Reizlust der Wahr- 
nehmung, die eine „spielerische Wiederholung" des Geburtstraumas, 
dieses überwindet. Die Sexualtriebe reagieren auf Reize mit Reaktions- 
typus II; die Reizlust wird auf Kosten der fötalen Situation energisch 
gesucht. Auch Befriedigungssitationen werden immer mehr zu Trägern 
von Wahrnehmungs-Lusterlebnissen. So erfährt die Wahrnehmungswelt 
und insbesondere einige bevorzugte ihrer Dinge (z. B. die Mutter) 
eine starke Libidobesetzung. Wo deren Entwicklung durch Wahr- 
nehmung oder Reproduktion eingeleitet, gehemmt wird, stellt sich als 
Regression auf den ursprünglichen Zustand die Angst (Erschrecken) 
wieder ein. 

Kurzer Rechtfertigung bedarf vielleicht für manchen, daß ich von 
Libido im Zusammenhang mit der Wahrnehmung spreche. Es sei vorweg 
zugestanden, alle Energievorgänge, die beim Wahrnehmen und Re- 
produzieren im Spiele sind, grundsätzlich libidinöse zu nennen, hat seine 
Bequemlichkeit und seinen guten Sinn, läßt sich aber beim heutigen 
Stand unseres Wissens nicht als gesichert hinstellen. Gewiß müssen wir 
ein gut Stück aller dieser Vorgänge der Libido zuschreiben, denn die 
Reizlust ist per definitionem Ziel der Sexualtriebe und die Energie, 
die ihnen zur Verfügung steht, nennen wir mit Freud Libido. Ebenso 
ist die Angst, das Negativ der Reizlust, allemal libidinös. Es ist also 
jedenfalls eine größere Quantität von Libido an den Wahrnehmungs- 



120 Erste Fortschritte. 

Vorgängen beteiligt, als man ohneweiters zugestehen möchte, indem ja 
unzweifelbar eine ganze Anzahl von Wahrnehmungsakten im Dienst der 
Sexualtriebe steht. Dies ist natürlich nicht entscheidend, weil ja dieselben 
Prozesse gelegentlich auch im Dienst der R-Triebe stehen. Aber für die 
Auffassung der Energie als Libido spricht die deutliche Reizlust und die 
Tatsache, daß das Wahrnehmungsleben als Ganzes die progressive 
Tendenz fördert, daß es im strikten Gegensatz zur fötalen Situation steht, 
daß es überhaupt erst möglich wird, nachdem und soweit die Wirkung 
der R-Triebe überwunden ist. 

Die Beziehungen der Wahrnehmungen (und Reproduktionen) sind 
nicht ganz einfach, sie sind vor allem anders, als man sie ohne scharfe Be- 
trachtung erwarten möchte. Die Wahrnehmung verstehen wir als Probe 
der Außenweltreizsituation, wenn sie zur Handlung führt. Man muß 
schädliche Einflüsse bemerkt haben, um ihnen entfliehen zu können, 
man muß Nahrungsmittel bemerken, um sie dann ergreifen zu können. 
Die psychologische und soziale Situation des Säuglings setzt diese Not- 
wendigkeiten keineswegs voraus. Er mag blind und taub sein und würde 
trotzdem ernährt werden; anderseits nützt, es ihm wenig oder sogar gar 
nichts, daß er weder blind noch taub ist, denn er vermag keiner wahrge- 
nommenen Gefahr zu entfliehen, sich keines wahrgenommenen Dinges zu 
bemächtigen — im ersten Vierteljahr seines Lebens. Der Bemächtigungs- 
apparat: Hände, Beine, Rumpf, beginnt seine Entwicklung erst im zweiten 
Lebensvierteljahr, beendet sie erst im fünften Vierteljahr, während der 
Wahrnehmungsapparat, bereits eine beträchtliche Höhe der Ausbildung 
vor Beginn der Greiffähigkeit, auch nur der primitivsten Äußerung des 
Bemächtigungsapparates, erreicht hat, und wie wir noch sehen werden, 
nahezu ausgebildet ist, ehe das Kind wirklich zu gehen gelernt hat. Welche 
Gründe diese für den Menschen spezifische, soviel ich sehe, bei Tieren nicht 
vorhandene, Trennung der Entwicklung von Wahrnehmungsapparat und 
Bemächtigungsapparat herbeigeführt haben, wissen wir nicht ; dies wäre 
auch kein kinderpsychologisches Problem. Die Folgen dieses Voraus- 
eilens der intellektuellen Entwicklung sind offensichtlich. Möglich ist 
dieser Tatbestand, weil aus der Wahrnehmung Lust geschöpft wird, weil 
Libido die Triebkraft dieser Entwicklung ist. Lust wird aus dem Wahr- 
nehmen selbst gewonnen, unabhängig von den Inhalten zunächst, und 
weitgehend unabhängig von der Befriedigung der R-Triebe und den 
übrigen Sexualtrieben. Dadurch wird ein Stück Welt libidinös besetzt, 
noch ehe sich das Individuum ihrer bemächtigen kann und ehe es diese 
Welt als Nicht- Ich erfaßt hat. Die tiefe, selbstverständliche Vertrautheit 
mit der Außenwelt, die wir normalerweise haben, ist das Ergebnis dieser 
Urbcsetzung, die vorgenommen wird, noch ehe die Scheidung zwischen 
Ich und Außenwelt vorgenommen ist, noch ehe die Bemächtigungstriebe 
— wie wir sehen werden — darauf ausgehen, diese Welt zu zerstören. 



Struktur des Vierteljahrkindes. 121 

Hier ist die Schopenhauersche Welt als "Vorstellung realisiert; und zwar 
wird diese Welt vom Säugling geliebt, wie jedes Stück von ihm selbst, denn 
es ist kein Unterschied zwischen Reproduktion und Wahrnehmung, jeden- 
falls keiner der libidinösen Besetzung, aber es ist auch keiner zwischen 
lustspendenden Körperteilen (z. B. Mund) und lustspendenden Re- 
produktionen und Wahrnehmungen. Nicht zu unterschätzen ist auch 
für die ganze künftige Entwicklung die Bedeutung des Umstandes, daß 
durch die bemerkenswerte Verfrühung des Sensoriellen dieses selbst, die 
psychischen Funktionen des Wahrnehmens, Aufmerkens, Reproduzierens 
ein beträchtliches Quantum von Energie zur "Verfügung erhalten und zeit- 
lebens — normale Entwicklung vorausgesetzt — behalten. Die mächtige 
Bedeutung, die intellektuelle "Vorgänge — Wahrnehmung, Phantasie, 
Denken und ihre sozialen Folgen in Wissenschaft, Kunst, Philosophie — 
beim Menschen haben, finden ihre erste Wurzel in dieser spezifisch mensch- 
lichen, psychischen Struktur des Vierteljahrkindes. 

Struktur des Vierteljahrkindes. 

Die Verpflichtung, in diesem Kapitel einen Querschnitt durch die 
psychische Struktur des Viertel jahrkindes zu geben, verbinde ich gern 
mit der zusammenfassenden und darum verdeutlichenden Darstellung 
der Grundgedanken und Entwicklungsprinzipien, die im Tatsachen- 
material und den speziellen Erörterungen — wie ich fürchte — zu unüber- 
sichtlich versteckt sind. 

Das Neugeborene fanden wir beherrscht von den R-Trieben; lange 
Schlafperioden, kurze Wachperioden, diese nahezu völlig dem Saugen ge- 
widmet, weitaus überwiegende Indifferenz oder Ablehnung gegenüber 
allen Reizen der Umwelt; lustvoll sich äußernd in Situationen, die an die 
fötale Situation erinnern, in der Körperhaltung — und zum großen Teil 
auch durch die Kinderpflegemaßnahmen — die fötale Situation fort- 
setzend. Es hat die Geburt nicht zur Kenntnis genommen; ist bestrebt, 
die Umweltsituation und die Lebensprozesse fortzusetzen, oder bei einer 
Störung möglichst rasch wiederherzustellen, die vor der Geburt bestanden. 
Das Neugeborene stellt somit ein ruhendes psychisches System dar, das 
auf Reize, soweit sie überhaupt über die Indifferenz hinausragen, bloß 
soweit reagiert, als nötig ist, um sie zu erledigen; seinen Ruhezustand 
wieder herzustellen. Es ist der Außenwelt gegenüber extrem narzißtisch. 
Es gibt überhaupt nur zwei Gruppen von Erscheinungen, die sich diesem 
Bild nicht fügen: 1. Schockartige Abfuhrerscheinungen, deren Sinn wir 
noch nicht näher erfaßten, als daß wir sie im Zusammenhang mit trau- 
matischen Folgen der Geburt vermuten. 2. Ansätze einer neuen Libido- 
verteilung nur in der Andeutung einer Sehlust und vielleicht auch einer 
Sauglust, die bereits von der Befriedigung des Freßtriebes unabhängig ist. 
Beide Gruppen von beinahe verschwindendem Umfang. 



122 Erste Fortschritte. 

Der intensiven Durchführung dieser neuen Libidoverteilung ist das 
erste Vierteljahr gewidmet. Das heißt, diese neue Organisation ist zu Ende 
des dritten Monats bereits voll ausgebildet im normalen Fall. Wir finden 
eine sehr beträchtliche Energiekonzentration am Kopfe, die starke Reiz- 
lustmöglichkeiten bietet; durch Libidobesetzungen sind drei wohl charak- 
terisierte Zonen entstanden: Augen, orale Zone (Schnauze), Ohren. Die 
Schnauze ist eine ausgesprochen erogene Zone, sie bietet Sexuallust (tak- 
tile Lust) im engeren Sinne; Ohren und Augen Reizlust; diese Lust der 
Ohren ist der Sexuallust noch näher verwandt als die der Augen. Die 
Sexualtriebe, während der Wachperiotle unermüdlich und energisch be- 
müht, die Lust dieser drei Zonen zu gewinnen. Die allermeisten Handlun- 
gen sind gleichfalls auf den Kopf als motorischen Apparat angewiesen. 
Unter der Energie (Libido), die am Kopfe vornehmlich konzentriert ist, 
läßt sich ein besonders bewegliches und leicht verschiebbares Quantum, 
die Besetzungsenergie unterscheiden, das im Aufmerksamkeitsakt, als 
Wahrnehmungs- und Reproduktionsenergie verwendet wird und Lust 
bietet. Sekundär ist dem gegenüber die Lustmöglichkeit, die der ganze 
übrige Körper, die Haut bietet, und die kinästhetische Lust beim Be- 
wegen der Gliedmaßen. Aber auch sie von Libido besetzt, Lust bietend. 
Die Wachperioden sind wesentlich länger geworden und nahezu ausge- 
füllt von Äußerungen (zum Teil richtigen Handlungen) der Sexualtriebe, 
die z. T. aktiv jene mannigfaltige Lust suchen; vornehmlich aber hat der 
Säugling passiv zu warten, bis durch Veränderungen in der Außenwelt 
Lustauslösungen (geeignete Reize) eintreffen. Seine Aktivität hat eine 
Wirkungsmöglichkeit erstens in Lautäußerungen, so daß die Hörlust weit- 
gehend aktiv befriedigt werden kann ; zweitens Bewegungen der Hand in 
den Mund oder Kopfbewegungen führen Sauglust herbei; die Lustäuße- 
rungen sind zugleich auch selbst Erregung der oralen Zone und des Ohres ; 
schließlich erstrampelt er sich gleichfalls unabhängig kinästhetische 
Lust. 

Noch gehören aber wenigstens drei Viertel uneingeschränkt dem 
Schlaf, der Fortsetzung des Fötallebens, der täglichen Rückkehr in die 
pränatale Energiesituation. Auch von den Handlungen des Kindes haben 
nicht wenige den Zweck, Reize zu vermeiden, Situationen, die vor der 
Geburt bestanden, wiederherzustellen, Ruhelust zu erwerben. Im strengen 
Sinn des Wortes gehören die Freßtriebhandlungen hieher. An ihnen zeigt 
sich deutlich, wie fortschreitend immer mehr in Ausübung solcher R-Trieb- 
handlungen die Möglichkeiten zum Reizlusterwerb erweitert werden oder 
sich die Sexualtriebe in Anlehnung an solche Handlungen differenzieren 
und entwickeln. So daß auch von hier aus die narzißtische Ausgangs- 
organisation immer mehr durchbrochen wird. 

Der Bemächtigungsapparat macht in seiner Entwicklung im ersten 
Vierteljahr sehr unwesentliche Fortschritte. Er gehört ganz, soweit das 






Struktur des Vierteljahrkindes. 123 

Wachleben in Frage steht, der Entwicklung der Reizlust, die in enger 
Relation zur Überwindung der Angst entsteht. Diese späte Entwicklung 
des Bemächtigungsapparates hat eine starke libidinöse Besetzung der 
Wahrnehmungs- und Reproduktionsvorgänge zur Folge; die Ausbildung 
eines sehr leicht beweglichen Energiequantums Besetzungsenergie und die 
Bindung von Libido an eine Anzahl von Wahrnehmungen (und Repro- 
duktionen). Es entsteht ein Stück mit Libido besetztes Weltbild, das auf 
indifferentem Hintergrund eine Reihe von Gestalten (Dingen) aufweist. 
Die Entwicklung dieser wahrgenommenen Welt ist an Lustsituationen 
geknüpft, ihr Auftauchen selbst ist Lust und bringt die Erwartung 
weiterer Lust. Die Unlustsituation ruft Halluzinationen herbei als 
primitiver Mechanismus der Befriedigung jedes Wunsches. Wahrnehmung 
und Reproduktion sind nicht als Innen- und Außenwelt unterschieden 
und haben wohl gleicherweise Libido gebunden, ein Stück primitiver 
Liebe gehört diesen Dingen — einerlei ob sie endopsychische Bilder oder 
Wahrnehmungen sind — genau so wie den erogenen Zonen selbst. Er- 
kennen, Wiedererkennen, die Freude am Identischen (sich Deckenden bei 
Reproduktion und Wahrnehmung), die Angst vor dem Fremden-Ähn- 
lichen (sich teilweise Deckenden), Erwartung und vielleicht ein primitives 
Vergleichen und Schließen sind die Funktionen, die der intellektuellen 
Sphäre angehörend, beim Vierteljahrkind mehr weniger deutlich aus- 
gebildet sind. Die Aufschiebung der motorischen Entwicklung, die Ver- 
frühung der sensoriellen, erscheint von höchster Bedeutung für die 
künftige Gestaltung der spezifisch menschlichen Phänomene. Weit ent- 
fernt davon, das „dumme Vierteljahr" (Sigismund) zu sein, ist dieser 
erste Lebensabschnitt vielmehr die Grundlage aller Intelligenzentwick- 
lung. 

Auf dem weiten Weg von der Struktur des Neugeborenen zu der 
Organisation des Erwachsenen ist der erste wichtige Schritt somit zu 
Ende des ersten Vierteljahrs gemacht. Unter Vernachlässigung des für 
unseren Zusammenhang Unwichtigen ist die Entwicklungsaufgabe, von 
jenem, in der gegebenen Reizwelt eben noch möglichen, extremen 
narzißtischen Zustand zu einer kohärenten Persönlichkeit zu gelangen, 
die eine kohärente, mannigfaltige, gegliederte, wertgerichtete Welt als 
Objekt (Objekte) ihrer Triebe besitzt. Die erste erreichte Etappe zeigt 
uns die erste Entfaltung von Trieben, die auf Objekte gerichtet sind, und 
die Bildung solcher Objekte. Die drei Zonen Auge, Ohr, Mund (und in 
gewissem Sinn als vierte die ganze Hautoberfläche), sind Sitz von 
Strebungen, die auf Objekte außer ihrer selbst ausgehen. Ob dies nun 
die Brust der Mutter oder der eigene Finger; ob es ein rhythmisches 
Klappern des Zelluloidballs oder das Hin- und Herschwingen eines 
farbigen Tuches ist, jedenfalls lösen diese Dinge in einer der Zonen Lust- 
erlebnisse aus und werden als Lustspender begehrt. Sie sind der Wahr- 






124 Erste Fortschritte. 

nehmung Dinge, dem Luststreben (den Sexualtrieben) Objekte. Ein ge- 
wisses Maß von Libido ist an sie gebunden, wobei gewiß die orale Zone 
leitend ist. Die Unterschiede zur erwachsenen Struktur zu charakteri- 
sieren, dürfen wir uns ersparen. Sie sind in jeder anderen Beziehung vor- 
handen. Aber in dem einen Punkt ist zur vorausgegangenen Etappe, 
dem Neugeborenen, der entscheidende Fortschritt aus dem nahezu vollen 
Narzißmus getan. Eine Ur-Welt, sozusagen, ist konstituiert; Triebe, die 
sich auf sie als Objekte richten und nicht mehr sich gegen sie be- 
tätigen, sich völlig von ihr abwenden, sich ihr verschließen, be- 
tätigen sich. 

Von den Wegen, auf denen dieser Fortschritt erzielt wurde, lassen 
sich folgende beschreiben: 1. Die Verwandlung der Angst in Lust. Wir 
haben sie deutlich beim Hören studieren können. Die Schreckreaktion 
auf Gehörsreize weicht erst der Aufmerksamkeits-Spannung und schließ- 
lich lebhafter Lust. Ohne daß es an dieser Stelle schon völlig gerecht- 
fertigt erschiene, ist Schreck und die Aufmerksamkeits-Spannung den 
Angstphänomenen zuzurechnen. So ist die Entwicklung an der auditiven 
Zone formulierbar als Verwandlung der Angst vor Reizen in Lust an 
Reizen. Das Lachen ist gewissermaßen der Generalausdruck des Voll- 
zugs dieser Verwandlung. 2. Die Differenzierung der Triebziele. Wir 
studierten sie ausführlich am Beispiel der Funktionen der oralen Zone 
und sahen, wie sich aus dem undifferenzierten Saugen das Hungersaugen 
als R-Triebhandlung vom Lustsaugen (Wonnesaugen) als Sexualtrieb- 
handlung differenzierte, indem sich die orale Zone in Ausübung ihrer 
Ernährungsfunktion erotisierte, Tastlust spendete, die isoliert zu erreichen, 
sich ein Komplex von Aktionen aus dem Freßtrieb aussonderte. 3. Die 
Organisierung der Bewegungen. Wir sahen sie a) als fortschreitende 
Beherrschung der verschiedenen Abfuhr- und Reflexbewegungen der 
Augenmuskeln von der „Sehlust" oder einem Ich-Keim, jedenfalls von 
einer organisierenden Instanz im Dienste eines Bedürfnisses, des Lust- 
erwerbs; oder b) als Organisierung mannigfaltiger Abfuhrphänomene, 
Reflexe und Handlungen zu einem einheitlichen festen Ablaufsganzen, 
das an einen bestimmten Affekt gebunden ist: das Lachen bei in Lust 
verwandelter Angst. 

So läßt sich die Tatsachenfülle ordnen, unter der Annahme zweier 
einander entgegengesetzter Triebgruppen, die abwechselnd von der psy- 
chischen Energie Besitz ergreifen und ihre Verteilung, Bindung, Abfuhr, 
Lösung beherrschen und unter Beziehung des Triebewaltens auf den Ge- 
burtsmoment und seine physischen und psychischen Gegebenheiten. Die 
eine Triebgruppe erscheint uns danach bestrebt, die Geburt wieder 
aufzuheben, um das Fötalleben fortzusetzen; die andere vermag aus 
der neuen Situation Lust zu schöpfen und erscheint bemüht, von dieser 
Fähigkeit Gebrauch zu machen. Man kann sich diese Beziehung der 



Struktur des Vierteljahrkindes. 125 

beiden Gruppen im Bild des Kampfes vorstellen; und kann dann sagen, 
die Sexualtriebe ringen den Ruhetrieben im ersten Vierteljahr ein Drittel 
des Tageslebens ab, und erfüllen es mit Lusterwerb, der zum guten Teil 
im Triumph über die R-Triebe besteht; man kann aber auch sagen, die 
R-Triebe sind die Sieger, die jede kaum genossene Reizlust im Schlaf er- 
tränken und den Lusterwerb der Sexualtriebe selbst, durch stete „Erinne- 
rung" an die Geburt und eine deutliche Beimengung von Unlust, der Span- 
nung, in jede Reizlust, allem Wachleben ihren Stempel aufdrücken. Man 
kann aber statt des Bildes vom Kampf das der Regierungsweise des eng- 
lischen Parlaments wählen und kann finden, daß Tories-R-Triebe und 
Whigs-Sexualtriebe einander in der Regierung des psychischen Appa- 
rates in kurzen Intervallen folgen, beide Parteien aber klug genug sind, 
während ihrer Regierungszeit der mächtigen, auf den Moment der Re- 
gierungsübernahme wartenden Opposition weitgehend Rechnung zu 
tragen, so daß schließlich jede Tori es -Verordnung interpolierte Whigs- 
gedanken und jeder Whigakt Torysche Zügelung enthält. Man kann 
aber auch auf die Bilder verzichten und sagen : den libidinösen Abläufen 
schließen sich katergische (der R-Triebe) an, während derer neue Libido- 
ansammlungen zu libidinösen Prozessen reifen und gewiß jeder libidinöse 
Prozeß zugleich ein Kompromiß mit den katergischen Kräften darstellt, 
wahrscheinlich auch umgekehrt. Und wird bildlich oder begrifflich 
sprechend, nicht vergessen, daß letzten Endes auch die libidinösen Prozesse 
dasselbe Endziel anstreben wie die katergischen: denn „das Ziel alles 
Lebens ist der Tod" (Freud). 

Eine gewisse Schwierigkeit ergab sich fortlaufend mit der Nomen- 
klatur, sowie ökonomische Fragen, also solche der psychischen Energie 
berührt werden. Wir brauchen uns dieser Schwierigkeit nicht zu schämen 
auch nicht der Unsicherheiten und Unklarheiten, die sich aus ihr ergeben 
oder deren Folge sie selbst ist. Handelt es sich doch um ein Gebiet der 
Psychologie, das nur selten von einem Forscher betreten wurde, und das 
jeder gern bald wieder verließ. Überdies ist es die Grenze der Psychologie, 
jener Streifen, mit dem sie an die Biologie stößt; und wie unscharf ist 
diese Grenze. Freud, unser sicherer Führer in der Psychologie, ist mehr 
als vorsichtig in der Überschreitung dieser Grenze. Ich helfe mir, indem 
ich versuche, die Grenze schärfer zu ziehen ; keineswegs gelte dies als 
Tugend, es sei als Not offen eingestanden und mag auch nur für dieses 
Buch gelten, das nichts sein will als Psychologie, aber eben Psychologie 
des Säuglings bietend, in gefährlicher Nachbarschaft zu den verlockend 
schönen Gefilden der Biologie, der Bioanalyse, wie Ferenczi (2) sagt. Ich 
stimme mit Ferenczi darin völlig überein — und kann nicht denken, daß 
irgend jemand, der Freuds Lehren verstanden hat, widersprechen könnte 
— daß es erlaubt und geboten ist, die Biologie mit den Voraussetzungen 
und Begriffen, natürlich auch mit den Terminis der analytischen Psycho- 



126 Erste Fortschritte. 

logie (Psychoanalyse) zu betreiben. Nur kann ein Buch, das in seinem 
Fach, dieses in der Kinderpsychologie, so viel ungesehenes oder unge- 
sagtes ausspricht, nicht auch noch den Ehrgeiz haben, über sein Fach- 
gebiet hinausgreifen zu wollen; am allerwenigsten dann, wenn all dies 
Neue nicht — oder doch nur zum geringsten Teil — neu an sich ist, sondern 
wenn es eben nur für die kinderpsychologische Fachliteratur neu ist. Da- 
her bleibt die Biologie ein unbetretenes Gebiet, so ungern sich der Leser 
vielleicht damit abfindet, so ungern der Autor auf diese Perspektiven ver- 
zichtet. 

Daher fehlt jede Erörterung darüber, ob die psychische Energie 
identisch ist mit Nervenenergie, mit Organenergie, Vitalenergie u. dgl. 
oder wie sie sich zu ihnen verhält ; auch darüber, ob der Embryo psychi- 
sche Energie besitzt und welcher Art sie sein mag, haben wir uns den Kopf 
nicht zerbrochen. Aber dieser Mangel an Anschluß verlangt eine gewisse 
Präzisierung der Termini und der zugrundeliegenden, zuletzt doch nicht 
zu vermeidenden, Allgemeinanschauungen. In die psychische Energie 
teilen sich die beiden Triebgruppen; soweit sie Sexualtriebkraft ist, 
heißen wir sie Libido; haben wir gelegentlich das Bedürfnis, die R-Trieb- 
kraft energetisch zu charakterisieren, so heißen wir die psychische Energie, 
die sie liefert, Katergie. Die Beziehung braucht uns nicht zu interessieren, 
beide Namen sind Begriffsbezeichnungen für die psychische Energie, je 
von einem anderen Standpunkt aus gesehen, was ihnen tatsächlich ent- 
sprechen mag, ob ein Unterschied der Richtung, des Quantums, der Ener- 
gieform, ob überhaupt ein Unterschied besteht, brauchen wir nicht zu 
entscheiden. Von einem anderen Standpunkt wird Libido der psychischen 
Energie überhaupt gleichgestellt werden, z. B. vom biologischen. "Wollen 
wir von den organischen Kräften sprechen, so nennen wir sie so oder 
auch „Organlibido", den Sprachgebrauch der Psychoanalyse be- 
rücksichtigend; aber Organlibido ist nicht Libido (in unserem 
engeren Sinn) der Organe, sondern etwas anderes, dessen Beziehung 
zur Libido und zur psychischen Energie wir nicht zu untersuchen 
haben; d. h. es mag auch Organlibido dasselbe sein, wie Li- 
bido. Wir wissen es nicht; brauchen es in unserem Zusammenhang nicht 

zu wissen. 

Von den Quantitäten der Energie kann man nur sehr vorsichtig und 
unbestimmt sprechen, darum möchte ich einen etwas faßbareren Unter- 
schied schärfer hervorheben, obgleich auch er uns nicht allzu tiefe Ein- 
blicke gewährt. Wir können die verschiedenen Energieformen oder Er- 
scheinungsweisen der psychischen Energie nach ihrer Beweglichkeit uns 
bildlich ordnen. Und können neben dem Grad der üblichen Gebunden- 
heit, einen besonders dichter, schwer auflösbarer Bindung und einen be- 
sonders flüchtiger, leicht auflösbarer Bindung supponieren, wobei die 
endlich freigewordene dichtest gebundene Energie auch schwer abführbar 









Struktur des Vierteljahrkindes. 127 

und schwer neu bindbar sein wird; sie wird das Bestreben haben, die alte 
Bindung wieder zu erlangen, und wenn das nicht möglich ist, heftige und 
häufige Abfuhren brauchen, während die flüchtigst gebundene geneigt sein 
wird, freigeworden, leicht neue Bindungen einzugehen oder in mäßigen 
Abfuhren sich zu verbrauchen. Die dichtestgebundene Energie wird der 
Organlibido sehr nahe stehen, ist vielleicht mit ihr identisch; sie wird an 
jenen Prozessen beteiligt sein, die organischer Natur sind, dein Wachs- 
tum zum Beispiel ; die flüclitigstgebundene wird den Bewußtseinsprozes- 
sen zugehören, vielleicht geradezu die Besetzungsenergie des Systems 
(Wahrnehmung — Bewußsein) sein. Man darf sich schließlich denken, 
daß die Flüchtigkeit bis zu einem gewissen Maß wenigstens für 
ein gewisses Quantum erwerbbar ist, und zwar indem die Organ- 
libido immer aufs Neue zu tiefen und häufigen Entbindungen ge- 
zwungen wird. 

Mit diesen — übrigens nur verstreute Bemerkungen knapper zu- 
sammenfassenden — Formulierungen beschreiben wir den Gang der 
Entwicklung so: Der Embryo mag all seine psychische Energie als Organ- 
libido noch im Inneren des Körpers z. B. dichtest gebunden haben ; die 
Geburt löse durch ihren gewaltsamen Schock ein bedeutendes Stück. 
Der Rest wird weiter von Organlibido ununterscheidbar im Organ- 
inneren verbleiben. Die so freigewordene Energie wird zum großen Teil 
neue Bindungen an Organe vornehmen müssen, als Libido nunmehr 
diese in Lustquellen verwandelnd; und zwar wird der Kopf zum Sammel- 
ort dieser neuen Bindungen; die ständigen Schocks der ersten Woche 
zwingen zu neuen Lösungen und Bindungen, an denen sich beträcht- 
liche Quantitäten beteiligen mögen. Dadurch erreicht die Libido- 
bindung jenes mittlere Maß von Dichtigkeit, das das Optimum für alle 
taktile, für alle Sexuallust im engeren Sinn ist. Ein gewisses Quantum 
mag aber zu noch flüchtigeren Bindungen gezwungen werden, die für die 
Besetzungsenergie notwendig ist, und mag sich mit einem vielleicht vom 
Geburtstrauma an freigebliebenen Rest verbinden. Prozesse, die sich 
vielleicht zeitlebens in gewissem Maß fortsetzen, und vielleicht auch rück- 
läufig werden können durch katergische Einflüsse. Mindestens aber ver- 
mag die Katergie die Libido in den Zustand der Latenz zu versetzen. Eine 
gute Illustration für das Gesagte ist die Zunahme der Wachstumsenergie 
im Fötalzustand, ihre Abnahme nach der Geburt, und die periodischen 
Zunahmen während des Schlafes, Abnahmen während des Wachens. 
(Friedenthal). Es zeigt sich hier deutlich wie die libidinösen Prozesse 
(beim Wachen) und die katergischen (beim Schlafen) einander korrelat 
sind. 

In einem Satz läßt sich der Unterschied zwischen der Organisation 
des Vierteljahrkindes und der des Fötus im Vergleich zum Erwachsenen 
ausdrücken: der Kopf hat die Anpassung an die neue Biosphäre voll- 



128 



Erste Fortschritte. 



zogen; der übrige Körper ist in der Libidosituation des Fötus nahezu ganz 
verblieben. Daher erlebt der Körper noch immer wieder (bei jedem 
Schreck) die Geburt: diffuse Schockreaktionen an Extremitäten und Mus- 
kulatur; in Atmung, Herzschlag, Muskulatur, Digestionsapparat Angst- 
reaktionen - während am Kopf organisierte Mechanismen (Lachen) den 
Schreck die Angst überwunden haben. Ein populäres Symptom dieser 
Wandlung- der Kopf bedarf der fötalen Wärme nicht mehr, Während der 
Körper sie noch genau so verlangt, wie als Neugeborenes. Diesen Verzicht 
auf die fötale Situation vollzieht der Kopf - wenn wir abgekürzt so spre- 
chen wollen — gegen ein Entgelt: die starke Besetzung mit Libido, die 
ihm große Lustmöglichkeiten gewährt. Der Unterschied zum Erwach- 
senen wäre in zwei Aufgaben formulierbar: der Körper muß den Vor- 
sprung des Kopfes nachholen (nebenbei dies geschieht nie ganz); 
der Kopf muß in seinen Funktionen, orale Zone, Ohren, Augen 
enterotisiert werden, auf die lebhafte Reizlust verzichten 1 ) (nebenbei 
auch dies gelingt völlig zeitlebens nicht), um zu Zweckleistungen fähig 

zu werden. 

Um vollständig zu sein, im für die weitere Entwicklung Wichtigen: 
von einer Körperzone, an der aus Gründen, die ich andeuten werde, sich 
um diese Zeit eine ähnliche Anpassung an die neue Situation vollzogen 
haben muß, war bisher noch keine Rede, von der analen. Es wird auch des 
weiteren von ihr so gut wie nicht die Rede sein können. Die Prüderie der 
Beobachter und Experimentatoren hat vergessen, über diese Seite der 
Säuglingsexistenz auch nur die zaghafteste Äußerung zu machen. So 
bleibt uns nichts übrig, als diese Prüderie festzustellen und zu zeigen, wie 
bedauerlich sie ist. Die Defäkation ist ein Vorgang, der dem Fötalleben 
fremd ist. Sie bietet dem Neugeborenen und ganz gewiß dem Säugling 
neue Reize. Wie findet er sich damit ab ? Es ist kein Zweifel, daß er sich 
ihnen gegenüber nicht mit Ablehnung verhalten kann, wenigstens nicht 
auf die Dauer, denn diese Reize sind nicht zu verhindern ; vielleicht be- 
herrscht das Kind den Hemmungsmechanismus schon sehr früh. Wir 
wissen nicht annähernd, seit wann (siehe Prüderie). Aber bestünde 
selbst die Hemmung von Anfang an, so kann sie nur aufschiebende Wir- 
kung haben, denn das Neugeborene defäziert und uriniert anscheinend 
regelmäßig. Reagiert er auf die taktile Reizung der äußeren, analen 
Zone und der Darmschleimhaut lustvoll, wie bald auch gegenüber 
Lichtreizen '? Ich enthalte mich jeder Annahme. Aber irgend eine Art der 
Abfindung mit diesen Reizen muß sich ja im ersten Vierteljahr entwickeln ; 
und zwar eine nicht ganz einfache. Denn sicher ist, daß das Kind den Akt 
des Urinierens und Defäzierens nicht mit Unlustgeschrei, ja überhaupt 
durch keine Unlustäußerungen begleitet. Vielmehr schließt die erfahrene 



») Siehe Fercnczi (2). 



Struktur des Viertel jahrkindes. 129 

Mutter eher aus plötzlicher, behaglicher Stille, daß das „Unglück" 
geschehen ist. Sicher ist auch, daß das Kind nicht immer sofort 
oft auch gar nicht nach der Beschmutzung Unlust meldet. In 
anderen Fällen aber gewinnt man den Eindruck, als wäre ihm 
die Nässe und Hautreizung unangenehm. Aber da hier ein der Fötal- 
Situation fremder Reiz vorliegt und nicht zweifelsfrei die Defäkation 
und das Urinieren mit Unlust, Schreck, Angst beantwortet werden, 
muß eine Anpassung an die Entleerungsreize eingetreten sein. Dieselbe 
wie etwa bei Gehörsreizen ? Oder gibt es noch eine andere Weise, 
die am übrigen Körper nicht vorkommt? Man schäme sich der un- 
wissenschaftlichen Schani, die keinerlei Daten zur Beantwortung 
dieser Fragen bereithält. 

Biologisch ist das Vierteljahrskind gleich dem Neugeborenen ein 
„Ekteroparasit, der seine Mutter frißt" (Ferenczi2). Nur daß es ener- 
gischer und gieriger geworden ist. Darum ändert sich auch nichts an 
seiner sozialen Struktur. Nichts Wesentliches. Doch zeigen zwei Einzel- 
heiten, wie genau das Verhalten der Gesellschaft (Mutter) und die 
psychischen Entwicklungen korrelieren. 

Der künstliche Mutterleib, in dem der eine Haupttypus der Kinder- 
pflege, der fötophile, das Neugeborene aufwachsen läßt, öffnet sich, 
läßt den Kopf frei und umhüllt schützend und konservativ nur den 
übrigen Körper. Besonders deutlich ist dies dort, wo das Kind 
auf dem Rücken im Tragsack getragen wird, aus dem nunmehr sein 
Kopf und seine Hände herausragen. Man könnte, diesen Eindruck 
festhaltend, vom Känguruhstadium der Kinderpflege sprechen, das 
der Anpassung des Kopfes an die Reizwclt des Erwachsenen 
entspricht. 

Das Kind erhält sein erstes Spielzeug. Nicht nur Scupins und 
Prey ers Kind erhält einen Klapperball, der ihm gehört, keinen anderen 
Zweck hat, als ihm Reizlust der Augen und Ohren zu bieten ; sondern 
seit jeher hat man Gegenstände ausschließlich zu diesem Zweck hergestellt. 
Die Klapper, die Rassel, verschiedene Systeme von Glöckchen sind weit 
verbreitet; bei den Dayaken, in Indien so gut wie bei den europäischen 
Völkern sind sie als spezifisches Säuglingsspielzeug in Gebrauch (Ploß). 
Die alten Ägypter kannten sie nicht minder als Römer und Griechen 
(Claretie). Diesen schien die Kinderklapper sogar ein besonders inter- 
essantes und wichtiges Instrument zu sein; ihre Legende weiß seinen 
Erfinder zu nennen und glaubt keinen geringeren dieser Schöpfung 
würdig als den Weisen Archytas. Gewiß mit Unrecht in bezug auf 
diesen Namen, denn die Erfindung war schon in Vorzeiten der 
menschlichen Kultur gemacht worden: man hat neolithische Kin- 
derklappern, aus Renntierknochen primitiv hergestellt, gefunden (L'Alle- 
magne). 

Barnfeld, Psychologie des Säuglings. 9 



130 Der Bemächtigungstrieb. 

C. Der Bemächtigungstrieb. 
Die Entwicklung der Hand. 

Die Hauptschuld an der Hilfslosigkeit des Säuglings trägt die Un- 
entwickeltheit seines lokomotorischen Apparates. Er kann sich nicht 
mit seinem Körper unangenehmen Situationen entziehen; er kann an- 
genehme nicht aufsuchen. Er ist im wesentlichen passiv der Reizwelt aus- 
gesetzt, soweit sein ganzer Körper in Betracht kommt. Die Aktivität, 
die er ausüben kann, ist nicht beträchtlich und vor allem: sie ist nicht 
total; eine Handlung des ganzen Körpers kann nicht vollführt werden, 
sondern jedes einzelne Organ handelt sozusagen auf eigene Faust. Eine 
gewisse Vereinheitlichung erreicht das Kind im 3. Monat, wenn der Kopf 
sich der Schallquelle zuwendet, so daß sie auch gesehen werden kann; aber 
auch diese, drei verschiedene Organe zusammenfassende, Aktion ist auf 
den Kopf beschränkt. Das zweite Vierteljahr bringt hier einen entschie- 
denen Fortschritt, indem die Arme und Hände, später der Oberkörper und 
endlich auch die Beine in das einheitliche System der Handlungen einbe- 
zogen werden. Diese Etappen der Entwicklung darzustellen, wird nun 
meine nächste Aufgabe sein. Ich greife dabei an manchen Stellen auf das 
erste Vierteljahr zurück, denn alle Abgrenzungen und insbesondere die 
zeitlichen, sind fließend. So wird sich Gelegenheit bieten, einige Erschei- 
nungen, die in den voranstehenden Kapiteln gar nicht oder nur eben er- 
wähnt wurden, nachzutragen. 

Von Geburt an sind die Arme Organe lebhafter Abfuhrphänomene. 
Sie führen „impulsive Bewegungen" aus: beim Erschrecken, beim Saugen, 
Schreien und aus „inneren Anlässen", die sich genauer nicht angeben 
lassen ; auch dann nicht konkret anführen lassen, wenn sie als Abfuhr- 
erscheinungen aufgefaßt werden; wir wissen im einzelnen nicht, welche 
Ursachen die Energieentbindungen haben, die in diesem Fall voraus- 
zusetzen sind. Jedenfalls aber ist das Bewegen der Arme, ohne daß ein 
verständlicher Reizzustand zu bemerken wäre, selten. Watson bringt 
Kurven der Armbewegungen eines kaum einen Tag alten Kindes, die deut- 
liche Zuckungen bei Reizen, wie Zerreißen von Papier, lautes Aussprechen 
des Wortes „Boo" und Ammoniak-Applikation zeigen. Bestätigen sich 
diese Ergebnisse, so wird die Auffassung aller Armbewegungen in den 
ersten Tagen als Abfuhrerscheinungen völlig gesichert sein. 

Das Schließen der Hand, wenn ein Reiz die innere Handfläche be- 
rührt, ist ebenfalls von Geburt an zu beobachten (Dix). Man spricht da- 
her mit Recht von einem Greifreflex. Freilich darf man sich von dieser 
Bezeichnung, die nur für die frühesten Anfänge der Handtätigkeit gilt, 
nicht zu einer falschen Auffassung der späteren Greifvorgänge verleiten 
lassen. Das Gewicht, das das Neugeborene mit dem Greifreflex auszu- 
halten vermag, ist sehr beträchtlich, nach Watson beinahe gleich dem 



! 



I 



Die Entwicklung der Hand. 131. 

eigenen Körpergewicht; diese Körperkraft nimmt auch in den ersten 
drei Wochen so gut wie nicht zu. Dieses ursprünglichste I. Stadium von 
Arm- und Handbewegung bleibt von Geburt an zeitlebens hinter allen 
Veränderungen und Entwicklungen bestehen; starke Affekte affizieren 
auch die Bewegungen der Arme in spezifischer Weise und im Zustand der 
Gefahr (vor allem der Gefahr, das Gleichgewicht zu verlieren, aber in sym- 
bolischer Weise auch bei anderen Gefahren) oder höchsten Äugst greift 
unsere Hand krampfhaft ins Leere. 

Bald aber werden die Bewegungen der Arme und Hände von den 
Abfuhrvorgängen unabhängig. Das Kind beginnt mit den Armen zu 
„strampeln" könnte man sagen, es bewegt sie hin und her ohne einen er- 
sichtlichen Zweck. Da die allgemeine Ruhchaltung der Hände bis weit 
hinauf ins Säuglingsalter die embryonale bleibt (die Hände stoßen 
vor dem Mund aneinander), so strampelt das Kind vor Mund 'und 
Augen. Oft genug gerät die Hand dabei in den Greifbereich des Mundes, 
wird dort gefangen und beludelt oder wird beim Fuchteln gesehen und 
aufmerksam mit den Blicken verfolgt. Genaue Daten für Eintritt und 
Dauer dieses II. Stadiums lassen sich natürlich nicht geben. Die Beobach- 
ter weichen voneinander ab, da sowohl ihre Auffassung keine völlig ein- 
heitliche ist, als auch die Entwicklung selbst individuellen Eigenarten 
unterworfen zu sein scheint. Gewiß ist dies Stadium in der zweiten Woche 
in voller Ausbildung, (Mund und Augen sind aber auch dann — so möchte 
es scheinen — ein bevorzugtes Ziel der Armbewegungen, wenn sie ihren 
Ausgang nicht von der embryonalen Stellung nehmen, so schreibt Dix : 
„Das Aufwärtsbewegen der Ärmchen nach dem Kopfe beobachtete 
ich viel.") und dauert bis an das Ende des Vierteljahres heran. Die Hände 
benehmen sich dabei recht eigentümlich : „in die Hand gelegte Gegenstände 
wurden auf längere Zeit festgehalten, ohne daß er sie anblickte, 
dann ließ er sie wieder fallen" wird aus dem zweiten Monat berichtet. Was 
in den Bereich des Säuglings gerät, sich also in seinem „Nahraum" (Stern) 
befindet, wird womöglich ergriffen und betastet, oft auch mit geschlos- 
sener Faust beklopft ; dem eigenen Körper und der eigenen Hand ergeht 
es nicht anders. Daß dies Tappen und Fuchteln lustvoll ist, unterliegt 
keinem Zweifel. Es ist offenbar an sich lustvoll, unabhängig davon, ob 
es Sehlust, Sauglust vermittelt oder nicht. Ob dasselbe auch für den Greif- 
akt selbst gilt, läßt sich kaum entscheiden. Welcher Art diese Lust ist, 
wird nicht schwer zu entscheiden sein; es gilt für diese Bewegungen ge- 
wiß, was ich oben für die spontanen Strampelbewegungen überhaupt aus- 
führte: sie vermitteln Reizlust taktiler Natur; sie sind Handlungen des 
Sexualtriebes. 

Die Sexualtriebfunktion der Armbewegungen dauert nicht lange an, 
wenigstens nicht als eigenes Stadium. Anders wie bei den Strampel- 
bewegungen der Beine, die nicht nur lebhafter sind, deutlicher Rcizlust 



132 Der Bemächtigungstrieb. 

suchen, sondern monatelang auch gar keine andere Funktion haben kön- 
nen, als den Lusterwerb, mengt sich sehr bald, streng genommen in den 
ersten Tagen bereits, ein anderer Faktor in das Fuchteln und Tappen, 
der das III. Stadium bezeichnet: die Armbewegung als Mittel zu einem 
ferneren Zweck. Der Säugling macht nicht selten schon in der zweiten 
Woche den Eindruck, als wäre sein Arm- und Handbewegen nicht mehr, 
oder nicht mehr bloß Selbstzweck, sondern als hätte die immer vorhandene 
Relation zwischen Mund und Hand eine Intensivierung erfahren. Es ist, 
als bemühte er sich, die Hand in den Mund zu bekommen. Dies gelingt 
nicht immer, aber häufig; zuweilen geraten die Finger an die Nase, nicht 
selten in die Augen. Ein Versuch kann leicht erweisen, daß hier wirklich 
eine Zielstrebigkeit vorliegt: „Ich zog ihm die Hand aus dem Mund und 
hielt das gestreckte Ärmchen fest; er führte die Hand, sowie ich losließ, wie- 
der zum Munde; der Versuch „glückte" nicht nur am selben Tage, sondern 
auch an den folgenden" (D ix). Offenbar hat das Kind schon gelernt, die 
Richtung eine Weile lang festzuhalten, wenn sie einmal getroffen war, ist 
aber noch nicht imstande, sie sicher zu finden, wenn die Hand aus einer 
anderen Richtung her in den Mund gelangen soll. Gewiß ist diese Deutung 
aber nicht; vielleicht „will" es gar nicht den Mund, sondern wirklich die 
Augen treffen. Einerlei aber ob die Finger in den Mund oder in die Augen 
gesteckt werden sollen, haben wir hier eine andere als eine Lustbewegung 
vor uns. Denn nicht die kinästhetischc Lust wird angestrebt, sondern 
die- Sauglust soll durch eine zielvolle Handbewegung erreicht werden. 
Die kinästhetische Lust kann ein erwünschter Nebenerfolg sein, sie kann 
aber völlig ausbleiben ohne daß die Bewegung unterbliebe, während auf 
dem II. Stadium eine Bewegung nicht vollzogen würde, die nicht Reizlust 
brächte. Wir wissen zu wenig über die Bedingungen dieser Lust, um an- 
geben zu können, welche Form der Bewegung die optimale für die Ge- 
winnung der kinästhetischen Lust ist. Aber man darf in Analogie zu 
ähnlichen Erscheinungen annehmen, daß rhythmische Hin- und Her- 
bewegungen einer gewissen nicht zu geringen, aber auch nicht zu weiten 
Amplitude, für die Gewinnung der Lust günstig sein werden. Vom Stand- 
punkt des rationalen Zwecks einer Handbewegung würde jedoch gerade 
diese Bewegungsform als eine zu weitschweifige, zu langsam zum Ziel 
führende, zu „luxuriöse", umständliche und unsichere als ungeschickt ab- 
gelehnt werden. Und ist es nicht gerade das, was wir am Kind dieses 
Stadiums wahrnehmen können? Die Hand soll in den Mund; sie trifft ihn 
aber nicht, sondern fährt eine Weile hin und her an die Nase, die Wangen, 
die Augen, um den Mund herum, ein wenig nach rechts, ein wenig nach 
links, zurück und vor. Die Beobachtung gibt einem fast den Mut, zu sagen, 
die Hand will nicht gleich in den Mund, wie sie sollte, nicht auf dem 
kürzesten Weg, wie sie müßte, sondern sie vergnügt sich erst eine Weile, 
spielt sich, ehe sie den Auftrag erfüllt. Ganz so wie der Besitzer der Hand 



I 



Die Entwicklung der Hand. 133 

sich in einigen Jahren selbst benehmen wird: beauftragt, das Zimmer der 
„Großen" zu verlassen und ins Bett zu gehen, wird er sich hin und her 
drehen, um jeden Sessel herumgehen, nur auf die roten Flecken des 
Teppichornaments treten, im Zickzack sich der Tür nähern, ein Kom- 
promiß zwischen dem eigenen Wunsch und dem fremden Befehl schließend. 
Wir werden noch zu erörtern haben, was an diesem Vergleich mehr als 
unverbindlicher Einfall ist. Was immer der Grund für dieses Schwanken 
sein mag, im zweiten Monat spätestens beherrscht das Kind den Weg der 
Hand in den Mund und führt so ziemlich jeden Gegenstand, den es auf 
den Lustreisen seiner Hand zufällig ergriffen hat, ziemlich ohne Umweg 
in (an) den Mund. 

Aber es fehlt noch ein wichtiger Faktor, um dieses in den Mund führen 
zufällig erwischter Gegenstände zum richtigen Greifen im eigentlichen 
Sinn zu machen. Dies geschieht im IV. Stadium, wenn auch das Auge in 
die Relation Mund-Hand einbezogen wird. Die Hand ergreift nunmehr 
unter der Kontrolle des Auges. Zunächst fixiert das Auge den bereits er- 
griffenen Gegenstand, beobachtet auch aufmerksam das Spiel der Finger, 
die greifende Hand, die Hand mit dem ergriffenen Gegenstand, folgt der 
Hand auf ihrem Weg zum Mund. (Bei D ix's Sohn in der zwölften Woche). 
Erst einige Zeit später geschieht der entscheidende Fortschritt; D ix no- 
tiert ihn am 107. Tag (3% Monate): „Heinz fixierte seinen Gummispitz, 
die Augen weiteten sich und glänzten (Lustgefühl 1), die Finger spreizten 
sich, das typische Zeichen der Aufmerksamkeit, Mundspitzen und -Öffnen 

war zu sehen. Die Berührungsempfindungen zeigten sich und er 

griff, faßte mit gegengestellten Daumen und Fingern zu und führte ihn 
schnell zum Munde, an die Augen." Hiemit ist prinzipiell der Vorgang 
vollständig, der auch beim Erwachsenen das „Greifen" ausmacht, der in 
zwei Beziehungen zu dem auf den früheren Stadien einen Fortschritt be- 
deutet. Erstens hat sich das Motiv der Handlung verändert, es ist nicht 
mehr kinästhetische Lust; zweitens hat sich die Handlung selbst kompli- 
ziert: das Zugreifen wird nicht ausgelöst durch einen taktilen Reiz an der 
Hand, sondern durch einen optischen Reiz in Relation zu einer erogenen 
Zone (Mund), durch einen Wunsch dürfen wir der Kürze halber sagen. Die 
kinästhetische Lust ordnet sich der Wunschbefriedigung unter, sie wird 
auf deren Kosten verkürzt und verringert. Doch darf man sich nicht vor- 
stellen, dies gelänge mit einemmal. So wie die Abfuhrfunktion der Hand- 
bewegungen (I. Stadium) bis zu einem gewissen Maß zeitlebens bestehen 
bleibt, ebenso auch die Lustfunktion (II. Stadium). Wir sehen auch noch 
eine Zeitlang eine nicht unbeträchtliche Unsicherheit in der Erfüllung 
der Wunschfunktion (IV. Stadium), die vielleicht nicht ganz von der noch 
geringen Übung und Erfahrung abhängt, sondern zum Teil auch von der 
„passiven Resistenz" des Armes und der Hand, die auf ihre Lust nicht 
völlig verzichten wollen. Dafür spräche, daß es immer wieder Rückfälle 



134 Der Bemächtigungstrieb. 

in einen Zustand prinzipiell bereits überwundener Greifunsicherheit 
gibt. Im übrigen wäre die Entwicklung der Greiffähigkeit ganz ähnlich 
der der Augenbewegungen kurz zu beschreiben als fortschreitende Be- 
herrschung des motorischen Apparates durch ein Bedürfnis, durch den 
Wunsch zu greifen, wie wir vorläufig sagen können. 

Zum völligen Abschluß gelangt die Entwicklung der Hand eigentlich 
überhaupt nicht im Kindesalter, der Höhepunkt des erreichten Maßes 
an Geschwindigkeit, Präzision, Sicherheit und Feinheit der Handbewe- 
gungen wird erst vom Erwachsenen erreicht. Doch fällt noch ein gutes 
Stück dieser Entwicklung ins erste Lebensjahr. Es wäre reizvoll genug, 
sie im Detail zu schildern. Leider reichen die Beobachtungen nicht hin, 
einigermaßen die typischen Schritte zu erkennen, schon gar nicht, all- 
gemeine Regeln aus diesem Entwicklungsgang abzuleiten. Darum müssen 
wir uns mit einigen Hinweisen begnügen. Im vierten Monat wächst die 
Sicherheit, mit der gesehene Gegenstände ergriffen werden, recht schnell, 
bald ergreift das Kind auch Gegenstände, die ihm nicht bequem liegen, 
seitlich, ja selbst nach hinten verschobene, über ihm hängende. Jeder 
Fortschritt in den Rumpfbewegungen wird beim Greifen verwendet, 
manche kompliziertere Oberkörperbewegung erstmalig beim Greifen zu 
dessen Unterstützung ausgeführt; später erhält das Kriechen seine Hilfs- 
funktion beim Greifen (Dix). Nach Dix greift das Kind zunächst mit 
beiden Händen gleichzeitig, um später «rst eine Hand allein zu verwenden 
und zwar nach Baldwin von Anfang an (5. Monat) vorzugsweise die 
Rechte. 1 ) Bemerkenswert ist auch, daß auch der ursprüngliche Greif- 
vorgang mit vorgestrecktem Arm (im Ellbogen leicht gekrümmt) geschieht, 
so daß das Kind den Oberkörper zurückbiegen muß, um allzu nahe Gegen- 
stände zu fassen. Dix' Knabe verläßt diese steife Haltung erst im 7. Mo- 
nat. Das Ergreifen ganz kleiner Gegenstände, etwa von Papierschnitzeln 
gelingt eine gute Weile lang nicht. Shinns Nichte zeigt darin noch im 
achten Monat großes Ungeschick und müht sich noch im 15. Monat eine 
Schrotkugel zu fassen. Die Hand des Säuglings hat nämlich anfangs nur 
zwei Finger könnte man sagen, den Daumen, der den anderen vieren 
gegenübergestellt wird. Deren koordiniertes Bewegen entwickelt sich erst 
allmählich. Bis weit in den siebenten Monat hinein, gilt Shinns Bemer- 
kung- „Wieviele und welche Finger sich am Greif akt beteiligen, hängt 
bis jetzt viel mehr von der Lage und Gestalt des Gegenstandes und von 
der Zufälligkeit der Handstellung, als von Absicht ab." 

Was tut das Kind mit dem so immer sicherer ergriffenen Gegenstand ? 
Es führt ihn mit ebenfalls wachsender Schnelligkeit und Sicherheit in den 
Mund. Diese Antwort hat ihre absolute Gültigkeit bis weit ins dritte 
Vierteljahr hinein. Der Säugling ergreift die Gegenstände so gut wie aus- 

>) Während Watson für die ersten Lebenswochen keinerlei Unterschied in Ge- 
branch und Stärke zwischen linker und rechter Hand feststellen konnte. 



Sitzen, Kriechen, Klettern. 135 

schließlich, um sie so bald als möglich in den Mund zu stecken. Zu Ende 
des ersten Lebensjahres verändert sich dies Verhalten entschieden. Was 
früher ab und zu geschah, wird nun die eigentliche hauptsächliche Ver- 
wendung des Ergriffenen: es dient der Lärmerzeugung oder wird weg- 
geworfen. 

Sitzen, Kriechen, Klettern. 

Die Eignung der Hand, gesehene Objekte zu ergreifen und in den 
Mund zu führen, wird vergrößert, so wie das Kind erlernt, selbständig 
aus der ihm gegebenen Lage seinen ganzen Körper in eine befriedigendere 
zu versetzen. Kann es sich aufrichten, so hat seine Hand einen größeren 
Reichraum ; kann es sich fortbewegen, so ist die Wirkungssphäre der Hand 
vielfach gewachsen. Die ersten Etappen auf diesem Wege sind das Sitzen 
und das Kriechen. Das Sitzen erweitert die Reichkraft der Hand des am 
Rücken liegenden Kindes zunächst um ein beträchtliches; das Kriechen 
ist die natürliche Vergrößerung der Greifsphäre des am Bauch liegenden 
Kindes. Der Kinderpflege des heutigen Europa erscheint als die natür- 
liche Lage des wachen Säuglings die Rückenlage, am Bauche liegt er bloß 
während bestimmter Pflegemaßnahmen. Dementsprechend wird das 
Sitzen von der Umgebung gefördert, das Kriechen nicht selten unter- 
drückt. DenÄrzten, Kinderpsychologen und Pädagogen ist dies Verhalten 
der naiven Kinderpflege soweit wenigstens aufgefallen, daß sie sich 
zuweilen veranlaßt sehen, auf die Wichtigkeit des Kriechens für die natür- 
liche Entwicklung des Kindes hinzuweisen (Preyer, Dix). Unbeeinflußt 
und unbeengt von Maßnahmen seiner Umgebung, scheint der Säugling 
eine Seitenlage (nach Dix die rechte) vorzuziehen, die der Bauchlage an- 
genähert ist. Sie entspricht der Haltung von Armen und Beinen offenbar 
besser als die volle Rückenlage, die den unbeteiligten Zuseher zuweilen 
verführen möchte, diesen hochgezogenen Knieen und Händen eine Unter- 
lage zu geben, das Kind umzudrehen. Eine Handlung, die in vielen Fällen 
vom Kind mit Lustäußerungen quittiert wird. Die breite Berührung der 
Brust und Bauchpartien scheint dem Säugling lustvoll genug zu sein; 
liebt er ja auch, am Arm der Mutter seine Brust- und Bauchfläche ihrem 
Körper aktiv anzuschmiegen. Diese Situation, oft genug für den Säug- 
ling verwirklicht, aber doch nur die Ausnahmssituation, ist bei außer- 
europäischen Formen der Kinderpflege die gewöhnliche; nämlich dann, 
wenn das Kind an der Brust, der Hüfte oder auf dem Rücken der Mutter 
seinen üblichen Aufenthaltsort, an ihrer Brust seinen üblichen nächtlichen 
Schlafplatz hat. Eine Vermutung über die möglichen Ursachen dieser 
Differenzen in der Kinderpflege will ich in einem nächsten Kapitel nicht 
unterdrücken, trotzdem die Frage bisher keine Beachtung gefunden hat, 
das Tatsachenmaterial daher auch nicht zur Verfügung steht. Hier ge- 
nügt uns die Bemerkung, daß die Kinderpflegeweisen, die die Bauchlage 






136 Der Bemächtigungstrieb. 

des Kindes bevorzugen, stärkere Anregung zum Kriechen und Klettern, 
die anderen zum Sitzen bieten werden. 

Das Sitzen lernt das Kind wesentlich einfacher als das Greifen; es 
ist gewissermaßen eine reine Zweckhandlung. Im dritten Monat verzeichnen 
Beobachter Versuche, sich von rechts her aufzurichten (Dix), denen 
Bemühungen, den Kopf ein Stück nach vorn zu heben, vorangegangen 
sind Dann folgen die von der Umgebung herbeigeführten Situationen des 
Stützsitzes, bis das Kind im fünften Monat am Arm, im Wagen usw. hin- 
gesetzt, ohne Stütze stramm sitzen kann. Die früheren Versuche, sich 
aus der Rückenlage aufzusetzen, werden häufiger und erfolgreicher, sie 
haben aber den Charakter der Arbeit, sie geschehen „um besser zu sehen", 
,die Klapper zu erlangen" u.dgl. Dix notiert am 200. Tag (6. Monat): 
',Er zieht sich, mit der rechten Hand am Wagenrand festhaltend, hoch, 
wird ganz blaurot vor Anstrengung, die Augen werden tränenfeucht, die 
Mundwinkel sind nach unten gezogen — und es ist erreicht: er sitzt frei 
ohne Rückenstütze." Sehr bald beherrscht das Kind das Aufsetzen und 
freie Sitzen völlig, während das Niederlegen aus dem Sitzen noch eine 
Zeitlang ungeschickt vollzogen wird und das Niedersetzen aus dem Stehen 
erst im zweiten Lebensjahr erlernt wird. 

Diese Entwicklung des Sohnes von Dix wird ganz ähnlich von den 
anderen Beobachtern, soweit aus ihren Aufzeichnungen sicheres zu ent- 
nehmen ist, geschildert; nur in den Zeitpunkten variieren die Kinder gar 
nicht unwesentlich; so richtet sich Preyers Sohn im fünften Monat zum 
Sitzen auf, kann aber erst im neunten anhaltend, und nicht ohne Lehne 
sitzen. Gewiß hat Preyer recht, der. bemerkt, die Variationsbreite der 
Zeitpunkte erkläre sich „durch die vorzeitigen Versuche der Angehörigen, 
das Sitzen künstlich herbeizuführen, durch die Nachahmung bei 
zusammen aufwachsenden Geschwistern, Verwahrlosung und Vernach- 
lässigung." 

Von diesen Zeitvariationen (und den Details überhaupt) abgesehen, 
ist das für unsere Zusammenhänge Wichtige als sicher zu erachten: das 
Aufsetzen und Sitzen sind keine Lusthandlungen, sondern Zweckhand- 
lungen, die vor allem im Dienste des Greifens stehen: die Reichweite 
des Armes soll vergrößert werden. Daneben kommt auch der Wunsch, 
besser zu sehen und schließlich auch die Unlust, die mit dem auf dem 
Rücken liegen sich gelegentlich verknüpfen mag, in Betracht. Keine Ab- 
fuhrbewegungen und keine Lusthandlungen gehen den Bemühungen, sich 
aufzusetzen, voran. Der Vorgang selbst bietet keine Lust, sowenig als das 
Sitzen an sich sie zu bieten vermag. Wohl aber erfährt das Kind bei 
diesen Bemühungen mit die frühesten Erlebnisse der Lust überwundener 
Schwierigkeiten; die zuweilen so groß ist, daß um ihretwillen eine Weile 
vergessen wird, daß die Anstrengung unternommen wurde, um die Klapper 
z. B. zu erfassen. 






Sitzen, Kriechen, Klettern. 137 

Im Gegensatz zu der des Sitzens zeigt uns die Entwicklung des Krie- 
chens wieder das Bild, das uns noch undeutlich die Augenbewegungen 
und klar das Greifen bot. Hier ist ein zweckfreies, reines Luststadium 
sehr wohl charakterisiert. Es beginnt bereits in der sechsten Woche 
(Dix), wenn das Kind in der Bauchlage sich durch Stemmen der Beine 
gelegentlich nach vorn stößt und bald darauf beginnt, sich durch Stützen 
der Arme nach hinten zu schieben. In der zweiten Hälfte des ersten 
Jahres wird diese Tätigkeit immer geübt, wenn das Kind gut gelaunt, 
sich in Bauchlage befindet und ist mit den Äußerungen lebhafter Lust 
verknüpft. Aus der Rücken- und Seitenlage wälzt es sich in dieser Zeit 
häufig selbständig in die Bauchlage, in der es sich nun munter nach 
hinten schiebt. Das Schieben wird etwa im achten Monat zum richtigen 
Kriechen unter Benutzung der Knie. Ungefähr um diese Zeit wird das 
Kriechen auch nach vorne begonnen. Es geschieht aber völlig als Selbst- 
zweck, nicht um etwas zu ergreifen oder einer Unlustsituation zu ent- 
gehen, sondern als Lusthandlung. Die Lustquelle mag dabei in den kin- 
ästhetischen Reizen der Bauchmuskulatur, der Arm- und Beinmusku- 
latur liegen und wird gewiß nicht unbeträchtlich unterstützt, durch die 
taktilen Reize, die an der ganzen Hautoberfläche entstehen; die Lust, 
die mit dem Am-Bauch-Liegen an sich schon verknüpft ist, noch steigernd. 
Erst in späterer Zeit, im neunten Monat bei Dix, wird das Kriechen und 
zwar in erster Linie das Vorwärtskriechen in den Dienst eines Zweckes 
gestellt: das Kind kriecht nach einem Gegenstand, den es ergreifen will. 
Die Grenze ist hier nicht so scharf zu ziehen wie beim Greifen; denn lange 
noch ist das Kriechen selbst, so scheint es, ein bemerklich lustvoller Vor- 
gang und Lustkriechen ist vom Zweckkriechen nicht so unterscheidbar, 
wie die Lustbewegungen der Arme von den präzisen, kurzen sachlichen 
Greifbewegungen. Die nächsten Wochen gehören der Vervollkommnung 
des Kriechens, insbesondere in bezug auf die Länge des Weges, und die 
Schnelligkeit. Erst im elften Monat tritt das Kriechen hinter den Ver- 
suchen, zu stehen und zu laufen zurück, es wird nur mehr als Mittel zum 
Zweck verwendet, wenn es gilt, vor Unannehmlichkeiten zu fliehen oder 
rasch eine gewisse Entfernung zurückzulegen. Zu Ende des ersten, zu 
Anfang des zweiten Lebensjahres wird das Kriechen ganz aufgegeben; 
es lebt nur im Spielen fort, mit seiner Lustfunktion also. 

Vielleicht würde genauere Beobachtung uns auch ein Abfuhrstadium, 
Vorstadium des Kriechens erweisen, denn die Bewegungen, die der 
Säugling bereits in den ersten Wochen in Bauchlage macht, haben ziem- 
liche Ähnlichkeit mit seinen späteren Kriechversuchen. Watson fand 
bereits bei einem Kind „very shortly after birth a regression of as much 
asfour inches." Doch läßt sich hierüber noch nichts sagen, da die Beob- 
achtungen zu zufällig und oberflächlich sind. Hat man doch sogar be- 
haupten wollen, diese frühen Bewegungen des Kindes seien Schwimm- 



138 Der Bemächtigungstrieb. 

bewegungen, phylogenetisch aus der Amphibienzeit herrührend. Anderer- 
seits geben die Kinderpsychologen in der Schilderung der eigentlichen 
Kriechvorgänge nicht genügend Anhaltspunkte dafür, wie weit es sich 
um wirkliches Kriechen handelt, d. h. um koordinierte Arm- und Bein- 
bewegungen. Allem Anschein nach treten diese recht spät auf, erst in 
der letzten Phase des Kriechens überhaupt, während die von uns als 
Kriechen bezeichnete Fortbewegungsweise mehr ein Sichschieben und 
Rutschen ist. Watson wenigstens, der das Crawling im engsten Sinn 
des Wortes faßt, findet es sehr spät — zu Ende des ersten Lebensjahres — 
oder auch gar nicht richtig auftretend. Schließlich wird man — späteren 
Untersuchungen vorgreifend — annehmen dürfen, daß die Säuglinge 
jener Kinderpflegeformen, die im Gegensatz zur heutigen europäischen, 
die Bauchlage des Kindes bevorzugen, früher, intensiver und „richtiger" 
kriechen, als jene, von denen allein Untersuchungen vorliegen: die europä- 
ischen (amerikanischen). 

Eine dritte Weise, den Wirkungsbereich der Hand zu erweitern, ist 
das Klettern. Obgleich das Klettern weder an das Sitzen, noch an das 
Kriechen morphologisch unmittelbar anschließt, sei es schon hier kurz 
dargestellt. Denn Sitzen, Kriechen und Klettern sind Greifbereichserwei- 
terungen, die sich aus den typischen Kinderpflegesituationen ergeben: 
der Rückenlage, der Bauchlage und der Klammersituation, in welch 
letzterer sich die Säuglinge jener Völker befinden, die den größeren Teil i 

des Wachlebens an den Hüften oder auf dem Rücken der Mutter zubringen. 
Für diese sind klctterartige Bewegungen die gegebene Möglichkeit. Wie 
sich bei ihnen die Entwicklung im einzelnen gestaltet, ist nicht untersucht 
worden. „Die Negerkinder verbringen ihr erstes Lebensjahr im Tragsack 
und verlassen ihn, wenn sie laufen können". Diese Formulierung von , 
Franke ist natürlich nicht wörtlich zu nehmen, sondern auch diese Neger- 
kinder werden reichlich Gelegenheit haben, zu kriechen und sich aus der 
Rückenlage aufzusetzen. Aber es gehört zu ihren wichtigsten Situationen 
— und gewiß zu ihren Lustsituationen — die breite Berührung der Brust- 
und Bauchhaut im Kontakt mit dein mütterlichen Körper, sie liegen ge- 
wissermaßen in vertikaler Stellung auf dem Bauch und jede Kriech- 
bewegung, die sie hier machen, wird zu einer Art Kletterbewegung. 

Bemerkenswert ist nur, daß die Kinder unseres Kulturkreises einen 
sehr starken Wunsch haben, eine Situation herzustellen, die der natür- 
lichen des Negerkindes ähnlich ist. Ich werde davon des näheren zu spre- 
chen haben, bei der Behandlung des Wunsches, auf den Arm genommen 
zu werden, gehoben zu werden und den Zärtlichkeitsäußerungen des 
Säuglings. Etwas davon scheint auch in den Kletterbemühungen des 
Kindes enthalten zu sein. Im vierten Vierteljahr pflegen diese oft bald 
gelingenden Bemühungen, auf Sessel, Divan, Knie der sitzenden Eltern 
und überhaupt alle geeigneten Objekte sich hinaufzuschieben, mit den 



Stehen, Gehen. 139 

Armen hinaufzuziehen und die Beine nachzuziehen, deutlich bemerklich 
zu werden. Geeignet sind dafür, so scheint es, Gegenstände, die wenig- 
stens des Kindes Breite haben, an die es sich breit anschmiegen und empor- 
ziehen kann. Eine Tätigkeit, die ausgesprochen lustvoll ist, und, wenn sie 
einmal beherrscht wird, natürlich auch dem Greifen dient; doch ist dieses 
im engeren Sinn zu Ende des ersten Lebensjahres, der beginnenden 
Kletterzeit, schon recht sekundär geworden. Das Klettern geschieht 
im Dienste einer anderen Tendenz, von der später zu sprechen sein wird. 
Ähnlich dem Kriechen, hört dann im zweiten Jahr auch das Klettern 
auf, eine irgend bedeutsame Tätigkeit zu sein, um im Spiel und bei 
heftigen Liebeserzeigungen bestehen zu bleiben. 

Stehen, Gehen. 

Bei der Entwicklung der Funktion der Beine ist das Entwicklungs- 
schema, das wir an anderen motorischen Funktionen fanden, im wesent- 
lichen und zwar sehr deutlich gleichfalls festzustellen. Das Abfuhr- 
stadium, Lust- und Zweckstadium sind sehr wohl zu unterscheiden. Das 
erste beginnt sehr früh; Abfuhrvorgänge an den Beinen sind in den ersten 
Lebensstunden ganz ebenso wie an den Armen festzustellen; und die 
Beine bleiben zeitlebens der Ort für gewisse Abfuhrerscheinungen, wie 
Zittern, Lähmung vor Schreck. Der Zeitpunkt, an dem das Luststadium 
einsetzt, ist noch weniger präzis anzugeben, als bei den Armen, weil die 
Beine den Beobachtern seltener sichtbar sind bei den heute üblichen 
Kinderpflegemethoden; genaue Darstellungen der frühen Beinbewegun- 
gen fehlen. Doch notieren die Autoren „wohlige" Beuge- und Streck- 
bewegungen im Bade, die nicht mehr als Abfuhrvorgänge anzusprechen 
sind; Scupin in der fünften Woche, Ischikawa im ersten Monat, des- 
gleichen Queck-Wilker. Das „Strampeln", „Turnen" (Queck-Wil- 
ker) mit den Beinen als lustvolle Betätigung, die ihren Zweck in sich hat, 
wird nun die ganze Säuglingszeit hindurch geübt, so wie nur des Kindes 
Situation hiezu geeignet ist, auch nachdem es längst die Beine zweckvoll 
zu gebrauchen gelernt hat. Dies geschieht zuerst beim Kriechen, dann 
beim Setzen, schließlich beim Aufstellen, Stehen und Gehen, bzw. 

Laufen. 

Typisch für die Etappen des Aufstellens und Stehens sind die Dix- 
schen Aufzeichnungen: Vierter Monat: „Im Bade stemmte er sich fest 
mit den Beinchen gegen die "Wand", was kaum eine Zweckhandlung, 
sondern eine Lusthandlung ist; eine Bewertung, die auch Dix wohl meint, 
wenn er von „Vorübung" spricht. Fünfter Monat: „Auf dem Schoß der 
Mutter machte er die heftigsten Streckbewegungen, um zu stehen". Sech- 
ster Monat: „Stehen lassen erfreute und wurde dem Sitzen vorgezogen. 
Dabei stieß er Laute der Freude aus." Im Anfang des neunten Monats 



1 



140 Der Bemächtigungstrieb. 

• 

steht er, sich anhaltend, fest auf dem Stuhle. „Seine fortgesetzten ge- 
wollten Übungen im Hochziehen aus dem Knien waren von Erfolg ge- 
krönt; denn er zog sich selbst zum Stehen empor. Von nun an wollte er 
immer stehen; wurde er gelegt, machte er sich sofort steif, was sein Ver- 
langen zum Stehen ausdrückte." 8 3 / 4 : »>Ini selbständigen Aufrichten war 
eine Geschicklichkeit dahin eingetreten, daß er es in folgender Art aus- 
führte: er stemmte sich mit den Fußsohlen auf und zog sich sofort zum 
Stehen auf; das Knien überging er jetzt. Die Freude darüber war bei 
ihm selbst groß; er jauchzte." 10y 2 : „wurde auch schon Freistehen ver- 
sucht, doch griff er schnell nach einem Halt." 10 3 / 4 : „Stand so sicher, daß 
er sich, mit einer Hand anhaltend, um die Körperachse drehte. Trotz der 
Sicherheit, trotzdem auch, daß er bis jetzt noch nicht gefallen war, stand 
er noch nicht frei, er suchte einen Halt." 11. Monat: „Steht frei, ohne 
sich anzuhalten. Es machte ihm große Freude; er war ganz glücklich, 
jauchzte und wollte bewundert sein; errief mich und stieß den Laut ei aus; 
der ganze Kerl atmete Stolz." ll 3 / 4 : .»30 Sekunden stand er frei, dann 
angelte er nach einen Haltepunkt." Die individuellen Differenzen in 
dieser Entwicklung sind in bezug auf die Termine sehr beträchtliche; so 
steht Preyers Kind erst mit vierzehn Monaten frei; die Etappen selbst 
sind aber anscheinend ganz allgemein gültig. Diese ganze Entwicklung 
steht völlig im Dienste der Lust: das Aufstehen, sich Hochziehen, Stem- 
men, Stehen ist an sich lustvoll und wird nicht im Dienste eines Zweckes 
vollführt. Im Gegenteil kniet das Kind, wenn es etwas ergreifen will, 
da es ja erst spät und da auch erst ganz kurze Zeit frei stehen und die 
Hände verwenden kann. Erst im zweiten Jahr wird Aufstellen und 
Stehen zur Zweckhandlung. Sehr bemerkenswert ist auch, daß das Kind, 
um frei zu stehen, erst Angst überwinden muß. Es fürchtet — so muß 
man wohl annehmen — zu fallen und zwar ohne je diese böse Erfahrung 
gemacht zu haben, wie auch Preyer betont. Ob die Lust beim Stehen 
und Aufstellen kinästhetische ist, möchte ich vorläufig nicht entschei- 
den. Gewiß spielt sie mit. Aber das Hochziehen und Stehen entfaltet 
sich nicht aus den Beugebewegungen, dem Strampeln, von dem wir oben 
sprachen, sondern aus dem Strecken der Beine, das anfangs seltener ist 
(Preyer) und aus der Berührung der Fußsohlen mit einer festen Unter- 
lage. Es ist ein entschiedener Gegensatz zur embryonalen Situation und 
zur Verhaltungsweise im ersten Vierteljahr; während das Gehen, wenn 
man es so ausdrücken will, in der neu erworbenen Lage, der aufrechten, 
eine Rückkehr zur früheren Bewegungsform der Beine ist, dem alter- 
nierenden Beugen und Strecken. 

Das Strampeln der Beine in der Liegestellung setzt mit 6% Monaten 
auch dann ein, wenn man das Kind „unter den Armen so hielt, daß seine 
Fußsohlen den Boden nur leicht berührten" (Dix). Eine Beobachtung, 
die, vom auch hier variierenden Zeitpunkt abgesehen, bei allen Säug- 



Stehen, Gehen. 141 

lingcn ganz ähnlich zu machen ist. Bis dahin erfolgt diese Reaktion nicht, 
vielmehr einige Monate früher ein kräftiges Sich-Stemmen an der Unter- 
lage. Dabei läßt sich aber aus dem vorliegenden Material nicht deutlich 
erkennen, wie weit diese „ungeordneten Gehbewegungen" nur scheinbare 
sind, dem Fußsohlenreflex entspringende. Gewiß ist aber, daß das Kind, 
wenn es einmal im Stehen Fortschritte gemacht hat, d. h. den Fußsohlcn- 
reflex mit dem gegenteiligen Verhalten vertauscht hat, mit Lust alter- 
nierende, wenn auch noch nicht geordnete Hebungen der Beine vornimmt, 
so wie man es beim Stehen unter den Armen stützt (Dix 7 1 / 2 Monate). 
Diese Fähigkeit ist (im achten Monat Dix) „von starken Lustgefühlen 
begleitet; er hob die Beinchen ganz gerade vor, stieß kräftig mit den Ab- 
sätzen auf; dabei freute er sich besonders über den Klang, den die auf- 
stoßenden Absätzchen hervorriefen; oft hob er aber auch beide Beinchen 
gleichzeitig, ja sie kamen auch wohl gekreuzt nach vorn. Spassig für uns 
wirkte die Inkoordination der Muskelbewegungen, wodurch er die Bein- 
chen oft zu hoch und zu kräftig aufsetzte". Bald werden die Beine regel- 
mäßig abwechselnd gehoben, sie stören sich nicht mehr, und an einer Hand 
gehalten, setzt er richtig Fuß vor Fuß (9. Monat). „In seiner Box richtete 
er sich schnell auf und lief am Gitter entlang. Dabei hielt er sich mit den 
Händchen fest und ging seitwärts, die Füßchen richtig setzend und nach- 
ziehend, wie der Erwachsene „Seitschritt" ausübt. Schon eine Woche später 
gebrauchte er zum Anhalten nur eine Hand und drehte den Körper so, 
daß er richtig vorwärts schritt; dabei brachte er es zu ganz schnellen 
Wanderungen." Dieses Gehen ist anfangs wohl ausschließlich Lust- 
handlung und bleibt es auch recht lange, wird aber sehr bald auch als 
Zweckhandlung geübt, ein bestimmtes Ziel, das mit den Augen scharf 
fixiert wird, zu erreichen. Beachtenswert, daß das Kind ängstlicher oder 
überhaupt nur dann ängstlich ist, wenn es sich nicht seihst anhält, sondern 
unterstützt wird. Wenn das Stadium des Freistehens erreicht ist, setzen 
auch die Bemühungen ein, frei zu gehen, die aber noch einige Wochen lang 
nach zwei, drei Schritten mit Niedersetzen enden. An der Hand der füh- 
renden Person ist das Gehen inzwischen sehr sicher geworden und ist mit 
starker Gehlust verbunden. Auf diesem Stadium ist, bei aller Lust, die 
Zweckhaftigkeit des Gehens deutlich. Dix konnte „ständig folgende vier 
Punkte notieren : 1. er faßt sein Ziel fest ins Auge, 2. Freude und Verlangen 
leuchten aus den Augen, 3. schließlich streckt er dieÄrmchen verlangend 
aus, 4. sucht er einen Haltepunkt und los gehts, geschickt und schnell." 
Zwischen liy 2 (Miß Shinn) und 1; 4 (Scupin) pflegt das Kind die Angst 
zu überwinden, und völlig frei zu gehen oder richtiger zu laufen. „Mit 1," 
sagt Dix, „lief er plötzlich frei zu seinem Geburtstagstisch; dabei hielt 
er beide Anne zur Balance nach vorn, schoß aufs Ziel los, noch etwas un- 
sicher, in schwankender Linie, aber doch frei." Auch beim Freigehen 
wie beim Freistehen, ist eine anscheinend beträchtliche Angst zu über- 



1 



142 Der Bemächtigungstrieb. 



winden. Auch diese Angst ist um so merkwürdiger, als das Kind sie hat, 
noch ehe es gefallen ist. Die Kinder fallen überhaupt erst dann, so scheint 
es, wenn sie bereits mit beträchtlich geringerer Aufmerksamkeit laufen, 
als dies in den ersten Wochen geschieht ; so fiel der kleine D ix zum ersten 
Male am 398. Tag, fast einen Monat nach dem ersten freien Gehen, wenig- 
stens gilt dies für das Nach vornefallen. Das Nachrückwärtsf allen ist 
aber kein eigentliches Fallen, sondern viel eher ein Sichniedersetzen, wo- 
bei das Kind auch kaum je besonderen Schreck oder Schmerz äußert. 

Preyer findet die Entwicklung des Gehens völlig rätselhaft. Und 
auch seit ihm hat, soviel ich sehe, noch niemand dieses Rätsel gelöst. Es 
fehlen sogar alle Ansätze zu einer solchen Lösung, wenigstens soweit ich 
die Situation zu beurteilen und zu übersehen vermag, demnach soweit sie 
kinderpsychologisch ist. Was ich zu dieser Frage zu sagen habe, ist eben- 
falls nicht einmal Ansatz zu einer Lösung, es ist im voranstehenden an- 
gedeutet und wird im Zusammenhang der allgemeinen Zusammenfassung 
der Entwicklung des Bemächtigungsapparates noch etwas näher auszu- 
führen sein, ohne daß erschöpft zu werden braucht, was sich aus unseren 
Prinzipien für die Erkenntnis der Lokomotions-Entwicklung vielleicht 
gewinnen ließe, weil ihre« eigentliche Blüte erst nach dem Säuglings- 
alter einsezt, ihre ausführliche Erörterung den Rahmen dieses Buches 
sprengen würde. 

Reifen und Lernen. 

Der Bemächtigungsapparat entwickelt sich während des ersten 
Lebensjahres in Etappen und schubweise. Ein Organkomplex nach dem an- 
deren tritt in die Entwicklung ein: Hand, Oberkörper, Beine (Etappen); 
innerhalb jeder Etappe werden nacheinander verschiedene Stadien er- 
reicht, die durch stationäre Perioden voneinander geschieden sind (schub- 
weise). Diese beiden Fortschrittsprinzipien kreuzen sich teilweise. Die 
aufeinanderfolgenden Stadien sind im wesentlichen: Abfuhr, Lust, Zweck. 

Wir werden nun die Aufgabe haben, diese allgemeinen Züge der 
motorischen Entwicklung auch verständlich zu machen. Dabei werden 
wir von vornherein eine Klippe zu vermeiden trachten, an der manche 
Erklärung gescheitert ist. Wir werden unser Interesse nicht auf die 
Frage konzentrieren, ob die besprochenen Funktionen angeboren oder 
individuell erworben sind. In der Geschichte der Psychologie und ihrer 
einzelnen Probleme alternieren die nativistischen mit den empiristischen 
Theorien. Die Herrschaftsepoche jeder bringt eine Fülle von Tatsachen, 
aber keine dauernde befriedigende Lösung. Nicht ganz so gilt das für 
die Kinderpsychologie, die in dem Sinn überhaupt jetzt eben erst Wissen- 
schaft zu werden anfängt, als sie Theorien ernsthaft verwendet. Ihre 
bisherige Geschichte besteht wesentlich darin, daß die Zahl und der 
Umkreis der Beobachtungen größer, diese selbst schärfer werden. In 



. 



r 



Reifen und Lernen. 143 

allen Stücken, die darüber hinaus gehen, pflegen kinderpsychologische 
Werke nur sehr nebenbei und meist recht naiv zu verfahren. Dies sei 
kein Tadel, es bringt den Vorteil eines größeren Beobachtungsmaterials 
mit sich und erklärt sich aus der popularisierenden Tendenz fast der 
ganzen Kinderpsychologie. Uns aber enthebt es der Aufgabe, uns mit 
den nebenbei hingesetzten Meinungen der Autoren auseinanderzusetzen. 
Unter den deutschen Forschern haben nur Stern, Bühler und Koffka 
zu dieser Frage durchdachte Stellung genommen, soweit das Säuglings- 
alter in Betracht kommt, an sie wird im folgenden anzuknüpfen sein. 
Stern betont mit Recht, es sei nicht das Problem, ob eine Erscheinung 
erworben oder angeboren ist, sondern was an ihr angeborener, was an 
ihr erworbener Anteil sei, und niemand zweifelt, daß bei der Entwicklung 
des Bemächtigungsapparates dieser Anteil des Angeborenen sehr be- 
trächtlich groß und wichtig ist. Gewiß, es wurde das Experiment noch 
nicht gemacht, ein Kind völlig ohne Anregung und nachahmbare Um- 
gebung aufwachsen zu lassen und ganz Kluge können einwenden, es sei 
demnach nicht erwiesen, ob ein solches Kind auch Gehen und Stehen 
erlernen würde. Ich glaube, es würde weder dies noch irgend etwas 
anderes erlernen oder entwickeln, es würde einfach zugrunde gehen, denn 
die Bedingung des Experimentes wäre, den Säugling isoliert aufwachsen 
zu lassen und das ist unmöglich. Daraus aber auf den überwiegenden 
Faktor des Erwerbs schließen zu wollen, wäre so verkehrt, als zu 
argumentieren: Lasse ich den Embryo außerhalb des Uterus „auf- 
wachsen", so entfaltet er keine Beinbewegungen, diese sind also nicht 
angeboren, sondern erworben. Die Pflege der Mutter, die tausendfache 
Anregungen zu motorischen Funktionen bietet, gehört absolut zum 
Säugling, sie und die Bedingungen, die sie bietet, sind ihm sozusagen 
angeboren, ebenso wie seine Fähigkeit zu saugen. Aber niemand leugnet 
ja den angeborenen Anteil an den motorischen Funktionen, darum 
dürfen wir uns alle Spitzfindigkeiten ersparen. Wollen wir aber die 
Beziehungen zwischen den beiden Anteilen uns näher vergegenwärtigen, 
müssen wir zuerst dem einen Anteil, dem angeborenen, nachgehen. Und 
können sagen, das Kind wird mit der Tendenz geboren, gewisse Be- 
wegungen, Handlungen auszuführen, so wie sie physiologisch und sozial 
möglich sind; es wird aber auch mit physischen und sozialen Bedingungen 
geboren, die von vornherein das Eintreten dieser Möglichkeit garantieren 
— im normalen Fall nämlich, dem allein uns hier beschäftigenden. 

Es hat aber den Anschein, als wäre nicht diese Tendenz allein an- 
geboren, sondern als besitze sie auch zeitliche Bestimmungen. Denn 
die Aufeinanderfolge der auftretenden Handlungen: Kopfheben, Greifen, 
Sitzen, Kriechen, Stehen, Laufen, ist eine gesetzmäßige. Manche dieser 
Aufeinanderfolgen sind motorisch gegebene, das Laufen muß auf das 
Stehen folgen, das Kopfheben muß dem Sitzen vorangehen. Keineswegs 



! 



144 Der Bemächtigungstrieb. 

aber gilt dies für alle; das Greifen und Sitzen könnte dem Kriechen, 
das Sitzen dem Laufen folgen, man könnte sich auch Lokomotionsformen 
denken und sie phylogenetisch begründen, die überhaupt nicht oder 
bloß schwach angedeutet sind. Es ist demnach so, als wäre jene Tendenz 
wirksam, wie ein posthypnotischer Auftrag, den das Kind mit auf die 
Welt bringt, der es zwingt, zu bestimmten Terminen gewisse schubweise 
Fortschritte, neue Verhaltungsweisen anzunehmen. Nun pflegt man 
freilich gerade den Zeitpunkt, an dem die neue Bewegung auftritt, zu 
den Erwerbungen zu zählen. Er variiert individuell, er ist, so scheint es, 
gerade von den äußeren Umständen abhängig, die mit dem Angeborenen in 
Konvergenz (Stern) treten. Dies ist aber keineswegs zwingend. So variabel 
auch die Termine sein mögen, so deutlich sie individuell bedingt sind, 
nichts legt uns nahe, das Individuelle für das Erworbene zu halten; 
es mag des individuell Angeborenen genug geben. Zudem sind, wie 
noch zu zeigen sein wird, die Variationen der Eintrittszeiten wesentlich 
geringer — und verständlicher — als man gemeinhin annimmt. Wir 
hätten Tendenzen anzunehmen, gewisse Bewegungen an bestimmten 
Fälligkeitsterminen auszuführen. Eine Vorstellung, die nicht ohne 
beträchtliche Schwierigkeiten wäre, der zu entgehen aber nur zwei Wege 
offen sind: entweder die motorischen Funktionen erweisen sich als erlernt, 
und die Reihenfolge des Erlernens läßt sich gleichfalls aus dem Er- 
worbenen verständlich machen, oder die Entwicklung des motorischen 
Apparates wird aus einer anderen psychischen Erscheinung, die sich 
zu gleicher Zeit oder vor ihm entwickelte, verständlich. 

Den ersten Weg geht Bühl er. Wenn irgendwo innerhalb des an- 
geborenen Rahmens Raum für den Faktor des erfahrungsmäßigen 
Erwerbern ist, dann sicherlich in der Tatsache der Übung. Wäre das 
Auftreten jeder neuen Bewegung nach Form und Zeitpunkt angeboren, 
so könnte sie völlig ausgebildet auftreten, sie brauchte nicht der Ver- 
vollkommnung durch Übung. Die Notwendigkeit ist noch kein Beweis 
für das Lernen, sie könnte bloßer Schein sein, aber es besteht die Möglich- 
keit, daß in diesem Fall statt der Reifung die Erlernung einer Bewegung 
vorliegt. Hier setzt Bühl er auch ein: „Das Gesetz der Auslese des 
Zweckmäßigen durch Erfolg und Mißerfolg macht uns in großen Zügen 
die Vervollkommnung der Körperbewegungen durch Übung verständlich. 
Anfangs sind die zweckmäßigen Bewegungen, die zum Erfolg führen, 
reichlich untermischt mit unzweckmäßigen, die nicht zum Erfolg führen. 
Und der Fortschritt findet dadurch statt, daß die zweckwidrigen mehr 
und mehr ausgemerzt werden, die zweckvollen erhalten bleiben. Der 
Erwachsene vermag diese Auswahl häufig durch Überlegung zu treffen 
oder doch zu fördern, beim kleinen Kind und dem Tier dagegen ersetzt 
ein anderer Faktor die Überlegung, nämlich die Lust und Unlust. Der 
Erfolg bringt Lust und diese Lust bewirkt die häufige Wiederholung, 



Reifen und Lernen. 145 

prägt sie fest und dauernd ein. Der Mißerfolg dagegen bringt Unlust, 
die nicht zur Wiederholung treibt, so daß die zweckwidrigen Bewegungen 
sich auch nicht einprägen und dann ausgeschaltet werden." Dieses 
Prinzip „wurzelt in der Natureinrichtung der Dressur", „oder was das- 
selbe ist, assoziatives Gedächtnis". „Man erkennt leicht, daß zur Dressur 
eine „Überproduktion von Bewegungen'*, ein „zielloses Probieren" 
gehört, auf daß ein Spielraum entsteht für das Walten des Zufalls, der 
zum Erfolg führt, und daß dieser Spielraum dann durch die Heraus- 
bildung einer eindeutigen Assoziation wieder eingeschränkt und schließ- 
lich aufgehoben wird." Die uns in diesem Kapitel beschäftigenden 
Funktionen vom Greifen bis zum Gehen rechnet Bühl er alle zur Dressur. 
Das alles ist Dressur, Selbstdressur im Spiele, und geht in allmählicher 
Einübung vor sich." 

Diese Anschauung wäre, wenn sie sich festhalten ließe, wohl ge- 
eignet, die Erbmasse von so komplizierten Bewegungen mit zeitlicher 
Determination, wie etwa das Auftreten des Gehens zu Ende des ersten 
Lebensjahres ist, zu befreien. Das Neugeborene verfügte über eine 
Anzahl von einfachen Bewegungen, die es reflex- oder abfuhrweise 
verwendet und aus diesen bildeten sich vermittels Gedächtnis und 
Assoziation unter Regulation durch das Lust-Unlustprinzip Bewegungs- 
komplexe, die geeignet sind, die Bedürfnisse des Kindes zu befriedigen. 
Wobei wie man hinzufügen könnte, das Kind sich ruhig ein Jahr Zeit 
lassen 'kann da ja alle seine imperativen Bedürfnisse durch vollausgebildet 
angeborene Handlungen (Instinkte) und die Wiegemaßnahmen der Mutter 
gesichert sind. Freilich die Termine und die Reihenfolge bleiben jeden- 

^^Traunuch verzichtet, ist die Anzahl der Einwände*) gegen 
Jr a „*..mmfl sehr groß, um so mehr als er an keinem konkreten 

S^TÄSÄV"* » ur die w*«** seiner Auf " 

Bexspiel ^"™\] y or alIem trifft es nicht zu, daß der Säug- 

das lernt, eine Tür zu öffnen - Bühlers Beispiel - mag frittlir 
sprechen; man mag viele ähnliche finden, aber gewiß nur bei älteren 
Kindern, oder in jenen Stadien der Vervollkommnung, die Bühl er 
selbst zu den Intellektleistungen rechnet. Das greifende Vierteljahrkind 
macht überhaupt kaum Fehlversuche, kaum solche, die mit einiger 
Sicherheit so zu deuten wären. Das Halbjahrkind, das Sitzen lernt, 
macht wohl vergebliche Bemühungen, sich aufzurichten, aber nicht 
seine Stellung ist falsch, sondern seine Mittel sind noch zu schwach; 
dasselbe gilt für das Kind, das sich aus dem Sitzen aufrichten will; noch 
deutlicher beim Kriechenlernen. Sogar beim Gehenlernen sind es zum 



") Einzelne der folgenden erhebt auch Koffka. 
Bern fei (1, Psychologie des Säuglings 10 






146 Der Bemächtigungstrieb. 



allergeringsten Teil Schwierigkeiten der Bewegung als solcher, die zu 
überwinden wären; obzwar sie wohl vorhanden sind, etwa wenn die 
Beine einander gegenseitig stören; aber gerade diese Schwierigkeiten 
sind in wenigen Tagen überwunden. Wollte man aber diese extremen 
Formulierungen, die sich erst später rechtfertigen lassen, nicht akzep- 
tieren, so darf man gewiß zugeben, daß die Abweichungen der erfolglosen 
Handlungen von den erfolgreichen nur minimale sind. Gerade die Über- 
produktion von Bewegungen, die ja Voraussetzung für Bühlers Auf- 
fassung ist, fehlt im Säuglingsalter. 2. Was ist das Motiv der ziellosen 
Bewegungen? Das Greifen ist hier sehr lehrreich. Das Motiv ist, ein 
gesehenes Ding in den Mund zu stecken; diese Bewegung wird vom 
ersten Mal an mit so großer Sicherheit vollzogen, die Schwierigkeit, 
genau den Mund zu treffen, so rasch überwunden, daß man sagen muß, 
das Prinzipielle der Bewegung wird ohne Proben, ohne Auslese erfaßt. 
Freilich hat die Hand den Weg in den Mund vorher zahllose Male aus- 
geführt, was war das Motiv dieser früheren Bewegungen: Hand in den 
Mund ? Dies funktioniert aber vom ersten Tag an, wir haben keine Möglich- 
keit anzunehmen, daß Hin- und Herfuchteln mit den Händen Bemühungen 
seien, die Hand in den Mund zu bekommen. Ist aber das Motiv „irgend 
einen Gegenstand in die Hand", so ist alles Hin und Her der Hand eben 
der richtige Weg, etwas zufällig zu ergreifen. Oder: Beim Versuch, sich 
aus dem Sitzen aufzustellen: Was ist das Motiv? Weiß das Kind vorher, 
daß es angenehm sein wird, zu stehen? Das Gesetz der Auslese ver- 
langt ein Ziel ; der Säugling wird dieses Ziel meistens nicht haben können. 
3. Das Ziel könnte in gewissem Maß durch das Lust-Unlustprinzip 
ersetzt sein. Da aber jede Bewegung lustvoll ist, an sich lustvoll sein 
muß, sonst würde das Kind keine Bewegungen machen, müssen Funktions- 
und Erfolglust miteinander in Widerstreit geraten, den zu berücksichtigen 
der Bühl er sehen Anschauung wohl sehr große Schwierigkeiten machen 
würde. 4. Was schließlich Koffka im Sinne der Gestaltspsychologie 
sehr ausführlich und, wie ich glaube, sehr treffend auseinandersetzt: 
Eine Bewegung ist gar nicht aus einzelnen Stücken zusammengesetzt, 
so wenig wie die Wahrnehmung ein Mosaik von Empfindungen ist, 
sondern das Entscheidende an jeder komplexen Bewegung — und die 
hier in Rede stehenden Bewegungen sind alle komplex — ist die „Be- 
wegungsmelodie", die aus der Verknüpfung kinästhetischer und optischer 
Daten, aus bloßer Verknüpfung von Elementen überhaupt kaum ver- 
ständlich zu machen ist. 

Die allmähliche Entwicklung des Bemächtigungsapparates ist also 
im wesentlichen ein Reifungsvorgang, der freilich in seinen feineren 
Vervollkommnungen durch individuelles Lernen ergänzt wird, und zwar 
durch „intelligentes" Lernen. Es bleibt noch die Möglichkeit, anzu- 
nehmen, daß dieser Reif ungsprozeß nicht autonom ist, daß er mindestens 



Reifen und Lernen. 147 

zu einem guten Teil, in verständlicher, notwendiger Abhängigkeit von 
anderen Entwicklungsprozessen steht, wenn man eine allzu große 
Belastung der Erbmasse mit konkreten Tendenzen vermeiden will. 
Das Ziel dieses Buches vor Augen, versteht sich dieser zweite "Weg von 
selbst als unserer. 

Voraussetzung für diesen Versuch ist, einige Tatsachen als ange- 
geborene Verhaltungsweisen unseres psychologischen Apparates anzu- 
nehmen. Als solche sind aufzufassen: 1. daß Arme und Beine Orte 
heftiger Abfuhrphänomene sind; 2. daß Arme und Beine, bewegt, Lust 
zu bieten vermögen, desgleichen die breite Bauchseite des Körpers unter 
gewissen Bedingungen; 3. daß gewissen primitiven Bedürfnissen von 
Geburt an gewisse komplexe Bewegungen entsprechen, die geeignet 
sind, diese Bedürfnisse zu befriedigen. 

Die Bewegungen des Luststadiums sind danach völlig verständlich 
als Sexualtriebhandlung, Lusterwerb, wenn einmal die Erfahrung dieser 
Lustmöglichkeit gemacht wurde. Diese erste Erfahrung ist individueller 
Erwerb ; sie ist die Auslösung für zahllos wiederholte (und leise variierte) 
Bewegungen. Für das Strampeln mit Armen und Beinen mag diese 
Erfahrung durch die Tatsache gesichert sein, daß sie von Anfang an 
der Schauplatz von Abfuhrphänomenen sind; diese Erfahrung also 
notwendigerweise in den ersten Tagen bereits gemacht werden muß. 
(Die Frage, wie die Abfuhrphänomene Lusterfahrungen zu bieten ver- 
mögen, kann uns später erst beschäftigen.) Verfolgen wir zunächst 
die Armbewegungen weiter. Ihre Mannigfaltigkeit ist nicht groß; aber 
zwei Gruppen lassen sich von Anfang an unterscheiden. Die eine hat 
die Richtung auf den Mund, die andere ist bestrebt, aus jeder gegebenen 
Lage rhythmisch in mäßigen Amplituden hin- und herzupendeln. Beide 
sind verständlich, die erste als Rückkehr in die fötale Ruhelage, die 
andere als Lusterwerb. Indem sich die orale Zone entwickelt, wird die 
Ruhelage notwendig zu einer Lustsituation und wird immer aufgesucht 
werden. Es findet nun hier eine Koordinierung der Strebungen der Reizung 
suchenden Mundzone und der die Ruhelage suchenden Hand statt. 
Vorläufig können wir in diesen Differentialkoordinationen der Ver- 
knüpfungslehre einen schmalen Raum lassen, aber nicht ohne zu betonen, 
daß irgend welche Bedingungen dafür sorgen, daß immer und sehr bald 
der Erfolg eintritt. Das Zugreifen der Hand wird gewiß in keiner Weise 
gehemmt, es ist ausgebildete Bewegung schon während der Geburt. 
Das Stadium „ergriffenes Ding in den Mund" ist motorisch das gleiche 
wie „Hand in den Mund". Prinzipiell neu ist erst „Gesehenes Ding 
ergreifen und in den Mund stecken". Hier werden zwei Bewegungen, 
die beide von früher her geübt werden, kombiniert ausgeführt und in 
den Dienst eines Wunsches gestellt. Auch hier ist motorisch kein wesent- 
lich Neues zu verzeichnen, sondern daß Bewegungen nun beherrscht 

10* 






148 Der Bemächtigungstrieb. 

werden, von wem wäre freilich noch nicht zu sagen. Aber die Lust- 
bewegungen haben ihren Meister gefunden, der sie zu seinen Zwecken 
benützt oder hemmt. Die Details dieses Vorganges haben wir später 
zu schildern; aber man kann sich des Eindruckes nicht erwehren, daß 
das Greifen von nun an ein „intelligentes" ist. Von nun an hat es ein 
Ziel, an dem der Erfolg gemessen werden kann, von nun an kommen 
wirkliche Fehlhandlungen vor, die korrigiert werden, um deren Korrektur 
sich das Kind bemüht. Von nun ab findet ein Verhalten statt, das man 
als Lernen bezeichnen muß und mit Bühl er auch Dressur nennen kann. 
Wollen wir das unermüdliche Bemühen des Säuglings im zweiten und 
dritten Vierteljahr, Dinge zu ergreifen und in den Mund zu führen, 
Sigismunds „Greif lings" Stadium, vorläufig einem Bemächtigungs- 
trieb zuschreiben, so können wir sagen, das Luststadium des Greifens 
findet (prinzipiell) sein Ende, indem die angeborenen „Bewegungs- 
melodien" Greifen in den Dienst des Bemächtigungstriebes geraten. 
Von da an erlernt der Säugling eine Anzahl von Korrekturen und Ver- 
feinerungen der ursprünglichen Bewegungsmelodie, die so weit gehen, 
daß sie, wenn man will, auch als neue Strukturen (Melodien) bezeichnet 
werden können. Der Termin, zu welchem dieser Fortschritt erfolgt, 
ist nicht mit den anderen angeborenen Greifbewegungen autonom 
gegeben, sondern er wird abhängig sein von der Entwicklungsgeschwindig« 
keit des Bemächtigungstriebes und wohl auch von dem Widerstand, 
den das Luststadium gegen seine Überwindung entgegensetzen mag. 

Das Aufsetzen und das Kriechen fügen sich dieser Betrachtungs- 
weise ohne jeden Zwang ein. Das Aufsetzen ist reine Zweckhandlung 
im Dienste des expansionsbedürftigen Bemächtigungstriebes. Daher 
setzt es nach dem Greifen als Zweckstadium ein. Sein Termin variiert 
im Gegensatz zu diesem individuell sehr beträchtlich, abhängig vom 
Ausbildungsgrad des Triebes und von den individuellen Erfahrungen. 
Das Setzen wird gelernt. Aber nicht etwa wie das Maschinschreiben. 
Sondern es ist eine natürliche, im Grundzug angeborene Melodie. Sie 
erfährt der Säugling lustvoll auf dem Arm der Mutter, zu einer Zeit, 
wo noch nichts in ihm zu ihr tendiert. Es ist eine Erfindung seines 
Bemächtigungstriebes, möchte man sagen, diese erinnerte (und vielleicht 
angeborene) Struktur aktiv zu verwirklichen. Und der Erfolg gelingt 
im allgemeinen ohne erfolgloses Probieren — vorausgesetzt, daß die 
Muskulatur ihn bereits gestattet. Das Kriechen in seinem Abfuhr- 
und Luststadium bietet unserer Betrachtung kein neues Problem; als 
Zweckhandlung darf es wie das Zweckgreifen als „intelligente" Handlung 
des Bemächtigungstriebes angesehen werden. Sein Termin nach .dem 
Greifen und vor dem Stehen ist wohl verständlich ; doch dürfte hier das 
Material der Kinderpsychologie zu einem definitiven Verständnis nicht 
hinreichend mannigfaltig sein; erst genaue Beobachtung an Kindern, 



Reifen und Lernen. 149 

die in kriechfreundlicher Pflege aufwachsen, wird uns den natürlichen 
Termin dieser Funktion kennen lehren. Im europäischen Kulturkreis 
ist in diesem Punkt durch seine Kinderpflegeform eine Verschleierung 
eingetreten, die uns hindert, klar zu sehen. Das Kriechen ist den spät 
einsetzenden Funktionen Stehen, Klettern, Laufen bei unseren Kindern 
nähergerückt, als ihm vermutlich in anderen Kulturkreisen zukommt. 
Es spielen bei seiner Entwicklung, in wenig deutlich erkennbarer Weise, 
jene Faktoren mit, die für die späteren motorischen Funktionen ent- 
scheidend sind. 

Ehe wir nicht die Veränderungen betrachtet haben, die im vierten 
Vierteljahr die gesamte psychische Situation erfassen — hier vorläufig 
anzudeuten als Zahnung und Entwöhnung — , können wir nicht er- 
warten, die motorischen Funktionen, deren Termin dieses vierte Viertel 
des ersten Jahres ist, näher zu verstehen. Darum genüge an dieser 
Stelle der Hinweis auf einen wichtigen Faktor. Unsere Aufstellungen 
über die drei Stadien gelten auch für das Stehen und Gehen, wie das dar- 
stellende Kapitel zeigt. Sie sind aber ein wenig verwischt, weil im letzten 
Viertel der Bemächtigungstrieb bereits alle motorischen Funktionen 
ergriffen hat und das Stehen, Klettern und Gehen von Anfang an, 
nämlich von dem Moment an, wo die verschiedenen Lustbewegungen 
sich zur Bewegungsstruktur Stehen oder Gehen verknüpft haben, auch 
von Zwecktendenzen durchsetzt ist und wenige zwar, aber doch einige 
intelligente Lernprozesse mitspielen. Um so merkwürdiger ist aber, 
daß diese Funktionen im ersten Teil ihrer Entwicklung (etwa 7. bis 12. 
Monat) eine gemeinsame Tendenz zu haben scheinen, die dem Greifen 
und Sitzen fehlt und die mit der Lokomotion, deren Mittel gerade diese 
späteren Funktionen sind, nichts zu tun haben. Es ist, als erwachte 
im Kinde der Drang, seine Bauchseite breit mit einem fremden Gegen- 
stand zu berühren, als strebte es nach vertikaler Verwirklichung der 
Kriechlage. Vielleicht klingt dies ein wenig erzwungen und doch ergibt 
sich dieser Eindruck aus der Beobachtung und nicht etwa einer Theorie 
zuliebe, vielmehr jeder zunächst zuleide, ein Rätsel darstellend. An- 
klammern an einen Gegenstand, der bis zur Achselhöhe reicht und in 
Brust und Bauchdeckung vor ihm zu stehen, aus dieser Situation auf 
den Stuhl zu klettern, um oben wieder dieselbe Situation zu genießen; 
den Tisch, Bettrand entlang wandern — das sind sehr deutliche Lust- 
situationen des Kindes in diesem Alter, Ziel zahlreicher Bemühungen. 
Diese Tendenz ist schon im zweiten und dritten Vierteljahr deutlich, 
wo das Kind lebhaft auf den Arm genommen zu werden verlangt, in 
dieser Situation sich schnell zu beruhigen pflegt und selbst unter 
Schmerzen in ihr einschläft. Das Neue ist, daß im vierten Vierteljahr 
diese Situation aktiv angestrebt wird, das Kind sie, wenn sie ihm von der 
Mutter nicht gewährt wird, mit seinem eigenen Körper an Boxewand, 



150 Der Bemächtigungstrieb. 

Stuhl und Tisch verwirklicht. Es realisiert genau, wenn auch symbolisch 
möchte man sagen, eine primitive Kinderpflegesituation, in der sich 
das Kind bis ans Ende des ersten Jahres an der Brust, Hüfte oder auf 
dem Rücken der Mutter befindet, in derselben Klammerstellung und 
Brust-Bauch-Deckung, die es erstrebt, wenn es auf den Arm genommen 
werden will, und selbständig anstrebt in der ersten Etappe des Stehens, 
Kletterns, Gehens. Mit dem Verlassen dieser Situation ist Unlust, 
Angst verbunden. Die entscheidende Wendung besteht nun in der 
Überwindung dieser Angst; das Anklammern wird aufgegeben, das Kind 
steht frei, es verzichtet auf die Brustdeckung, ja, es lehnt sie ab, es geht 
weg von ihr im eigentlichen Sinn des Wortes, läuft frei. Es strebt vom 
Arm der Mutter weg. Was es bis dahin zahllose Male mit Unlust und 
Angst erleben mußte, daß die Mutter von ihm wegging, macht es nun 
selbst (symbolisch) und hat Lust dabei: freilich anfangs nur wenige 
Schritte, und die meistens von einer Deckung zur andern, aber in wenigen 
Tagen bereits völlig sicher und sehr viel länger. Die gedachte primitivere 
Form der Kinderpflege zeigt diesen Zusammenhang deutlich, wenn die 
Reisenden immer wieder sagen: bis das Kind laufen kann, verläßt es den 
Tragsack oder den entsprechenden Aufenthaltsort am Mutterkörper. 

Wenden wir uns wieder jenen Fragen zu, die wir schon in diesem 
Zusammenhang zur Klärung bringen können. Die Einreihung der ge- 
fundenen Zusammenhänge in die Begriffe der Libidotheorie läßt uns 
einiges schärfer formulieren. Die psychische Energie, mit der die Be- 
wegungen auf dem Luststadium geschehen, ist Libido. Dienen sie ja 
der Gewinnung von Reizlust, stehen ihm Dienste des Sexualtriebes, 
sind Sexualtriebhandlungen. Diese terminologische Neubezeichnung 
der bereits festgestellten Tatbestände ist einfach genug, sie verpflichtet 
uns aber, die Frage, wie es sich mit der psychischen Energie verhält, 
die hinter den Abfuhrphänomenen steht, und mit jener, die die Be- 
wegungen der Zweckstufe treibt, zu stellen. Um ein mögliches Miß- 
verständnis zu vermeiden, will ich hier neuerlich in Erinnerung rufen, 
daß in diesem Buche die Beziehung zwischen Nervenenergie und 
psychischer Energie nicht erörtert werden soll, also auch nicht etwa 
eine Gleichsetzung beider vorgenommen ist. Wir fragen also nicht nach 
den energetischen Vorgängen im Nerven während der Bewegung, 
einerlei, ob diese Prozesse mit den psychischen Energieumsetzungen 
identisch sind oder nicht, sondern nach der psychischen Energie und 
ihrer Beziehung zur Bewegung, ohne uns dafür zu interessieren, ob sich 
diese Vorgänge in den Nervenfasern oder sonstwo abspielen mögen. 
Im Luststadium der Bewegungsentwicklung verhält sich das Organ 
— etwa der Arm — wie eine erogene Zone. Seine Reizung, unter gewissen 
Formen und Bedingungen, erzeugt ein gewisses Maß von Reizlust. Diese 
Form der Reizung wird daher oft, andauernd und intensiv angestrebt. 



Reifen und Lernen. 151 

Das Organ ist mit Libido reichlich besetzt, und zwar in einer bestimmten 
Weise. Es hält Libido gebunden, die dichter ist als die 'Besetzungs- 
energie(libido), wie wir sagten, aber immerhin Entbindungsvorgänge 
nicht verhindert. Wir werden die Lustvorgänge an dieser erogenen Zone, 
da sie taktiler Natur sind, den sexuellen im engeren Sinn zuschreiben. 
Sehen wir nun das Organ im Zweckstadium in seinem Wert, seiner 
imperativen Kraft als erogene Zone gemindert, so werden wir sagen 
können, es sei entsexualisiert worden; das Quantum Libido, mit dem 
es besetzt war, ist verringert worden. Es kann sich dabei allerdings 
kaum um eine einfache Verringerung allein handeln, sondern man ahnt, 
daß hier zugleich auch Veränderungen der Libidobindungsweise vor sich 
gehen, wir haben aber noch keine zulängliche Vorstellung von diesen 
Prozessen 1 ). Daher begnügen wir uns mit dem derzeit Faßbaren 
und versuchen allgemein zu sagen: Das Reifen der motorischen 
Funktionen geschieht in der Weise, daß das Organ durch geeignete 
libidinöse Besetzung erogen wird und bestimmte Lust bietende Bewe- 
wegungen, deren Struktur im wesentlichen angeboren ist, zahllose Male 
um dieser Lust willen vollführt und so für diese Bewegungsmelodien 
(strukturen) den Effekt motorischer Einübung erreicht. Das Erlernen 
neuer Nuancen dieser Bewegungsmelodien oder auch völlig neuer 
Melodien hat zur Voraussetzung eine Entsexualisierung des Organs 
und geschieht durch Anpassung der libidinös eingeübten Bewegungen 
an das neue Ziel, das jedenfalls nicht mehr der Erwerb kinästhetischer 
Lust ist. Die Anpassung hat die Form intelligenter Prozesse, wie noch 
zu zeigen wäre. 

Daß es sich bei der Entsexualisierung tatsächlich — wenigstens auch 

um e i n e Verringerung von Energiequanten am entsexualisierten Organ 

handelt, wird offensichtlich dadurch, daß nach dem Vollzug dieses Pro- 
zesses die libidinöse Besetzung eines anderen psychischen Faktors wesent- 
lich gesteigert ist. Am Fall des Überganges der Lustbewegung des Armes 
in die Zweckhandlung „gesehenes Ding in den Mund!" ist diese Ver- 
schiebung von Quantität wohl zu studieren. Wir sagten, dieser Übergang 
erfolgt, wenn der Bemächtigungstrieb stark genug geworden ist, sich die 
Lustbewegungen des Armes einzuordnen. Diese Erstarkung wird uns klar 
verständlich, wenn wir — vorläufig unscharf — sie zurückführen auf die 
genannte Entsexualisierung; dem Bemächtigungstrieb ist jenes Quantum 
Libido zugeflossen, das der erogenen Zone Arm entzogen wurde; er ver- 
fügt nun über dieses Plus an Energie. Die unscharfe Formulierung wird 
zu korrigieren sein bis der Begriff des Bemächtigungstriebes deutlicher 
wurde. Der Anschluß an die Bezeichnungsweise, die Schilder (1) pflegt, 



>) Auch Ferenzci (2) arbeitet mit der Vorstellung einer Enterotisierung von 
Organen; geht aber auch kaum über die Formulierung und biologische Belegung dieser 
sich aufdrängenden Annahme hinaus. 



152 Der Bemächtigungstrieb. 

zeigt uns aber hier schon die Richtung dieser Korrektur. Die dem Arm 
entzogene Libido erhöht den Wirkungswert der optischen Erlebnisse. 

Wesentlich unklarer ist der Übergang des Abfuhrstadiums in das 
Luststadium. Dynamisch läßt sich der Vorgang freilich wohl beschreiben. 
Er bietet uns nichts Neues, sondern die erwünschte Bestätigung, daß 
das mehrmals bereits festgestellte Prinzip sich auch in diesem Fall auf- 
weisen läßt. Die Bewegungen der Luststufe (z. B. bei den Armbewegungen 
deutlich zu studieren) sind wenig modifizierte Rhythmisierungen der auf 
dem Abfuhrstadium bereits vorhandenen Bewegungen. Sie treten spon- 
tan auf, das heißt unabhängig von einem schockartigen Reiz und in rhyth- 
mischer Folge. Die Abfuhrbewegungen an den Extremitäten hingegen 
sind ursprünglich ausschließlich Bestandteil der Schreckreaktion — also 
im Prinzip unlustvoll — soweit sie überhaupt von Bewußtsein begleitet 
sein mögen; des näheren: Angstreaktionen. Auf dem Luststadium er- 
scheint die Unlust (Angst) bewältigt; sie ist in Lust gewendet; genau so wie 
bei den akustischen Reizen. Der Weg dieser Verwandlung ist Spontaneität 
und Rhythmisierung. Und wenn wir oben sagten, der Zweck der Lust- 
bewegungen sei die Reizlust; diese unabhängig von Anregungen, Aus- 
lösungen der Umwelt aufzusuchen, wäre die Determination der Spon- 
taneität, so dürfen wir ein Frühstadium annehmen, in dem die spontane 
Wiederholung der Angstbewegungen in rhythmischer Folge, also 
deren Überführung in Lust, zur Aufgabe wird. Wollten wir uns mit 
dieser Möglichkeit befreunden, so wäre sie einzureihen in den Wieder- 
holungszwang, den Freud im Psychischen feststellte und der unserer 
Terminologie nach den R.-Trieben angehörte. Wir kämen demnach zu 
folgender — noch immer dynamischen — Auffassung: Phylogenetische 
Faktoren sind maßgebend dafür, daß die im Geburtsakt freigewordene 
psychische Energie sich in Bewegungen der Arme und Beine abführt. Der 
Wiederholungszwang veranlaßt die gleichen Abfuhrphänomene, so oft 
die Reizlage der Umwelt den Geburtsakt zur Reproduktion bringt: Er- 
schrecken des Neugeborenen (mit Angstentwicklung, soweit Bewußtsein 
vorhanden ist). Diese Schreckanfälle werden an sehr beträchtlichen 
Quanten von Energie abgeführt. Im Laufe der ersten Wochen beginnt 
die Überwindung dieser Angst: Der Wiederholungszwang reproduziert 
die Schreckbewegungen — unabhängig von der Reizlage und nur mit 
einem begrenzten Quantum von Energie — in kurzen rhythmischen 
Aufeinanderfolgen. Wobei gewissermaßen, eben durch den Rhythmus, 
nicht nur die Geburt, sondern ihre Aufhebung — Reiz — Reizpause; Be- 
wegung — Ruhe dargestellt wird, Bedingungen, die zu Reizlust führen. 
Ist diese einmal erfahren, so drängt sie zur steten Wiederherstellung der 
Lustbedingungen, zur Lustbewegung. 

Oben habe ich den Versuch gemacht, die Vorstellung verschiedener 
Dichtigkeitsgrade der Energie (Libido) auszubauen, und wir nahmen an, 




Reifen und Lernen. 153 

die häufigen Wiederholungen von Entbindungsvorgängen, die die Schrek- 
kensanfälle des Neugeborenen veranlassen, führen zu einer "Verfeinerung 
der dichtesten Libidoform in die Besetzungsenergie. Diese Vorstellung 
bewährt sich auch an den in Rede stehenden Prozessen. In ihnen findet der 
reverse Vorgang statt, Besetzungsenergie wird in dichtere Formen ver- 
wandelt, in die libidinöse Besetzung der Arme und Beine, die dadurch 
zu erogenen Zonen werden. 

Haben wir uns nun so tief in theoretische Erörterungen eingelassen — 
Spekulationen, werden viele, so muß ich erwarten, wegwerfend sagen — 
so müssen wir noch einen Schritt weiter wagen. Unsere eben entwickelte 
Vorstellung ist nicht einfach mit der üblichen Anschauung vom Wesen 
der Abfuhrvorgänge zu vereinen. Man denkt diese als Aufbrauchen von 
psychischer Energie. So, als stellte man sich vor, die Energie, die der 
motorische Prozeß beansprucht, sei der psychischen Energie entnommen; 
diese werde aufgezehrt durch Transformierung in Bewegungsenergie. Je 
nachdem, ob man diese den physikalischen Energien zuzählt oder nicht, 
wäre dies direkt oder indirekt Transformierung psychischer Energie in 
physikalische. Ich möchte mich über die Zulässigkeit und Fruchtbarkeit 
dieser Auffassung nicht entscheiden. Nichts aber zwingt uns, sie hier 
festzuhalten. Wir verzichten ja im kinderpsychologischen Zusammen- 
hang darauf, die Beziehung der psychischen Energie zu anderen Energie- 
formen zu erörtern. Die angegebene Anschauung von der Aufzehrung 
durch die motorische Abfuhr bindet uns aber an die in ihr implizierte 
Transformierung der psychischen Energie in physikalische. Ich würde 
daher vorziehen, von Auslösung motorischer Vorgänge durch psychisch- 
energetische Prozesse zu sprechen, ohne irgend eine Entscheidung über 
den Mechanismus zu präjudizicren. Was aber ist es dann mit den Ab- 
f uhrphänomenen ? Wir brauchen nichts Gesagtes zu verändern. Nur 
werden wir nicht voraussetzen, daß die Abfuhr das Energieniveau durch 
Aufzehrung eines bestimmten Quantums verringert, sondern die Mög- 
lichkeit offen halten, daß Abfuhrphänomene auch Anzeichen, Mittel oder 
Folge von Dichtigkeitsveränderungen der psychischen Energie sein 
könnten. 

Einige Bemerkungen dürften noch zu der Frage angefügt werden, 
was mit der Libido geschieht, die — so nahmen wir oben an — der erogenen 
Zone „Gliedmaßen" entzogen wurde. Man hat unmittelbar bei der Be- 
obachtung das Gefühl, als wäre der Moment, in dem die Stufe „gesehenes 
Ding in den Mund" erreicht wird, ein für die Entwicklung des Kindes 
sehr wichtiger; es ist, als leite es damit einen entscheidenden Fortschritt 
zur psychischen Struktur des Erwachsenen ein. Bühler setzt diesen 
Moment in Parallele zu jenem anderen, früheren, in dem das Kind seine 
Augen auf die Quelle eines Gehörsreizes richtet. Und tatsächlich ist dies 
eine Vorstufe jenes Fortschritts. Es sind die frühesten Anzeichen dafür, 



154 Der Bemächtigungstrieb. 

daß die einzelnen Gruppen von Wahrnehmungen und Gefühlen, die die 
Sinnesorgane und erogenen Zonen bieten, in gegenseitige Koordinierung 
gebracht, zentral einheitlich aufgefaßt werden. Wobei zentral sich nicht 
auf die neurologische Basis bezieht, vielmehr diese Betrachtung im 
ganzen Buch unberücksichtigt bleibt, sondern ein psychisches Zentrum 
gemeint ist. In jener ersten Greif handlung werden psychische Vorgänge 
irgendwelcher Art in der oralen Zone, in der optischen Sphäre und in der 
erogenen Zone Arm in gegenseitiger Relation erlebt und zu einem einheit- 
lichen Vorgang verschmolzen; wobei die einzelnen Zonen in eine gewisse 
Rangordnung geraten, die optische demonstrative, die motorische Kilfs- 
und die orale Zielfunktion erhält. Man kann gewiß nicht umhin, in 
dieser Assoziation den Keim eines Ich zu sehen. Denn es ist ja, bildlich 
gesprochen, nicht so, daß sich Hand und Auge selbstlos, völlig ohne Ent- 
schädigung für einen fremden Dritten, den Mund, bemühen, um ihm 
Sauglust zu verschaffen, sondern so, daß alle drei als Teilhaber einer ge- 
meinsamen Firma „Ich" handeln und am Gewinn beteiligt sind, indem 
die gewonnene Lust dem Ich gehört. Ich möchte nicht behaupten, daß 
vor der Greifhandlung keine Ansätze für ein Ich vorhanden sind, sondern 
würde eher zu dem Glauben neigen, daß von Anfang an die psychischen 
Zonen und Sphären in einem gewissen Zusammenhang zueinander stehen, 
wie ja auch von Geburt an — und natürlich schon früher — alle physio- 
logischen Funktionen einheitlich als Gesamtindividuum reguliert sind, 
miteinander im engsten Bezug stehen. Mehr als theoretisches Postulat 
ist dieses Urich aber erst bei der Greifhandlung. Jedenfalls haben wir 
erst bei ihr die Möglichkeit, uns dieses Ich in einigen Punkten verständlich 
zu machen. 

In der Greif handlung ist das Ich als Voraussetzung nötig für die in 
ihr zum erstenmal deutlich sichtbar werdende zentrale Regulierung 
motorischer Funktionen. Sie besteht darin, daß der Wirkungswert der 
optischen Erlebnisse (Wahrnehmung) und der Erwartung oraler Lust 
groß genug geworden ist, um bestimmte motorische Wirkungen auszu- 
lösen oder zu hemmen. Es hat an gewissen Wahrnehmungen und Vor- 
stellungen eine Konzentration von psychischer Energie stattgefunden, 
die den motorischen Apparat in den Dienst dieses, durch gemeinsame 
Energiebesetzung einheitlich gewordenen, Apparates stellt (Schilder 1). 
„Ich will" hieße dieser Augenblick in die Bewußtseinssprache des Er- 
wachsenen übersetzt. Die automatisch eintretende Folge dieses Wollens 
— so müßte sich der Vorgang dem Kinde selbst darstellen — ist, daß der 
Wunsch erfüllt ist, weil sich keinerlei weitere psychische Prozesse zwischen 
die Energiebesetzung — die Wunschbildung — und den Erfolg einschieben, 
wenn die Besetzung stark genug war, der Wirkungswert des optischen 
Bildes z. B. groß genug war, die intendierten Bewegungen auszu- 
führen. 



I 



Die Bemäch tigungsformen. 155 

Es ist naheliegend genug, anzunehmen, daß die der erogenen Zone 
entzogene Libido zur Erhöhung der Wirkungswerte einer Anzahl von 
Wünschen verwendet wird. Sie dient der Stärkung des Ich, der Vor- 
stufen des Ich, die durch diesen Energiezufluß erst zum Ich werden — 
freilich nur zu dem des Vierteljahrkindes, das einen weiten Ausbildungs- 
weg bis zum erwachsenen Ich hat. Wenn wir aber von der Verstärkung 
des Bemächtigungstriebes sprachen, so ist das kein Widerspruch, denn die 
Wünsche und Erlebnisse, deren Wirkungswert auf diesem Stadium erhöht 
wird, und die zu einer zentralen Regulationsgruppe sich auszubilden be- 
ginnen, gehören dem Bemächtigungstrieb zu. Wir haben also den Weg 
der Machtvergrößerung des Bemächtigungstriebes angedeutet, damit aber 
Fragen angeschnitten, die einem folgenden Zusammenhang angehören. 

Die Bemächtigungsformen. 

Das zweite und dritte Vierteljahr des Säuglings ist eine recht ein- 
heitlich charakterisierbare Periode. Bei aller Fraglichkeit jeder Perioden- 
einteilung der Kindheit kann diesem Eindruck doch berechtigterweise 
nachgegeben werden. Schon die alte Kinderpsychologie hat einen guten 
Teil dieses Halbjahres unter dem Namen des Greiflingsalters (Sigis- 
mund) zusammengefaßt. Uns ist er begrenzt durch zwei wichtige Er- 
eignisse; das Greifen im engeren Sinn, die Greifhandlung, steht an seinem 
Anfang, die Zahnung und Entwöhnung an seinem Ende. Die erste 
Etappe der Entwicklung des Bemächtigungsapparates fällt in diese Zeit, 
sie gehört, wie noch des Näheren auszuführen sein wird, dem Bemächti- 
gungstrieb. Und sehr viele der in diesen Monaten erstmalig auftretenden 
oder erstmalig deutlich beschreibbaren psychischen Phänomene stehen 
in einem bestimmten strukturellen Zusammenhang mit der Greifent- 
wicklung bezw. mit den Erscheinungen, die wir dem Bemächtigungstrieb 

zuschreiben. 

Diesen selbst nun verständlich zu machen, beachten wir umfäng- 
licher und sorgfältiger als bisher geschehen konnte, welche Verwendung 
der entwickelte und sich fortschreitend entwickelnde Bemächtigungs- 
apparat findet. 

Zwei Verhaltungsweisen, die in diesen Zusammenhang gehören, füh- 
ren uns wieder ins erste Vierteljahr zurück. Bei geeignetem Reiz öffnen 
sich die Lippen des Mundes, umfassen rüsselartig den Reizträger, wenn 
er nur gewissen Bedingungen entspricht, und üben den Saugakt aus. 
Die Bewegung der Hand in den Mund wird bald eine bevorzugte, die sich 
auch Hindernissen gegenüber durchzusetzen weiß. Dabei handelt es sich 
von Anfang an nicht um ein völlig passives Verhalten, wenn dieses auch 
bei weitem überwiegt. Andeutungen von Hinwendung des Kopfes, Be- 
mühungen nach der Hand der Mutter zu schnappen, gehören nicht selten 






156 Der Bemächtigungstrieb. 

bereits dem Neugeborenen an. Beide sind insofern etwas anderes als bloß 
passive Funktionen, als sie der Bemühungen der Kopf-, Hals- und Nacken- 
muskulatur bedürfen, und die Auslösung dieser Bewegungen durch eine 
Wahrnehmung erfolgt, die nicht dem Bemächtigungsorgan selbst zu- 
kommt; einerlei, ob als auslösender Reiz eine optische, olfaktorische oder 
auch eine taktile Wahrnehmung (etwa der Wange, jedenfalls nicht eines 
Bestandteils der Mundzone im engeren Sinne) gedient hat (Popper). 
Wir haben somit bereits beim Neugeborenen das Urbild der Zweck- 
handlung gegeben mit ihren Faktoren: dem Zielorgan (Mund), dem 
apperzeptiven (demonstrativen) Hilfsorgan (Geruch etwa), dem motori- 
schen Hilfsorgan (Hals-, Nackenmuskulatur); alle drei in Kongruenz in 
bezug auf das Objekt und den Endzweck der ganzen Bemächtigung: 
Brustwarze — Trinken (Saugen). 

Es lohnt sich vielleicht, die bereits dargestellte Entwicklung im 
ersten Vierteljahr auf diese Beziehungen hin zu revidieren. Da drängen 
sich Tatbestände auf, die in gewisser Schematisierung, wie mir scheint, 
doch ohne Vergewaltigung, sich so formulieren lassen. Die in nuce beim 
Neugeborenen gegebene Koordination der verschiedenen psychischen 
Sphären auf die orale Bemächtigung wird in der nächsten Zeit weit- 
gehend zerstört. Die Sinnesorgane verlieren ihre apperzeptive Hilfs- 
funktion oder präziser gesagt, sie nehmen eine reiche Entwicklung, die 
von dieser Funktion unabhängig ist, so daß diese selbst fast bis ans 
Unbemerkbare in den Hintergrund tritt. Das Geruchsorgan und seine 
psychische Entfaltung ist zu wenig bekannt, als daß man seine apper- 
zeptive Hilfsfunktion bei der Bemächtigung studieren könnte. Alles 
spricht dafür, daß sie anfangs vorhanden ist und gewiß tritt sie normaler- 
weise sehr bald in den Hintergrund oder erlischt sogar völlig. An seine 
Stelle tritt das Auge, das umgekehrt in den ersten Tagen bei der Be- 
mächtigung gar keine Rolle spielt; dann immerhin bei ihr sekundär mit- 
wirken kann, aber sich wochenlang ohne Zusammenhang mit ihr, nach 
seinen eigenen Entwicklungslinien entfaltet und erst bei der Zweckgreif- 
handlung, aber von da an zeitlebens, das führende apperzeptive Hilfs- 
organ der Bemächtigung bleibt. Die immerhin bemerkbare Funktion 
des Auges im ersten Vierteljahr ist: 1. seine Mitwirkung beim Saugen, die 
Erkennung der Mutterbrust, Flasche, Gesicht, der vorbereitenden Hand- 
lungen der Säuglingspflege; 2. kann man hierher das so frühe Suchen der 
Schallquelle mit den Augen eindeuten ; 3. kann jeder sensorielle Aufmerk- 
samkeitsakt, also nicht zuletzt der optische, begleitet sein von Mund- 
spitzen, Mundgrimassen, als würde jede sensorielle Erfahrung von der 
oralen Zone zunächst auf sich bezogen und mit Vorbereitung zum Schnap- 
pen beantwortet. Doch gilt dies für die taktile Sphäre — bemerkens- 
werter Weise — nur in Andeutungen. Die akustischen Reize lösen ur- 
sprünglich nur Schreckreaktionen aus, sind sozusagen überhaupt nicht 



Die Bemächtigungsformen. 157 

vorhanden. Ihr Übergang in lustvolle Qualitäten, ihre weitere Entwick- 
lung ist unabhängig von jedem direkten Bezug auf die Bemächtigung. 
Abgesehen vom Mundspitzen auch bei der akustischen Aufmerksamkeit, 
lösen Töne als solche, wenn ihr Erreger nicht gesehen wird, weder jetzt 
noch später, Bemächtigungshandlungen aus. Das gleiche gilt von An- 
fang an und für die orale Bemächtigung zeitlebens, für die taktilen Beize. 
Nur die Einschränkung ist zu machen, daß die taktile Beizung gewisser 
der oralen Zone benachbarter Partien (der Wangen z. B.) anfangs direkte 
Bemächtigungshandlungen (Schnappen zuweilen mit der geeigneten 
Kopfbewegung) hervorrufen, ein Verhalten, das aber offenbar bald auf- 
gegeben wird. Für den Säugling ist demnach das apperzeptive Hilfs- 
organ der Bemächtigung kat exochen das Auge. Es tritt aber entschieden 
in diese Funktion erst relativ spät ein, nachdem es einige Wochen selb- 
ständiger Entwicklung hinter sich hat. Während die Nase, die die Bolle 
des Auges in den ersten Lebenswochen innehat, sie in diesem Lebensab- 
schnitt auch bereits ausspielt. 1 ) 

Auch bei den motorischen Hilfsfunktionen ist im ersten Vierteljahr 
eine ähnliche Verselbständigung zu sehen. Hier noch mehr wie bei den 
apperzeptiven, ohne daß der Zusammenhang völlig gelöst würde. Die 
Halsnackenmuskulatur verliert ihre Bedeutung für den oralen Bemäch- 
tigungsakt noch lange nicht. Eine Zeitlang schnappt der Säugling noch 
nach Objekten, die er bereits mit der Hand ergriffen hat und dem Mund 
zuführt (Shinn). Aber bereits in den ersten Lebenswochen tritt die Kopf- 
bewegung sehr deutlich und immer mehr in den Bereich der optischen 
Apperzeption, während andererseits die Hand, vom zweiten Vierteljahr 
an, das weitaus wichtigste motorische Hilfsorgan, vom zweiten Halbjahr 
an das einzige, erst monatelang von der oralen Bemächtigung unab- 
hängig, tätig ist. Sie ist anfangs eher noch das Objekt der oralen Be- 
mächtigung als ihr Hilfsmittel. Freilich ein Objekt, das durch seine 
Buhelage, und die bevorzugte Richtung seiner spontanen Bewegung die 
orale Bemächtigung seiner selbst — sozusagen — sehr oft ermöglicht 
und recht erleichtert, häufig sogar das Eingreifen der Kopfbeweger un- 
nötig macht. 

Im angeborenen Klammerreflex und im ziellosen Zugreifen der Hand 
(während des ersten Vierteljahres) haben wir eine Verhaltungsweise vor 
uns, die man nicht notwendig der oralen Bemächtigung unterordnen muß. 
Es böte diese Bemühung zwar kaum eine Schwierigkeit, sie ist aber nicht 
in jedem Einzelfall zwingend, sondern wir können dieses Verhalten als 



') Was aber nicht streng gilt, denn für die sexuelle Beniüchtigung bleibt die 
Nase — wenigstens bei gewissen Typen — ein, wenn auch recht sekundäres, nppcrzep- 
tives Hilfsorgan; und auch für die orale Bemächtigung hat die Nase Mitfunktionen — 
etwa ui jenen psychologisch so gut wie gar nicht beobachteten Vorgängen, die wir 
Appetit heißen. 



158 Der Bemächtigungstrieb. 

eine bis zu einem gewissen Grad selbständige Bemächtigungsform an- 
sehen, die wir als haptische neben der oralen bezeichnen können. Soweit 
die haptische von der oralen Bemächtigung unabhängig ist, wäre sie als 
Tendenz zu beschreiben: Der Säugling klammert sich an die Mutter an. 
Beim Menschensäugling gewinnt diese Tendenz nur sehr zerstückelten 
Ausdruck, während sie beim Säugling der Menschenaffen als in sich ge- 
schlossene Verhaltungsweise erkennbar ist (Brehm, Mitchell). So 
spielt die haptische Bemächtigung im ersten Vierteljahr nur eine unter- 
geordnete Rolle in einigermaßen selbständiger Verhaltungsweise: Klammer- 
reflex; Greifen beim Fallen; Zugreifen, wenn Objekte die Bahn der lust- 
bewegten Arme kreuzen, falls dies Objekt nicht unmittelbar in den Mund 
geführt wird, sondern in der Hand fest umklammert wird, der Arm aber 
seine Lustbewegungen fortsetzt. In Bezug zur oralen Bemächtigung sehen 
wir die haptische, wenn die erfaßten Gegenstände zum Mund geführt 
werden und in den greifenden und schlagenden Bewegungen der Hände 
an der Mutterbrust während des Saugens, die schon sehr früh wahrnehm- 
bar sind und nicht selten in den ersten Wochen schon zu richtigem Halten 
der Mutterbrust sich ausbilden. 

Die neurologischen Gegebenheiten, die festen Verhaltungszusammen- 
hänge und Beziehungen erscheinen demnach im ersten Vierteljahr recht 
durcheinandergeschichtet, sich weitgehend dezentralisiert zu entwickeln. 
Versteht man die Erscheinungen des zweiten Vierteljahres als zentrierte 
Verhaltungsweise, die auf (hauptsächlich orale) Bemächtigung tendiert, 
so sieht man auch in den voraufgehenden Wochen die vielfach verstreuten 
Ansätze dieses triebhaften Verhaltens. Und man kann die im 4. Monat 
(normalerweise spätestens) erreichte Stufe als ein Resultat der Entwick- 
lung ansehen. Man kann aber auch den Eindruck haben, als wären die 
Ansätze Fragmente und als wäre ihre Verstreutheit und Dezentralisation 
die Zerstörung eines phylogenetisch gegebenen Zusammenhangs. Diese 
Anschauung drängt sich beim Vergleich von Menschensäuglingen mit 
Menschenaffensäuglingen auf. Es erschiene demnach der Entfaltungs- 
gang der Bemächtigung beim Säugling als ein Spezifikum des Menschen. 
Die beim Neugeborenen noch gerade sichtbare feste Beziehung Nase — 
Kopfmuskulatur — Mund wird unterbrochen, eine Verschiebung der Ent- 
faltung des Bemächtigungstriebes findet statt; während dieser Latenz- 
pause, die das erste Vierteljahr einnimmt, entfalten sich die für die Be- 
mächtigung nötigen Apparate selbständig, reichlich und umfangsweiter 
— in der bereits zusammengefaßten Weise. Und treten im 4. Monat zu 
einer neuen festen Verhaltungsweise im Dienste der Bemächtigung wieder 
zusammen: gesehenes Ding — Ergreifen — Ergriffenes in den Mund. 
Die orale Bemächtigung hat keine wesentliche Entwicklung mehr, 
sie ist im Prinzip auf der Stufe der vollständigen Greifhandlung abge- 
schlossen. Die Vervollkommnungen, die an den Funktionen des motori- 



I 



Die Bemächtigungsformen. 159 

sehen Hilfsorgans Hand sich einstellen, haben wir bereits geschildert, die 
Kopfbewegungen treten in diesem Zusammenhang bald ganz zurück. 
Das Auge als apperzeptives Hilfsorgan erhält die unbestrittene Führung. 
Und zwar in beiden Richtungen: die Bemächtigung geschieht, so gut 
wie ausnahmslos, nur nach optischer Auslösung und beinahe jede optische 
Wahrnehmung löst Bemächtigungsbemühungen aus. 

Wochenlang besteht ein überwiegend großer Teil des Wachlebens 
des Säuglings (im 4. bis 5. Monat) aus nichts anderem als optisch aus- 
gelösten oralen Bemächtigungshandlungen. Bis allmählich die orale Be- 
mächtigung in die zweite Reihe, in den späteren Jahren der Kindheit 
mehr und mehr in den Hintergrund tritt. Natürlich ohne je ganz ver- 
lassen zu werden; denn auch im Seelenleben der Erwachsenen spielt die 
orale Bemächtigung eine, wenn auch sehr abgeschwächte, Rolle. Daß sie 
latent, im Unbewußten als Triebregung von beträchtlicher Stärke zeit- 
lebens bestehen bleibt, behauptet mit gutem Recht die Psychoanalyse, 
die zu oft hinter depressiven Zuständen aller Art gerade die verdrängte 
orale Bemächtigung als entscheidendes Agens aufdeckte, um nicht auch 
im normalen Seelenleben Wirkungen dieser Triebregung annehmen zu 

wollen. 1 ) 

Die vorliegenden Beobachtungen erlauben über einen Punkt keine 
feste Äußerung: Was mit den Objekten im Zielorgan selbst geschieht. 
Sehr häufig werden sie zum Ludein benützt; oft — anscheinend als nicht 
schmackhaft und interessant — kaum an den Mund gebracht, wieder los- 
gelassen ; oft wird in späterer Zeit an ihnen herumgeknabbert und geschnup- 
pert. Eine Regel, ein Verständnis läßt sich nicht gewinnen. Sicher ist 
nur, daß keines der zahllosen in den Mund gebrachten Objekte geschluckt 
wird. Nicht einmal ein Versuch dazu wäre wahrzunehmen. Geschieht es 
ja einmal, so ist der Eindruck überwältigend, daß es aus Versehen ge- 
schah; übrigens ist mir kein Fall bekannt, wo ein Verschlucken vor der 
Entwöhnung stattgefunden hätte. Die orale Bemächtigung ist also kein 
direkter Vorbereitungsakt für das Verzehren. Sie tritt vielmehr in einer 
Zeit auf, wo ausnahmslos die Einverleibungsbewegungen, Saugen und 
Schlucken, nur bei Flüssigem von bestimmter Qualität einsetzen. Und 
auch In der Periode, die die Säuglingszeit abschließt, in der feste Nahrung 
gekaut und geschluckt wird, ist die Folge der oralen Bemächtigung nicht 
das Verzehren, sondern das Ludein, das Beknabbern, ein kurzes im oder 
am Mund halten. Die meisten Autoren sprechen davon, daß es sich um 
ein apperzeptives Interesse des Säuglings handle, der Mund ist ein Tast- 
organ, die orale Bemächtigung ist ein Wahrnehmen, das Kind tastet 
jedes Objekt, das ihm ergreifbar ist, mit seinem ursprünglichen Tast- 
organ (Stern, Bühl er). Ohne leugnen zu wollen, daß der Mund ein Tast- 

>) Erst neuerdings hat Abraham auf die Bedeutung der oralen Triebregungen 
mit Nachdruck hingewiesen. 



160 Der Bemächtigungstrieb. 

organ ist, scheint mir diese Auffassung doch nicht befriedigend. Sie 
räumt dem perneptiven Interesse eine Rolle ein, die ihm nicht zu- 
kommen kann. In den frühen Entwicklungsphasen handelt es sich um 
Triebe und Affekte. Das Interesse an der Wahrnehmung, das aus dem Er- 
kenntnisdrang stammt, steht gewiß nicht am Anfang der Entwicklung, 
sondern entsteht aus Trieben und Affekten auf einem langen und kom- 
plizierten Weg, der uns hier nicht beschäftigt. Es fehlen sorgfältige Unter- 
suchungen über die Kriterien des Säuglings (und einjährigen Kindes), nach 
denen es genießbare Objekte von den anderen unterscheidet; ob er solche 
Kriterien überhaupt auch für feste Speisen hat, wie er sie erwirbt und ver- 
vollkommnet. Darum läßt sich Sicheres über den Zusammenhang der oralen 
Bemächtigung mit dem „Fressen" noch nicht feststellen. Mein Eindruck 
würde sich dahin äußern lassen, daß das Kind in oder kurz nach dem Ent- 
wöhnungsalter von solchen Kriterien geleitet wird; und daß es Resultat 
einer späteren Entwicklung ist, die übrigens gar nicht bei allen Kindern 
einzutreten scheint, wenn es sich zum Omnivoren entwickelt, Kupfer- 
pfennige, Zelluloidkugeln und Tinte schluckt. 

In ein entscheidend neues Stadium tritt die Bemächtigung dadurch, 
daß sich der feste Zusammenhang zwischen oraler und haptischer Be- 
mächtigung lockert, schließlich völlig löst. S cupin hält folgenden Mo- 
ment (aus dem 5. Monat) des Säuglings fest: ,,Es hielt heute sein am 
meisten bevorzugtes Spielzeug, einen Bajazzo mit Holzgriff, in den 
Händchen, beugte sich vor und ließ es fallen. Das Erklingen der 
Schellen beim Falle erregte seine Aufmerksamkeit, er suchte, bis sein 
Blick an dem am Boden liegenden bunten Dinge haften blieb. Der 
Bajazzo wurde aufgehoben und ihm ins Händchen zurückgegeben. 
Neues Betrachten, neues Betasten, dann — pardauz! Lag das Spiel- 
zeug wieder am Boden. Dabei beugte sich das Kind mit energischem 
Ruck vor und sah dem fallenden Dinge nach, dies geschah mehrmals." 
Die haptische ist keine Teilhandlung der oralen Bemächtigung, sondern 
sie ist in den Dienst der akustischen Lust getreten. Dieser Fall mag an- 
fangs nur sporadisch vorkommen, so sehr, daß er wie Zufall erscheinen 
mag. Sehr bald aber läßt das Verhalten des Säuglings keinen Zweifel 
darüber, daß die Ergreifung des Objektes zur Lärmerzeugung erfolgt. In 
dem eben zitierten Beispiel hat auch das „intellektuelle" Interesse eine 
bedeutsame Rolle; dem Programm dieses Buches gemäß sollen aber 
die Probleme der intellektuellen Entwicklung nicht ausführlich erwähnt 
werden. 

Es sind im allgemeinen Gegenstände, die sich für den Gebrauch 
durch den Mund nicht eignen oder die nur ungeschickt in den Mund zu 
führen wären, welche zur Lärmerzeugung verwendet werden. Aber auch 
bei diesen ist es keineswegs so, daß niemals Versuche unternommen 
würden, sie dennoch oral zu verwenden. Vielleicht bleibt der orale Ge- 



Die Bemächtigungsformen. 161 

brauch das ganze Säuglingsalter hindurch ein bevorzugter. Aber doch 
gibt es Fälle genug, in denen die Ergreifung in erster Linie dem Erwerb 
von akustischer Lust dient. In solchen Fällen haben wir keinen Anlaß, 
die Handlung dem Bemächtigungsdrang als solchem zuzuschreiben, wir 
dürfen sie zu den Zweckhandlungen rechnen, die im Dienste der Sexual- 
lust ausgeführt werden. Und haben als wichtigen Fortschritt zu konsta- 
tieren, daß es möglich wurde, die Hand in den Dienst einer anderen als der 
oralen Zone zu stellen. Wobei auch das Auge eine Veränderung seiner 
Funktion erfährt. Es hat nunmehr nicht allein auf Gegenstände hinzu- 
weisen, die sich zur oralen Bemächtigung eignen, einerlei was immer 
ihr Zweck sei, sondern auch auf solche, die akustische Lustmöglichkeiten 
versprechen. Bis dahin war der Säugling auf zwei Wege zur Befriedigung 
der akustischen Zone angewiesen: abwarten, bis ein geeigneter Hörreiz 
zufällig von der Umwelt geboten wird, oder spontane Erzeugung von 
Lauten durch den Stimmapparat (Mund). Er hat von letzterer Möglich- 
keit reichlichen Gebrauch gemacht und erhält nun eine Bereicherung 
dieser Möglichkeiten, indem er die Bemächtigung zur Erzeugung mannig- 
faltiger Geräusche verwertet. 

Eine Gruppe von weiteren Veranstaltungen mit dem ergriffenen 
Gegenstand, bezw. von Bemächtigungsversuchen an hiezu ungeeigneten 
Gegenständen, haben das Gemeinsame, daß sie nicht zu oraler Bemächti- 
gung führen, daß dies anscheinend auch gar nicht ihr Zweck ist. Im 
übrigen scheinen diese Tätigkeiten miteinander wenig Gleichartiges zu 
haben. Es sind die beliebten Verhaltungsweisen: Zerreissen von Papier 
oder wenigstens dessen Zerknüllen; Reißen, Zerreißen, Knüllen, Kneten, 
Kratzen, Zupfen an allen möglichen geeigneten Gegenständen: Decke, 
Stoffen, Wollfäden; Hantieren u. dgl. ; das Greifen nach Nase, Augen, 
Wangen der Mutter und anderer Personen; Kratzen, Reißen an den 
Haaren und was an solchen Handlungen zahlloser Nuancen mehr sind. 
Wie weit alle diese Handlungen wirklich keinen Bezug auf die orale Zone 
haben, läßt sich nicht sicher entscheiden. Eine Nötigung, sie von ihr un- 
abhängig zu denken, liegt nicht vor. Man kann sich leicht die Relation 
zu ihr herstellen, wenn man erwägt, daß all dies ja Zerkleinerungshand- 
lungen sind oder als solche intendiert sein können. Greift das Kind nach 
den Augen — mit besonderer Vorliebe — so kann der Sinn sehr wohl sein, 
das Auge aus seinem Hintergrund herauszupfen zu wollen, oder die Nase 
als Objekt der Bemächtigung soll abgerissen werden, aus der Decke soll 
ein Stück herausgezogen werden, der Teddybär soll entzweigebrochen 
werden usw. — und dies alles, um die so losgelösten, so erzeugten Gegen- 
stände in den Mund zu führen. Eine Absicht, die sich nicht verwirklichen 
läßt, häufig wenigstens nicht erreicht wird. Der Säugling benimmt sich 
aber bei all diesem Tun ganz so wie ein junger Affe, nur ungeschickter 
und fragmentarischer, der auch alles Sichtbare — mit verhältnismäßig 

Bcrnfeld, Psychologie des Säuglings. 11 



162 Der Bemächtigungstrieb. 

geringer Auswahl — erfaßt, an den Mund führt und auf seine Freßquali- 
täten prüft; ungeeignete Objekte zerkleinert, schält, aufbricht, um und um 
wendet, um zu sehen, ob sie nichts Genießbares enthalten. Ein Tun, das 
für den Früchtefresser, der zu schälen, Kerne auszusondern, Früchte auf- 
zubrechen, zu enthülsen hat, in sich geschlossen und vernünftig zweck- 
voll ist, eine direkte Relation zur oralen Bemächtigung hat. Diese selbst 
wieder ist nichts anderes, als die Einleitung des Freßaktes. Beim Säugling 
erscheint dieses gleiche Verhalten vielfach gebrochen und verändert, teils 
durch direkte und gar nicht mühelose und sichere Einwirkung der Um- 
welt. 

Daß bei manchen dieser Tätigkeiten auch noch akustische Lust mit- 
spielt, beim Zerreißen von Papier etwa, sei eben nur erwähnt, ohne im 
Einzelnen nachzuprüfen, ob dies primär oder sekundär ist. Ebenso sei 
hier nur angemerkt, daß bei den Bemächtigungsversuchen am Körper der 
Mutter sehr bald sich ein neues Motiv hinzugesellen mag: die Wahr- 
nehmung der ernsten und spielerischen Schmerzäußerungen der Mutter, 
die das Kind sehr bald mit großem Interesse verfolgt und um derentwillen 
sich bald — und häufig — solche Handlungen als „Spiel", wiederholt und 
bejubelt, vermannigfaltigen. 

Der aktiven Bemächtigung, die uns bisher beschäftigt hat, schließt 
sich zwanglos eine Verhaltungsweise an, die man als passive Form des- 
selben Dranges bezeichnen darf, ohne zu vergessen, daß gerade in ihr 
eine sehr enge Verbindung heterogener Triebe nachweisbar sein wird. 
Nicht immer ist der Säugling — auch im späteren Alter — in der Lage, 
sein Anklammerungsbedürfnis zu befriedigen, dann schreit er nach der 
Mutter und will von ihr auf den Arm genommen werden, um sich an sie 
zu schmiegen und an ihr festzuhalten, anzuklammern. Man tut einer 
Komponente dieses Verhaltens keinen Zwang an, wenn man sie als hap- 
tischen Bemächtigungsdrang deutet, der aktiv nicht erfüllt werden kann, 
sondern der Hilfe der Umwelt bedarf. Die Gebärde dieses Wunsches ist 
das Ausstrecken der Arme. Eine Expression, die ganz allgemein haptische 
Bemächtigungswünsche ausdrückt. Sie ist ja nichts anderes, als 
die Bemühung, die Reichweite der Arme zu vergrößern und den 
zu entfernten Gegenstand zu erreichen und an sich zu ziehen, um 
ihn der oralen Bemächtigung zuzuführen oder einer der anderen 
beschriebenen Verwendungen. In einem Fall kann das Bestreben 
eine umgekehrte Erfüllung erfahren: Wenn das Kind nach 
der Mutter langt; es kann sie nicht heranziehen, aber es 
wird von ihr herangezogen und der Bemächtigungsdrang erfährt 
passiv — ohne eigene Muskelanstrengung — seine Befriedi- 
gung. Eine für den Säugling gewiß merkwürdige Erfahrung, 
deren nicht geringe psychische Folgen wir noch zu betrachten haben 
werden. 






Die Triebkomponenten der Bemächtigung. 163 

Die Triebkomponenten der Bemächtigung. 

Für rein deskriptive Zwecke ist der Terminus Bemächtigungsdrang 
oder auch Bemächtigungstrieb, den wir in diesem Abschnitt so häufig 
gebrauchten, ausreichend präzise. Er umschreibt eine Anzahl von Tat- 
beständen richtig und prägnant. Sollen diese Tatbestände aber in den 
Zusammenhang der übrigen Triebtatsachen eingereiht werden, so müssen 
sie sich eine Zerlegung in Komponenten gefallen lassen. Der Terminus 
Trieb wird für sie daher nicht anwendbar, er kann bestenfalls diesen 
Komponenten zukommen und der Ausdruck Drang bedarf näherer 
Begrenzung. Den Ansätzen einer psychologischen Trieblehre entsprechend, 
die in diesem Buch in engster Anlehnung an Freud vorgetragen werden, 
ist die Frage zu stellen, ob der Bemächtigungsdrang eine Äußerung der 
Sexualtriebe oder der R.-Triebe ist. Erweist er sich aber als das Resultat 
einer Mischung beider, so sind deren Anteile nachzuweisen und, soweit 
es uns möglich ist, voneinander abzugrenzen. 

Je ein Komplex läßt sich vom Ganzen des Bemächtigungsdranges 
leicht absondern und je einer der beiden Triebgruppen zuordnen. Deut- 
lich sind Bestandteile des Freßtriebes in ihm zu erkennen, den wir oben 
den R.-Trieben einzugliedern versuchten; und nicht weniger deutlich 
drängen sich Reiz-Lust-Erscheinungen auf, die wir per definitionein 
den Sexualtrieben zuzuweisen haben. Aber es bleibt, so will es scheinen, 
kein geringer Rest, bei dem die Scheidung nicht so leicht gelingt. Und 
die Relation dieser beiden Komplexe zueinander und zu dem ver- 
mischten Rest gibt Anlaß zu mehr Fragen, als man heute zu beantworten 

wagen darf. 

Die oben versuchte Umschreibung des Freßtriebes paßt sehr wohl 
zu vielen Erscheinungen des oralen Bemächtigungsdranges. Gesehenes 
Ding in den Mund und Mundgerechtmachen des gesehenen Dinges (Ab- 
reißen, Teileauszupfen), schließlich Suche nach genießbaren Bestand- 
teilen im gesehenen, ergriffenen (und als Ganzes nicht genießbar be- 
fundenen) Ding — diese drei Komplexe der oralen Bemächtigung 
decken sich mit dem Freßtrieb, sind zweifellos dessen Erscheinungen. 
Es sind feste, angeborene, bis zu einem gewissen Grad den oralen Be- 
dingungen anpaßbare, von einer Wahrnehmung her auslösbare Ver- 
haltungsweisen, die in sich sinnvoll sind. Sie als Trieb zu bezeichnen, 
liegt kein Einwand vor. Verlaufen sie mit Bewußtsein — und es wäre 
völlig sinnlos, das nicht annehmen zu wollen — so wird die Triebrepräsen- 
tanz durch einen Wunsch gegeben sein, der zu interpretieren wäre als: 
Ich möchte das gesehene Ding in den Mund stecken (und essen). Ist der 
Wunsch unerfüllbar, erzeugt er Unlust, wird er gestillt, Lust, und zwar 
offenbar Befriedigungslust, Ruhelust. Das Ausbleiben von wunsch- 
auslösenden Wahrnehmungen wird nach einiger Zeit motorische Unruhe 
herbeiführen, die als Unbehagen (Unlust) erlebt, zu Versuchen führen 

11* 



164 Der Bemächtigungstrieb. 

wird, die Situation zu verändern, und zwar solange, bis auslösende Wahr- 
nehmungen auftreten. Ist dies nach einiger Zeit nicht der Fall, so werden 
sie halluziniert, und so ein konkreter Wunsch innerhalb der allgemeinen 
motorischen Unruhe gebildet. 

Nach zwei Richtungen entspricht dieses Verhalten allem, was wir 
von R.-Trieben erwarten dürfen. Ihr Ziel ist bekanntlich die Wieder- 
herstellung eines gestörten Ruhe(Gleichgewichts)zustandes. Die Störung 
ist hier einmal eine innere: Hunger. Hunger tritt erst ein, wenn der 
Organismus eine Zeitlang keine Gelegenheit hatte, genießbare Dinge 
zu sehen und zu ergreifen. (Wir sehen dabei zunächst vom Säugling ab.) 
Man muß auf das „und zu ergreifen" eine besondere Betonung legen, 
denn herrschte im Individuum nicht der Drang, sich der gesehenen 
Objekte zu bemächtigen, so würde es auch umgeben von den schmack- 
haftesten Nahrungsmitteln, den akuten Hunger abwarten. Man kann 
daher — in Übereinstimmung mit den Claparedeschen (1) Auffassungen 

sagen: Der Bemächtigungsdrang, vom akuten Hunger losgelöst, 

verhindert unter normalen Bedingungen, dessen sehr unlustvolles und 
sehr gefährliches, weil leicht zu spätes Auftreten. Aber immerhin, trotz 
dieser Schutzfunktion des Bemächtigungsdranges kann jene innere 
Störung eintreten. Was das Individuum dann triebhaft vornimmt, die 
Ortsveränderung z. B., wird letztlich, und zwar triebenergetisch, direkt 
zur oralen Bemächtigung, zur Sättigung, zur Aufhebung der Störung 
und somit zu Wiederherstellung des gestörten Ruhezustandes führen. 
Im System B.-W. wird dann erst Lust, und zwar Ruhelust eintreten, 
die Akte, die zur Wiederherstellung führen, also die Triebhandlungen, 
werden — theoretisch — Unlust sein, wie immer sie sich äußern mag 
als Gier, Erregung, Spannung usw: per definitionem R. -Trieb-Verhalten. 
Der Ruhezustand kann aber auch — zweitens — von außen her 
gestört werden. Gesehenes Ding löst den oralen Bemächtigungswunsch 
aus (Appetit im weiteren Sinn des Wortes) zu einer Zeit, in der der Er- 
nährungszustand des Organismus sich noch nicht durch innere Reize 
psychisch bemerkbar gemacht hätte. Daß dies möglich ist, darf man 
als paradoxe Folge des Bemächtigungsdranges mit seiner Hungerschutz- 
funktion ausdrücken. In diesem Fall wird die Störung behoben, der 
Ruhezustand wieder hergestellt, indem das störende Objekt vernichtet 
wird. Es verliert so radikal und endgültig seinen Störungswert, die 
Möglichkeit „Appetit" auszulösen. Die Vernichtung geschieht oral oder 
im — theoretisch — komplizierten Fall durch Zerstörung, Wegwerfen 
usw. Die orale Vernichtung ist die definitive Entfernung aus dem Ge- 
sichtskreis; sie ist die radikalste und dauernde (ewige), gesichertste 
Fernhaltung des Ruhestörers, die ohne Werkzeuganwendung möglich 
ist. Wenn die orale Vernichtung nicht geschieht, so erfolgt die zeitweilige 
— also nicht dauernde und nicht gesicherte — aber für die nächste 



Die Triebkomponenten der Bemächtigung. 165 

Zukunft ausgiebige Entfernung aus dem Gesichtskreis, wegwerfen, oder 
jenes Maß von Zerstörung, das den Wirkungswert (Störungswert) des 
Objektes herabsetzt, womöglich aufhebt. Die am Baum hängende 
Frucht, Objekt von hohem Störungswert, wird in ein Häufchen von 
zerfaserten Schalen am Boden liegend verwandelt, zerstört, auch wenn 
die Frucht nicht genießbar war. (Ein "Verhalten, das auf Augentiere 
zutrifft; Nasentiere scheinen wegen der präzisen Wahlfähigkeit dieser 
Maßnahmen nicht zu bedürfen.) Auch hier also ein reines R.-Trieb- 
verhalten in jedem konkreten Einzelakt: die gestörte Ruhesituation 
wird wieder hergestellt durch radikale Vernichtung des Ruhestörers und 
eine gewisse Sicherung vor der schärfsten Störung, dem Hunger, durch 
das Ganze der Verhaltungsweise erreicht. 

Diese Einordnung eines sehr umfangreichen Anteils des Bemächti- 
gungsdranges unter die R. -Triebe ist in ihrem Bestand auch für die 
Erscheinungen beim Säugling durch zwei auffällige Tatsachen gefährdet. 
Erstens wollen die bei der Bemächtigung auftretenden Lustäußerungen 
wenig hiezu stimmen. Zweitens findet bei der oralen Bemächtigung nur 
in den seltensten Fällen auch wirklich orale Vernichtung statt. 

Diese zweite Tatsache sei voraus behandelt. So zutreffend sie auch 
ist, besagt sie doch nicht mehr, als daß beim menschlichen Säugling das 
in Rede stehende Phänomen kompliziert ist; daß bei ihm eine Kompli- 
kation stattgefunden hat, von der unsere Erörterung, allgemein wie sie 
geführt werden mußte, abgesehen hatte. Es gibt kaum einen Fall im 
konkreten, psychischen Leben, in dem sich R.-Triebe ganz rein und 
unvermengt äußern könnten, sie sind so gut wie immer durchsetzt von 
Komponenten, die nach der theoretischen Sonderung, die vorgenommen 
werden muß, den Sexualtrieben zuzurechnen sind. Es wird uns noch 
ein wenig einsichtig werden, warum dem so sein muß, warum dies strenger 
gilt als die umgekehrte Behauptung, daß den Sexualtrieben R.-Trieb- 
komponenten beigemischt sind. Für jetzt aber begnügen wir uns mit 
der Erinnerung, daß jede Aufstellung von Trieben keine Tatbestände 
des konkreten psychischen Geschehens meint, sondern theoretische, 
abgegrenzte Begriffe, die der Deutung der konkreten Tatsachen dienen. 
Aber man müßte nicht einmal die Mischung der Triebe annehmen, um 
den zweiten Einwand fruchtbar zu erledigen. Es genügt vielleicht bereits, 
aus der Tatsache, die er meint, zu verallgemeinern. Man kann sie ja 
auch dahin auffassen, daß sie uns einen durchbrochenen Zusammenhang 
zeigt. Die orale Vernichtung ist in ihrer Entwicklung nicht enge ab- 
hängig von der oralen Bemächtigung. Beide ursprünglich und dem 
Begriff nach zusammengehörende Teile einer Verhaltungsweise, sind 
in der mitogenetischen Entwicklung voneinander getrennt. Die Ent- 
wicklung der oralen Vernichtung ist aufgeschoben oder die der oralen 
Bemächtigung verfrüht. Es ist nicht das erste Mal, daß wir eine solche 



166 Der Bemächtigungstricb. 

Zerreißung eines ursprünglichen und begrifflichen Zusammenhanges an- 
nehmen müssen. Was Freud (2) die Zweizeitigkeit der Entwicklung des 
Sexualtriebes nennt, wird auch auf anderen Gebieten deutlich bemerkbar. 
Einheitliche Verhaltungsweisen entwickeln sich ontogenetisch sehr oft 
so, daß sie in zwei Komponenten zerlegt werden, die nacheinander, 
gelegentlich durch einen beträchtlichen Zeitraum getrennt, in Erscheinung 
treten. Das Ganze der oralen Bemächtigung, das Vernichtung und 
Bemächtigung in sich schließt, setzt mit der Bemächtigung allein seine 
Entwicklung an, erreicht zunächst das Endstadium, die Vernichtung, 
nicht, sondern diese muß nach einigen Monaten durch einen neuerlichen 
Ansatz der Entwicklung erst nachgeholt werden. Wir verstehen das 
frühere Stadium, das für sich keinen Sinn hat, erst mit Bezug auf das 
spätere. Die Vermischung des R.-Triebes Bemächtigungsdrang mit 
libidinösen Komponenten gibt den Handlungen eine individuelle Funktion 
auch auf dem ersten Stadium: Lust. So kann die R.-Triebhandlung, 
orale Bemächtigung (ohne Vernichtung) als Lusthandlung erscheinen. 
Daß dies nur Schein ist, lehrt die genauere Betrachtung dieser Lust 

selbst. 

Damit haben wir den ersten Einwand wieder berührt. Die Be- 
mächtigung ist mit Lust verbunden. Mit die Äußerungen stärkster Lust 
knüpfen sich an sie, und zwar ganz dieselben Äußerungen, die wir von 
der Reizlust her bei den mannigfaltigsten Anlässen kennen. Sie ist mit 
Jubel und Stolz von den Beobachtern immer wieder beschrieben. Nun 
könnte man leicht geneigt sein, dort die Erfüllung von Sexualtrieben 
anzunehmen, wo diese laute, erregte Lust sich äußert. Wenigstens nach 
allem Gesagten möchte man den Eindruck haben, als müßte die Ruhelust, 
die wir bei Schlaf und Sättigung fanden, die typische Lustform der 
R. -Triebe sein. Aber wir wissen zu wenig von der Lust überhaupt, um 
es wagen zu können, die zwei extremen Lustformen, die sich wohl sondern 
und in ihrer extremsten Äußerung auch je einem der beiden Triebe zu- 
ordnen lassen, als die einzigen und typischen aufzustellen. Daß sich die 
Lustformen nicht einfach nach ihren Äußerungsweisen scheiden lassen, 
zeigt uns die Lust beim Ludein, die gewiß Reizlust, gewiß den Sexual- 
trieben zugehörig ist, und doch still und intensiv wie die Ruhelust des 
Einschlafens. Daher, wegen der noch so dunklen Kompliziertheit der 
Frage würde es sich nicht empfehlen, die Äußerungsweise der Lust zum 
entscheidenden Kriterium des vorliegenden Triebes zu nehmen. Man 
muß nicht argumentieren, weil die Lust der Bemächtigung sich ganz 
ähnlich der Lust am Hören rhythmischer Geräusche äußert, seien beide 
der Erfolg, und schon gar nicht das Ziel desselben Triebes. 

Wollen wir versuchen, durch Überlegungen in das Dunkel ein wenig 
einzudringen, so bieten sich folgende Tatsachen. Die orale Bemächtigung 
und Vernichtung weist keine Äußerungen von Jubel und lauter Lust auf. 




i 



Die Triebkomponenten der Bemächtigung. 167 

Sie macht tatsächlich den Eindruck, als läge bei ihr der Lustakzent auf 
der abgeschlossenen Handlung, der Aufhebung der Störung, so wie wir 
es von der Ruhelust von vornherein erwarten. Freilich schiebt sich hier 
die Komplikation ein, daß die orale Zone dabei in Funktion tritt, treten 
muß, sich also sekundär Sexuallust mit der R. -Triebhandlung vermischt, 
wenigstens mit ihr mischen kann, wenn ein längeres Funktionieren der 
oralen Zone zur Durchführung der oralen Bemächtigung, Vernichtung, 
nötig ist. Die beträchtlichen Freudeäußerungen sind an die haptische 
Bemächtigung gebunden, und zwar einerlei, ob sie das Mittel zur oralen 
oder zu einer anderen war oder schließlich, ob sie für sich selbst besteht. 
Reizlust ist dies aber gewiß nicht, denn es handelt sich bei allen diesen 
Lustäußerungen keineswegs um rhythmische Bewältigung von Angst 
oder Unlust irgend einer Art. In den speziellen Fällen, wo doch solcher 
Tatbestand vorzuliegen scheint, etwa wenn das Kind unter lebhaftester 
Lustbezeigung mit einem ergriffenen Gegenstand auf den Tisch trommelt, 
wird sich die einfache Auskunft bieten, die Lust eben der Sinneswahr- 
nehmung, der Kinästhesie und ähnlichen Lustquellen zuzuschreiben, 
die mit der Bemächtigung an sich nichts mehr zu tun haben. 

Tritt die Lust als Jubel, Stolz, Triumph nach Leistung gewisser 
Anstrengung an den Erfolg geknüpft auf, so wird man die Lust als wohl- 
verständlich ansehen, einerlei ob der beabsichtigte Erfolg im Dienste der 
R.- oder Sexualtriebe angestrebt wurde. Für die Entscheidung wird 
jedenfalls maßgebend sein, welches die Erfolgsabsichten im einzelnen 
Falle waren. Tritt die Lust ohne diese vorangegangene Arbeit auf, und 
so ist es meistens bei der Freude über das Ergriffenhaben, bleibt uns 
nichts mehr als festzuhalten, daß die Erfüllung eines Triebes, also der 
Erfolg jeder Triebhandlung, Lust bringen muß. Erstaunlich ist nur, daß 
diese Lust auch eintritt, wenn erst ein Teil der Triebhandlung abgelaufen 
ist. Wir verstehen ja die haptische Bemächtigung als Etappe der oralen 
Vernichtung. Erinnern wir uns an die Annahmen, die sich oben ergaben, 
so werden wir diese Lust als Folge jener Libidoentziehung vom Organ 
auf das Ich verstehen. Das heißt, die Lust der haptischen Bemächtigung 
wäre Selbstgefühl. Der Keim des Selbstgefühls wie er dem Keim eines 
Ich auch allein zukommen kann. Aber an eben dieselben Bedingungen 
geknüpft, an die das Selbstgefühl zeitlebens gebunden sein wird: An 
die klaglose Unterwerfung der Welt, die eigenen Körperorgane einbe- 
zogen, unter die Wünsche des Ichs. Wir erleben diesen Fall als Lust; 
der Säugling nicht minder. 

Das Ich nun ist in seiner Stellung zu R.- und Sexualtrieben in dieser 
Situation, der Bemächtigung, wenigstens einigermaßen präzis beschreib- 
bar. Es fördert die R.-Triebe gegenüber den Sexualtrieben, die haptische 
Bemächtigung als Mittel zur oralen Bemächtigung, als Vorläufer der 
Vernichtung, der oralen und haptischen, und eigentlich bereits als deren 



168 Der Bemächtigungstrieb. 

Beginn gegenüber der kinästhetischen Reizlust. Aber im Dienst dieser 
Funktion zieht das Ich selbst Libido an sich, es beginnt vielleicht in diesem 
Alter bereits die Sexualisierung (Erotisierung) des Ich, die sich im zweiten 
Lebensjahr bemerkbar machen wird. 

So sehen wir den Bemächtigungsdrang als eine innige Mischung von 
R.- und Sexualtrieben. Den R.-Triebanteil kann man, je jünger der 
Säugling ist, um so deutlicher als in sich geschlossenen Komplex er- 
kennen. Er ist aber dreifach verdunkelt. Erstens: ontogenetisch in 
zwei (oder auch mehr) Zeiten sich ansetzend und entfaltend; zweitens: 
durch mannigfaltige Vermischung mit libidinösen und im engeren Sinn 
sexuellen (lustbietenden) Komponenten; drittens: durch einen vorweg- 
nehmenden Faktor. Den zweiten Faktor werden wir genauer erkennen, 
wenn wir die libidinöse Struktur des zweiten und dritten Vierteljahres 
(im nächsten Kapitel) studiert haben werden. Den dritten deuten wir 
hier noch anhangweise an. Daß sich das Ich und die haptische Be- 
mächtigung früher entwickelt als die orale Vernichtung überhaupt 
möglich ist, hat seine Voraussetzung in der sozialen Situation des Säug- 
lings: Die Befriedigung oder Verhinderung des Hungers geschieht nicht 
durch ihn selbst, sondern hauptsächlich durch seine Mutter. Ein eminent 
wichtiger Teil seiner R.-Triebe befriedigt sich durch das Bestehen von 
bestimmten Trieben in der Mutter und bestimmte sozialpsychische 
Gegebenheiten. Dies trifft auch für den Tiersäugling zu. Sowie er aber 
abgestillt ist, bedarf er einer ganzen Anzahl von Bemächtigungshand- 
lungen, um nun seinen Hunger selbständig zu stillen. Er übt diese 
Handlungen antizipativ aus, noch während er sich an der Mutterbrust 
befriedigt. Die Zerreißung des ursprünglichen Triebzusammenhanges 
ist also für den verfrüht auftretenden Anteil zugleich antizipative Be- 
tätigung. Für den Menschensäugling gilt das in noch erhöhtem Maße, 
weil seine Selbständigkeit in bezug auf die Nahrungsbeschaffung mit 
der Entwöhnung noch bei weitem nicht erreicht ist. Die Kompliziertheit 
der Lebensbedingungen äußert sich bereits in der Komplikation, die 
einfache und ursprüngliche Triebhandlungsabläufe im Säuglingsalter 
erfahren. Mit Groos(l) dürfte man auch hier von Vorübung und Ein- 
übung sprechen, also die Bemächtigungshandlungen samt und sonders 
Spiel nennen. Nur muß man dessen eingedenk bleiben, daß Vorübung 
und Spiel keine erklärenden Termini sind; vielmehr setzen sie ein Problem 
und zwar das teleologische. 

Die Libidoentwicklung des Greiflings. 

Von den libidinösen Strebungen des Greiflingsalters war zwar in 
diesem Abschnitt schon vielfach die Rede, so daß wir, was die Darstellung 
des Tatsächüchen angeht, nur zusammenzufassen und zu ergänzen 



Die Libidoentwicklung des Greif lings. 169 

brauchen. Ein Teil der Libido ist an bestimmte Körperpartien geknüpft : 
die erogenen Zonen. Deren Zahl und Bedeutung macht gewisse Ver- 
änderungen im ersten Dreiviertel] ahr des Lebens durch, die sich ohne 
Schwierigkeit bezeichnen lassen. Im ersten Vierteljahr sind von Be- 
deutung: die orale, die akustische und kinästhetische Zone. Von diesen 
drei Zonen hat am Ende des dritten Vierteljahres nur die orale Zone ihre 
primäre Bedeutung behalten, vielleicht sogar verstärkt. Die kinästheti- 
sche Zone hat ein gut Stück ihrer Erogenität abgegeben; die Arm- 
muskulatur gehorcht völlig den Ichwünschen, ihre Bewegungen sind 
weitgehend rationalisiert, nicht mehr ausschließlich auf das Ziel der 
Gewinnung von Lust im Organ selbst gerichtet, sondern in den Dienst 
von Lusterwerb (Triebbefriedigung) an anderen Organen oder des Ge- 
samt- Ich gestellt; an der Beinmuskulatur ist derselbe Prozeß bereits 
ziemlich vorgeschritten. Das Ohr als erogene Zone ist bis zur Unbemerk- 
lichkeit in den Hintergrund getreten; es handelt sich bei seiner Erregung 
— der Lust sowohl wie der Unlust — gewiß nicht mehr um taktile Lust, 
sondern die Libidobesetzung ist, im wesentlichen mindestens, auf die 
akustischen Wahrnehmungen (und Vorstellungen) übergegangen. Das 
Ohr verhält sich nunmehr — seit Wochen bereits — in bezug auf die 
libidinösen Prozesse wie das Auge, das von Anfang an durch seine Wahr- 
nehmungen und Vorstellungen in den Zusammenhang der libidinösen 
Erscheinungen eingereiht ist. Ein Sachverhalt, der seine eingehende 
Erörterung an dieser Stelle noch nicht erfahren kann. 

Von der analen Zone wird wegen völligen Mangels an vorliegendem 
Material (s. o.) abgesehen. Wir wissen nichts über die libidinösen Prozesse 
an dieser Schleimhautzone während der Säuglingszeit. Doch soll nicht 
unerwähnt bleiben, daß häufig genug bereits im dritten Monat eine gewisse 
Regulierung der Defäkation gelingt, was uns zeigen kann, daß eine be- 
stimmte Beziehung zwischen den lokalen Erregungsvorgängen und dem 
Ich hergestellt ist. 

Auch über die Erogenität der gesamten Körperoberfläche, der Haut, 
lassen sich keine detaillierteren Aufschlüsse aus dem vorhandenen Be- 
obachtungsmaterial gewinnen (Sadger). Wir wissen, daß bald nach der 
Geburt unter gewissen Bedingungen (etwa im warmen Bad) Lust einer 
nicht unbeträchtlichen Intensität aus ihr bezogen wird und daß dieser 
Sachverhalt für die ganze Säuglingszeit zutrifft; während der Säugling 
noch kaum aus lokal begrenzten rhythmischen Reizen (Kitzeln) Lust be- 
zieht, wenn die Reizung nicht an einer der erogenen Zonen erfolgt. 

So sehen wir eine Verminderung der erogenen Zonen und ihrer 
Bedeutung im Laufe der ersten drei Vierteljahre sich vollziehen. Dem 
steht gegenüber, daß sich in dieser Zeit eine Zone zur erogenen entwickelt, 
die in den ersten Lebenswochen noch keine bemerkliche Rolle spielt: 
die genitale Zone. Zwar fehlen — wie wir bereits feststellten — exakte 



170 Der Bemächtigungstrieb. 

Prüfungen so gut wie ganz, doch wird sich nicht leicht daran zweifeln 
lassen, daß die Sensibilität der genitalen Zone schon in den ersten Wochen 
eine bedeutende ist. Watson konstatiert Erektionen des Penis in den 
ersten Lebenstagen. Keine Erfahrung spricht gegen die Sensibilität. 
Aber eine Rolle kann diese Zone im ersten Vierteljahr nicht spielen, weil 
ihre spezifische Reizung vom Kind selbst noch nicht vorgenommen 
werden kann und von der Mutter, so weit wie möglich, vermieden wird 
oder unbeachtet bleibt. Erst wenn die Fähigkeiten der Hand zu be- 
stimmten Manipulationen gesteigert sind, ist die physische Möglichkeit 
zur Verwendung der Genitalpartie als erogener Zone möglich. Man kann 
daher von vornherein, als allgemeine Erscheinung, die Masturbation 
nicht vor dem vierten Monat erwarten. So weit hier die sehr spärliche 
und zurückhaltende Literatur Auskunft gibt, ist die Masturbation so 
früh, aber noch nicht einwandfrei beobachtet worden. 

Die Autoren differieren polar in der Deutung der masturbatorischen 
Akte, beschreiben und datieren sie ungenau, deren Vorkommen selbst 
aber leugnet niemand; denn wem selbst Erfahrung fehlt, ist doch an 
die unbezweifelbar gelegentlich stattgehabte Beobachtung anderer ge- 
bunden. Moll z. B., der nicht allein seine eigenen Erfahrungen, sondern 
auch die verstreute kasuistische Literatur mitverarbeitet, betont, daß 
im Säuglingsalter Erektion, manuelle Manipulationen an den Genitalien 
und masturbatorische Akte durch Zusammenpressen der Oberschenkel 
usw. vorkommen. Die Deutung all dieser Handlungen als sexuell scheint 
ihm unwahrscheinlich, ohne daß er sie für alle Fälle strikte ablehnte. 
Auch die Wollustempfindung „kommt selbst bei kleinen Kindern, 
vielleicht sogar bei Säuglingen, vor. Wenn ein Kind mit weitgeöffneten, 
feuchten Augen daliegt und äußerlich allerlei Zeichen der geschlecht- 
lichen Erregung darbietet, wie sie beim Erwachsenen beobachtet werden, 
so sind wir berechtigt, eine solche Wollustempfindung anzunehmen. 
Was aber auch in diesen Fällen, wenigstens bei jüngeren Kindern, ge- 
wöhnlich fehlt, ist die Wollustakme, die im Moment des Ergusses beim 
Erwachsenen eintritt. Es ist mir zwar gelegentlich auch von Fällen 
berichtet worden, wo sie schon bei Säuglingen eingetreten ist." (Moll.) 
Die Zahl der kasuistisch publizierten Fälle ist nicht ausreichend, immer- 
hin vermag Friedjung (2) eine ganze Reihe von eigenen Beobachtungen 
zusammenzustellen, und seine Literaturübersicht (3) zeigt, daß die Zahl 
der kasuistischen Angaben nicht mehr übersehen werden kann. Der in 
dieser Literatur datierte früheste Masturbationsfall ist aus dem sechsten 
Monat. Friedjung (2) beschreibt einen Fall, bei dem die Masturbation 
im vierten Monat begann. Diese Angabe stammt aber von den Eltern, 
die ärztliche Beobachtung setzte erst im sechsten Monat ein. Das Ende 
des zweiten Vierteljahres wäre demnach im allgemeinen der früheste 
Zeitpunkt für den Masturbationsbeginn. Aus dem dritten Vierteljahr 



Die Libidoentwicklung des Greif lings. 171 

liegt eine verhältnismäßig so große Zahl von Beobachtungen vor, daß 
man es als die allgemeine Beginnzeit der Säuglingsmasturbation an- 
sprechen kann, ohne über deren Häufigkeit selbst damit etwas auszusagen. 
Wir werden nicht einen Augenblick zweifeln, ob wir die Säuglings- 
masturbation dem Sexualleben zuschreiben sollen oder nicht; denn den 
B. -Trieben kann sie nicht zugehören. Ehe wir uns entschließen könnten, 
die Genitalzone im Säuglingsalter grundsätzlich den erogenen nicht 
zuzuzählen, das Motiv der Masturbation in etwas anderem als in der 
Lust, die sie vermittelt, zu sehen, bedürfte es sehr stichhaltiger Argu- 
mente. Solche sind aber nicht vorgebracht worden. Es gehört ja zu den 
Eigenschaften der kinderpsychologischen und auch pädiatrischen Litera- 
tur, daß sie die wissenschaftlichen Probleme nur selten ernst nimmt und 
sorgfältig erwägend durchdenkt. Es fehlt daher an Argumenten; man 
muß diese erst zwischen den Zeilen den Autoren nach konstruieren. 
Sehen wir z. B. wie sich Moll mit dieser Frage abfindet. Er ist kein 
Beliebiger, sondern hat das einzige eingehende Buch über den Gegenstand 
des Sexuallebens der Kinder geschrieben. Freilich ist nicht zu erwarten, 
daß er gerade dem Säugling besondere Beachtung schenkt, was von 
seinem Standpunkt ja eine Art petitio prineipii wäre. Er leugnet nicht 
die Tatsachen, die wir eben, zum Teil nach seinen Angaben, anführten. 
Aber Erektion und Masturbation könnten, meint Moll, durch „nicht 
sexuelle Vorgänge bedingt sein". Die Erektion „z. B. durch eine Ver- 
engung der Vorhaut oder durch entzündliche Erscheinungen am Glied. 
Mitunter führt die Blasenfüllung zur Erektion." Die Deutung der 
masturbatorischen Akte beim Säugling und Kind betreffend, meint 
Moll, „müssen wir vorsichtig sein. Es kommt vor, daß Kinder ver- 
schiedene Körperteile reizen. So gibt es Kinder, die sich mit der Hand 
das Ohrläppchen drücken.... die die häßliche Gewohnheit haben, mit 
den Fingern ins Nasenloch zu fahren, und offenbar steht mit diesen und 
manchen ähnlichen Gewohnheiten von Kindern auch mancher Fall auf 
einer Stufe, wo das Kind die Genitalorgane manuell reizt. Es ist dabei 
nicht eine spezifische Genitalempfindung, die das Kind auslösen will, 
sondern es handelt sich um eine den genannten analoge, vielleicht 
pathologische, aber nicht sexuelle Handlung. In vielen Fällen braucht 
diese aber nicht einmal pathologisch zu sein, und hat folgendes zu be- 
deuten : Wenn das Kind anfängt, sich seiner Organe bewußt zu werden, 
so betastet es sie. Es betastet ebenso seine Nase und sein Ohr, wie seine 
Füße, und daß auch hiebei die Geschlechtsorgane berührt werden, ist 
an sich selbstverständlich.... Daß aus diesen nichtsexuellen Berührungen 
der Genitalien Onanie folgen kann, ist natürlich richtig. Nur soll man 
nicht in jeder Manipulation am Glied ohne weiteres eine sexuelle Handlung 
erblicken." Freilich schränkt er selbst die Möglichkeit solcher nicht 
sexueller Manipulationen sehr ein, wenn er darauf hinweist, daß alle 



Y12, Der Bemächtigungstrieb. 

diese nicht sexuellen Reize sehr leicht die Aufmerksamkeit des Kindes 
auf das Geschlechtsorgan und seine Reizung lenken. 

Nun sehr entschieden, klar und schlüssig sind Molls Argumente 
nicht. Die Überschätzung des „Tastens" haben wir oben bereits ab- 
gelehnt. Sie wird uns in diesem Fall ebensowenig einleuchten. Was 
dann bleibt, ist die Annahme, die manuelle Reizung sei auf derselben 
Stufe wie Nasenbohren, Ohrläppchenzupfen und ähnliche Gewohnheiten. 
Leider sind alle diese Handlungen, wenn sie nicht als Derivate sexueller 
Handlungen aufgefaßt werden, vollständig unverständlich. Die Masturba- 
tion ihnen gleichsetzen zu wollen, hieße sie völlig unverständlich machen. 
Und das ist denn doch ein wenig empfehlenswerter Weg, eine verstand- 
liche Handlung unverständlichen beizuordnen und dann nicht zu ver- 
suchen, die unverständlichen aus den verständlichen zu erklären (also 
nicht das Ohrläppchenzupfen als Onanieersatz aufzufassen), sondern auf 
das Verständnis aller zu verzichten. Solches Verfahren ließe sich nur 
rechtfertigen, wenn ein ganz besonders ausschließender Grund vorläge, 
der aber eben nicht von Moll und nicht von den anderen aufgewiesen 
wird. Übrigens hätte diese Erklärung noch die Schwierigkeit, daß beim 
Säugling Nasenbohren usw. kaum vorkommen, wohl aber die Masturbation. 
Aber all diese halben Bejahungen und halben Verneinungen sind nur 
dann nötig, wenn man ein affektives Motiv hat, die Möglichkeit nicht- 
sexueller Masturbation festzuhalten. Fehlt dieses Motiv — und es sollte 
der wissenschaftlichen Betrachtung fehlen — braucht man nicht zu 
sagen: es gibt Masturbation des Säuglings, aber man soll nicht jeden 
Säugling dieser (sc. unanständigen) Handlung verdächtigen; sie ist bei ihm 
vielleicht nicht sexuell. Sondern man wird sich um die Entstehung, die 
Formen und die Bedeutung dieser Handlungen kümmern ; daß sie nicht 
sexuell seien, wird gar nicht einfallen können. 

Die Einschränkungen, die Moll macht, sind in einer Hinsicht be- 
rechtigt: Da die Masturbation nicht von Anfang an vorhanden ist, müssen 
auch Berührungen der Genitalien vorkommen, die erst zur eigentlichen 
Masturbation hinführen werden. Als solche können all die von Moll 
genannten Reizungen, zufälliges Ergreifen der Genitalien durch die 
Hände, die Reize, die von der Defäkation, bzw. den Fäkalien, in denen 
das Kind eine Weile lang liegt, dem Urinieren, bzw. dem Urin herrühren 
und schließlich von den mannigfaltigen Reizen, die sich aus den Manipula- 
tionen der Kinderpflege ergeben, in Betracht kommen (Freud 2). Es 
scheint, daß alle diese Handlungen die Erogenität der Genitalzone erst 
im Laufe der Zeit voll erwecken, doch ist dies nicht sicher; jedenfalls 
wirken sie an der Entfaltung der Genitalzone als erogener zum Teil mit. 
Ehe diese nun erreicht ist, mag die Lustfunktion gelegentlich sich er- 
gebender Manipulationen an den Genitalien fehlen. Sowie diese aber 
erreicht ist, setzt das Masturbieren im eigentlichen Sinn ein. Dieses besteht 



Die Libidoentwicklung des Greif lings. 173 

ja nicht darin, daß das Kind gelegentlich, zufällig einen Augenblick 
die Hand am Genitale hält, sondern in lange andauerndem, immer wieder- 
holtem Manipulieren, das seine spezifische rhythmische Form und seine 
habituelle Stellung der Finger, Schenkel usw. besitzt. Die Störung der 
Handlung wird vom Kind übel vermerkt, ist sie abgewehrt oder beendet, 
so wird die Masturbation fortgesetzt. Die Masturbation wird von allen 
Äußerungen unbezweifelbarer Lust begleitet, geschieht unter Aufzehrung 
der Aufmerksamkeit, ganz so wie beim intensiven Ludein. Zuweilen 
sind auch orgasmusähnliche Erscheinungen beobachtet worden; so 
berichtet Townsend „von einem acht Monate alten Kind, das seinen 
rechten Schenkel über den linken schlug, die Augen schloß und die 
Fäustchen krampfhaft ballte. Nach ein bis zwei Minuten trat unter 
Schweißausbruch und Röte des Gesichtes vollständige Erschlaffung ein. 
Dies wiederholte sich einmal oder mehreremal in der Woche". (Moll.) 
Es ist natürlich unmöglich, solche Fälle anders als sexuell zu deuten, 
auch wenn das Wort nicht den weiten Freudschen Sinn hätte, den wir 
ihm zuteilen. 

Im dritten Vierteljahr tritt somit die genitale Zone als erogene neu 
in Erscheinung, was keineswegs ausschließen soll, daß sie nicht bereits 
früher Lust spendete. Aber zu deutlich sichtbaren, wohlverständlichen, 
festen Verhaltungsweisen führt die Erogenität der Genitalzone an- 
scheinend erst in diesem Alter. 

Eine völlig sichere Entscheidung über die Ubiquität dieser Ent- 
wicklung läßt sich heute nicht treffen. Daß es sich nicht um eine seltene 
oder gar pathologische Erscheinung handelt, ist gewiß. Man darf keines- 
wegs aus der Seltenheit publizierter Fälle auf ein seltenes Vorkommen 
schließen. Vielmehr wissen Mütter, Hebammen, Kinderfrauen sehr wohl, 
daß die Erektion beim Säugling, ebenso wie seine masturbatorischen 
Maßnahmen, sehr häufig, allgemein sind. Es ist ihnen auch wohl bekannt, 
daß Reizung der Genitalzone die Säuglinge beruhigt, einschläfert, daß 
sie mit Lust reagieren; aber eine Untersuchung der Frage, die statistisch 
leicht zu entscheiden wäre, ist nicht vorgenommen worden. Ein Argu- 
ment, das gegen die Ubiquität spräche, ist kaum erfindlich. Die Genital- 
zone, die sehr bald, gewiß im zweiten Lebensjahr bereits, eine sehr be- 
deutsame Rolle für das ganze Leben zu spielen beginnen wird, kann 
kaum an einem Tag zu ihrer libidinösen Besetzung gelangen. Viel wahr- 
scheinlicher ist, daß die genannte Verhaltungsweise keine vereinzelte, 
sondern die allgemeine ist, und die Entwicklung der psychischen Be- 
deutung der Genitalzone schon in der Säuglingszeit einsetzt. Nichts 
spricht dafür, daß die beobachteten masturbierenden Säuglinge in 
irgend einer Weise sich anders entwickelten oder gar pathologischer als 
andere, bei denen dies nicht ausdrücklich festgestellt wurde. Und völlig 
aus der Luft gegriffen, dem Eindruck aufmerksamer Laien völlig wider- 



174 Der Bemächtigungstrieb. 

sprechend, wäre die Annahme einer allgemeinen Unempfindlichkeit der 
Genitalzone, von der all die beschriebenen und implizite gemeinten Fälle 
Ausnahmen wären. Ohne diese Annahme aber ist die Möglichkeit, daß 
die Masturbation keine völlig allgemeine Erscheinung sei, nicht zu ver- 
teidigen; wo doch die Reizung so häufig, so unvermeidlich, und die 
spontane Lusterzeugung durch Masturbation irgend einer Art für den 
Säugling des zweiten Halbjahres in allen ihren Bedingungen gegeben ist, 
für ihn sehr leicht zu haben ist, vorgebildet in zahlreichen Handlungen, 
die zur Erreichung anderer Zwecke, zur Erwerbung anderer Lust dienten. 
Wir werden daher mit Freud annehmen dürfen, daß die Genitalzone 
sich im Säuglingsalter als erogene benimmt und weiters annehmen, daß 
das generaliter in den Monaten sechs bis zehn beginnt, und daß die 
Erreichung dieser Lust durch masturbatorische Akte geschieht. Dem 
individuellen Faktor wird man vielleicht dabei ein nicht geringes Maß 
einräumen können. Nicht darin, ob und wann die erogene Zone am 
Genitalapparat zu Lusthandlungen führt, sondern vielleicht darin, welcher 
Art diese sind, welcher Häufigkeit und Intensität; in welcher Intensitäts- 
relation zur oralen und analen Zone. 

Dem Leser, der eigene Beobachtungen nicht gemacht hat, mögen 
die folgenden Beispiele aus Fried jung (2) das Erörterte vergegenständ- 
lichen: Mehrere Fälle vom 7. Monat bis zum 14. Monat: „Die Kinder 
griffen bei jeder Entblößung mit anscheinend zwecklosen Bewegungen der 
Finger an die Genitalien .... Bei einem Mädchen von 6 x / 2 Monaten sah 
ich dabei bereits scheinbar koordinierte zweckmäßige Bewegungen: es 
führte die rechte Hand an das Genitale, schob den Zeigefinger in die 
Vulva, legte den Daumen und den Mittelfinger auf je ein Labium und 
führte mit den Fingern ziemlich rasche rhythmische Bewegungen aus ... . 
Mädchen 14 Monate. Seit ihrem 6. Monat beobachtet man etwa dreimal 
im Tag, daß sie, so oft man sie schlafen legt, die Beine überkreuzt, mit 
dem Körper wackelt, bis sie rot wird ; dann liegt sie mit verglasten Augen 
auf dem Bauch, reagiert auf Anruf nicht und schläft' ein." 

Diese Beobachtungen seien uns zuletzt noch der Anlaß, anhangs- 
weise einen bisher kaum beachteten Punkt zu erwähnen. Man darf sich 
nämlich füglich wundern, daß der masturbatorische Akt in so frühem 
Alter bereits vollkommen ausgebildet oder in allem Wesentlichen an- 
gedeutet ist. Daß die spätere Masturbation (bis zu der des Erwachsenen) 
von diesem frühen, dem Säuglingsalter an, konstant geblieben ist. Und 
man muß fragen, ob man es Wer nicht etwa mit angeborener fester Ver- 
haltungsweise zu tun hat, d. h., ob es nicht einen unbeachteten Partial- 
trieb der Sexualtriebe gibt, den man geradezu masturbatorisch nennen 
könnte. Ich glaube, eine kurze Überlegung wird genügen, diese Möglich- 
keit abzulehnen, wird uns aber auf einige interessante Details aufmerk- 
sam machen. Ein Teil der masturbatorischen Handlungen besteht in 



Die Libidoentwicklung des Greiflings. 175 

Zupfen, Reißen, Drücken an den Genitalien. Das Kind verhält sich 
zunächst zu seinem eigenen Körper wie gegenüber der ganzen Außen- 
welt : es versucht, sich der erfaßbaren Körperteile zu bemächtigen, offenbar 
um sie der oralen Vernichtung zuzuführen. Hiefür eignen sich Hände, 
Finger, Zehen, Füße und Penis. Sie werden also richtig ergriffen und 
an ihnen, da sie sich nicht — oder soweit sie sich nicht — zum Mund 
führen lassen, und das gilt vor allem für den Penis, jene Zerkleinerungs- 
und Loslösungsversuche vorgenommen, die wir bereits des näheren 
kennen gelernt haben. Dabei wird die Erfahrung der Lust am Penis 
gemacht, die schließlich Motiv der Handlung wird. Größeren Tastflächen 
gegenüber wird von vornherein, da sie sich nicht ergreifen lassen, durch 
Zupfen usw. Zerkleincrungstätigkeit gewidmet, das gilt für das weibliche 
Genitale, an dem bei dieser Gelegenheit sich dieselbe Erfahrung von 
Lust einstellt, wie beim Penis. Das Streichen und Reiben ist Wieder- 
holung der bei der Kinderpflege erlebten lustherbeiführenden Hand- 
lungen. So bestehen die masturbatorischen Handlungen aus der An- 
wendung von Bemächtigungs- und Nachahmungshandlungen, die mit 
der erogenen Zone selbst zunächst nichts zu tun haben und deren wieder- 
holte Ausführung an ihr zur Sexuallust führt. Es ist also keine spezielle 
triebhafte masturbatorische Verhaltungsweise, sondern bemerkens- 
werterweise auch hier die Anwendung von R. -Triebhandlungen auf eine 
erogene Zone, ganz wie beim Ludein, das sich ja auch in Anlehnung an 
das Hungersaugen entwickelt und von ihm selbständig macht. Dabei 
wird noch darauf hinzuweisen sein, daß vielleicht ein Rest der masturba- 
torischen Handlung unerklärt bleibt: das Einführen der Finger in eine 
Höhlung beim Mädchen, das Bilden einer Höhlung mit der Hand um 
den Penis beim Knaben. Aus den vorliegenden Beobachtungen ist nicht 
zu entnehmen, ob dies Verhalten schon für das Säuglingsalter zutrifft. 
Jedenfalls bald nachher. In diesem Verhalten ist letzten Endes das 
Wesentliche des Sexualtriebes überhaupt eingeschlossen; es würde nicht 
verwundern, wenn es als das absolut zu Sichernde angeboren sich bereits 
in den ersten Lebensmonaten als Triebhandlung äußern würde. Es ist 
überdies noch gesichert durch die Anlehnung an die R.-Triebziele. Denn 
die Höhlung der Hand gehört zum Greifen an sich. Da aber der Penis in 
der hohlen Hand rhythmisch hin- und hergeschoben, die Lustsituation 
von „Finger im Mund" herstellt, erscheint die hohle Hand als Symbol 
des Mundes, der Penis als Symbol des Fingers. Diese Masturbation ist 
ein Ludein ; auch hier der Mund (Hohlhand) im allgemeinen aktiv, der 
Finger (Penis) „passiv*'. Während beim Mädchen der Finger unsymboli- 
siert bleibt, die Vagina aber den Mund, und zwar einen inaktiven Mund 
symbolisiert. Man braucht diesen Unterschied der Geschlechter nicht 
zu sehr zu betonen, weil die Mädchen in diesem Alter kaum in der Vagina, 
sondern an Klitoris und Labien masturbieren. Aber diese später sehr 



176 Der Bemächtigungstrieb. 

wichtig werdenden Symbolisierungen lassen sich bis auf die Urzeit des 
Säuglingsalters zurückverfolgen. Welchen Sinn diese Symbole für den 
Säugling selbst haben, ob sie ihm irgend einen haben können, wird in 
anderem Zusammenhang zu erwägen sein. Wir notieren hier für uns als 
hübsche Symboltatsache: Die Masturbation ist orale Bemächtigung auf 
symbolem Niveau mit der ähnlichen Lust in dem realen Niveau der 

Körperzone. 

Alle erogenen Zonen erreichen im Greiflingsalter völlige Unabhängig- 
keit von der Außenwelt. Für die orale, anale und Unästhetische Zone 
gilt dies von Anfang an ; die genitale tritt hinzu, sowie die masturbatori- 
schen Handlungen ausgeführt werden können; die akustische — die 
nur zum Teil hier abzuhandeln — fügte sich ein, als das Kind der aktiven 
oralen Lauterzeugung und der manuellen Lärmerzeugung fähig ge- 
worden war. Indes das Kind in der Befriedigung seiner R. -Triebe, im 
wichtigsten Punkt, der Stillung des Hungers, von der Mutter völlig 
abhängig geblieben ist, genau so wie am ersten Tag, kann es die erstrebte 
Reizlust aller erogenen Zonen, also seinen Sexualtrieb, in dessen wichtigstem 
Anteil, selbständig, von Mutter und Außenwelt unabhängig, erreichen. 
Freud (2) bezeichnet dieses Stadium der Sexualtriebentwicklung als 
autoerotisch. Die Sexualtriebe betätigen sich ohne Hilfe der Außenwelt 
an den erogenen Zonen des eigenen Körpers. Dieses Stadium ist nach 
Freud das primäre, ursprüngliche. Wir haben gesehen, daß dies nicht 
ganz streng allgemein gilt, indem bei einigen der erogenen Zonen die 
Reizung von außen eine Zeitlang gewirkt haben muß, ehe die auto- 
erotische Betätigung deutlich wird. Auch Freud macht auf diesen 
Sachverhalt aufmerksam. Er spricht, wie wir bereits zitierten, von der 
Anlehnung der erotischen Befriedigung an die vegetativen Funktionen 
und die Kinderpflege. Die Libido, die an diesen primitiven autoerotischen 
Akten beteiligt ist, heißt bei Freud narzistisch. Und es hat sich in der 
psychoanalytischen Literatur die Formulierung eingebürgert: die primäre 
Organisationsform der Libido ist die nazistische, ein beim Säugling 
gegebener Zustand. Das sorgfältige Studium, das in diesem Buch — zum 
ersten Mal — dem Säuglingsalter gewidmet wird, bestätigt die Berechti- 
gung dieser Formulierung sehr wohl. Nur darf man der Vorstellung nicht 
Raum geben, als wäre auch noch im Greiflingsalter die gesamte Libido 
narzistisch. Vielmehr ist in ihm schon deutlich manches Verhalten be- 
schrieben, das nur derObjektlibido (als dem Gegensatzbegriff zur nazisti- 
schen Libido) zugeordnet werden kann. Der Übergang der narzistischen 
Libido in die Objektlibido kann nicht genau angegeben werden. Bereits 
in den ersten Tagen sehen wir Besetzungsphänomene, die gewiß mit 
Libido sich vollziehen und die nicht an den erogenen Zonen, überhaupt 
nicht am Körper, sondern an Wahrnehmungen und Vorstellungen, also 
an der Außenwelt sich abspielen, an Objekten. Theoretisch darf man 






Die Libidoentwicklung des Greiflings. 177 

trotzdem die Objektlibido von der narzistischen ableiten. Man hat 
vielleicht heute noch gar keine andere theoretische Möglichkeit. Aber 
man darf dann auch nicht vergessen, daß die ersten Ansätze dieses Über- 
ganges sehr früh bemerkbar werden. So früh, daß wir praktisch beinahe 
richtiger formulieren, daß von Geburt an (bzw. einige Tage nach ihr 
gewiß) bestimmte kleine Quanten von Libido zu Objektbesetzungen 
verwendet werden. 

Diese frühen objektlibidinösen Prozesse sind nur im Zusammenhang 
mit den Wahrnehmungen und dem Ich zu studieren. Wir müssen uns 
daher mit ihrer Schilderung noch gedulden. Unter diesen Objekten der 
frühesten kindlichen Liebe — wie man wohl sagen muß, denn wie anders 
wäre das "Verhalten des Kindes zu seiner Klapper, seiner Decke und bunten 
Lichtern zu benennen ? — nimmt eines eine ganz besondere Stellung ein : 
die Mutter. Sie ist nicht allein die Trägerin, die Erweiterung könnte man 
sagen, des allerersten bekannten und geliebten Objektes, der Brust, die 
schon dem Neugeborenen zum Objekt der ersten Hinwendungsbewegun- 
gen wird. Balzac drückt dies schön mit den Worten aus: „Das kleine 
Wesen kennt gar nichts anderes als die Mutterbrust; es liebt sie aus allen 
Kräften; es denkt nur an diese Lebensquelle; es kommt zu ihr und ver- 
läßt sie, um zu schlafen; es erwacht nur, um zu ihr zurückzukehren." 
(Compaire) Sie ist ganz offenbar ein völlig besonderes Objekt, ein Stück 
Außenwelt von besonderer, unvergleichlicher Bedeutung, schon für den 
Greifling. Zunächst ist die Mutter ja die Spenderin von Befriedigungs- 
und Reizlust in reichem Maße. Sie muß schon als Bedingung zahlloser 
Befriedigungssituationen in der Psyche des Säuglings eine wichtige Rolle 
spielen. Aber ich glaube nicht, daß eine Analyse des Liebesverhaltens 
des Säuglings in diesem Faktor restlose Aufklärung finden kann. Diese 
Ansicht ist ebenso naheliegend, wie die Hoffnung auf jene restlose Ana- 
lyse fern. Compaire faßt den Stand des Wissens kurz zusammen, freilich 
seinen Standpunkt scharf akzentuierend: Keineswegs ist „die Liebe zu 
anderen selbst in der kindlichen Form einfach eine durch Ideenassoziation 
um eine und dieselbe Person gruppierte Anzahl angenehmer Eindrücke. . . 
Aber diese angenehmen Eindrücke sind die Gelegenheiten, die Umstände, 
welche das Bedürfnis der Zuneigung anregen und es nach der einen oder 
anderen Richtung lenken. Die Analyse zum Zweck der Erklärung der 
innigen Zuneigung, die das Kind gegenüber seiner Mutter zeigt, kann 
wohl die augenscheinlichen und sozusagen äußerlichen Elemente des 
kindlichen Gefühles aufzählen : die Erkenntlichkeit für geleistete Dienste, 
die Erinnerung an empfangene Liebkosungen, die ganze Reihe von Ein- 
drücken, die dem Nützlichkeitstriebe geschmeichelt oder die Sinne be- 
zaubert haben ; aber es liegt hier noch etwas vor, was die Analyse nicht 
erreicht: das Erbstück der Natur, die Tendenz zu lieben, die aus der 
Tiefe der Seele hervorgeht. Mit anderen Worten : Wir können uns wohl 

Bernfeld, Psychologie des Säuglings. *■ 






178 Der Bemächtigungstrieb. 

über die Gründe Rechenschaft geben, welche das Herz des Kindes zu 
dieser oder jener Person hinziehen, ebenso wie wir beim Studium des 
Wachstums einer Schlingpflanze sagen können, infolge welcher Nähe- 
verhältnisse sie ihre Wickel mehr an den einen Strauch als an den anderen 
gehängt hat; wir vermögen wohl zu der Erklärung zu gelangen, weshalb 
das Kind seine Mutter oder seine Wärterin liebt, aber wir können nicht 
sagen, weshalb es überhaupt liebt." 

So sympathisch das Eingeständnis seines Nichtwissens beim Wissen- 
schafter wirkt — in diesem Fall fehlt leider auch alles Bemühen, die 
nötigen Einsichten zu suchen. Die Autoren begnügen sich durchwegs 
mit den zwei Konstatierungen: 1. „Wenn man sieht, wie ein Säugling 
von sechs oder acht Monaten beim Anblick der Mutter jauchzend die 
Ärmchen nach ihr öffnet und, auf den Schoß genommen, sich an sie an- 
schmiegt, so ist es unmöglich, dies bloß als eine egoistische Freude an- 
zusehen, die sich in nichts von der Freude an einer bunten, blinkenden 
Spielsache unterschiede — es ist vielmehr die erste Regung eines persön- 
lichen Gefühlverhältnisses, das sich vom Kind zu einem anderen 
Menschen hinüberspinnt" und 2. weitere Ableitung scheint nicht möglich. 
Man darf diesen Mangel rügen, auch wenn man keine Hoffnung hat, 
einen entscheidenden Beitrag zur Lösung des Problems zu geben. Viel- 
leicht ergibt sich ein Gesichtspunkt schon aus der Kritik. Diese, glaube 
ich, muß an die Tendenz der Autoren anknüpfen. Es handelt sich für 
sie, z. B. Compairc, Stern, Buchner, darum — oder mit darum — 
den Säugling gegen den Vorwurf zu verteidigen, er sei ein völliger Egoist 
und jeder altruistischen Neigung unfähig. Ein Vorwurf, der ihm wenig 
schadet, eine Verteidigung, die ihm ebenso wenig nützt. Aber der Er- 
kenntnis ist diese Tendenz hinderlich. Denn nicht selten geschieht es in 
solchen Diskussionen, daß die Annehmlichkeit einer Handlung für die 
Mutter mit ihrem Sinn für den Säugling verwechselt wurde. Weil an 
den Haaren gezupft werden unangenehm ist, an den Wangen gestreichelt 
werden, hingegen angenehm, darum ist das eine so wenig eine egoistische 
Handlung wie das andere eine altruistische. .Dieser Trugschluß aber ist 
möglich, wenn man übersieht, daß egoistisch und altruistisch lediglich 
Wertbegriffe sind, aber weder deskriptiv, noch erklärend für psycho- 
logische Tatbestände. 

Wir tun daher gut, uns von diesen unpräzisen Worten zu emanzipieren 
und die Fragestellung zu begrenzen. Der Eindruck, den wir ebenso wie die 
anderen Beobachter aus dem Verhalten des Kindes gewonnen haben, ist, 
daß unter den Objekten des Kindes die Mutter eine bevorzugte Relation 
hat. Worin diese bevorzugte Rolle besteht, werden wir zunächst fest- 
stellen wollen. 

Das Kind wünscht, ersehnt die Anwesenheit der Mutter und den 
nahen körperlichen Kontakt mit ihr. So möchte man seinen Eindruck 



Die Libidoentwicklung des Greiflings. 179 

zusammenfassen. Man hätte damit tatsächlich sehr wesentliche Bestand- 
teile jeder Liebe beim Greifling festgestellt. Zu prüfen wäre, ob dies alle 
in Frage stehenden Handlungen erschöpft und ob dieses Begehren sich 
auf die Mutter ausschließlich, mehr oder anders als auf die übrigen Ob- 
jekte erstreckt. Die erste Frage darf man voll bejahen. Was immer der 
Säugling an speziellen Wünschen hat, zu deren Befriedigung sein eigener 
psychophysischer Apparat nicht genügt, wird in dem einen nach der 
Mutter als nach dem Ziel oder Mittel auslaufen oder beginnen. Alle diese 
Wünsche, welcher Art immer sie sein mögen, verlangen die Anwesenheit 
der Mutter. Wo es sich nicht um imperative Bedürfnisse handelt, etwa 
Hungerstillung oder Schmerzbeseitigung, ist auch bereits die Anwesenheit 
der Mutter Befriedigung und Jubelanlaß. Freilich gehört für den Greif- 
ling zum Begriff der Anwesenheit die Sichtbarkeit des Gesichtes und das 
Hören der Stimme. Deutlich ist, daß die Anwesenheit überaus häufig zum 
körperlichen Kontakt gesteigert werden soll. Was der Greifling sieht, 
dessen will er sich bemächtigen. Er will die Mutter ergreifen; er will von 
ihr ergriffen werden. Wir haben davon bereits gesprochen, daß Zupfen, 
an den Haaren reißen, mit der Hand zufassen, auf den Arm genommen 
zu werden, in diesem Sinn identische Handlungen sind; das heißt, die 
Zärtlichkeitshandlungen sind Bemächtigungshandlungen. Es läßt sich 
ein Katalog dieser zärtlichen Handlungen für das Greiflingsalter noch 
nicht feststellen. Aber zu den bereits genannten dürfte kaum mehr hin- 
zuzufügen sein als: Arme um den Hals schlingen, Kopf und Körper an 
die Mutter schmiegen und irgend eine Berührung suchen. Küssen und 
Streicheln fehlt gewiß diesem Alter, doch dürfte letzteres gelegentlich an- 
gelernt werden. Umschlingen, Anschmiegen, Streicheln sind als die 
spezifischen Zärtlichkeitshandlungen anzusehen. Zur Not möchte viel- 
leicht auch eine Ableitung dieser spezifischen Zärtlichkeitshandlungen 
aus den Bemächtigungshandlungen gelingen. Insbesondere das Streicheln 
läßt sich als abgeschwächtes Schlagen wohl verstehen und dieser Ent- 
stehung nach auch chronologisch sichern. Ich glaube aber nicht, daß 
das nützlich wäre. Drei Momente lassen diese Gruppe als eigentliche 
Zärtlichkeitshandlungen von den übrigen unterscheiden: 1. Sie sind 
offenbar keine Mittel, sondern Ziel. Sie sind es mehr, so will es scheinen, 
als etwa das Zupfen, das zwar nicht als Mittel zu einem Ziel führt, wenn 
es etwa an der Klapper geübt wird ; es gelingt dem Kind nicht, dadurch 
ein mundgerechtes Stück Zelluloid loszulösen; aber doch verständlich zu 
diesem Zweck angewendet werden kann, auch aufgegeben wird, wenn end- 
lich die Fruchtlosigkeit dieses Verhaltens eingesehen wurde. Es soll nicht 
geleugnet werden, daß in der Umarmung auch des Säuglings bereits etwas 
wie Bemächtigungs-Erdrückungstendenz als uralter phylogenetischer Be- 
sitz enthalten sein könnte, aber die Handlung ist hievon völlig losgelöst 
und unabhängig. Sie bringt Lust und will nicht mehr. 2. Die Zärtlichkeits- 

12* 



180 Der Bemächtigungstrieb. 

handlungen bringen Lust, im erogenen und taktilen Sinn; anders und 
mehr als die Bemächtigungshandlungen. Lustvolle Berührung der Korper- 
oberfläche ist ihr Erfolg. 3. Auffallend und in einem gewissen Wider- 
spruch hiemit ist die beträchtliche Beruhigung, die die Zartlichkeits- 
handlungen beim Säugling zur Folge haben. Sie sind exquisite Ruhe- und 
Schlafbringer für manche Kinder in manchen Situationen, für alle Ruhe- 

und Schlafbedingungen. 

Das Problem der Liebe des Säuglings wird sich also zunächst auf das 
Verständnis einschränken: seines Wunsches nach körperlich kontakter 
Anwesenheit der Mutter und der spezifischen Zärtlichkeitshandlungen. 
Ehe wir aber zu diesem Verständnis beizutragen versuchen, prüfen wir die 
zweite Frage, wieweit dies Verhalten der Mutter im besonderen zukommt. 

Was an diesen Handlungen der Bemächtigung zugehört, wird allen 
Objekten gegenüber annähernd gleicherweise geübt. Die Einschränkung 
bedacht, daß normalerweise in der Reichweite der Kinder nur ein Objekt 
zu sein pflegt, das sich jeder Bemächtigung, jedem Zerstückelungsver- 
such widersetzt: die Mutter. Sie trifft eine Auslese unter den auf sie ge- 
richteten Handlungen, indem sie mit den gemäßen Mitteln konsequent 
die für sie schmerzhaften abwehrt oder verhindert. Versucht das Kind 
etwa sich seiner roten, festgesteckten Decke zu bemächtigen, so wird ihm 
das nicht gelingen. Da dieses Objekt für das Kind nur Interesse hat, so- 
weit es sich seiner bemächtigen kann, wird es nach einiger Zeit seine ver- 
geblichen Bemühungen unterlassen, das Objekt tritt in den uninter- 
essanten „grauen" Hintergrund der Wahrnehmungswelt zurück. Die Mutter 
erweckt mannigfaltige Interessen ; kann sich das Kind ihrer nicht be- 
mächtigen, so wird sie nicht zum Hintergrund, sondern bleibt ein Objekt. 
Man kann aber nicht sagen, daß die Mutter allein auch anders als zum 
Zwecke der oralen Bemächtigung verwendet werden kann. Sie teilt 
diese vielseitige Verwendbarkeit mit zwar nicht vielen, aber doch einigen 
Objekten. Sie ist aber das am meisten und mannigfaltigsten verwendbare 
Objekt der Greiflingswelt. 

Wir haben bisher den Wirkungswert des Gesehenen in bezug auf die 
Bemächtigung zu schematisch betrachtet. In dem jetzigen Zusammen- 
hang wird es nötig, auf eine Bedingung der Bemächtigung hinzuweisen. 
Der Bemächtigungswunsch tritt nur dann ein, wenn das gesehene Ding 
keine Angst erweckt. Erzeugt es Angst, so tritt statt der Bemächtigung 
die Flucht ein. Die Mutter gehört zu den bestbekannten Objekten, sie 
erzeugt keine Angst. Denn die „Mutter mit dem niegesehenen schwarzen 
Hut" (Bühler) ist nicht die Mutter, sondern ein fremdes Objekt. Auch 
diese Eigenschaft kommt ihr nicht ganz ausschließlich zu; sie teilt sie mit 

einigen wenigen Objekten. 

Die spezifischen Zärtlichkeitshandlungen sind an Objekte von ganz 
bestimmten Bedingungen gebunden: Sie müssen taktile Lust erzeugen 






Die Libidoentwicklung des Greiflings. 181 

können, also in Weichheit, Widerstand, Temperatur usw., in Größe und 
Gestalt gewisse Eignungen besitzen; sie müssen aber vor allem sich des 
Kindes bemächtigen können; mit einem Wort die Zärtlichkeitshandlungen 
können nur erwachsenen Menschen zukommen. In späteren Zeiten wird 
das Kind sich Ersatz zu schaffen wissen in Spielzeug, Polster etwa und 
was dergleichen unübersehbar Mannigfaltiges mehr sein mag. Mir ist 
nicht bekannt, daß solcher Ersatz im Greiflingsalter beobachtet worden 
wäre. Aber wäre das selbst der Fall, so stünden wir doch zweifellos vor 
einem sekundären Vorgang, eben vor Ersatz; denn in primitiveren Säug- 
lingspflegeformen ist für solche Ersätze nicht einmal Substrat vorhanden. 
Es ist nicht zu bezweifeln, daß diese Zärtlichkeitshandlungen nicht der 
Mutter allein zugewendet werden, sondern Erwachsenen der Umgebung 
des Kindes überhaupt. Sehr früh finden hier aber Bevorzugungen statt, 
ohne daß sie nach den vorliegenden Beobachtungen genauer zu datieren 
wären. Und zwar gilt, was auch von den Objekten der Bemächtigung ge- 
sagt wurde: Erste Bedingung ist, daß die betreffende Person keine Angst 
erzeugt. Sehr bald aber wird von den angstfreien Objekten eines ent- 
schieden bevorzugt; gewiß bereits im Greiflingsalter. Wir wissen nichts 
Spezielles über die Motive und Kriterien dieser Bevorzugungen; sehr 
leicht möglich, daß der Geruch dabei entscheidend mitspielt; gewiß aber 
ist die Bevorzugte, eine der Bevorzugten die Amme des Kindes, also 
dessen psychologische Mutter. Auszuschließen ist mit unseren derzeitigen 
Kenntnissen nicht, daß die Gebärerin, wenn sie nur sich mit dem Säugling 
beschäftigt, ihm gut bekannt wird, auch wenn sie nicht seine Amme ist, 
Bedingungen, die notwendig zur Bevorzugung führen (uns noch nicht be- 
kannte Bedingungen) bietet. Auch dies läßt sich noch nicht entscheiden, 
ob alle Säuglinge einen Kreis von Bevorzugten, zwei, drei oder mehreren 
bilden können, oder ob dies seltene Einzelfälle sind. Gewiß ist aber, daß 
die Amme und die eigentliche Pflegerin zu den unbedingt Bevorzugten 
gehören. In diesem Sinn läßt sich tatsächlich sagen, daß das primäre 
Objekt der Zärtlichkeitshandlungen die Mutter ist. Man darf nur nicht, 
der schematischen Einfachheit zuliebe, übersehen, daß anscheinend die 
Übertragbarkeit dieser Liebesbeweise beträchtlich groß und relativ leicht 
ist; um so mehr, je jünger das Kind ist; wobei vielleicht gerade das Ende 
des zweiten Vierteljahres einer der Wendepunkte ist. Je älter das Kind 
ist, desto geringer mag die Übertragbarkeit sein, desto größer aber wird 
die Erweiterbarkeit des Kreises der Objekte. Auch hiefür scheint der 
sechste bis siebente Monat eine bemerkliche Grenze zu sein. 

Ein gewisses Verständnis dieser Tendenzen des Säuglings wird sich 
erst in späterem Zusammenhang ergeben. Hier können nur einige vor- 
bereitende Bemerkungen stehen, die uns sofort wieder in die Libidotheorie 
und Energielehre führen würden. Ich habe kurz darauf hingewiesen, daß 
das Objekt der Bemächtigung ein Interesse des Kindes erweckt. Diese 



182 Der Bemächtigungstrieb. 

theoretisch sehr wichtige Tatsache soll nicht beiläufig eingeschmuggelt 
sein, sondern wird ihre gebührende Erörterung finden müssen. Vorläufig 
begnügen wir uns aber gern mit der interessanten und zwingenden Fol- 
gerung, daß demnach die Objekte der Vernichtung zugleich libidinös 
besetzte Objekte sind. Daß also, um es populär zu sagen, das Kind liebt, 
was es fressen will. Im einfachen Fall der Auswirkung des R.-Triebes 
haben wir die komplizierte Situation, daß die R.-Triebaktion und das 
R.-Triebobjekt libidinöse Komponenten haben. In unpräziser Formu- 
lierung kann man hier von einer Triebmischung sprechen ; wollte man den 
Zustand genauer beschreiben, so hätte man einen recht komplizierten 
Ausdruck zu finden, dessen wesentlicher Inhalt feststellte, daß Libido im 
Dienste des R.-Triebes verwendet wurde und Ruhelust erreichte. Es wird 
naheliegen, bei so enger Triebmischung im einfachen Fall, sich die höher 
zusammengesetzten Erscheinungen nicht einfacher gebaut vorzustellen. 
Und tatsächlich bleibt ja zeitlebens ein gewisses Stück dieser Mischung 
aufrecht. Jede Liebe wird mit Bemächtigungstendenzen eng verbunden 
sein ; und in ihrem verdrängten Anteil lassen sich auch die auf orale Ver- 
nichtung gerichteten Tendenzen nachweisen, die, im manifesten Anteil der 
Liebe zur Zärtlichkeitshandlung ermäßigt — als Küssen etwa — , erhalten 
sind. Diese Ermäßigung und Richtungsänderung einer R.-Triebtendenz 
in eine Sexualtriebhandlung ist beim Greifling noch nicht eingetreten. 
Er kann noch nicht küssen anstatt in den Mund zu stecken, kaum streicheln 
anstatt zu schlagen und zu kratzen. Die ursprüngliche Verwendung der 
Objcktlibido steht im Dienste der Bemächtigung, der oralen Vernichtung. 
Die libidinöse Besetzung der Außenwelt, eine sehr radikale Veränderung 
der pränatalen Situation — das psychische Analogon zur radikalen Ver- 
änderung der Ernährungsweise — findet ihre ursprüngliche Verwendung 
als Motor für den Ablauf von Triebhandlungen, die diese Umwelt durch 
Verzehrung vernichten, dem Organismus einverleiben wollen. Die libidi- 
nöse Besetzung der Außenwelt vermehrt deren Störungswert und vermehrt 
die Aktivität des Individuums, die auf die Beseitigung der Störung ge- 
richtet ist. Die „Liebe" des Greiflings äußert sich in den Formen des 
„Haßes", würde man, die erwachsenen Affekte rückprojizierend, sagen. 
Die primäre Ambivalenz besteht darin, daß die Sexualtriebkraft den R.- 
Triebmechanismen unterworfen ist. Man könnte erwägen, darin das 
Charakteristikum des seelischen Verhaltens des nicht domestizierten er- 
wachsenen Tieres zu formulieren. Während der erwachsene Mensch dazu 
gelangen muß — und normalerweise auch gelangt — diese primäre Ambi- 
valenz weitgehend zu überwinden. 

Die Gruppe der Zärtlichkeitshandlungen sind die Ansatzstelle dieser 
Entwicklung. Sie sind passive Bemächtigungshandlungen sagten wir. 
Je älter der Säugling aber wird, um so entschiedener wird die Aktivität 
zum wesentlichen Merkmal, die passive Bemächtigung verwandelt sich 



Traumen und Versagungen» — Allgemeines. 183 

in das Gegenteil der Bemächtigung. Äquivok ausgedrückt: sie tendiert 
letzten Endes das Vernichtetwerden. Auch dessen Folge ist die Aufhebung 
der Störungswerte, der ganzen Umwelt, der Rückgängigmachung der Ge- 
burt, aber nicht durch Zerstörung der Integrität dieser Außenwelt, sondern 
durch eine Art Aufhebung aller libidinösen Prozesse; sie werden abge- 
löst von den katergischen Verhaltungsweisen. Der Schlaf tritt ein als 
Zeichen und Erfolg der Beruhigung, die auf dem Arm der Mutter erlebt 
wird. Aber die Zärtlichkeitshandlung selbst ist kein Schlaf, sondern ein 
libidinöser Vorgang. Ein Objekt, die Mutter, bleibt libidinös besetzt, und 
zwar an der körperlichen breiten Kontaktzone zwischen den beiden 
Individuen. Die Außenwelt zwischen den beiden Körpern ist zerstört; 
der Gegensatz der autoerotischen Libido und der Objektlibido ist gewisser- 
maßen aufgehoben. Die embryonale Situation ist wieder hergestellt, 
freilich vom katergischen ins libidinöse übertragen. 



D. Traumen und Versagungen. 

Allgemeines. 

Die Entwicklung des Säuglings in den ersten drei Vierteljahren seines 
Lebens haben wir in einer nicht ganz vollständigen und gleichmäßigen 
Weise dargestellt. Manche Erscheinungen haben wir von ihrem ersten 
Auftreten an sorgfältig verfolgt, einige davon ins vierte und fünfte Viertel- 
jahr hinein. Große Gruppen von Phänomenen aber haben wir nur bis ans 
beginnende Greiflingsalter studiert und uns um ihre weitere Entfaltung, 
ihre weiteren Schicksale nicht gekümmert. Andere zwar mehrfach er- 
wähnt, aber nicht zusammenhängend erörtert, so daß sie nun eher als 
Hemmung des Verständnisses, denn als dessen Vertiefung, fragmentarisch 
die geschlossene Linie von gründlicher beachteten Phänomenen durch- 
brechen. Grund und Entschuldigung vielleicht für solches Verfahren ist, 
daßnicht jede psychische Erscheinung gleich in ihren Anfängen verständlich 
zu erfassen ist, sondern sich zuweilen das Verständnis ihrer Ursprünge 
erst bei der Betrachtung eines mehr entwickelten Stadiums rückblickend 
einstellt; daß andere Phänomene zu übersichtlicher Ansicht erst dann 
führen, wenn sie und ihre Folgen aus einem größeren Zeitabschnitt neben- 
einandergestellt verglichen werden oder vielleicht über diesen und jenen 
allgemein-psychologischen Streitpunkt eine gewisse Antwort gesichert ist. 
Dies gilt für den Begriff des Traumas der Geburt, der immer wieder, an- 
fangs recht hypothetisch, im Lauf der Darstellung aber mehr als gesichert 
gebraucht, doch immer nur in beiläufiger Erwähnung verwendet wurde, 
ohne daß der Begriff selbst, die in ihm gemeinten Tatsachen und seine Ver- 
wendung erörtert und gesichert worden wäre. Wir werden bald sehen, daß 
eine gewisse Beziehung zwischen Trauma und Versagung besteht; darum 



184 Traumen und Versagungen. 

mußten jene Erscheinungen, die mit Versagungen verknüpft sind und die 
Versagung selbst, unbeachtet bleiben; denn sie können erst auf den ge- 
sicherten Begriff des Traumas aufgebaut werden. Das Säuglingsalter 
endet mit einer Versagung, der Entwöhnung, so muß auch die Darstellung 
der Psychologie des Säuglings mit der Psychologie der Versagung enden. 
Und es wird nun nötig, im Zusammenhang die Entwicklung der Versagun- 
gen zu schildern, die mit dem Trauma der Geburt zu beginnen hat. Dabei 
wird manches zu wiederholen sein, was dem Leser bei der Schwierigkeit 
der Materie und der Neuheit der Gesichtspunkte vielleicht nicht so unan- 
genehm ist, als dem Autor, der solche "Wiederholung als Ungeschick der 
Darstellung empfinden muß. 

Die Geburt als psychisches Trauma aufzufassen, hat Freud (11) vor- 
geschlagen; seitdem ist dieser Gedanke in den Schriften der Psychoana- 
lytiker immer wieder einmal aufgegriffen worden, ohne daß sich jemand 
veranlaßt sah, ihm mehr Bedeutung als die eines interessanten Einfalls 
zuzumessen, dessen Wert darin liegt, daß er ein gewisses, leider noch genug 
schwaches Licht auf die rätselhafte Tatsache der Angst zu werfen vermag. 
Vor kurzem erst ist von Rank und von Ferenczi (2) in zwei gleichzeitig 
erschienenen Schriften, die sich nur wenig widersprechen, aber weitgehend 
ergänzen, dieser Freudsche Gedanke zum Ausgangspunkt von Anschau- 
ungen genommen worden, die ihn nach zwei verschiedenen Richtungen 
ausbauen und fundieren. Mein hier vorliegendes Buch tut das gleiche, 
mit Rank und Ferenczi nur in wenigen Punkten in Widerspruch, im 
wesentlichen sie ergänzend und von ihnen ergänzbar. 1 ) Einwände gegen 
diese Verwendung der Freud sehen Ideen und gegen diese selbst, wurden 
noch nicht erhoben, weil jenes noch nicht möglich war, dieses aber ent- 
spricht dem Verhalten der offiziellen Kinderpsychologie, die sich nicht 
einmal mit den Hauptgedanken Freuds auseinandersetzt, geschweige 
denn mit einer scheinbar beiläufig hingesetzten Idee. 

Aber gewisse Einwände sind so sicher zu erwarten daß es nicht un- 
nütz sein mag, sie vorweg zu besprechen; sind es doch Einwände, die 
sich der Autor selbst gemacht hat. Solche Einwände stellen sich noch vor 
Kenntnisnahme des Materials und Prüfung der möglichen Schlüsse ein, 
weil die ganze Betrachtungsweise ein wenig fremdartig ist. Man wird 
finden, sie überschätzt die Wichtigkeit der Geburt. Psychologisch sei die 
Geburt ein willkürlich gegebener Zeitpunkt wie jeder andere auch, so 

*) Eine Priorität wünsche ich natürlich nicht festzustellen. Wer Gründe hatte, 
mit der Publikation seiner Anschauungen zu zögern, wird sich wohl leicht damit ab- 
finden können, daß diese Gründe auch Folgen hatten. Aber um die Ungleichheiten in 
der Berücksichtigung der Bücher von Rank und Ferenczi in dieser Arbeit zu ent- 
schuldigen, soll erwähnt werden, daß sie gleichzeitig mit diesen gearbeitet wurde und 
im Konzept fertig, zum überwiegenden Teil auch niedergeschrieben und abgeschlossen 
war, als Jene erschienen, so daß ohne wesentliche Veränderungen nur in einzelnen 
Kapiteln andeutungsweise auf sie Rücksicht genommen werden konnte. 



Allgemeines. 185 

bedeutsam gerade dieser Zeitpunkt für die gesellschaftlichen Erschei- 
nungen auch sein mag. Aber gerade diese Behauptung muß nicht richtig 
sein. Es ist wahr, die Geburt könnte psychologisch ziemlich irrelevant 
sein. Wir würden uns dieser Auffassung gern anschließen, wenn es keine 
Erscheinungen des nachgeburtlichen Lebens gäbe, die unverständlich 
bleiben, falls man sich nicht entschließt, sie als Wirkungen der Geburt zu 
verstehen. Und die psychische Wichtigkeit der Geburt wird nach der 
Zahl und der Bedeutung dieser ihrer Folgen abzuschätzen sein. Ich 
glaube, im Voranstehenden und Folgenden gezeigt zu haben, daß es solche 
Erscheinungen gibt, und daß sie wichtig sind. Aber darin könnte ein 
Widerredner recht haben: die Geburt ist für die Psychologie von mehr- 
facher Wichtigkeit und diese verschiedenen Richtungen müssen von- 
einander geschieden sein. Vom Seelenleben des Embryo wissen wir so 
wenig, daß wir nicht einmal vage Aufstellungen darüber machen können. 
Die Hoffnung auf bevorstehende beträchtliche Vermehrung dieses 
Wissens ist minimal. Eine Entwicklungspsychologie, die die psychischen 
Erscheinungen bis auf ihre ersten Ursprünge zurückverfolgt, wird schließ- 
lich die Geburt als eine methodisch überaus wichtige Grenze erreichen. 
So fraglich der Sinn der Aussage sein mag: Die ersten Lebenserscheinungen 
des Neugeborenen sind psychisch; so sehr es denkbar wäre, die ersten 
Lebenstage, Lebensstunden aus einer Psychologie sensu striktu auszu- 
schließen, so sehr es vielleicht sogar verteidigbar wäre, die ersten Lebens- 
wochen mit diesem Ausschluß zu belegen ; es bleibt dennoch alles, was das 
Kind an Erscheinungen bietet, die nach der Geburt feststellbar werden, 
von einer für das Psychische das ganze Leben lang charakteristischen Art. 
Sind dies Vorstufen des Psychischen, so sind es solche, von denen man 
nicht angeben kann, wann sie zum eigentlich Psychischen sich erheben, so 
ähnlich sind sie diesem. Es sind Vorstufen, die sehr bald, in Wochen gewiß, 
in Tagen, Stunden vielleicht, die völlig rätselhafte Veränderung durch- 
machen werden, die sie als unbezweifelbar psychische agnoszieren läßt. 
Verläßt man nun gar, wie wir in diesem Buch tun, die Gleichsetzung von 
bewußt und psychisch, dann gibt es gar keine andere Möglichkeit, als 
die Rückverfolgung der psychischen Phänomene bis zur Geburt. Mög- 
lich, daß wir später einmal hinter die Geburt, ins fötale Sein mit unserer 
psychischen Erkenntnis eindringen werden, dann wird die Geburt nicht 
mehr der notwendige Anfang entwicklungspsychologischcr Betrachtung 
sein. Aber es ist von vornherein wahrscheinlich, daß das fötale Seelen- 
leben sich als so different vom postfötalen erweisen wird, daß die Geburt 
auch dann, dann erst recht, ihre methodologische und systematische Be- 
deutung behalten wird. Fehlt doch dem fötalen Leben vermutlich der 
Rhythmus von Schlaf und Wachen, der überwiegende Teil der naebgeburt- 
lichen Reizwelt, ist doch vor allem die Organisation der Bedürfnisbefrie- 
digung von der gleich nach der Geburt, ja bei der Geburt gegebenen funda- 



186 Traumen und Versagungen. 



mental verschieden. Hier wird man vielleicht einen präzisen Begriff von 
psychischer Vorstufe gewinnen können. Die Geburt ist also der Aus- 
gangspunkt aller entwicklungspsychologischen Betrachtung. Historisch 
muß jedes Phänomen des erwachsenen Seelenlebens bis an die Geburt 

verfolgbar sein. 

Diese historische Beschreibung bietet aber keine endlicheBefriedigung. 
Wichtiger wird jener Punkt auf der Linie der Entwicklung sein, von dem 
aus ein Phänomen verständlich wird. Für die Ich-Entwicklung z. B. ist 
das Ende des ersten Vierteljahres ein solcher Moment. Trotz der syste- 
matischen (historischen) Wichtigkeit müßte die Geburt nicht auch eine 
verständnismäßige Bedeutung haben; wegen ihrer historischen Bedeutung 
aber wird man mit Becht den Versuch wagen, sie auch als verständnis- 
mäßig bedeutsamen Beziehungspunkt zu erweisen. Man wird sich fragen 
dürfen, ob in der Situation der Geburt nicht Bedingungen enthalten sind, 
welche uns die psychischen Erscheinungen, die die ersten Lebensstunden 
aufweisen — sie seien noch so keimhaft — aus ihnen verständlich machen ; 
und wird weiter sehen, ob sich nicht „Erinnerungen" an dieses Ereignis 
in späteren Zeiten (den nächsten Tagen, Jahren) vorfinden, was Phäno- 
mene des späteren Lebens wären, die durch die Beziehung auf die Geburts- 
situation erst verständlich würden. Solcher Versuch ist methodisch 
gewiß legitim. Ob er Tatsächliches aufdeckt, ist vorher nicht zu ent- 
scheiden. 

Gewiß wird man sich hüten müssen, aus der historischen Bedeutung 
eine kausale zu machen. Hier keinen Fehler zu begehen, hilft die Er- 
innerung daran, daß die Geburt neben der zweifellosen historischen 
(methodisch-systematischen) und der gefragten kausalen Bedeutung, 
fraglos noch eine dritte, die konditionale Bedeutung hat, die mit der 
kausalen nicht verwechselt werden darf. Sie ist ein konditionales Faktum 
ersten Ranges, indem erst durch sie das Individuum in jenes psychische 
Milieu gelangt, in dem es Psychisches im engeren Sinn überhaupt erst gibt. 
In diesem Sinn ist die Geburt freilich die „Ursache" aller Seelenphänomene ; 
nur ist das Wort „Ursache" nicht präzis gebraucht. Die vollzogene Ge- 
burt ist die Bedingung des nachgeburtlichen Seelenlebens; eine Selbstver- 
ständlichkeit, die man sich aber vielleicht doch gelegentlich vor Augen 
halten muß. Will man die „Bedeutung" der Geburt verstehen, so müssen 
jene Erscheinungen besonders scharf umschrieben werden, die außerhalb 
der historischen und außerhalb der konditionalen, eine besondere Bezie- 
hung zu ihr haben. Wennz. B.Rank annimmt, daß der Verlauf gewisser 
Lebensschicksale dadurch determiniert ist, daß das Individuum eine 
schwere oder leichte Geburt hatte, so wäre dies eine solche Beziehung. Uns 
werden ja gerade die individuellen Folgen der Geburt nicht zu beschäftigen 
haben, aber die Kriterien für die Beziehungsart bleiben doch annähernd 
die gleichen. 



Die Geburt als Trauma. 187 

Hat man sich mit der theoretischen Möglichkeit solcher individueller 
und genereller Folgen der Geburt befreundet, so wird eine einfache Er- 
wägung zeigen, welche Art von Folgen in erster Linie zu erwarten sind. 
Die fötalen psychischen Erscheinungen mögen Vorstufen sein; dennoch 
gibt es wohl auch unter ihnen eine Entwicklung. Die psychische Vor- 
stufe : erster Embryonaltag wird voxn nachgeburtlichen Psychischen weiter 
entfernt sein, als die: letzter Embryonaltag. Aber die Entwicklung vom 
ersten Embryonaltag bis zum erwachsenen Seelenleben ist keine gleich- 
mäßig stetige. Vielmehr wird die fötale von der postfötalen durch eine 
radikale plötzliche Umweltänderung, die Geburt, geschieden. Hat die 
Geburt Folgen (mehr als historische und konditionale), so dürfen wir von 
vornherein erwarten, daß diese mit dem Merkmal des Plötzlichen und 
Radikalen, das der Geburt anhaftet, in Konnex stehen werden. Es würde 
uns wenig wundern, zu erfahren, daß es eine spezifische Folge dieser Merk- 
male der Geburt gibt, daß das Individuum auf die Geburt so reagiert, 
wie es später auf solche plötzliche Zerreißung des bisherigen psychischen 
Gleichgewichtszustandes reagieren wird, die wir Traumen nennen. Unter 
allen möglichen Folgen der Geburt werden uns traumatische am wenigsten 
überraschen. Wir verstehen diese Folge unmittelbar, weil wir, erwachsen, 
auf wesentlich weniger radikale und plötzliche Ereignisse mit trauma- 
tischen Erscheinungen antworten, mindestens mit heftigem Erschrecken. 
Bleibt aber diese Wirkung aus, erscheint dies als das Erstaunliche und 
Unwahrscheinliche. 

Die Geburt als Trauma. 

Verläuft die Geburt unter psychischen Prozessen, die unserem Be- 
wußtsein ähnlich sind, oder könnte man sich an sie wie an ein anderes 
frühes Erlebnis erinnern, so würde sie gewiß beschrieben werden als 
Sturz in die Tiefe, Druck und Pressung am Kopf und ganzen Körper beim 
Passieren eines engen Kanals, Erstickungsanfall, Aufschrei, Erleichterung, 
erneuter Erstickungsanfall, ermattete Erleichterung, Einschlafen; wozu 
noch Kälteschauer, Getöse und Lichtfülle kämen, heftiges Herzklopfen 
und asthmaähnliches Atmen (Garley). Sie wäre ein komplizierter, 
schwerer Angstzustand. Und zwar der erste Angstzustand, den das In- 
dividuum erlebt. Wir wissen freilich nicht, was von dem allen erlebt wird, 
bewußte Repräsentanten hat. Für die uns hier interessierende Frage ist 
dies aber völlig irrelevant. Die Geburt ist durch eine Reihe von physiologi- 
schen Gegebenheiten charakterisiert, die biologisch voll verständlich sind, 
die aus der Geburtssituation selbst folgen. Es liegt hier kein Problem vor. 
Aber das überaus interessante Ergebnis unserer bisherigen Darstellung 
ist dahin zu formulieren, daß postnatal gelegentlich dieser ganze Komplex 
von physiologischen Zuständen und noch viel häufiger einige wesentliche 
seiner Bestandteile wieder auftreten, ohne daß die Geburtssituation ge- 



188 Traumen und Versagungen. 

geben wäre. Und in diesen - wie gezeigt und noch mehr zu erhärten ist 
-Fällen sind aus der auslösenden Situation heraus, deren Folgen (die volle 
oder teilweise Reproduktion der Geburtssituation) völlig unverständlich. 
Wir verstehen die Dyspnoe während der Geburt ; wir verstehen aber nicht, 
warum die erwachsene Versuchsperson am Sphygmographen diese Dys- 
pnoe erlebt, wenn sie vom Versuchsleiter in Angst versetzt wurde, um ein 
Beispiel zu nennen. Aber nicht allein die unmotivierte, unverständliche 
physiologische Reproduktion tritt ein, sondern wir sehen im Postnatalen 
Leben dieses physiologische Syndrom von einem bestimmten Affekt be- 
gleitet: der Angst. Das eine ohne das andere ist gar nicht möglich; der 
Affekt und sein zugehöriger körperlicher Ausdruck gehören so unzer- 
trennlich zusammen, daß man davon sprechen konnte, jener Komplex 
physiologischer Tatsachen sei der Affekt selbst. Bei dieser Auffassung 
wäre die Geburt ein Angstzustand. Aber ich glaube, daß diese Formulierung 
nicht ganz glücklich ist. Sie zwingt uns nur zu beachten, daß fraglich sein 
kann, ob die Geburt und deren erste „Reproduktionen" im Bewußtsein re- 
präsentiert sind, nicht aber wie. Mit der Bejahung des Ob ist das Wie 
gegeben. Daß dies bald eintritt, ist gewiß; genau wann, läßt sich nicht 
völlig sicher aussagen. Jeder Angstzustand ist in diesem Sinn psychisch 
und physisch eine Wiederholung der Geburt. Natürlich sind die Angst- 
zustände des späteren Lebens nicht nur Geburtsreproduktionen oder -Re- 
miniszenzen, sondern sie haben ihre Anlässe, ihre Bedeutung, ihren Wert 
bereichert, gewandelt, verschoben, sie sind wie jeder psychische Vorgang 
vielschichtig, aber ihre historisch tiefste Schicht bleibt unter all den an- 
deren die Reproduktion der Geburt. Und das für die Psychologie Ent- 
scheidende ist, daß der Angstzustand als solcher erst aus dieser tiefsten 
Schicht verständlich wird. Wenn ich hier von tiefster Schicht spreche, 
sei nicht übersehen : ich meine die tiefste individuelle Schichte, die frei- 
lich über noch tieferen, den phylogenetischen ruht; diese brauchen uns 
aber im Zusammenhang dieses Buches nicht näher zu interessieren. 

Wollten wir diese Einsicht zum Rang einer allgemein gültigen und 
allgemein gesicherten psychologischen Tatsache erheben, so hätten wir 
ein gründliches Studium dem sogenannten körperlichen Ausdruck der 
Affekte (Gemütsbewegungen) zu widmen. Das Thema ist sehr oft be- 
handelt worden, die Summe aus dieser weitschichtigen Literatur zu ziehen, 
kann an dieser Stelle nicht mein Amt sein. Eine solche Einschaltung 
würde den Rahmen einer Psychologie des Säuglings völlig sprengen. Aber 
was uns aller weiteren Erwägung überhebt, ob diese Sprengung nicht zu 
verantworten sei, ist die Überzeugung, daß die Literatur in den entschei- 
denden Fragen lückenhaft ist; umfangreiche Serien von neuen experimen- 
tellen Untersuchungen sind nötig, die Frage unter dem Gesichtspunkt, 
der sich aus dem kinderpsychologischen Zusammenhang bietet, zu unter- 
suchen. Aber den Eindruck kann man festhalten, daß sich vermutlich erst 



Die Geburt als Trauma. 189 

bei der Beachtung der traumatischen Wirkung der Geburt ein Verständnis 
des bisher völlig dunklen Tatsachenkreises der körperlichen Ausdrucks- 
erscheinungen der Affekte ergäbe. Es sind ja vor allem zwei Organ- 
systeme, an denen sie sich betätigen : die Atmungs- und die Blutkreislauf- 
organe. Gerade diese Beiden erfahren durch die Geburt in ihrer ganzen 
Funktionsweise eine plötzliche, radikale Veränderung. Die Veränderung 
der normalen Funktion, als ihre Schwächung oder Verstärkung, ist auch 
der wesentliche Inhalt der Ausdruckserscheinungen. Die körperlichen 
Begleiterscheinungen der polar entgegengesetzten Affekte und Gefühls- 
zustände sind nicht selbst völlige Gegensätze, sondern es gibt hier sehr 
merkwürdige Überdeckungen und Differenzierungen. Die Annahme liegt 
nahe, daß sich diese gegensätzlichen Zustände auseinander oder aus einem 
Urzustände differenzieren und daß die Erscheinungen am Respirations- 
und Zirkulationsapparat die Geschichte des Affektes aufbewahren, wenn 
wir sie nur lesen könnten. Der angenommene Urzustand wäre der Ablauf 
von körperlichen Erscheinungen, der die Geburt begleitet; der Ausdruck 
der Angst reproduziert ihn am reinsten, so scheint es, während Lust und 
Unlust, sowie die mannigfaltigen Affekte verschiedene Weisen der Über- 
windung oder Wiederholung der Urangst bezeichnen würden. 

Inwieweit sich diese Hypothese für das Verständnis der allgemeinen 
psychologischen Frage als fruchtbar erweisen wird, darf künftigen Unter- 
suchungen überlassen bleiben. Wir hätten nur festzustellen, wieweit sie 
sich für das Säuglingsalter bewährt. Leider läßt sich aber nicht einmal 
diese eingeschränkte Fragestellung befriedigend beantworten; sie sogar 
noch weniger, denn es fehlt an experimentellen Untersuchungen. Immer- 
hin können die wenigen vorhandenen Arbeiten zu folgendem Standpunkt 

ausgewertet werden. 

Die physiologische Geburtssituation enthält als die für uns wichtigsten 
Bestandteile: 1. den plötzlichen Übergang aus dem apnoischen Zustand 
in einen Erstickungsanfall, dessen Erleichterung durch ein tiefes In- 
spirium, neuerlichen Erstickungsanfall, gefolgt von heftigem Exspirium. 
Dieser vollabgesetzte Rhythmus wiederholt sich nun in immer weniger 
krassen Formen, bis das stabilisierte, automatische Atmen erreicht ist. 
2. Die spezifische Veränderung des Ex- und Inspiriums, die das Schreien 
bedeutet. 3. Die Veränderungen der Funktionen des Zirkulationssystems, 
die in einer Lähmung bestehen, der gesteigerte Tätigkeit folgt. (Die 
eingehenderen Details sind nicht sicher genug festgestellt, um hier be- 
rücksichtigt zu werden.) 4. Schockartige Bewegungen, Zuckungen der 
Arme und Beine; Zuckungen, Zittern verschiedenster Muskelpartien. 
5. Kälteschauer an der Hautoberfläche. Hinzu kommen als weniger be- 
deutsam: die Abwärtsbewegung des ganzen Körpers, sein Fallen; und die 
mannigfaltigen Pressionen, die er erfährt. Der Kern des körperlichen 
Ausdrucks der Affekte ist zeitlebens die Reproduktion dieser physio- 



190 Traumen und Versagungen. 

logischen Geburtssituation, der Geburt abgekürzt gesagt, in ihrem ganzen 
Ensemble, oder wesentlicher Teile davon, und zwar je nach dem Anlaß 
der Reproduktion, das heißt, je nach dem Affekt, mannigfaltig variiert. 
Die reine Reproduktion der Geburtssituation ist der Ausdruck der 
Angst. Man könnte sich vorstellen, daß die Lust- und Unlustaffekte sich 
aus dem Angstaffekt differenzieren. Dann würden die Lustaffekte jene 
Bestandteile der Geburtssituation im Vordergrund zeigen, die der Über- 
windung der Geburtsangst entsprechen, die progredienten Symptome, 
gesteigerte Lebenstätigkeit, die Unlustaffekte hingegen regredient sich 
auffassen lassen, also herabgesetzte Lebenstätigkeiten, die Bestandteile 
der Situation vor der Geburt dominieren lassen. Vielleicht ist aber der 
Sachverhalt noch komplizierter, indem Lust und Unlust ihre eigenen, 
spezifischen, körperlichen Ausdrucksweisen besitzen, die sich mit der 
undifferenzierten Angstreaktion vermischen. 

Die an sich unverständlichen Tatbestände des körperlichen Aus- 
druckes der Gemütsbewegung im allgemeinen und gewisser Affekte, wie 
die Angst, der Schrecken, als solche sind bis zu einem gewissen Grad 
verstanden, wenn sie als Reproduktion einer einmal real erlebten Situation 
aufgefaßt werden. Dies Verständnis wird noch vertieft dadurch, daß 
die reproduzierte Situation eine allgemein gültige, biologisch hoch be- 
deutsame ist. Aber die Tatsache dieser Reproduktion selbst bedarf 
einer Erklärung. Soviel ich sehe, bestehen kaum andere als zwei Er- 
klärungsinöglichkeiten. Man könnte erstens darauf hinweisen, daß es 
im ganzen Gebiet des Biologischen zahlreiche Erscheinungen gibt, die 
sich als Wiederholungszwang (Freud 9) formulieren lassen. Wir verstehen 
diesen Zwang nicht weiter, wir sehen ihn nur immer wieder wirksam, ob 
wir nun von einer allgemeinen Gedächtnisfunktion sprechen mögen, die 
sich hiebei sozusagen selbständig gemacht hat und sich als, gegebenen- 
falls sinnlose, Reproduktion äußert, oder ob wir annehmen wollen, 
daß ein einmal stattgehabter Energieablauf alle späteren determiniert, 
indem er, wenn nur eine Auslösung gegeben ist, noch einmal sich zu 
vollziehen strebt, oder wie immer wir den Tatbestand formulieren und 
in einen größeren Zusammenhang einreihen. Gewiß wird uns solche, 
nicht voll befriedigende Erklärung in zahlreichen Fällen genügen müssen; 
aber doch erst dann, wenn sich eine eindringendere, weniger allgemeine 
nicht konstruieren läßt. Ich glaube, daß uns dieser, der zweite Weg, im 
Falle der Geburtsreproduktionen aber offen ist. Wir haben nur nötig, die 
Geburt als Trauma aufzufassen, was von vorneherein keineswegs eine 
widersinnige Vermutung ist. Dann sind die — an sich sinnlosen — Re- 
produktionen von derselben Art wie alle, so überaus häufigen und an- 
scheinend grundlosen Wiederholungen der traumatischen Situation in 
traumatischen (Unfalls-) Neurosen, wie die bekannten, dem Lustprinzip 
strikt widersprechenden, Wiederholungen sehr peinlicher Erlebnisse m 



Die Geburt als Trauma. 191 

Phantasie und Traum (Prüfungstraum) u. dgl. m. Mit dem Verständnis 
dieser Widerholungen traumatischer Situationen hätten wir dann zugleich 
auch das Verständnis der Geburtsreproduktionen gewonnen, ohne auf 
die allgemeine biologisch-psychische Tendenz zur Wiederholung rekur- 
rieren zu müssen. Freud (9) hat eine Annahme vorgetragen, die uns dem 
erstrebten Verständnis sehr nahe bringt. Wir können beim heutigen 
Stand unseres Wissens nichts anderes tun, als diesen Erklärungsversuch 
auch auf unser Problem anzuwenden. Und finden uns dann in voller 
Übereinstimmung mit den Tatsachen der Säuglingspsychologie, ohne 
über jene theoretischen Anschauungen hinauszugelangen, die wir bisher 
schon aufstellen mußten, um zu einer zulänglichen, ersten Ordnung der 
seelischen Erscheinungen des Säuglingsalters zu gelangen. 

Der Freudsche Erklärungsversuch ist natürlich ökonomisch, er 
baut alles auf den energetischen Annahmen auf. Dies kann gar nicht 
anders sein, obgleich man heute noch leicht die Veränderung des Gesichts- 
punktes bei vorschrcitender Erklärung befremdlich findet. Die dynami- 
sche Betrachtung führt notwendigerweise schließlich in die Biologie. 
Man muß sie daher, will man im Psychologischen des engeren Sinnes 
bleiben, an diesem Wendepunkt verlassen, und durch die ökonomische 
Betrachtung fortsetzen. Diese freilich führt leicht ins Hypothetische, 
aber doch in die Hypothesen der Psychologie, in die theoretische Psycho- 
logie, deren eine konsequente Untersuchung entwicklungspsychologischer 
Fragen doch keinesfalls auf die Dauer entratcn kann. Die gedachte 
Freudsche ökonomische Erwägung ist einfach genug. Das Trauma 
besteht energetisch kaum in etwas anderem, als in einer plötzlichen 
Zufuhr so beträchtlicher Mengen freier Energie, daß der Reizschutz 
durchbrochen wird und der seelische Apparat von ihr förmlich über- 
schwemmt wird. In dieser Situation gibt es nur eine rettende Aufgabe, 
die schnellste Bindung (Abfuhr) dieser störenden Quanten. Ob ein 
äußerer Reiz traumatisch wirkt, dafür ist maßgebend sowohl die absolute 
Größe dieses Reizes als auch die Höhe des durch Besetzung erreichten 
Energieniveaus des aufnehmenden Apparates. Die Angstbercitschaft 
wäre als solche Niveauerhöhung anzusehen; die Bedingung für eine 
traumatische Wirkung eines Außenreizes wäre die fehlende oder zu 
geringe Angstbesetzung. Die Wiederholung der traumatischen Situation 
im Traume etwa, würde als Funktion haben: „Die Träume suchen die 
Reizbewältigung unter Angstentwicklung nachzuholen, deren Unter- 
lassung die Ursache der traumatischen Neurose geworden ist" (Freud 9). 
Beim Trauma der Geburt kann es sich nicht um fehlende Angst- 
entwicklung handeln, vielmehr fassen wir ja die Geburt als den Angst- 
zustand kat exochen auf. Trotzdem aber ist die Angstentwicklung so- 
zusagen nicht groß und umfangreich genug. Die Bewältigung der neuen 
Reizmengen geschieht daher fraktioniert, in zahllosen kleinen Anfällen. Um 






192 Traumen und Versagungen. 

dies konkreter verständlich zu machen, greifen wir auf früher besprochene 
Vorstellungen zurück. Die Bewältigung einer Reizmenge geschieht durch 
ihre Bindung oder ihre Abfuhr wie wir sagten. Worin diese Bindung 
bestehen mag, läßt sich derzeit nicht vermuten. Wir müssen uns aber 
vorstellen, daß sie es offenbar ist, die uns in ihren Resultaten als Wahr- 
nehmung, Vorstellung, Impuls, Lust, Unlust usw. als psychisches 
Phänomen introspektiv wohl bekannt ist. Die Bindung von Energie- 
mengen die aus der Außenwelt dem psychischen Apparat zufließen, ist, 
anzunehmenderweise, an gewisse Energiesituationen im Innern des 
Apparates als Bedingung geknüpft. Die optimale Situation ist die Be- 
setzung der reizaufnehmenden Organe mit Besetzungsenergie. Der 
Embryonalzustand dürfte ein bestimmtes System solcher Besetzungen 
stabilisiert haben, die geeignet sind, die auch im Embryonalzustand nicht 
völlig fehlenden Reize zu bewältigen. Diese Organisation ist aber un- 
geeignet, die bewältigende Funktion im postnatalen Leben zu leisten, 
sondern es muß eine sehr weitgehende Umorganisation vorgenommen 
werden. Es wundert uns nicht, zu sehen, daß diese Umstellung sich 
nicht im Augenblick der Geburt vollzieht. Ein Teil der Reizaufnahme- 
apparate ist zur Bindung der neuen Energiemengen nicht fähig. Sie 
werden daher heftig abgeführt. Zugleich aber wird mit jeder dieser 
Abfuhren ein Stück der neuen Besetzungsorganisation hergestellt. Der 
Zustand ist daher ein höchst labiler, zwischen zwei Abfuhren, Angst- 
anfällen, eine gewisse provisorische Energieausgleichung. Die ersten 
Lebenstage verlaufen sozusagen unter Wiederholungen der Geburt. Denn 
die psychische Situation ist bei jedem neuen Reiz energetisch der Ge- 
burtssituation ähnlich. In diesen Wiederholungen wird das Energie- 
übermaß — das die Außenwelt relativ zur Struktur der Aufnahms- 
apparate und zur fötalen Situation vermittelt — langsam bewältigt, 
indem die Umorganisierung der Besetzungen sich in ihnen vollzieht. 
Diese neuen Besetzungen verhindern die Wiederholung des unvorbereiteten 
Durchbruchs von Energien, wie sie im aktuellen Akt der Geburt statt- 
fand. Und jede Angst hat solche Verhinderungstendenz, dies ist ihr 
rationaler verständlicher Anteil. 

Es ist ein Unterschied zwischen der Angst der ersten Lebenswochen 
und der Angst des späteren Lebens zu statuieren, und es empfiehlt sich, 
jene als Urangst von dieser zu scheiden. Als Urangst wäre das Erlebnis 
zu bezeichnen, das während der Geburt statt hat. Es ist etwas anderes 
als die Angst, die das Kind verhindert, die Tischkante loszulassen und 
frei durchs Zimmer zu gehen, oder die Angst, die jemand während des 
Gewitters empfindet, oder die Angst unter der der Neurotiker leidet. 
Ich spreche nicht vom Unterschied des bewußten Erlebens, denn wir 
wissen nicht, ob und wie die Urangst im Bewußtsein des Neugeborenen 
sich repräsentiert. Aber die Angst ist komplizierter als die Urangst. Bei 



Die Geburt als Trauma. 193 

der Urangst spielt die Zufuhr großer Mengen nicht bewältigbarer Energie 
von außen die entscheidende Rolle ; bei der Angst ist der Akzent auf die 
Energieverhältnisse und Verschiebungen im Inneren des psychischen 
Apparates zu legen. Sie will die Urangstauslösung, -Wiederholung ver- 
hindern. Sie ist dabei zugleich in den physiologischen Expressionen — 
mindestens — deren, vielleicht abgeschwächte, gewiß variierte Wieder- 
holung, aber eben dadurch erreicht sie die völlig unerträgliche Urangst zu 
verhindern, die in der unvorbereiteten allseitigen Reizüberschwemmung 
besteht. Ist die Urangst eine erzwungene Reaktion des psychischen 
Apparates auf Energiemengen der Außenwelt, so ist die Angst eine Aktion 
des psychischen Apparates mit seinen eigenen Energien. Eine Aktion, die 
die Wiederholung jener Passivität beim Geburtstrauma unmöglich macht. 

"Wir haben gesehen, daß die energetischen Resetzungen, die der Re- 
wältigung der Außenweltsreize dienen, dynamisch als libidinöse aufzu- 
fassen sind; wir haben auch — freilich unklar genug — versucht, uns Vor- 
stellungen von gewissen Dichtigkeitsgraden der Libido (bzw. ihrer Rin- 
dungsverhältnisse) zu machen und dabei angenommen, daß die Libido 
des Fötus gänzlich ans Organische gebunden sei, und diese Rindung durch 
die Erschütterung der Geburt gelockert werde, um ein Rild zu gebrauchen. 
Jetzt konnten wir diesen grandiosen Entbindungsprozeß näher verständ- 
lich machen : Gegenüber dem Ansturm der Außenweltsreize wird ein be- 
trächtliches Quantum Libido plötzlich frei gemacht um der Resetzung 
zu dienen. Aber es ist, als geschehe dies kopflos ohne durchdachten Plan, 
so kommt nur das Chaos der Urangst zustande. Aber immerhin es wurde 
Organlibido in Libido verwandelt, die freilich nicht gleich ihre adäquate 
Verwendung findet. Diese aus ihrer bisherigen Rindung freigemachte 
noch nicht neu (und zwar weniger dicht) gebundene Libido ist die Trägerin 
der Komponente Angst (im eigentlichen Sinn des Wortes) in der Ur- 
angstsituation. Die Angst ist eine Zustandsform der Libido, in die Libido 
jederzeit konvertierbar ist: freie, nicht bindbare, nicht abführbare Libido 
erlebt das Ich als Angst. Die Angst ist der Geburtszustand der Libido; 
der Zustand in der sie sich bei der Geburt befand. Vielleicht auch der Zu- 
stand in dem sie, aus dem sie geboren wurde, wenn man nämlich den 
Unterschied zwischen Organlibido und Libido als einen prinzipiellen an- 
sehen will. Und das wirft ein Licht auch auf die behauptete Funktion 
der Angst, daß sie die Urangst verhindern will. Denn die bei Lösung von 
Rindungen drohende Angst ist ein exquisit konservierender Faktor, die 
einmal entwickelte Angst mit ihrem Drang zur Neubindung ein stabili- 
sierender Faktor, der im Einzelnen und im Ganzen den psychischen Appa- 
rat vor dem Chaos emer allseitigen Libidobefreiung — wie sie bei der Ge- 
burt stattfindet — wohl schützen kann. 

Wollten wir diesen Gedankengängen bis an ihr Ende nachgehen, so 
würde uns das tief in die Psychologie der Angst hineinführen, was wohl 

Bernfold, Psychologie des Säuglings. 13 



194 Traumen und Versagungen. 

einem anderen Zusammenhang besser überlassen bleibt, in dem konkretes 
Material die Spekulation hemmt und fundiert, die nötig ist, um den von 
Freud — wie ich glaube - endgültig gezeichneten Rahmen einer Psycho- 
logie der Angst im Detail auszufüllen. Es wird im nächsten Kapitel zu 
einer solchen Ergänzung Platz sein. 

Fr eud (11) nennt gelegentlich 1 ) diese Wurzel der Angst Trennung von 
der Mutter durch die Geburt. Rank verwendet diese Bezeichnung sehr 
häufig und prinzipiell. Der Ausdruck ist schön und plastisch, ich möchte 
ihn nicht gerne vermeiden; aber es muß klar sein, daß unter ihm nicht ge- 
meint ist, das Neugeborene erlebe die Trennung von der Mutter, das Kind 
des späteren Alters wiederhole dieses Erlebnis im Angstzustand. Sondern 
es handelt sich um die energetischen (libidinösen) Umbesetzungen, die 
bei der Geburt und kurz nach ihr sich vollziehen, und die tatsächlich 
objektiv die Trennung von der Mutter bedeuten. Subjektiv beinhalten 
sie die Trennung von der Fötalsituation. Da wir aber über das bewußte 
Erleben des Neugeborenen nichts wissen, so ist der Ausdruck Trennung 
von der Mutter in doppelter Weise metaphorisch. Der mögliche (und von 
Rank wohl vollzogene) Mißbrauch solch metaphorischer Wendungen 
rechtfertigt die etwas umständliche präzise Analyse einer konkreten An- 
wendung. Das mehrfach erwähnte Jahrkind, das sich von der Tischkante 
nicht frei fortbewegen will, wiederholt könnte man sagen, das Geburts- 
erlebnis der Trennung von der Mutter. Dieser Ausdruck ist beziehungsreich 
und sinnvoll, wenn er etwa folgendes verdichtend meint. Das Verhalten 
des Kindes scheint zwar wohl begründet, es fürchtet anscheinend das Hin- 
fallen ; seine Angst mag nicht ohne objektive Ursache sein, es hat vielleicht 
noch nicht die genügende Geschicklichkeit im Gehen erlangt. Und doch ist 
diese uns unmittelbar selbstverständlich anmutende Erklärung völlig un- 
zulänglich. Woher soll das Kind wissen, daß das Freigehen größere Ge- 
fahren bietet, als das angelehnte? So nützlich vielleicht ein ererbter 
Furchtinstinkt dieser Art auch wäre, die vorurteilsfreie Beobachtung lehrt 
zweifelfrei, daß das Kind sich vor tatsächlichen Gefahren nicht fürchtet. 
Es handelt sich bei dieser Angst nicht um die Furcht vor einer äußeren — 
realen oder vermeinten — Gefahr, nicht um Realangst im Sinne Freuds. 
Man könnte auch nicht sagen, daß das Hinfallen vom Kinde als Gefahr 
oder Schaden bewertet wird, wenn es es erlebt; sondern es verhält sich in 
den allermeisten Fällen so, als wäre dies ein, kaum angenehmes, aber offen- 
bar unvermeidliches Hindernis seiner Gehbestrebungen. Wirklichen 
Schaden nehmen die Kinder beim Gehenlernen im Vergleich zu der aus- 
nahmslos vorhandenen Angst so überaus selten, daß jener keine Be- 

i 

i) Hier ist auch das Wesentliche über die Psychologie der Angst gesagt, das oben 
von mir entwickelt wurde. Die kleinen Details meiner Darstellung die exphz.te von 
Freud nicht erörtert wurden, für die ich also die Verantwortung trage, erg.bt Weht 
ein Vergleich mit dem XXV. Kap. der Fr eud sehen Vorlesungen. 



Die Geburt als Trauma. 195 

gründung für sie abgibt. So bleibt keine andere Erklärung für eine bloß 
phänomenologische Psychologie, als die Angst vor dem Neuen und Un- 
gewohnten heranzuziehen. "Wie, worauf soll diese aber nun zurückgeführt 
werden? Der entwicklungspsychologischen Betrachtung gelingt hier ein 
Schritt weiter; sie wird finden, daß dem erörterten Angstzustand zahllose 
frühere vorausgegangen sind, und sie wird die erste Angstäußerung „vor 
dem Ungewohnten" bei der Geburt finden. Dynamisch gewendet wird sie 
also sagen, in der besagten Angstsituation wiederholt sich die Angst- 
situation der Geburt. Die Einführung des Energiebegriffes bringt ein Stück 
weiteren Verständnisses. Sie sagt uns, daß die neue Situation, neue 
Energiebesetzungen verlangt, wie bei der Geburt, so auch nun, wo unter 
Verzicht auf den Bauchschutz und die haptische Sicherung — beides ge- 
wöhnte Verhaltungsweisen, denen bestimmte Energiebesetzungen ent- 
sprechen — frei gegangen werden soll. Also auf eine Verhaltungsweise 
(demnach auf eine Energieverteilung) verzichtet werden soll, die seit 
der Geburt keine beträchtliche Veränderung erlitten hat 1 ). Es ist 
demnach die Energiesituation der Geburt gegeben, und mit ihr die 
allgemeinste Bedingung für die Angst, deren dynamische Funktion 
die Abreaktion durch Wiederholung, deren ökonomische Funktion die 
Verhinderung der Urangst ist. Die energetische ist eine Rahmen- 
betrachtung, sie sagt uns nichts über die speziellen Bedingungen, die zur 
allgemeinsten hinzutreten und im gegebenen Fall die Angst wirklich ent- 
stehen lassen. Hier hilft der Libidobegriff. Denn handelt es sich um Li- 
bido, die in dieser Energiesituation ist, so wird Angst erlebt. Die libidi- 
nöse Besetzung des Bauchschutzes will aufgegeben werden, die libidinöse 
Besetzung des „freien Raums" an seiner Statt ist noch nicht vollzogen: es 
entsteht Angst. Auch dies ist die Geburtssituation. Auf der Ebene der 
Libidotheorie ist sie sogar ganz konkret zu bezeichnen. Der Mutter- 
körper wurde nach der Geburt mit Libido besetzt, nachdem die fötalen 
Besetzungen durch die Geburt zerstört wurden. Die Besetzung des Mutter- 
körpers ließ sich leicht übertragen, verschieben auf Objekte, die in 
wichtigen Qualitäten ihm ähnlich sind (auf Körper auf jeden Fall). Jetzt 
soll diese Bindung der Libido gelockert werden, es soll eine reale Trennung 
von der Mutter vorgenommen werden, von jedem Mutterkörper unab- 
hängig Bewegung gewagt werden. Es ist eine reale Wiederholung des 
Libidoprozesses der Geburt; er verläuft unter Angst (die vor der völligen 
Wiederholung der Urangst sichert). Er verläuft aber diesmal spontan, 
wie wir vorbedeutend anmerken wollen. Bei der Geburt wurde der Ente- 
roparasit zum Ekteroparasiten (Ferenczi 2), nun soll er selbständig 
werden. Es findet also eine Wiederholung der „Trennung von der Mutter", 

') Was früher schon erörtert wurde; und besonders deutlich bei den Kindern 
Jener Völker ist, die von der Geburt bis zum freien Gehen, sich im Tragsack auf 
Mutters Rücken aufhielten. 

13* 



196 Traumen und Versagungen. 

die bei der Geburt geschah, statt. In unserem Fall erst die eigentliche Tren- 
nung, der gegenüber die Geburt nur metaphorisch so genannt werden kann. 
Unter dem Terminus Trauma der Geburt fassen wir, wie ich zeigte, 
kurz eine Reihe verwickelter Tatbestände und ergänzender Annahmen 
zusammen. Diese liegen auf drei Gebieten. Erstens psychophysiologisch 
ist die Geburt der Moment radikaler Änderungen im Zirkulation- und 
Atmungssystem; zeitlebens sind die Spuren dieser plötzlichen Umstellung 
im körperlichen Ausdruck der Affekte zu erkennen. Zweitens der Urangst- 
affekt (sich äußernd in physiologischen Expressionen) der in Beziehung 
steht zum Einbruch großer Energiemengen der Außenwelt in den psychi- 
schen Apparat; das äußere psychische Trauma, wenn man es gesondert 
benennen will. Drittens die Energie- Um- und Neubesetzungen, die durch 
die neue Reiz- und Bedürfnissituation, nicht zuletzt durch die Nötigung 
der Bewältigung des äußeren Traumas, imperativ sind. Sie stehen in 
engster Beziehung zur Angst, soweit sie libidinöser Natur sind. 

Zwei Einschränkungen sollen nicht unterlassen sein, die zwar kaum 
die Bedeutung des Traumas der Geburt verringern, aber vor Übertrei- 
bungen schützen können. 1. Es gibt eine Reihe von Faktoren, die die 
Plötzlichkeit und Stärke der Veränderungen und Reize mindern. Einige 
haben wir im Eingang dieses Buches als psychophysische Retardierungen 
bereits erwähnt. Es muß noch einmal an sie erinnert werden. Und es läßt 
sich wohl auch der Hinweis hinzufügen, daß die Geburt ja nicht plötzlich 
stattfindet, sondern immerhin einen Zeitraum von etlichen Stunden in 
Anspruch nimmt. Es ist gewiß nicht unmöglich, daß die Reize dieser Ge- 
burtsvorgänge, die das Kind in utero und vagina treffen, zugleich auch 
Auslösungen für Energieverschiebungen und Libidoentbindungen sind, 
die dem Geburtsmoment manches an traumatischer Wirkung nehmen. 
Immerhin ist der vermutlich entscheidende Prozeß, das Einsetzen der 
Atmung nach der Apnoe auf jeden Fall die Sache weniger Sekunden. 
2. Es ist die Frage aufgeworfen worden, inwieweit die individuellen Ge- 
burtsschicksale für den individuellen weiteren Verlauf des Lebens ent- 
scheidend, wichtig sind. Freud (11) neigt dazu, das Geburtstrauma im 
Prinzipiellen als ererbten Besitz von solcher Beständigkeit anzusehen, daß 
ihm gegenüber die individuellen Schicksale nicht ins Gewicht fallen. Ein 
Macduff würde nicht angstfrei im künftigen Leben bleiben. Rank vertritt 
die Anschauung, daß die detailliertesten Situationen der Geburt im Un- 
bewußten nicht wenig von Charakter und Schicksal des einzelnen bestim- 
men. Fundiertes zur Entscheidung dieser Frage läßt sich heute nicht 
geben. Für den Macduff hat Freud zweifellos recht, trotz Shakespeare. 
Denn ob das Kind aus dem Leib der Mutter geschnitten wurde, oder ob 
es den legitimen Weg zum Eintritt in diese Welt beschritt: es mußte eines 
Augenblicks plötzlich die fötale mit der realen Situation vertauschen. 
Dies spräche auch nicht gegen Rank, der höchstens verlangen mußte, 



J 



Die Geburt als Trauma. 197 

daß solcher Macduff keinen hysterischen Kopfschmerz produzieren können 
dürfte. Das Geburtstrauma muß von jedem einzelnen am Anfang seiner 
postnatalen psychischen Existenz erlebt werden; ein anderer Fall ist nicht 
denkbar. Die Erbbasis braucht daher nicht allzu breit genommen werden. 
Daß sie vorhanden ist, wird sich kaum widerlegen lassen. Nichts spricht 
prinzipiell gegen die Ranksche Auffassung; es fehlt aber die empirische 
Grundlage sie zu belegen. Sie fehlt der Psychologie des Säuglings über- 
haupt für jedes Studium der individuellen Differenzen und ihrer Genese, 
ihrer Bedingungen. Erst jenseits der Entwöhnung kann die Kinderpsy- 
chologie bereits heute etliche gesicherte Aufstellungen über sie wagen. Die 
Säuglingspsychologie muß sich mit den generellen Problemen bescheiden. 
Sie hat aber kaum Anlaß mehr als vorsichtig abwartend zu sein, wenn ein 
Forscher in irgend einem individuell sehr verschieden verlaufenden, im 
generellen aber gattungsmäßigen Prozeß — wie die Geburt es katexochen 
ist — Wurzeln der individuellen Differenzen vermutet. 

Alles bisher Besprochene sind die eigentlichen traumatischen Wir- 
kungen, Folgen der Geburt, faßt jene psychischen Erscheinungen zu- 
sammen, die ihre Erklärung in einer bestimmten Relation zur Geburt- 
situation finden. Will man die ganze psychische Bedeutung der Geburt 
als Trauma umgrenzen, so muß man seine Aufmerksamkeit auch jenen Er- 
scheinungen zuwenden, die zwar nur indirekt auf das Geburtstrauma zu 
beziehen sind, aber in ihm eine kausale, nicht allein historische, eine spe- 
zielle und nicht bloß ganz generelle Bedingung finden. Ich meine alle jene 
Erscheinungen, die der Überwindung des Geburtstraumas dienen, ohne — 
wie die Angst z. B. — ihm selbst anzugehören. Im Verlauf der Darstellung 
sind wir immer wieder auf solche Erscheinungen gestoßen, und haben 
sie mehr oder weniger ausführlich erörtert. Im zusammenfassenden und 
ergänzenden Schlußkapitel wird eine Übersicht von ihnen besser am Platz 
sein, als hier. Nur an ein Element sei durch einen kurzen Absatz erinnert. 
Der Angst als dem bedeutendsten Bestandteil des Geburtstraumas 
steht die Reizlust als der bedeutsamste Faktor in den Überwindungs- 
prozessen gegenüber. Und auch der Weg, den wir als einen zur Lust 
führenden erkannten, die Rhythmisierung, bleibt zeitlebens begangen, er 
ist von höchster Wichtigkeit. Und wo Prozesse dieses Schemas ablaufen, 
können wir in derselben abbreviierenden Weise, die wir uns für die Termini 
„Geburtstrauma-Wiederholung" und „Trennung von der Mutter" ge- 
statteten, von Wiederholungen der Überwindung des Traumas der Geburt 
sprechen. Rhythmisierung ist die primäre Signatur dieser Überwindung. 
Das Wesen dieser Rhythmisierung sehen wir in der raschen und häufigen 
Wiederholung des gesamten „Geburtsverlaufes". Diese Wiederholung 
ist eine sozusagen symbolische, wenn wir die ökonomische Betrachtung 
verwenden, denn sie verläuft an einem minimen Quantum der Libido 
(bzw. der Energie), der Besetzungsenergie. Und es ist in ihr bereits keim- 



198 Traumen und Versagungen. 

halt enthalten der Übergang von der Passivität zur Aktivität, vom Zufall 
der äußeren Verhältnisse zur Bedingtheit durch innere Spontaneität. Ein 
Faktor, der von den späteren Lebenswochen an, zu großer, entscheidender 
Bedeutung gelangt. 

Die Entwöhnungsperiode. 

Die Entwöhnung schließt das Säuglingsalter im strengen Wortsinn 
ab. Sie ist darum kein äußerlicher für das Kind und seine seelische Ent- 
wicklung gleichgültiger Termin, wie etwa der Zeitpunkt, an dem man ihm 
Lederschuhe über die Strümpfe zu ziehen pflegt. Sondern sie ist eine sehr 
einschneidende Änderung aller seiner Lebensgewohnheiten. Die Ent- 
wöhnung pflegt auch nicht ganz leicht zu sein, ihre Technik und das 
Verhalten des Kindes geben manche Schwierigkeiten. Es ist eine kritische 
Zeit, die als solche, als wichtiger Lebensabschnitt wenigstens, von Ärzten 
und dem Volksgeiste gleicherweise empfunden wird. Es scheint auch 
keineswegs gleichgültig für den Gesundheitszustand des Säuglings, für 
seine weitere körperliche Entwicklung, wie die Entwöhnung durchgeführt 
wird und gelingt. Eine Anzahl von speziellen Schwierigkeiten ist an diesen 
Zeitpunkt gebunden (Hochsinger). Die Psychoanalyse findet gute 
Gründe zur Annahme, daß überdies eine Reihe von psychischen Störungen 
des Erwachsenen sich letzten Endes auf die Vorgänge der Entwöhnung 
zurückführen (Stärke, Abraham). Wie weit hier Ammenglaube, 
Volksmeinung, Ärzteschaft und Psychoanalytiker recht haben, wird erst 
festzustellen sein — jedenfalls sind aber die Wochen der Entwöhnung ein 
Zeitabschnitt, der eine gewisse Aufmerksamkeit im kinderpsychologischen 
Zusammenhang verdient. Und wäre es nur aus dem Grunde, weil in ihm 
eine dauernde — und sehr weitgehende — Veränderung der Lebensweise, 
der Gewohnheiten und Bedürfnisse des Kindes stattfindet. Die kindliche 
Entwicklung weist wenige solcher deutlich umschriebener Verwandlungs- 
perioden auf. Mit Befremden wird daher der entwicklungspsychologisch 
Interessierte feststellen, daß die Psychologie — die eigentliche Kinder- 
psychologie keineswegs ausgenommen — bisher völlig versäumt hat, die 
Tatsachen systematisch zu beschreiben; von irgend einer Ordnung, Deu- 
tung, Erklärung der Tatsachen ganz zu schweigen. Meine Aufgabe kann 
es in diesem Buch nicht sein, diese Unterlassung gut zu machen. Ich habe 
die Publikation eigener neuer Beobachtungen dieser Arbeit nicht zum 
Ziel gesetzt. Es bleibt nichts übrig, als aus der nicht kinderpsychologischen 
Literatur soviel an Tatsachenmaterial zusammen zu bringen, als ohne 
SpezialStudium der Außenstehende vermag, und zu sehen, ob im Rahmen 
der bisher vorgetragenen Gesamtanschauungen aus diesem Material sich 
ohne Zwang Verständnis-Förderndes ergibt. 

Ein Überblick über das letzte Vierteljahr lehrt uns leicht, daß die Um- 
wandlung, die wir nach dem aktiven Eingriff, der von den Erwachsenen 



Die Entwöhnungsperiode. — Dentition. 199 

auszugehen pflegt, Entwöhnung nennen, drei verschiedene Vorgänge in 
sich begreift: 1. die Zahnung als Voraussetzung der veränderten Lebens- 
weise; 2. die Aufnahme fester Nahrung; das Beißen und Kauen; 3. die 
Entziehung der Mutterbrust bzw. ihres Ersatzes, der Milchflasche, und 
damit das Aufhören des Saugens, soweit es mit der Ernährung zusammen- 
hängt. Diese drei Etappen sind nicht bloß phänomenologisch voneinan- 
der wohl zu unterscheiden ; sie sind auch zeitlich voneinander getrennt, 
und haben gesonderte psychologische Bedeutung, sollen daher im folgen- 
den auch gesondert betrachtet werden. Es kann auch kein Zufall sein, daß 
in diese — uns hier beschäftigende — Zeit das freie Gehen fällt, das so 
recht das Symbol für die erlangte Selbständigkeit, für die in der Ent- 
wöhnungszeit sich vollziehende zweite Trennung von der Mutter ist. Das 
Gehen, das Kauen und das Sprechen sind die drei großen auffallenden 
Annäherungen an den erwachsenen Zustand, die am Ende des ersten 
Jahres in einer verhältnismäßig sehr kurzen Zeit erworben werden. Vom 
Sprechenlernen wird in diesem Kapitel gar nicht, in diesem Buch nur 
wenig zu handeln sein ; es gehört näher in den Zusammenhang der Psycho- 
logie der frühen Kindheit, als in den der Säuglingspsychologie. Hingegen 
werden wir der paradoxen Tatsache Aufmerksamkeit zuzuwenden haben, 
daß dieses Ende der Säuglingsperiode durch einen Eingriff der Außen- 
welt erzwungen wird, parallel zu dem Ereignis von außen, das sie ein- 
leitete, der Geburt. 

1. Die Dentition. 

Die Zahnung, die Voraussetzung des Prozesses der Entwöhnung, setzt 
natürlich viel früher ein, als diese selbst, nämlich im siebenten bis neunten 
Monat (Vierordt). Die durchschnittliche Beihenfolge läßt sich kurz aus- 
drücken: „Der Ausbruch der Milchzähne schreitet von der Mitte nach fort, 
d. h. der innere Schneidezahn kommt zuerst, der zweite Backenzahn zu- 
letzt zum Vorschein, so zwar, daß in dieser einfachen Reihenfolge nur der 
Eckzahn einmal übersprungen wird, welcher nach dem ersten Backenzahn 
durchbricht" (Vierordt). Und zwar vollzieht sich dieser Durchbruch in 
differenten Perioden, von denen drei ins erste Lebensjahr zu fallen pflegen : 
die zwei mittleren unteren Schneidezähne 7. bis 9. Monat; die vier oberen 
Schneidezähne 8. bis 10. Monat; die zwei unteren seitlichen Schneide- 
zähne und die vier ersten Backenzähne 12. bis 15. Monat (Biedert). Doch 
sind alle diese Termine den äußersten individuellen und familialen Schwan- 
kungen unterworfen; ganz außerordentliche Verspätungen sind ebenso 
beobachtet worden, wie Verfrühungen, bis zum fötalen Leben, so daß 
diese Kinder mit Zähnen geboren werden. 

Die ältere Medizin hält in guter Übereinstimmung mit dem Volks- 
glauben die „Zahnarbeit" für eine gefährliche Angelegenheit ; zahlreiche 
Krankheitsbilder, auch solche mit schlechtester Prognose, wurden in ur- 
sächlichen Zusammenhang mit der Dentition gebracht. Noch Hufeland, 



200 Traumen und Versagungen. 

ein beträchtlich aufgeklärter Kopf, der darauf hinweist, daß das Zahnen 
keine Krankheit, sondern eine „natürliche Verrichtung" ist, spricht von 
gefährlichen Zufällen, die sich der Zahnarbeit zugesellen: „Durchfall, 
Fieber, Nervenanfälle, Stickungen, Husten, Brustverschleimungen, Haut- 
ausschläge, Zuckungen". Die moderne Medizin, bis in die populären 
Mutterberatungsbücher (z. B. Goerges) hinein lehnen jeden Zusammen- 
hang zwischen diesen üblichen Kinderkrankheiten und dem Zahnen ab; 
sie erscheinen während der Dentitionsperiode nicht häufiger, aber auch 
nicht seltener als sonst. Das Zahnen selbst verläuft ohne jede Krankheitser- 
scheinung, kaum unter Beschwerden, höchstens ein kurzes, hohes Fieber 
unmittelbar vor dem Zahndurchbruch mag die Regel sein. Etwas schwerere 
Zustände werden bei rachitischen Kindern zu erwarten sein. 

Eine gewisse Unruhe und Reizbarkeit oder auch apathische Verhal- 
tungsweise bezeichnet aber doch in der Regel die psychische Reaktion 
auf dieses Ereignis. Hufeland beschreibt den Zustand des Kindes hübsch: 
„Das Kind fängt oft plötzlich und heftig an zu schreien, greift sich dabei 
nach dem Mund, und ebenso plötzlich hört das Geschrei auch wieder auf, 
es hat die Finger immer im Mund und führt alles, was man ihm gibt, 
dahin, um darauf zu beißen, es speichelt beständig, das Zahnfleisch ist an 
manchen Stellen angeschwollen und rot, und es läßt sich entweder nicht 
darauf fühlen, welches Schmerz anzeigt, oder es hat es gerne, wenn man 
ihm darauf hin- und herstreicht, welches Jucken dasselbe beweist." 
Ähnlich und für den normalen Fall völlig zutreffend beobachten Scupins : 
„Allem Anschein nach ist das erste Zähnchen in nächster Zeit zu erwarten. 
Das Kind schauert oft plötzlich wie vor Frost zusammen, preßt die 
Kiefer aufeinander und stößt durch die Nase ein ,m-m-m' aus. Jeden 
nur erreichbaren Gegenstand, am liebsten einen Finger, führt es zum 
Munde, um sofort wild damit auf der unteren Zahnleiste hin und her zu 
reiben; dabei macht der Kopf heftige Bewegungen nach rechts und links. 
Diese Erscheinung tritt mehrmals am Tage auf, im übrigen ist der Knabe 
heiter und ausgelassen wie immer." Drei Tage später „Bubi ist etwas 
nörgelig und wird leicht ungemütlich, er verlangt viel Beschäftigung 
und Abwechslung" oder: „Dem Zahndurchbruch war häufiges heftiges 
Zusammenschauern vorausgegangen, auch war das Kind etwas weiner- 
lich. Der Knabe schläft weniger und unruhiger als gewöhnlich. Morgens 
zwingt er uns durch ungeduldiges Ächzen, ihn schon frühzeitig aus dem 
Bett zu nehmen. Beim Anblick der verschiedenen Gegenstände im 
Zimmer stößt er dann ein freudiges „Ach 1" und „aha !" aus. Es macht den 
Eindruck, als freue er sich, alles noch an den gewöhnten Plätzen zu finden." 

Vergegenwärtigt man sich des zahnenden Kindes Situation: wie es 
erleben muß, daß eine Körperstelle, die bisher die nie versagende zuver- 
lässige Quelle von Lust war, plötzlich die Trägerin schmerzhafter Sensa- 
tionen wird, so findet man sich recht enttäuscht über die geringfügigen 



Die Entwöhnungsperiode. — Dentition. 201 

psychischen Äußerungen, die die Beobachter aufzeichneten. Und man 
wird von vornherein gerne annehmen, die Aufmerksamkeit der Beobachter 
sei nicht eigentlich auf dieses physiologische Ereignis gerichtet gewesen; 
oder man wird vermuten, daß der psychische Verlauf bei gut gepflegten, 
gut beschäftigten, liebevoll gewarteten Kindern — und das sind ja die Ob- 
jekte der beobachtenden Kinderpsychologen — verborgener ist, als bei 
den Kindern, die diese Kompensationen nicht haben. Denn es ist schwer 
zu glauben, daß der Verlust einer erogenen Zone so klaglos überwunden 
werden sollte. Wer die libidinöse Besetzung der oralen Zone annimmt, 
wird geneigt sein, dem Zahnen eine gewisse Wichtigkeit und Bedeutung 
zuzuschreiben — und findet sich plötzlich in einer überaus merkwürdigen 
Übereinstimmung mit dem Glauben aller Völker und Zeiten. Gewiß ist 
dieser Glauben und Aberglauben für uns kein gewichtigeres Argument, 
als die Aufstellungen der modernen Kinderpsychologie. Aber dies über- 
raschende Zusammentreffen, daß unsere Anschauungen uns einen be- 
stimmten Vorgang als wichtigen erwarten lassen, und daß er so seit je auf- 
gefaßt wurde, und wäre es selbst gegen die "Wissenschaft, wird uns auf 
diese volksmedizinischen Gebräuche aufmerksam sein lassen, den Wunsch 
erregen, sie näher kennen zu lernen. Es wird dann noch Zeit sein, die 
apriorischen Erwartungen zu revidieren, und auf das zuläßige Maß herab- 
zusetzen. 

„Im Volk ist die Überzeugung von der Bedeutung des schweren Zahn- 
durchbruchs als Ursache einer Reihe von mehr oder minder gefährlichen 
Krankheiten der Kinder sehr tief eingewurzelt" (Hovorka). Wie sehr 
diese gefürchtet werden, ersieht man aus den zahllosen sorgfältigen und 
strengen Maßnahmen, die zwar nach Völkern sehr variieren, aber In irgend 
einer Form jedem zukommen und den Zweck haben, das Zahnen leicht, 
schmerzlos, gefahrloszumachen. So heißt es von den Bayern (Hovorka): 
„Die gelben Blüten von Sauerdorn (Berberis officinalis) werden zuerst 
in ein leinenes, dann in ein rotseidenes, großes Säckchen eingenäht, und 
zwar mit roter Seide. Alles Nähzeug, Nadel, Seide dazu, sowie Blüten 
müssen in einer besonderen Schachtel beisammen liegen gelassen werden. 
Das genähte Säckchen hängt man um den Hals des zahnenden Kindes, 
und zwar alle vier Wochen ein neues, unbeschrien, am nämlichen Datum 
des Monats und zur nämlichen Stunde. Das Anhängsel darf niemals vom 
Hals genommen werden, selbst nicht bei dem Baden des Kindes, und 
muß auf dem Rücken hängen. Das alte Säckchen wird sogleich unberufen 
verbrannt und dazu werden drei Vaterunser gebetet. Sollte man einmal 
während der vierwöchentlichen Frist das Säckchen an dem bestimmten 
Tag abzunehmen vergessen, so muß man es hängen lassen, bis wieder 
vier Wochen verflossen sind, und erst dann, wie gesagt, durch ein anderes 
erneuern." Lange bevor dem Säugling das Zahnen droht, wird es bereits 
prophylaktisch bekämpft, so in Franken, wo die Hebamme bei der Taufe 









202 Traumen und Versagungen. 

heimlich die Finger ins Taufwasser taucht, und damit das Zahnfleisch des 
Kindes reibt, damit es später leicht zahne; oder in Preußen, wo der Vater 
schon bei der Geburt des Kindes einen Eimer Wasser neben sich stellt, 
dem Kind einen Finger in den Mund steckt, diesen dann mit den Worten 
ins Wasser taucht: „Schmerzen in den Grund Iffl" (das ist dreimal zu ma- 
chen) ; oder in Hessen, wo schon am Hochzeitstag die Mutter an das künf- 
tige Zahnen des künftigen Kindes denken muß, um vom ersten Mahl in 
der neuen Wohnung drei Weckenbrocken aufheben zu lassen, mit denen 
die Mutter den Kiefer des zahnenden Kindes — stillschweigend — be- 
streichen wird. Zahlreich sind die sympathetischen, Zaubermittel, Amu- 
lette die in Verwendung treten. Unter ihnen ist vor allem die Maus in 
differentestcn Weisen ein Spezifikum gegen Zahngefahren des Kindes: 
so in Steiermark (Hovorka): „Wenn die .Pillen einschießen', d. i. wenn 
die Zahnpapillen sich erheben, soll die Mutter einer lebenden Maus den 
Kopf abbeißen und diesen dem Kind umhängen", oder in Mecklenburg 
(Hovorka): „Wenn man einer lebenden Maus einen Zwirnfaden durch 
beide Augen zieht, sie dann wieder laufen läßt und den blutigen Faden 
einem neugeborenen Kind um den Hals bindet, so zahnt es leicht." 
Diese Proben merkwürdiger und komplizierter Gebräuche lassen uns 
wenig Hoffnung, daß sie sich leicht enträtseln lassen werden ; und es bleibt 
fraglich, ob sie selbst enträtselt uns irgend etwas für den kinderpsycho- 
logischen Zusammenhang Belangvolles bieten werden. Da zum Programm 
dieses Buches aber gehört, den kulturgeschichtlichen Erscheinungen Auf- 
merksamkeit zu widmen, und die Zahngebräuche gewiß auf unserem 
Weg liegen, seien sie des näheren betrachtet; auf die sehr nahe Gefahr hin, 
daß wir nicht mehr leisten können, als deren Aufzählung und dann genö- 
tigt sind, ohne Hilfe von der Völkerpsychologie zur Kinderpsychologie 
zurückzukehren. 

Die Notizen der Reisenden, die Hovorka und Ploß (2) gesam- 
melt haben, zeigen uns die außerordentliche Verbreitung von zum Teil 
sehr ähnlichen Gebräuchen bei geographisch, linguistisch, anthropologisch 
und kulturell völlig differenten Völkern. Suchen wir ein Prinzip zur ma- 
terialen Ordnung dieser Fälle, so bietet sich vor allem der Gesichtspunkt 
des Maßes von Rationalität, das dem Gebrauch anhaftet, wie weit wir 
ihn — heißt das — unmittelbar vernünftig finden oder doch finden können, 
wenn wir uns den Voraussetzungen, die hinter ihm stehen, anbequemen. 
Unserem unmittelbaren Verständnis sind jene Gruppen von Ge- 
bräuchen am zugänglichsten, die den Bedingungen physiologisch-psycho- 
logischer Natur des Zahnens angepaßt sind, oder solche, die auf rationale 
Weise die Schmerzen des Zahndurchbruchs zu mindern trachten. Hieher 
gehören die Beißringe — verschiedenen Materials und verschiedener Aus- 
führung - Wolfs-, Eber-, Hundszähne, die gefaßt dem Kind umgehängt 
werden, damit es sich ihrer zum Beißen und zum Reiben des schmerzenden 



Die Entwöhnungsperiode. — Dentition. 203 

Zahnfleisches bediene. Hieher gehören aber auch Einreibungen des Zahn- 
fleisches mit schmerzlindernden Mitteln, wie es nach Dioskurides 
die Römer taten, die das Jucken mit Honig und Butter besänftigten 
(Hovorka). All solche Mittel sind nichts anderes als die Unterstützung 
der kindlichen Instinkthandlungen, die sich von selbst einstellen, so 
wie das Kind nur einen geeigneten Gegenstand zum Beißen und Reiben 
erreicht hat. 

Daß die Mutter sich über des Kindes Zahnen freut, wird uns wenig 
verwundern, ist es doch ein neues Zeichen für das gesunde Fortschreiten 
der Entwicklung. Zeugnis dieser Einstellung ist die Beglückwünschung 
der Maronitenmutter mit der wiederholten Formel: „Sein Zahn ist er- 
schienen, möge seine Mutter sich freuen" (Ploß 2). Und auch die Ge- 
schenke, die dem zahnenden Kind bei den alten Germanen gegeben 
wurden, verstehen sich in einer Schichte aus diesem Zusammenhang. 
Ebenso daß der symbolische Gehalt der Tatsache, die beginnende Er- 
wachsenheit, zu einem für den Stamm wichtigen, festlichen Ereignis wird, 
wie bei den Batakern auf Sumatra (Hovorka). Gemindert mag der 
Jubel werden durch die Erwägung, daß nun bald aus dem tüchtigen 
Trinker an der Naturquelle ein ebenso tüchtiger Esser werden wird, 
dem die Nahrungsmittel durch Arbeit beschafft werden müssen. So 
begrüßt die Fellachenfrau in Palästina das Ereignis ein wenig ambivalent : 
„Sein Zahn ist heraus, versteckt das Brot im Haus!" 

Die beträchtliche Wichtigkeit, die dem Zahnen zugeschrieben wird, 
was ja die Gebräuche, ihr Gehalt sei übrigens welcher immer, durch ihr 
bloßes Bestehen beweisen, hat gewiß ihre Wurzel in der bedeutenden 
Rolle, die der Zahn im unbewußten Seelenleben spielt. Ihr können 
wir hier nicht nachgehen, die Psychoanalyse von Träumen und Neurosen 
erweist sie für die heute lebenden Völker so gut, wie die Pubertätsriten, 
die Zahnverstümmlungen, die stolze Zufriedenheit mit schönen Zähnen 
für die primitiven Völker. Ein Stück der Sorge, die durch Glaube und 
Gebrauch gebannt werden soll, bezieht sich auf den Wunsch, dem Kind 
mögen schöne und starke, scharfe Zähne wachsen, wie sie Wolf, Eber 
und Maus zukommen. So singt die Maorimutter auf Neuseeland beim 
Durchbrechen der Zähne, ihrem Kind Zähne der Ratte wünschend 

(Ploß 2): 

„Sprossender Kern, sproß', 
Sproß', daß du mögst kommen 
Zu sehen den Mond nun voll ! 
Komme du sprossender Kern, 
Laß die Zähne des Mannes 
Gegeben werden der Ratte, 
Und der Ratte Zähne 
Dem Manne!" 



204 Traumen und Versagungen. 

Die Riten, die wir eingangs aufführten, sind uns eine Warnung, 
dem rationalen Gehalt auch der scheinbar einfachsten und durchsichtigsten 
Bräuche zu trauen. Beißringe, Wolfszähne u. dgl. haben z. B. nicht allein 
ihren rationalen Gebrauchsgehalt, sondern sie sind zugleich Amulette, 
Zaubermittel, sympathetische Mittel. Sie sind es vielmehr nicht zugleich, 
sondern sie waren es ursprünglich und vorher. Dies erweist sich daraus, 
daß sie vielfach zu einer Zeit dem Kinde angehängt werden, in der es 
den zweckentsprechenden rationalen Gebrauch von ihnen noch nicht 
machen kann, daß sie bei manchen Völkern auch gar nicht diesem 
Gebrauch zugeführt werden, sondern ihren Platz unter dem Kopfpolster 
des Kindes, am Wiegenrand u. dgl. finden. 

Und schließlich werden nicht weniger häufig Dinge als Amulette, 
ganz in derselben Weise wie Wolfszähne etwa verwendet, die für den 
rationalen Zweck völlig ungeeignet sind. Vor allem bevorzugt ist hier 
der Same der Päonia, in Bayern und Österreich unter dem Namen 
„Zahnperlen" sehr beliebt (Ploß 2), das zwar vom Kinde nicht als 
Beißobjekt verwendet werden kann, aber dessen Samenkapsel auffallend 
einem Zahn mit Wurzeln ähnelt. Es kann nicht verwundern, daß hinter 
der rationalen Fassade all dieser Gebräuche, Riten sich eine tiefere 
Schicht, belebt von Dämonengedanken, Zauber und Magie, verbirgt. 
Denn dies ist der Fall im ganzen Gebiete des Folklore. Und darum ist 
es unmöglich, eine einzelne Gruppe von Gebräuchen losgelöst von diesem 
ihren Hintergrund und Mutterboden zu deuten, zu erklären. Aber uns, 
die wir ja arrdieser Stelle nicht allgemeine Kulturgeschichte treiben wollen, 
und die die Zahnensgebräuche nicht als Belege für den Dämonenglauben 
interessieren, sondern als Symptome, an denen uns die unbewußte oder 
unausgesprochene Einstellung der erwachsenen Welt zur Kindheit ver- 
ständlich werden möchte — und das hieße Kulturgeschichte der Kindheit 
betreiben — uns wird dieser allgemeine Hinweis, diese Erinnerung ge- 
nügen. Sie macht uns darauf aufmerksam, daß die Dämonen wohl auch 
in diesem Fall Projektion unbewußter Wünsche sind (Freud 14), daß 
die Sorge, die die Erwachsenen um das Geschick des zahnenden Kindes 
ergreift, Schutz vor aggressiven Tendenzen gegen dieses sorglich mit 
sympathetischen Mitteln behandelte Kind ist. Wir haben ähnliches bei 
den Kinderpflegemethoden behaupten müssen. Es wird gut sein, den 
befremdenden Gedanken, der hier wiederkehrt, auch an dieser Stelle 
aphoristisch zu belegen. 

In einigen Punkten ist uns hier das Material glücklicherweise sehr 
gefällig. Dem Wunsch der Eltern, ihr Kind möge starke (tierstarke) 
Zähne bekommen; der Freude über das erste Zeichen der kommenden 
Unabhängigkeit und Reife stehen Äußerungen der Angst vor dem einen 
wie vor dem anderen entgegen. Den alten Indern galt die Zahnungs- 
periode als besonders wichtiger Zeitabschnitt im Leben des Kindes. Der 



Die Entwöhnungsperiode. — Dentition. 205 

folgende Hymnus (nach Avesta) verrät uns, daß er seine Wichtigkeit 
aus der Psyche der Eltern, der erwachsenen Gesellschaftsmitglieder be- 
zieht (Ploß 2): 

„Sie, die groß geworden, tigergleich Vater und Mutter zu fressen 
wünschen, diese beiden Zähne, Brhaspati, mache hold, o Jata 
vedas. 
Reis eßt, Gerste eßt, Bohnen und Sesam eßt: das ist der euch 

beiden bestimmte Teil, nicht verletzt Vater und Mutter. 
Angerufen sind die beiden vereinten Zähne, daß sie sanft und 
glückbringend seien; anderswohin wende sich eure Schrecklich- 
keit, Zähne: nicht verletzt Vater und Mutter." 
Von hier aus versteht sich das erwähnte Zahngeschenk der Ger- 
manen, als eine Captatio benevolentiae, nicht bloß als Ausdruck un- 
bändiger Freude. Wenn die Neger auf Jamaika das Geschenk an das 
Kind fordern, „damit die Zähne nicht faulen", vermeint man geradezu 
unmittelbar zu verstehen, wie das Geschenk als Kompensation der 
Mißgunst gemeint ist. Die latente Angst vor dem künftigen Gebrauch 
der eben durchbrechenden Säuglingszähne, das latente Unheimlichkeits- 
gefühl, das sich an das Kind bindet, kann am ehesten manifest werden, 
wenn irgend etwas Regelwidriges beim Zahnen vorkommt. Daher be- 
fürchten viele Volksstämme Unheil von jenen Kindern, denen die oberen 
Schneidezähne vor den unteren durchbrechen. Das Unheil ist zweiseitig, 
es kann für das Kind befürchtet werden, so in Uganda (wo diesfalls 
sofort der Zauberer gerufen wird, der das Kind durch Aufführung ge- 
wisser Tänze schützt), oder es wird für die Angehörigen befürchtet, und 
trifft dann zunächst das Kind selbst wirklich: es wird bei vielen Völker- 
schaften unverzüglich und unerbittlich getötet (z. B. in Mkulwe, Deutsch- 
Ostafrika). „Wüßte meine Mutter, wann meine ersten Zähne durchbrechen, 
dann würde sie mir ein Leichentuch bereithalten" heißt es sprichwörtlich 
bei den Maroniten im Libanon, was die physiologischen Gefahren treffen 
will, aber zugleich in diesem Zusammenhang die Aggressionsneigungen 
der Eltern zu meinen scheint. Auch in deutschen Landschaften lebt noch 
ein Rest dieser unheimlichen Auffassung von Unregelmäßigkeiten, so 
wenn es in Bern von einem Kind, dessen Zähne so wachsen, daß breite 
Lücken zwischen ihnen bleiben, heißt, es werde weit reisen (Ploß 2). 
Die Unheimlichkeit, die für das primitive Seelenleben (und für die 
tieferen Schichten des sog. kultivierten) durch die Tatsache Kind aus- 
gelöst wird, mag gemischt sein von Vergeltungsfurcht und verdrängter 
Aggression, die beide auf dem Boden der Identifikation mit dem Kind 
wachsen ; gegen diese Identifikation wehrt sich zudem das Ich, als gegen 
eine gefährliche Regressionsneigung. Im Avestahymnus ist ein gut 
Stück dessen zum Ausdruck gelangt. Hier wird die Furcht laut, das Kind 
werde seine Erzeuger auffressen als Projektion des Wunsches (tief- 



206 Traumen und Versagungen. 

verdrängt) mit dem Kind so zu verfahren und als „Erinnerung" sozu- 
sagen an die eigenen kannibalischen Tendenzen als Kind gegen die eigenen 
Eltern, an deren Stelle man getreten ist. Doch alle diese Zusammenhange 
sind nur schwer, unklar und gar nicht schlüssig in der gedrängten bei- 
läufigen Darstellung zu geben, die das Thema des Buches erzwingt. 

Daher verstärken wir uns lieber den Eindruck vom Bestehen des 
einen Faktors, der Aggression, indem wir zeigen, daß eine große Gruppe 
der spezifischen Zahngebräuche von ihm aus verständlich wird. Es sind 
jene, bei denen die Maus eine Rolle spielt. So häufig sie sind — und 
zwar bei völlig differenten Völkern — so rätselhaft sind sie geblieben. 
Denn, daß die Maus ein heiliges Tier ist, vermag uns bei der Fülle heiliger 
Tiere nicht ihren Zusammenhang mit dem Zahnen zu erklären. Daß ihre 
Zähne dem Kind gewünscht werden, als scharfe, zerstörende, führte 
schon weiter, aber es ist noch ganz in der Sphäre des Rationalen, des 
Rationalisierten. Immerhin enthält dieser Wunsch eine leichte und 
partielle Identifizierung, Kind — Maus. Diese aber noch in der Rationali- 
sierung durchschimmernde Vergleichung hat ihre Ursache und Möglich- 
keit in einer weitgehenden Identifikation zwischen Kind und Maus, die 
die Psychoanalyse als eine sehr allgemeine nachweisen kann. Das kleine 
Tier ist geradezu der Kosename für das kleine Kind; Maus wird der 
Säugling oft genug genannt. Der Weg dieser Symbolbildung, deren 
Tertium comparationis nicht nur die Kleinheit sein kann, ist gewiß 
verschlungen genug und keineswegs völlig durchschaut. Aber eine Linie 
läuft über Maus — Penis — Kind; eine andere mag daran anknüpfen, 
daß der Aufenthalt der Maus in der Erde (oder ihrem Ersatz) ist, in der 
Mutter Erde, unsichtbar in dem Leib der Mutter; mit den Kollateralen, 
die über Erde, Kot, Kind, Penis führen (Freud 3). Eine dritte schließlich 
wird mit dem Mauseloch zu tun haben, aus dem die Maus plötzlich hervor- 
huscht, in das sie wieder zurückverschwindet, als Symbole für Geburt 
und Generalregression (Rank). Kann aber die Maus im Unbewußten 
das Kind vertreten, so fällt ein grelles Licht auf die Maus bei der Zahnung. 
Ihr Hauptzug sind Gewaltakte an der Maus; außer den bereits genannten, 
vor allem Abbeißen des Kopfes einer Maus, und zwar einer lebenden, 
durch Vater oder Mutter, und Ausschlagen ihrer Zähne. Solch ein ab- 
gebissener Mauskopf um den Hals des zahnenden Kindes gehängt, mag 
zwar wenig dazu beitragen, es vor Schmerzen und trostbringenden Zahn- 
krankheiten zu schützen, aber so verstehen wir nun sehr wohl, es schützt 
das Kind tatsächlich vor Schmerzen und Tod, denn die Aggressionen sind 
auf die arme Maus verschoben, ausgelebt worden, und für das Kind 
bleibt liebevolle Sorge und sichernde Pflege. 

Einige Überdeterminationen sollen nicht ganz unerwähnt bleiben. 
Schon dem zahnenden Kind gegenüber regen sich die Kastrations- 
wünsche des Erwachsenen, so lehrt uns die Vorwegnahme von Pubertats- 



Die Entwöhnungsperiode. — Dentition. 207 

riten bei den Zahnriten. Der Mauskopf, die Zähne von Hasen, Wölfen, 
Hunden, dürften diesen unbewußten Sinn haben. Und zugleich mag der 
Zahn, der des Kindes so gut wie des Tieres, symbolisch für das Kind 
selbst stehen, wächst er doch verborgen in der dunklen Höhlung, um 
unter Schmerzen plötzlich ans Licht zu brechen. Im einzelnen läßt sich 
— gewiß nicht ohne eine umfangreiche sorgfältige Untersuchung — nicht 
sagen, welchen Anteil die verschiedenen Aggressionsziele am Ritus haben 
mögen, aber wir sehen sie sich bemerkbar machen: Kastration, Tötung 
und vielleicht auch die Tötung durch Verspeisen (orale Vernichtung). 
In dem Augenblick werden sie gegenüber dem Kind übermächtig aktuali- 
siert, so daß sie der Vorbauten, Sicherungen, Ablenkungen, Symboli- 
sierung und Verdrängung bedürfen, wo dem Kind die Zähne zu wachsen 
beginnen, die Werkzeuge für seine künftigen oralen Vernichtungs- 
absichten, Kastration und Kannibalismus. 

Wir sind zu den gleichen Ergebnissen gelangt, wie beim Versuch 
die Kinderpflegeformen auf ihren unbewußten Gehalt zu analysieren. 
Es läge nahe, auch für die Aggressionen gegenüber dem zahnenden Kind 
den Vater, bzw. die männliche Gesellschaft verantwortlich zu machen. 
Das ist aber nicht möglich; eher noch ließe sich behaupten, daß in diesem 
Fall auch die Mutter an ihnen teilhat (wenn sie z. B. das Geschenk geben, 
und sie den Mauskopf abbeißen muß) ; aber auch dies ist aus dem Material, 
wie es mir — aus zweiter Hand — vorliegt, nicht sicher zu entscheiden. 
Diese Frage muß daher ganz unbeantwortet bleiben. Immerhin werden 
wir bei der Entwöhnung Motive kennen lernen, die die Aggression auch 
der Mutter nicht unverständlich erscheinen lassen. 

Mit den behandelten Gebräuchen haben wir uns nicht zuletzt darum 
so ausführlich befaßt, weil wir in ihnen eine Art säkularer Introspektion 
vermuten, die uns, wenn wir sie nur entziffern können, eine Quelle für 
das Seelenleben des Kindes sein könnten, das jenseits der Verdrängungs- 
schwelle liegt. Und finden uns nicht enttäuscht. Es ist als ob alle diese 
Gebräuche sagten: Mit dem ersten Zahn wuchs in mir die Erbsünde; 
das Zahnen ist der Markstein zwischen zwei Perioden, der harmlosen 
Säuglingsperiode, in der ich selig in Harmonie mit Natur und Gesellschaft 
keinen Wunsch hatte, der mir Konflikte bringen konnte, und der darauf- 
folgenden frühen Kindheitsperiode in der mich Mord- und Bewältigungs- 
triebe wild beherrschten, so daß ich und die Welt zwei Feinde wurden, 
die sich bekämpften, in der ich Tier und Kannibale war. Aber zugleich 
mit dieser Einsicht warnt uns das Studium der Riten, zu große Schmerzen, 
Revolutionen, Gefahren u. dgl. mit dem Zahnen verbunden, zu vermuten; 
sie sind Phantasien, sozusagen, die ihre psychischen und sozialen Funk- 
tionen haben, aber keinen objektiven Gehalt haben müssen. 

Warum sind nun die Tagebücher der Kinderpsychologen in striktem 
Gegensatz zu jener Introspektion? Warum zeigen sie uns keine neue 



208 Traumen und Versagungen. 

Verhaltungsweise des Säuglings gleich nach dem Durchbruch des ersten 
Zahnes? Diese Frage kann nur gestellt sein, um einer Selbstverständlich- 
keit das Recht zu ausgesprochener Betonung zu geben. Weil der erste 
Zahn nur symbolischen Wert eben als erster Anfang einer wesentlichen 
Änderung beanspruchen kann. Die Fähigkeit zu beißen, die Veranlassung 
das Saugen aufzugeben oder wesentlich einzuschränken und zu modi- 
fizieren ist nicht der erste Zahn, sondern deren eine, freilich eine un- 
bestimmte, Anzahl. Nehmen wir aber den ersten Zahn als symbolisch 
für das vierte Vierteljahr, dann vollziehen sich zugleich mit ihm aller- 
dings Veränderungen, die auch die Tagebücher klar ausweisen. Wir 
haben von ihnen bereits gesprochen und werden uns mit ihnen noch zu 
befassen haben. 

Versuchen wir aber den mit dem Zahnen in der ersten Periode ver- 
knüpften Erscheinungen näher nachzugehen, so läßt sich etwa folgendes 
finden : 

Zunächst die Umwandlung der bisherigen Verhaltungsweise (saugen) 
in die neue (kauen) tritt nicht plötzlich ein, sondern eine Reihe von 
kleinen Stößen sozusagen bewegt die Entwicklung ziemlich unmerklich 
vorwärts. Der Prozeß, der mit dem Durchbruch des ersten Zahnes ein- 
setzt, ist prinzipiell erst mit dem Durchbruch auch des zweiten oberen 
Schneidezahnes beendet, zu diesem Zeitpunkt erst wird das wirkliche 
Beißen und Kauen möglich. Diese Addition von kleinen Stößen ist, 
wie wir oft bereits gefunden haben, keine Verschärfung, sondern eine 
Abschwächung der psychischen Verletzung. Daher kann der Übergang 
zur neuen Verhaltungsweise sich für den Beobachter ohne deutliche 
Symptome vollziehen; ja die etwa beobachtbaren können in ihrer Re- 
lation zu dem Zahnen und den mit ihm sich ansetzenden Veränderungen 
unerkannt bleiben. Eine leichte Indisposition, z. B. wird festgestellt, 
ob sie aber für die spätere Entwicklung eine andere Bedeutung hat, als 
irgend welche andere, manifest sich ganz ähnlich äußernde Indisposition, 
läßt sich nicht beurteilen. Dies gilt nicht allein für die Erscheinungen, 
die den Folgewirkungen des Zahnens etwa zugeschrieben werden könnten, 
sondern in noch höherem Maße für viele Phänomene, die uns im Zu- 
sammenhang mit der Entwöhnung noch zu beschäftigen haben werden. 
Indisposition, Schmerzen, Fieber — dies alles allermeistens in sehr 
leichtem Grade und schnell vorübergehend — sind in der Regel die 
Begleitvorgänge des Zahndurchbruches. Es macht wenig Schwierig- 
keiten sie in die Anschauungen einzufügen, die in diesem Buche vor- 
getragen werden. Zwar über die Psychologie des Schmerzes weiß man 
noch recht weniges und unsicheres und es darf nicht mein Ehrgeiz sein, 
das komplizierte Problem hier beiläufig auszubreiten, aber ein Punkt, 
und ein für unsere Betrachtung sehr wichtiger, ist unwidersprochen: 
der Schmerz zieht imperativ alle verfügbare Aufmerksamkeit auf sieh: 









Die Entwöhnungsperiode. — Dentition. 209 

„einzig in der engen Höhle des Backenzahnes wohnt die Seele" sagt der 
tiefe Psychologe Busch vom Prototyp des Schmerzes, vom Zahn- 
schmerz. Die Besetzungsenergie wird bis zu sehr beträchtlichen Quanten 
auf das schmerzerregende System konzentriert und demgemäß die libidi- 
nöse Besetzung der übrigen Welt weitgehend aufgehoben („sogar die 
alte Liebe rostet" — beim Zahnschmerz). Anderseits gibt es kein besseres 
schmerzlinderndes Mittel, als Abzug dieser Besetzungen von dem schmer- 
zenden System — nur eben leider kommt dieser kontradiktorische Fall 
selten zustande. Das zahnende Kind verhält sich hier durchaus wie jedes 
unter Schmerz stehende: es ist unruhig und vor allem reizbar; seine 
Beziehungen zur Außenwelt sind gestört, ein kleines Hindernis genügt 
und die Besetzung wird von dem Objekt, es sei nun Mutter, Spielball, 
eigener Körper, abgezogen und dem Schmerz zugeführt. Die Unruhe 
wird motorisch, der Fall, der immer eintritt, wenn die festen Verhaltimgs- 
weisen zur Befriedigung eines Bedürfnisses ihr Ziel nicht erreichen, beim 
Schmerz gewiß kein anderes als seine Beseitigung, also R.-Triebver- 
haltungsweise. Ohnehin ist ja der Hunger das Vorbild jedes Schmerzes. 
Und schließlich sammelt sich die motorische Unruhe zum Schreien, 
Weinen, der primitiven Universalhandlung. Alles in allem bedeutet das 
Verhalten beim Schmerz eine Regression zu bereits verlassenen Verhal- 
tungsweisen. Auch der Erwachsene schreit, weint, benimmt sich höchst 
zweckwidrig und unvernünftig, unbelehrbar in solchem Falle, regrediert, 
ganz wie der Säugling, auf das Stadium des Neugeborenen etwa. Beim 
Zahnen kommt hier eine Verschärfung hinzu. Für andere Schmerzen 
hat der Säugling die Tröstungen der oralen Zone zur Verfügung, das 
Ludein „lenkt ihn ab"; die Besetzung der oralen Zone verringert die 
Schmerzbesetzungen, die Schmerzintensität. Jetzt aber haftet der Schmerz 
gerade an dieser Zone. Es ist hier durchaus der Tatbestand gegeben, den 
wir Enttäuschung nennen müssen; es ist sozusagen der objektive Tat- 
bestand der Enttäuschung gegeben, einerlei, was sich das Kind dabei 
denken mag. Wir haben aber keinen Anlaß nicht anzunehmen, daß es 
diesen Tatbestand als eine Art Urenttäuschung erlebt. Und es erlebt 
die Urenttäuschung in diesen Monaten mehrmals hintereinander an 
derselben Stelle. Die Folge wird in einem Verlaufstypus gewiß die 
sein, daß sich das Kind sozusagen von diesem enttäuschenden 
Objekt abwendet, daß die Libido zu einem gewissen Betrag dieser 
Zone entzogen wird. Es ist dies jedenfalls der normale Verlauf, d. h. 
der normierte, der als normal geforderte, unabhängig davon, welche 
empirische Prozentualität ihm entspricht. Denn die Maxillen sind 
ja auf die Dauer keine erogene Zone, sie werden bald keine Lust 
mehr zu bieten vermögen, sie werden bald ihre Funktion im Dienste 
der Sexualtriebe völlig an die R.-Triebe, die Stillung des Hungers, ab- 
geben müssen. 

Bornfeld, Psychologie des Säuglings. 14 



210 Traumen und Versagungen. 

Was aus der freigewordenen Libido wird, ist einfach genug als 
Alternative zu formulieren: sie wird sich an der Oberfläche, den Lippen, 
oder an einer anderen Zone, oder an das keimende Ich binden. Man 
kennt Fälle genug, die sich nach einer und der anderen dieser Alternativen 
deuten lassen. Das Küssen, das im späten Säuglingsalter gelernt wird, 
und die neue Intensität des Artikulierens beim Sprechen bzw. dessen 
Vorstadien, zeigt neue Quantitäten von Libido an die oberflächlichen 
Partien der oralen Zone gebunden. Die Icherstarkungen, die wir bei der 
Bemächtigung zu dieser Zeit sahen, und bei der Wahrnehmung noch 
sehen werden, zeigen den zweiten Weg beschritten. Der sechste Monat 
ist uns als Masturbationsbeginn bekannt geworden; es koinzidiert hier 
so gut, als die heutigen Beobachtungsmethoden erwarten lassen, die 
Abnahme der einen Zone mit dem Zunehmen der anderen. Die Ent- 
täuschungen an der oralen Zone helfen zu ihrer partiellen Desexualisierung. 
Vielleicht ist es nur eine hübsche literarische Wendung, vielleicht aber 
auch ein Stück Erkenntnis, jedenfalls in nichts den Tatsachen wider- 
sprechend, wenn ich hier formulieren wollte, daß diese durch Enttäuschung 
entsexualisierte Zone zur primären Trägerin des Hasses — der Objekt- 
vernichtung — wird. 

Vorsichtigerweise wird das Fieber, das den Zahndurchbruch be- 
gleitet, zurzeit besser als rein physiologischer Vorgang aufgefaßt. Immer- 
hin geben die Untersuchungen von Deutsch den Mut, hier noch eine 
Möglichkeit zu erwähnen. Das Fieber wird vielleicht später einmal den 
psychischen Erscheinungen zuzurechnen sein. Sollte dies zutreffen, so 
wäre es verständlich. Wir kennen das völlig rätselhafte transitorische 
Fieber der Neugeborenen ; es hat nicht wenig Ähnlichkeit mit dem Zahn- 
fieber (so z. B. Reuß). Soweit dieses oder jenes psychogen ist, wäre das 
Fiebern als regressive Erscheinung zu bezeichnen. 

Das Spucken des zahnenden Kindes, das von der vermehrten Sekretion 
der Speicheldrüsen, die in der Dentitionsperiode einsetzt, herrührt, 
aber bald zu einer beliebten Beschäftigung des Kindes wird, wird 
ebenso wie das Benützen von Beißring, Finger und allem nur irgend 
Geeignetem zur Schmerzerleichterung besser mit dem Beißen und Kauen 
zusammen erörtert. 

2. Beißen und Kauen. 
Das Beißen und Kauen üben die Kinder bereits mit zahnlosen Kiefern. 
Preyers Sohn biß bereits in der 17. Woche, also lange vor dem ersten 
Zahn, ebenso Dix Kind in der 18. Woche. Freilich ist dies Beißen natür- 
lich nichts anderes als ein Festklemmen des Fingers oder anderer Gegen- 
stände zwischen den Kiefern. Vielleicht verdient es eine gewisse Beachtung, 
daß dies ungefähr der Zeitpunkt sein mag, in dem die Magitotsche 
Membran sich zurückbildet; stimmte dies, was sich derzeit aus der Litera- 
tur nicht feststellen läßt, so hätten wir im vierten Monat eine Art Vor- 









Die Entwöhnungsperiode. — Beißen, Kauen. 211 

zahnungsperiodc vor uns, in der eine gewisse erste Entsexualisierung des 
Kiefers und Abwendung vom tiefen Saugen einsetzt. Gewiß aber fallen 
diese ersten Beißübungen in die Zeit der beginnenden Entwicklung der 
Bemächtigungsfunktion des Mundes. Das Beißen ist in diesem Zusammen- 
hang ein festeres Halten, die Analogie zum Ergreifen mit der Hand. Zu 
einer häufig geübten Verhaltungsweise wird es aber erst während des 
Zahnens, um dann nach ihm zu einer ebenso ausgiebig und leidenschaft- 
lich, an allen nur einigermaßen geeigneten Objekten geübten Tätigkeit 
zu werden, wie früher — aber auch gleichzeitig noch — das Saugen. 
Erst zu Beginn des zweiten Lebensjahres pflegt das Küssen erlernt zu 
werden. Es* muß offenbar als Ermäßigung des Beißens gelernt werden; 
es ist keine Triebhandlung, sondern wird anscheinend den geliebten 
Personen zuliebe, die es verlangen, anstatt des triebhaften Beißens, das 
sie verbieten, erlernt und geübt. Als ein typischer Fall der Ermäßigung 
einer Bemächtigungshandlung (einer Aggression) zu einer Zärtlichkeits- 
äußerung. 

Das Kauen tritt noch früher auf; Dix beobachtet es im zweiten 
Monat, in der elften Woche; Preyer hat es „ehe der erste Zahn" vor- 
handen war, ebenso gesehen. Der eigentliche Anreiz aber zum Kauen 
ist ebenso wie beim Beißen erst gegeben, wenn die Zähne im Durch- 
brechen sind. Der Mechanismus des Kauens ist offenbar angeboren. 
Er wurde aber in seinen Details nicht studiert. Darum läßt sich Näheres 
leider nicht erkennen; vor allem nichts darüber, welches die Relation 
der Kaubewegung zum Saugen, und anderseits zum auslösenden Reiz 
im Zahnfleisch während und nach dem Zahnen ist. Nichts als der vage 
Eindruck läßt sich festhalten, es ist als diente das Kauen anfänglich der 
Bewältigung eines unangenehmen Reizes im Munde, der nicht durch 
ausspucken oder schlucken entfernt werden kann oder soll; auch Preyer 
scheint diesen Eindruck gehabt zu haben. 

Ebensowenig ist das Beißen näher studiert. Wir müssen auch hier 
darauf verzichten, Genaueres zu erfahren über die Beziehung zwischen 
dem Beißvorgang und den auslösenden Reizen, die, wie immer wieder 
betont wird, vornehmlich beim Zahnen für das Beißen gegeben sind. 
Wir sehen die fertige Tatsache: sehr bald sind Kauen und Beißen ganz 
in den Dienst der Bemächtigung getreten; sie dienen der Ernährung und 
ganz allgemein der oralen Bemächtigung, Vernichtung und Einverleibung 
der Welt — soweit sie es sich gefallen läßt; und bald wird das Beißen 
auch in den Dienst der Verteidigung des eigenen Körpers treten, so wenn 
das Kind in der Abwehr versucht die Mutter zu beißen. Den Weg dieser 
Umwandlung kennen wir nicht. Gewiß, es sind bloß minitiöse Details, 
die uns so entgehen; aber es sind doch die Vorgänge beim Verlust einer 
erogenen Zone; und zwar der erste Verlust dieser Art, der das Kind trifft; 
es hätte sich vielleicht gelohnt, ihn sorgfältiger und gesicherter zu be- 

14* 



212 Traumen und Versagungen. 

schreiben, als derzeit möglich ist. Immerhin ist hier nicht die schmerz- 
lichste Lücke in der Tatsachenkenntnis, die wir — mit schlechtem Ge- 
wissen, wie immer in solchem Fall; sei es eingestanden — zu überspringen 

haben. 

Die Analogie zu späteren Verlusten ist verblüffend, ja lächerlich: 
Wo bisher Lust sich ergab, stellt sich Unlust — bis zum Schmerz ge- 
steigert — ein. Das Kind verhält sich nun zu dieser enttäuschenden, 
ehemals erogenen und liebevoll gestreichelten Stelle seines eigenen 
Körpers, wie es sich später zu Objekten der Außenwelt im gleichen Fall 
verhalten wird, wird verhalten wollen. Es entfernt und vernichtet sie. 
Mit der Zunge und den Kiefern reibt und schiebt es (es kaut); es spuckt, 
als wäre die Kieferstelle, der Zahn ein lästiger Fremdkörper; es drückt, 
reibt, zieht mit den Fingern; es beißt schließlich darauf. Natürlich ver- 
geblich, denn die Reizung ist nicht zu entfernen, die Enttäuschung bleibt 
bestehen. Im Zorn, besonders im Gefühl des ohnmächtigen Zornes wird 
es sich zeitlebens so verhalten können. 

Was diese Analogie so kraß macht, sind die Worte Enttäuschung, 
Vernichtung, Zorn usw. Sie haben für den Säugling nicht die Fülle von 
Erinnerungen, Gefühlen, intellektuellen und komplizierten emotionalen 
Prozessen, die sie im späteren Leben erhalten. Sie bezeichnen ganz ein- 
fache Verhaltungsweisen, die aber die Kristallisationspunkte sind, um 
die sich die späteren Erlebnisse organisieren, die somit bis in diese Ur- 
zeiten kontinuierlich zurückreichen. 

Der Mund, ursprünglich die Stätte von angeborenen festen Ver- 
haltungsweisen, die den R.-Trieben dienen, war in den ersten Lebens- 
tagen in Ausübung seiner Ernährungsfunktion zu einer erogenen Zone 
geworden. Die sexuelle Funktion des Mundes sichert, fördert darf man 
sagen, seine vegetative (R.-Triebkräfte). Bald wurde er zur haupt- 
sächlichsten, zur dominierenden erogenen Zone. In dieser Stellung wird 
er zum Förderer neuer R.-Triebkräfte-Verhaltungsweisen der Be- 
mächtigung. Und tritt nun vollends in der Dienst den R.-Triebe, indem 
seine inneren Partien entsexualisiert werden, die sexuelle Funktion 
(Saugen, Küssen), an seine Peripherie gebunden bleibt. Die Libido wird 
zum Teil abgezogen und anderweitig verwendet; zum Teil aber in Katergie 
verwandelt. Die Kiefer, ursprünglich Objekte von libidinösen Strebungen, 
werden nun kurz zu Objekten feindseliger Strebungen und hierauf 
zu deren Subjekten (Trägern). Es ist als ob hier ein Projektionsprozeß 
sich abgespielt hätte; eine Art Verdrängung von Todestrieben aus dem 
eigenen Körper in die Außenwelt, wie es Freud (10) für den Sadismus 
vermutete. Und tatsächlich ist ja auch der orale Sadismus (Kannibalismus 
im Sinne der Psychoanalyse) die primitivste Form des Sadismus. 

Bei der schon oft erwähnten Vermischung der beiden Triebgruppen 
kann es nicht verwundern, wenn die Erogenität des inneren Mundes 



j 



Die Entwöhnungsperiode. — Beißen, Kauen. 213 

trotzdem zu einem Teil erhalten bleibt, oder sekundär wieder erreicht 
wird. Dieses ist im pathologischen Fall häufig, aber auch in der Breite 
des Normalen nicht selten zutreffend. Jenes findet bei der Sprache 
statt. Es ist kein Zufall, daß der entscheidende Fortschritt der Sprach- 
entwicklung des Kindes in die Zahnungsperiode fällt. Die Sprache hat 
sehr nahe Beziehung zum oralen Sadismus, sie ist ein Ausstoßungs- 
vorgang — was in vielen Details erst ganz deutlich wird — sie ist 
schließlich zum größten Teil, soweit ihr Motorisches in Frage steht, 
nichts anderes als Organisierung all jener Bewegungen, die wir oben mit 
einer sadistischen Behandlung der ehemals erogenen Zone in Analogie 
setzten. Was wir Sprache heißen, ist eine Art Kauen, Spucken, Reiben 
und Knirschen der Zähne und Kiefer mit Zunge, Zähnen und Kiefern, 
und zwar eine komplizierte und bestimmte Art dessen. So wie das 
Lachen und mancher mimische Ausdruck, organisierter Ablauf der 
diffusen Schockreaktion, oder diffuser Abfuhrphänomene, ist sie organi- 
siertes Kauen, Beißen, Kiefer-, Zahn-, Zungenbewegung. 

Einen kurzen Hinweis verdient noch ein Detail, das kaum einem 
Beobachter ganz entgangen ist. Zu den Maßnahmen, die das Kind 
gegen den — gewöhnlich wohl leichten — Schmerz beim Zahnen trifft, 
gehört das Aufbeißen auf die schmerzende Stelle (bzw. Daraufdrücken). 
Dies kann aber den Schmerz kaum lindern, sondern müßte ihn wohl 
vermehren. Wir treffen hier eine paradoxe Verhaltungsweise an, die 
zwar wenig beachtet wurde, die aber weit über diesen Einzelfall hinaus 
verbreitet ist. Auch der Erwachsene verhält sich sehr häufig und gerade 
bei Zahnschmerz ganz ebenso. Es ist eine merkwürdige Lust, die in 
dieser Steigerung des Schmerzes liegt. Den Lustcharakter erhält dieser 
Schmerz — so ist mein Eindruck — durch die Aktivität, die das Ich dabei 
entfaltet. Es ist kein Zweifel, daß die frühe Kindheit viele solche Züge 
kennt, das Kratzen bei Juckreizen, das ja Kinder — vielleicht auch schon 
im Säuglingsalter — bis zum Bluten treiben, gehört hierher, und daß 
ihnen gegen sich selbst gewendete sadistische Tendenzen zugrunde liegen. 
Bei etwas geringerer Vorsicht in der Ausdrucksweise wird man berechtigt 
sein, von Masochismus zu sprechen (Hug-Hellmuth). In all diesen 
Fällen sind es erogene Zonen, oder ehemalige erogene Zonen, aus denen 
die Schmerzlust gezogen wird. Ich sehe keinen Grund, ihren Keim nicht 
in der ubique gegebenen Situation des zahnenden Kindes zu sehen. In 
das Vorgetragene fügt es sich wohl ein; aus späterem Zusammenhang 
werden wir leicht Motive zu dieser Auffassung gewinnen. Aber das völlige 
Dunkel, in das Schmerz und Schmerzlust noch gehüllt sind, verhindert 
jede entschiedenere Stellungnahme. 

Ein leicht zu erwartender Widerstand gegen unsere Anschau- 
ungen kann wohl im Anhang zu diesem Kapitel gelockert werden. Der 
Leser wird gespürt haben, daß die Analogie dem Autor ernster ist als 



. 



214 Traumen und Versagungen. 

er aus didaktischen Gründen zeigen wollte. Und die Zumutung, jene 
Vorgänge, die zum Beißen und Kauen führen, als Projektion anzusehen, 
stellt keine geringen Anforderungen an die psychoanalytische Gefolgschaf t 
des Lesers. Im Zusammenhang des Bemächtigungstriebes wurde die 
Entsexualisierung der Armmuskulatur mit der Verdrängung parallelisiert, 
und nun die Projektion herangezogen. Philosophische und methodische 
Einwände sind gegen solches Verfahren reichlich bereit. Ich glaube, 
man kann sie durch folgende Erwägung ein wenig ihres Gewichtes be- 
rauben. Gewiß sind Verdrängung und Projektion Begriffe, die an den 
psychischen Prozessen im landläufigen Sinne des Wortes gebildet wurden, 
an den Trieben, Vorstellungen, der Libido und Energie, die unbezweifclbar 
dem Bereich des Ichs angehören. Gewiß auch sind die Vorgänge, die 
uns hier beschäftigen, dichter an den Körper gebunden, sie sind geradezu 
körperliche, der Physiologie wohl zugängliche Erscheinungen, und 
schließlich noch sei wiederholt zugestanden, daß die Anwendung psycho- 
analytischer Termini auf organische Prozesse ihre Schwierigkeiten haben 
mag. Aber: 1. Kümmern uns hier nur die erogenen Zonen. Sie sind zwar 
Körperteile, aber solche, die mit zweifellos psychischer Energie (mit 
Libido) in einem — unnötig näher zu präzisierenden — Konnex stehen; 
sie sind ein Grenzgebiet unserer Betrachtung. 2. Darf nicht mißver- 
standen werden, daß die Aussagen über die Libidoprozesse in den erogenen 
Zonen nichts über die Lokalisierung dieser Prozesse definitiv aussagen. 
Ich würde zwar der Meinung sein, wenn ich gezwungen wäre sie zu be- 
kennen, daß reale Libido in der realen Körperpartie, erogene Zone X, 
sich befindet, und dort reale Veränderungen erfährt und vornimmt; aber 
ich würde auf dieser Anschauung nicht bestehen; es wären auch andere 
diskutabel. Dieses beides beachtet, ist es sehr interessant zu sehen, daß 
die Libidoabläufe und Verwandlungen, die wir der dichtest gebundenen, 
eben der Libido der erogenen Zonen, der Libido, die der Organlibido 
sehr nahezustehen scheint, zuschreiben, denselben Mechanismen folgt wie 
die leichter gebundene, die im Ich selbst verläuft, und an der Freud seine 
ursprünglichen Aufstellungen gewonnen hat. Auch sie hat — was ja nur 
dem Halbpsychoanalytiker ausdrücklich gesagt werden muß — Ver- 
drängung und Projektion. Will man terminologisch sehr genau sein, so 
könnte man sie als Urverdrängung und Urprojektion von der Verdrängung 
und Projektion sondern. (Was dann freilich nötigte, die Termini Ur- 
verdrängung und Entsexualisierung zu identifizieren oder differentiell zu 
definieren.) Näheres Studium der organischen Prozesse wird dann wohl 
bald lehren 1 ), daß die sog. Freudschen Mechanismen sich nicht nur an 
der dichteren Libido der erogenen Zonen aufweisen lassen, sondern daß 
ihnen auch die biologischen Abläufe folgen. Mit Einschränkungen, ver- 



') Siehe Schildcrs Arbeiten. 



Die Entwöhnungsperiode. — Abstillung. 215 

mutlich, die uns aber im kinderpsychologischen Zusammenhang keine 
Sorgen machen müssen. 

3. Die Abstillung. 

Unter den Faktoren der Entwöhnung hat unser Interesse nicht 
der Wechsel der Nahrung, der eine medizinisch-diätetische Frage ist, 
sondern der Entzug der Mutterbrust, die Abstillung. Dies ist allemal 
ein Ereignis im Leben des Kindes, das es hart trifft, und das ihm von 
außen her aufgezwungen ist. Freiwillig würde das Kind kaum auf die 
Mutterbrust verzichten, wenigstens nicht in den ersten Lebensjahren. 
Beweis hiefür ist wohl, daß bei jenen Völkern, die die Abstillung erst 
sehr spät vornehmen, die Mutterbrust gern und regelmäßig auch noch 
in einem Alter genommen wird, in dem längst andere Nahrung genossen, 
ja in dem sie das Kind bereits weitgehend selbständig erwirbt und zu- 
bereitet. Wir können dies sehr wohl begreifen ; die konservative Tendenz 
im psychischen Leben greift nicht gerne zu neuen Verhaltungsweisen, 
am wenigsten, wenn kein nötigender Grund vorliegt. Um so weniger, wenn 
die alte Verhaltungsweise mit so tiefer und mannigfaltiger Lust ver- 
knüpft war, wie das Saugen an der Mutterbrust. Vor Eingang noch in 
die spezielle Darstellung muß man sich einer Anschauung entledigen, 
die der Sprachgebrauch präjudiziert. Das Saugen an der Mutterbrust 
ist keine einfache Gewohnheit des Säuglings und darum das Aufgeben 
dieser Tätigkeit weit entfernt davon, eine bloße Entwöhnung zu sein. 
Sondern das Saugen ist eine Triebhandlung, die zentrale des ersten Lebens- 
jahres, mit einer Fülle von Befriedigungserlebnissen, mit einer großen 
Mannigfaltigkeit von Lusterlebnissen beträchtlicher Intensität. Das 
Aufgeben dieser Triebhandlung muß daher eine psychische Umsetzung 
tieferer Kategorie sein, als das Wort Entwöhnung vielleicht annehmen 
läßt. Die Einstellung des Erwachsenen zeigt das klar. Der Erwachsene 
wird gegenüber der Zumutung oder dem bloßen Gedanken, Milch aus 
der Frauenbrust zu genießen, die tiefe Fremdartigkeit, Ablehnung, ja 
gelegentlich physischen Ekel empfinden, die wir nicht dort vorfinden, 
wo eine Gewohnheit aufgegeben wurde, sondern dort, wo eine Trieb- 
regung mit Reaktionsbildung — also besonders gründlich und sichernd — 
verdrängt wurde. Wir dürfen demnach als erfreulichen Nebenerfolg 
des Studiums der Entwöhnung, das uns im Rahmen einer Säuglings- 
psychologie vorgeschrieben ist, erwarten, etwas über die Entstehung einer 
frühen Verdrängung zu erfahren. 

Ein Blick freilich in die kinderpsychologische Literatur setzt unsere 
Erwartungen leider sehr herab. Sei es, daß die Erscheinungen den Beob- 
achtern entgangen sind, sei es, daß sie in jene Kategorie gehören, die 
ohne bedeutende Symptome und Äußerungen sich vollziehen, die Autoren 
zusammenfassender Arbeiten haben gar keine Notiz von der Entwöhnung 
genommen, die Verfasser kinderpsychologischer Tagebücher nur sehr 



216 Traumen und Versagungen. 

spärlich und ungenau. Die verhältnismäßig ausführlichste Mitteilung — 
aphoristisch und wenig sorgfältig genug — dieScupins, ist in ihrem Wert 
noch überdies eingeschränkt dadurch, daß Bubi nicht ganz zwei Wochen 
nach Beginn der Entwöhnung an Masern erkrankte, seine Mißstimmung 
also wohl von der latenten Krankheit mitbeeinflußt ist. Immerhin 
stimmen Scupins Beobachtungen mitden Erfahrungen der Ärzte, Mütter 
und Kinderpflegerinnen wohl überein. 

Diese besagen: Das Kind verweigert zunächst mehr oder minder 
vehement und ausdauernd die neue Nahrung und vor allem die neue 
Ernährungsweise (Flasche, Löffel, Becher u. clgl.). Erst nach vielem 
Schreien, Kämpfen, Hungern findet es sich mit dem Neuen ab. Beträcht- 
lich sind die verschiedenen Kundgebungen, die zeigen, daß es die Mutter- 
brust ersehnt; so zerrt Bubi an der Bluse der Mutter, als wollte er sie 
öffnen. Solche Handlungen werden bei Gelegenheit ausgeführt, auch 
wenn im übrigen die neue Ernährungsweise bereits angenommen ist. 
Das Daumenlutschen wird mit neuer Intensität betrieben. Das Kind 
zeigt sich im allgemeinen unruhig, zornig, leicht zu Schreianfällen geneigt, 
mißgestimmt, gelegentlich in einem Zustand, der nicht gut anders als 
mit den Worten Verstimmung, Traurigkeit beschrieben werden kann. 

Man sieht, es ist sehr ärmlich, was uns die Kinderpsychologie über 
diesen gewiß nicht unwichtigen Einschnitt in die Lebensweise des Kindes 
zu sagen weiß. Nichts, was über das naive Wissen außerhalb der Wissen- 
schaft hinausginge. Ehe wir in die nähere Erörterung dieser Befunde 
eingehen, und sie durch Fragestellungen ergänzen, die Lücken durch 
Annahmen ergänzen, neue Untersuchungen anzuregen, wollen wir uns 
auch in diesem Fall apperzeptive Eindrücke aus der säkularen Intro- 
spektion, die in den Gebräuchen der Völker versteinert ist, holen. Wir 
fühlen uns zu diesem neuerlichen Ausflug über die Grenzen der Kinder- 
psychologie durch ein neues verstärkendes Motiv gedpängt. Die Ab- 
stillung ist ein in Zeitpunkt und Art gänzlich von der Gesellschaft ge- 
setztes Ereignis. Es ist der erste in der unendlichen Kette von bewußten 
Eingriffen der Umwelt in die Entwicklung des Kindes, die uns in einem 
eigenen Band zu beschäftigen haben werden. Von diesem Eingriff an, 
haben wir es in der ganzen weiteren psychischen Entwicklung des Kindes 
nirgends mehr mit Erscheinungen zu tun, die auf das individuelle, bloß 
individuelle psychische Geschehen bezogen werden können; sondern 
jede ist in Hinkunft restlos zu verstehen erst als Ergebnis zweier diffe- 
renter, wenn auch nicht immer entgegengesetzter Reihen: der indivi- 
duellen — aus Erbgut her und allgemein psychischen immanenten Gesetz- 
lichkeiten sich entfaltenden — psychischen Verhaltungsweisen, und 
auf der anderen Seite der aktiv aus ihren Zwecken, Werten, Haltungen 
heraus auf sie einwirkenden Umwelt. Wir werden diese Umwelt kennen 
müssen, um ihre Einwirkungen, die oft verborgen ausgeübt werden, nicht 




Die Entwöhnungsperiode. — Abstillung. 217 

meistens zu übersehen, und um die Folgen dieser Einwirkungen jeweils 
abschätzen zu können. Auch der Säugling lebt natürlich in einer Um- 
welt, wir haben von ihr gelegentlich bereits gesprochen, und wollen im 
nächsten Kapitel sie mehr zusammenfassend betrachten. Aber sie ver- 
hält sich passiv zu ihm, oder ihm gefügig, seinen Bedürfnissen sich an- 
passend. Zwar war die Geburt ein heteronomer Eingriff in die fötale 
Situation; sie traf ihn aber in unentfalteter Autonomie und ist eine biolo- 
gische Gewalt. Die Entwöhnung ist die erste soziale Gewalt, die sich 
heteronom ihm entgegenstellt, ohne ihn zu vernichten, zu ertränken, zu 
töten. 

Sehr auffallend ist gleich beim Eingang in die Gebräuche, die uns nun 
eine Weile lang beschäftigen werden, daß der Zeitpunkt der Entwöhnung 
bei verschiedenen Völkern um eine ganze Reihe von Jahren differiert. 
Zwar haben wir schon öfter nicht unbeträchtliche Unterschiede im Ver- 
halten einzelner Völker gesehen. Aber sie bezogen sich auf das Detail des 
Gebrauches, nicht aber auf seinen Zeitpunkt. Die Entwöhnung ist, wie 
wir daraus allein schon sehen können, zu einem nicht nebensächlichen Teil 
eine soziale Angelegenheit, die weitgehend unabhängig ist von den Ter- 
minen biologischer und individual-psychologischer Art, die bei der 
Kinderpflege sonst die unverrückbaren Grenzen angeben, innerhalb deren 
die sozialen und die sozialpsychischen Motive sich frei auswirken können. 
Es gibt in der frühen Kindheit keinen Zeitpunkt, in dem spontan — aus 
der Gesetzlichkeit des individuellen psychischen Ablaufs im Kinde — eine 
Abneigung, geschweige denn Ekel im Kinde entstünden, die bisher geübte 
Ernährung an der Mutterbrust aufzugeben. Wir sehen in dieser Frage 
die Kinder völlig den Gewohnheiten des Stammes folgen, und diese selbst 
sind nicht aus der Erkenntnis einer biologischen, physiologischen oder 
psychologischen Situation geflossen. 

Und zwar ist die Spannung zwischen dem frühesten und dem späte- 
sten Entwöhnungstermin, den wir in den Beobachtungen der Ethno- 
graphen finden, geradezu unglaubwürdig groß. Bartels hat eine Über- 
sicht gegeben, die wir ihrer Erstaunlichkeit wegen hier gerne benützen 
(Hovorka). „Die Kinder werden gesäugt: Unter 1 Jahr bei den gebildeten 
Ständen in ganz Europa, bei den Samoanern, Koloschen, Tiinkitindianern, 
Maynas (Ekuador), Hottentotten. — 1 Jahr bei den Bugis und Makassern 
(Celebes), Gilan, Massaua. — 1 — l x / 2 Jahre bei den Dakotah, Sioux, 
Loangonegern, Tanembar- und Timoriaoinsulanern, Parsen. — 1 — 2 Jahre 
bei den Armeniern und Tataren in Eriwan, Esten, alten Römern, mittel- 
alterlichen Deutschen, Karagassen, Waswaheli. — 2 Jahre bei den Persern, 
Nayern, Tschuden, Eetas (Philippinen), Ruckinsulanern, Russen in 
Astrachan, Türken, in Fezzan, Marokko, Ägyten, Nilländern, Madi 
Waganda, Wakimby, Wanyamwezu, bei den alten Peruanern (auch vom 
Koran und von Avicenna angeordnet). — 2 — 3 Jahre bei den Australiern, 




218 Traumen und Versagungen. 

in China, Japan, Laos, Siam, bei den Armeniern, Kalmücken, Tataren, 
in Syrien, Palästina, Abessinien, auf den kanarischen Inseln, in Kamerun, 
bei denMandingonegern, Oldkalabar, Basuto,Makalaka, Timkitt, Apachen, 
Abiponer (Paraguay), Schweden, Norwegen, Steiermark. — 3 Jahre bei 
den Luang- und Sermatinsulanern, bei den alten Juden. — 2—4 Jahre 
bei den Indianern Pennsylvaniens, in Lappland. — 3—1 Jahre bei den 
Grönländern, Irokesen, Warrauindianern, Kamtschatka, Mongolen, 
Madras, Kabylen, Neapel. — 3—5 Jahre bei den Kanikar, Japanern, 
vielen brasilianischen Indianern, Ostjäken, Samoa, Palästina. — 4 — 5 
Jahre bei den Serben, Indianern am Oregon, in Kalifornien, Kanada, 
Maravis, Australien, Neukalcdonien, Hawai, bei den Kalmücken, an der 
Guineaküste. — 5 — 6 Jahre bei den Samojeden, den Fellahen in Palästina. 
— 6 Jahre bei den Australiern, in Neuseeland. — 6 — 7 Jahre bei den 
Indianern Nordamerikas, in Kanada, bei den Armeniern (Kuban). — 
7 Jahre bei den Eskimos (Smithsound). — 10 Jahre bei den Chinesen, 
Japanern, auf den Karolinen. — 12 Jahre bei den nordamerikanischen 
Indianern. — 14 — 15 Jahre bei den Eskimos (King-William-Land)." 
Ein Blick auf diese Tabelle lehrt bereits, daß die entscheidende De- 
terminante für das Verhalten auch in diesem Fall nicht etwa die Höhe 
der Kulturentwicklung und das Maß medizinischer Einsicht sein kann, 
weil ja die gebildeten Stände in Europa sich verhalten wie Samoaner 
und Hottentotten; und Chinesen, Japaner wie Eskimos und Indianer. 
Man darf sich freilich keine falsche Meinung bilden von der Tat- 
sache selbst. Es ist natürlich keine Rede davon, daß mit diesen Zeitan- 
gaben die gleichen Tatbestände gedeckt werden. Die extrem langen Still- 
zeiten sind nur durch gelegentliche Beobachtungen belegt, und sagen nicht 
etwa aus, daß bei diesen Völkern das Kind ausschließlich an der Mutter- 
brust ernährt wird; vielmehr handelt es sich lediglich darum, daß auch 
ein 5-, 8-, ja 10- oder 12 jähriges Kind zum Trinken an die Mutterbrust zu- 
gelassen wird. Diese Völker unterscheiden sich von anderen, etwa den 
Europäern der gebildeten Stände, zunächst nur darin, daß sie es nicht als 
den guten Sitten zuwiderlaufend empfinden, wenn das ältere Kind an den 
Mahlzeiten des jüngsten mit einem Schluck teilnimmt. So wurde z. B. 
bei den Motu beobachtet, „daß oft ein älteres und das jüngste Kind mit- 
einander um die Mutterbrust streiten, welche dadurch außerordentlich 
hängend werde. Hier werden die Kinder nicht entwöhnt, sondern sie 
entwöhnen sich selbst, wenn es ihnen einmal beliebt. Somit ist es nichts 
Seltenes, wenn Kinder zur Mutterbrust gelaufen kommen." Ploß (2). 
Diese Freiheit, die Mutter und Kind gewährt ist, mag nun bei einigen 
Völkern völlig zur legitimen Regel werden, so etwa bei den Japanern. 
Man hat diesen Eindruck aus der Bemerkung von Ploß (2): „Die Kinder 
entwöhnen sich selbst. Wie das Lamm in der Herde verläßt ein solcher 
Springer plötzlich seine Kameraden, um stehend oder kniend einige 



Die Entwöhnungsperiode. — Abstillung. 219 

kräftige Züge aus der Mutterbrust zu tun, die ihm nie verweigert wird" 
und findet sich darin bestärkt, wenn man beachtet, daß bei den Ja- 
panern, auch häufiger als bei uns etwa üblich ist, vom Gebrauch der 
Frauenbrust (Milch) durch Erwachsene die Rede ist (Ploß 1). Diese 
Völker haben Saugen, Säugen, Mutterbrust nicht mit Verdrängung 
belegt. Sie haben keine Abneigung, Ekel vor der Vorstellung und Hand- 
lung. Sie nötigen ihre Kinder auch nicht zur Verdrängung. Das Kind 
wird bei ihnen überhaupt nicht entwöhnt, abgesetzt. Sondern es behält 
neben der Beikost, die ihm von einem gewissen — auch bereits sehr 
frühen — Zeitpunkt an verabreicht wird (z. B. in Deutsch-Ostafrika 
vom 3. Tag an, Ploß 2), das Saugen an der Mutterbrust so lange bei, 
als es will; bis es freiwillig auf sie verzichtet. Dies geschieht nun offenbar 
nie zu Ende des ersten Lebensjahres bereits, sondern im Laufe der Kind- 
heit, spätestens bei Beginn der Pubertät. Bis daliin verschafft es sich 
je nach Gelegenheit und Neigung den Genuß der Mutterbrust. Es sind 
hier, wie auch Ploß (1) und Franke ausdrücklich bemerken, die in- 
dividuellen Faktoren bei Mutter und Kind die entscheidenden. Die 
Motive und Weisen des spontan eintretenden Desinteressements des 
Kindes an der Mutterbrust brauchen wir nicht des näheren zu betrachten ; 
sie gehören einem höheren Alter an und sind aus dessen psychischer 
Situation und sozialer Einstellung zu begreifen 1 ). 

Auch bei jenen Völkern, die in der Regel eine Entwöhnung nicht 
vornehmen, ist sie aus individuellen Gründen zuweilen nötig, so wenn die 
Laktation der Mutter nicht ausreichend ist; und vermutlich, wenn ein 
neues Kind geboren wird. Dies ist bei einigen Völkern regelmäßig das 
Ende der Stillzeit für das ältere Kind, man muß sich aber vorstellen, 
daß auch bei den anderen die Sorge nunmehr dem jüngeren Kind zu- 
gewendet wird, und das ältere zwar keine völlige Versagung der Mutter- 
brust erfährt, aber doch seltener und kürzer zugelassen werden wird, 
wenn die Milchmenge nicht für beide Kinder voll ausreichen sollte. Es 
werden auch Fälle berichtet, in denen Geburten, die während der Still- 
periode eintreten, getötet werden (Buschmänner (Kalahari)) (Ploß 1). 
Einige im übrigen nicht entwöhnende Völker haben die Sitte, bei Ein- 
tritt einer neuen Schwangerschaft bereits das Kind abzusetzen. Man 
kann demnach sagen: eine sehr beträchtliche Anzahl von Völkern läßt 
das Kind regelmäßig an der Mutterbrust trinken, bis ein Neugeborenes an 
seine Stelle tritt. Auch dann noch ist der Zutritt zur Mutterbrust dem 
bereits herangewachsenen Kinde nicht völlig verwehrt. Gelegentlich 
wird freilich gerade dies letztere nicht erlaubt, so war es bei den alten 



») Man darf die Distanz zwischen uns und diesen Völkern nicht allzu sehr übertreiben. 
Ich selbst beobachtete in einem öffentlichen Garten Wiens eine stillende Mutter, die 
ihre zweite Brust einem Knaben reichte, der vielleicht sechs oder sieben Jahre alt 
sein mochte. 



220 Traumen und Versagungen. 

Juden, die bis in das dritte Jahr zu stillen pflegten, verboten, das Kind, 
wenn es einmal entwöhnt war, wieder an die Brust zu lassen (Feld mann), 
und ähnlich bei den Litauern (Ploß 1). 

Bei dieser Verhaltungsweise findet im zweiten bis vierten Jahr der 
Übergang von der regelmäßigen zur gelegentlichen Stillung statt. Nicht 
aber — von Ausnahmefällen abgesehen — im ersten Lebensjahre. Die 
Absetzung im ersten Lebensjahre entspringt nicht den psychologischen 
Bedingungen des Kindes, muß daher in einer gewissen Weise gewaltsam 
vorgenommen werden. Wo sie vorgenommen wird, fehlt es auch nicht an 
abergläubischen Mitteln, sie für Mutter und Kind einfach und gefahrlos 
zu machen; auch die Versuche, durch Einreiben der Brust mit schlecht- 
schmeckenden Substanzen dem Kind den Appetit zu verderben, sind uralt 
und weit verbreitet. 

Die Reisenden pflegen sicli nach den Motiven zu erkundigen, die für 
das Verlängern der Stillperiode angegeben werden. Ploß (1) gibt als 
solche Motive übereinstimmend mit den anderen Autoren an: 1. die 
mütterliche Weichheit und Schwäche gegenüber den Kindern; 2. freilich 
nur nebenbei und gelegentlich gültig, gibt die „wenn auch schlechte und 
mangelhafte Muttermilch doch immerhin eine gewisse Unterstützung der 
Ernährung und somit eine pekuniäre Ersparung". Dieses Motiv besteht 
gewiß als ein unterstützendes bei manchen Völkern und Klassen; wir 
dürfen es aber vernachlässigen, weil es gewiß kein primäres ist; 3. das 
Wohlbefinden der Mutter, denn „durch das Saugen werden bei der Mutter 
ausgesprochen wollüstige Empfindungen hervorgerufen" ; 4. „die außer- 
ordentlich weitverbreitete Annahme, daß, solange die Mutter ihr Kind 
säugt, sie den Koitus ungestraft auszuüben vermöge, ohne daß nämlich 
eine Befruchtung eintreten könne". Ploß (1) hält dies für die wichtigste 
Triebfeder. Dem widerspricht aber erstens, daß es eine Reihe von — lang- 
säugenden — Völkern gibt, bei denen der Geschlechtsverkehr während der 
Saugperiode verboten ist; zweitens, daß diese Anschauung nicht zu Recht 
besteht, auch häufig genug bei den langsäugenden Völkern der Fall ein- 
tritt, daß sie mehrere verschiedenaltrige Kinder zugleich zu stillen haben, 
oder Sitten bestehen, die das zwar ausschließen, aber auf der richtigen 
Erfahrung beruhen, daß das Säugen die Konzeption keineswegs ver- 
hindert. Solch empirisch völlig falsche Anschauung kann nicht das Motiv 
eines Verhaltens sein; sie kann aber wohl als dessen Rationalisierung sich 
lange genug erhalten. So würde ich diesen Glauben auffassen: Er soll — 
scheinheilig könnte man sagen — die Lust am Säugen decken; sie setzt 
das Koitusbedürfnis der Frau herab, verarmt ihre heterosexuellen Stre- 
bungen und verstärkt ihre autoerotische, narzistische Befriedigung 1 ); 
die Rationalisierung verschleiert diesen Zustand vor den Männern und 



l ) Einen psychologisch tief erfaßten Beleg findet man bei Balzac, Zwei Frauen. 






Die Entwöhnungsperiode. — Abstill ung. 221 

legt dem Verkehr mit ihnen einen höheren Akzent bei, als gerade in diesem 
Zustand der Fall ist. 

Das hieße aber: das lange Säugen bedarf gar keines speziellen Motivs. 
Es hat für Mutter und Kind soviele Annehmlichkeiten, Lust im engsten 
Sexualsinn des Wortes (Wollust) so gut wie sublimierte Glückseligkeit zu 
bieten, daß es durchaus als der natürliche verständliche Zustand anzusehen 
ist, wenn die Mutter ihre Brust dem Kind so lange reicht, als es die physio- 
logischen Bedingungen nur gestatten wollen, das Kind sie so lange nimmt, 
als sie ihm geboten wird. Daß diese Beziehung überhaupt vor dem Altern 
der Mutter ein Ende findet, hat seine sozialen (sozialpsychischen) Gründe 
auf Seiten der Mutter und auch auf Seiten des Kindes, vielleicht noch über- 
dies psychische, die wir noch nicht kennen und in diesem Buche nicht zu 
erarbeiten haben. Obzwar die sexuellen Motive — von seiten der Mutter 
— zum Verständnis bereits hinreichen würden, soll nicht vergessen sein, 
daß schon in den primitivsten Verhältnissen libidinöse Befriedigungen 
in der Relation Mutter — saugendes Kind eintreten, die von der Lust 
der engeren Brustzone unabhängig sind. Die Mutter liebt ihr Kind mit 
größeren Quantitäten von Libido, als an die erogene Zone gebunden ist. 
Und diese Liebe geht, wie jede, darauf hinaus, Lust zu spenden, das ge- 
liebte Objekt glücklich zu machen. Es gibt kaum eine Situation, in der 
die gespendete Lust so sinnfällig wird, so restlos akzeptiert wird, als beim 
Säugling, der selig an der Brust einschläft oder gierig an ihr trinkt. Die 
Liebe zum Kind ist hier völlig realisierbar und wird durch die Identifika- 
tion mit dem geliebten Objekt doppelt genossen. Es ist die vollendete 
Rückkehr, die Befriedigung aller regressiven Tendenzen, zugleich mit der 
Befriedigung des Luststrebens, beides in Harmonie mit der Realität und 
den Wertungen und Forderungen genossen, was im Unbewußten und 
Bewußten der säugenden Mutter statt hat ; statthaben kann, wenn keine 
konterkarrierenden Einflüsse vorhanden sind. Es scheint dies Grund 
genug, solche Situation so lange wie möglich festzuhalten. Ein intuitives 
Verständnis dieser Situation fehlt auch dem Mann nicht; er kann sie für 
sich freilich nur indirekt herstellen: in der Verehrung der Mutter Maria. 
Das Problem liegt vielmehr in den Verhaltungsweisen, die das Säugen 
abkürzen. Erstaunlicherweise gehören hierher sowohl die primitivsten 
wie die kultiviertesten Völker; Samoaner, Hottentotten und die An- 
weisung unserer Spezialärzte. Man wird von vornherein gern annehmen, 
daß bei jenen und diesen sehr verschiedene Motive wirksam sind. Und es 
gibt eine Reihe von Tatsachen, die unsere Maßnahmen als objektiv richtige 
erweisen, so wird wenigstens behauptet, und ich kann mich diesem Ein- 
druck nicht entziehen. Dennoch sei gewissenhaft bemerkt, daß nicht 
über jeden Einwand und Zweifel erhaben feststeht, ob wir die Tatsachen 
auch endgültig erkannt haben. Hierher gehören die Angaben der Ärzte 
über die diätetische Zukömmlichkeit der Milch bei sehr langer Laktations- 






222 Traumen und Versagungen. 

dauer. Freilich handelt es sich ja bei der Entwöhnung nicht darum, daß 
die Menge und Qualität der Nahrung geregelt wird, sondern um den völli- 
gen Entzug der Mutterbrust ; jenes läßt sich wohl auch ohne dieses ordnen. 
Ferner wird als Tatsache angeführt, daß die Laktation aufhört. Hie- 
gegen aber spricht das Beispiel der Bäuerinnen und sogar der Proletarierin- 
nen in manchen Gegenden, die weit über die ärztlich empfohlene Zeit 
hinaus die Kinder zu stillen pflegen. Es spricht für den Zeitpunkt des 
vierten Vierteljahres auch das Zahnen und die zunehmende Verdauungs- 
kraft des kindlichen Magens. Beides schließt aber neben geeigneter 
Nahrung fortgesetztes regelmäßiges Stillen nicht aus. Gewiß nicht ohne 
rationale Motivierungskraft sind die ökonomischen Verhältnisse. Die 
schlechternährte Mutter wird weniger und weniger geeignete Milch haben 
als die wohlhabende. Aber die Stilldauer läuft nicht parallel der ökono- 
mischen Situation. Armut wird gelegen tüch ein Motiv zu langem Säugen ; 
und gerade die wohlhabenden Schichten halten sich gern an die Forde- 
rungen der Diätetiker unter den Kinderärzten. Ich will mit all dem nicht 
eine Entscheidung über die objektive Triftigkeit der Rationalisierung 
arrogicren, nur darauf hinweisen, daß sie uns nicht so weit imponieren 
muß, ihrer Psychogenese nicht nachgehen zu wollen. 

Für die psychische Motivation des Verhaltens der Kulturvölker — 
ihrer gebildeten bürgerlichen Schichten — bietet sich zu allererst die Tat- 
sache, daß deren Mütter eine allgemeine und weitgehende Abneigung über- 
haupt zu stillen entwickeln ; ihre Unfähigkeit es zu tun, ist nicht zum un- 
beträchtlichen Teil vorgeschoben, zum Teil vielleicht auch aus diesen 
psychischen Gründen entstanden. Die Erklärung dieser Tatsache ist heute 
noch nicht zu geben ; es fehlt vor allem an entsprechend sorgfältiger ver- 
gleichender Feststellung der Tatsache selbst. Sie ist gewiß in der kompli- 
zierten Veränderung begründet, die die weibliche Psyche in den herrschen- 
den Schichten der Gesellschaft erfährt, Veränderungen, die wir derzeit mehr 
ahnen als kennen, deren Signatur aber — i n den hier in Betracht 
kommenden Relationen — in einer veränderten Einstellung zum Mann 
und zum Kind begründet ist. Die Homosexualität des Weibes scheint 
sich in diesen Kulturen beherrschender zu entfalten, den Akzent vom 
W ei ninger sehen Typus Mutter auf den Typus Dirne verschiebend. 1 ) 
Die Brust als erogene Zone wird bei dieser Verschiebung eine sehr ver- 
änderte Rolle erfahren, die angedeutet sei durch die berechtigte Sorge der 
Frau, durch das Säugen werde ihre Brust entstellt. Und die Einstellung 
zum Kinde noch mehr. Es wird mit stärkerer Ambivalenz wenn nicht mit 
offener Ablehnung aufgezogen. Die spezifisch weibliche Situation der 



«) Ist es vielleicht nicht gänzlich überflüssig, daß ich betone, daß der Gebrauch 
dieser Worte völlig unverbindlich gemeint ist, lediglich als bequeme Termini, die sehr 
komplizierte Tatbestände abbreviieren, völlig unabhängig von Weinlngers Psychologie 
und noch mehr — womöglich — von seiner Wertung? 



[ 



Die Entwöhnungsperiode. — Abstillung. 223 

säugenden Mutter wird abgelehnt werden — meistens sehr beklagtes Ver- 
siegen der Laktation unbewußt erzeugend — weil die beherrschende Linie 
des Sexuallebens der Frau in die Identifikation mit dem Vater und nicht 
mit der Mutter verlegt wird. Dieser Frauentypus wird versuchen, sich 
dem Stillen zu entziehen; Amme und künstliche Ernährung werden im 
Vordergrund der Ernährung stehen. Kommt aber Selbststillen zustande, 
so wird es zur Quelle von Konflikten, die jedenfalls, wie immer sie übrigens 
verlaufen mögen, eine möglichste Abkürzung des Stillgeschäftes tendieren 
werden. Als individuelle Erscheinung gibt es diese Frau wohl in allen 
Kulturen, bei allen Völkern, Klassen und Schichten. Aber es scheint, 
als würde sie zum dominierenden, Sitte und Rationalisierung schaffenden 
Typus, zur Norm nur in gewissen, verhältnismäßig seltenen und kompli- 
zierten, allemal nur herrschenden Kulturschichten. 

Viel von ihren eventuell einleuchtenden Gedanken muß diese Erör- 
terung verlieren, wenn wir uns erinnern, daß ja auch Samoaner und 
Hottentotten in diesem Punkt sich verhalten wie Völker, „die es herrlich 
weit gebracht". Soll man auch bei ihnen dieselben komplizierten psychi- 
schen Bedingungen annehmen ? Ich glaube, das würde zu Schwierigkeiten 
führen. Wir wissen wenig über ihre Einstellung zu Kindern. Aber von 
den Samoanern ist doch ein und das andere Detail berichtet, das uns 
Haltepunkte für die — noch einmal sei es gesagt, sehr unverbindlich, 
bloß anregend gemeinte — Spekulation bietet. So erfahren wir bei 
Ploß (2): „Meist entwöhnt man im 4. Monat, wenn nicht der Vater einen 
besonderen Auftrag vom Familiengott hatte, daß das Stillen fortgesetzt 
werden müsse. Geschah dies, dann gedieh das Kind vortrefflich und 
erhielt den Titel .Banane Gottes'." Das ist bedeutsam genug. Es kann 
uns vielleicht lehren, daß die unzureichende Stilldauer trotz dem Wissen 
um seine Schädlichkeit festgehalten wird; daß dieses Verhalten von den 
Männern ausgeht; und daß es einer Kompensation bedarf: Wehe, wenn 
den Kindern erlaubt wird, sich kräftig (zur Banane Gottes) zu entwickeln. 
Vielleicht danken wir nur dem spärlichen Bericht die Möglichkeit, dies 
Verhalten in oben Festgestelltes und Angenommenes einzureihen. Die 
Männer fürchten ihre Nachkommenschaft, sie halten sie schwächlich — 
bis zu gewissen Grenzen — sie wagen kräftige Kinder (mit der Mutter in 
Liebe unifizierte) nur, wenn eine spezielle schützende Relation zur Gott- 
heit hergestellt ist. (Die Frau der hochkapitalistischen Gesellschaften 
erweist sich hierin deutlich als Mann.) 

Ich kann nicht behaupten, daß uns das Studium all dieser Gebräuche 
in unseren kinderpsychologischen Fragen etwas geholfen hätte. Im Gegen- 
teil finden wir uns vor einem Bündel neuer Probleme. Aber das muß uns 
nicht kränken. Gelingt es beim heutigen Zustand der Psychologie auf 
dem Weg zur theoretischen Zusammenfassung bloß Probleme zu stellen, 
so ist das vielleicht noch nützlicher als alle Spekulationen, die ja in der 




224 Traumen und Versagungen. 

Psychologie immer eine andere, geringere Bedeutung haben, als etwa in 
der Physik, und gar in der heutigen Psychologie, die noch so wenig von 
der Mannigfalt der Phänomene sorgfältig erfaßt hat. Wir trösten uns also 
mit dem Wert der Anregung zu weiteren Untersuchungen um so leichter, als 
ja die Gebräuche — auch unabhängig von ihrem psychologischen Erkennt- 
nisgehalt — in das Programm unserer Bemühungen gehören, und halten 
das Eine fest, das sich mit zwingender Deutlichkeit ergab : Die Abstillung 
ist, in der frühesten Kindheit vorgenommen, eine Versagung, die das Kind 
von der Außenwelt erfährt, die seinen autonomen Bedingungen und der 
phylogenetisch — vermutlich — vorgezeichneten Entwicklungsbahn wider- 
spricht. Der von der heutigen Pädiatrie empfohlene Zeitpunkt mildert 
diese Heteronomie. Die Zahnung, in der sich der Säugling zu Ende des 
ersten Lebensjahres zu befinden pflegt, disponiert ihn vielleicht zu einer 
Art Abfindung mit dieser Versagung; er ist ohnehin recht böse mit seiner 
oralen Zone, die ihn enttäuscht hat, er entzieht ihr libidinöse Besetzun- 
gen. Auch von einer anderen Seite her kann vielleicht eine gleichsinnig 
wirkende Tendenz angenommen werden. Das Ende des ersten Lebens- 
jahres ist auch die Zeit, in der — offenbar spontan, autonom — eine ge- 
wisse Abwendung von der Mutter einsetzt: das Kind überwindet die 
Angst, ohne Brustdeckung, frei, zu gehen, und es führt freiwillig seinen 
Körper von der Mutter weg. Und schließlich wird man erwägen, daß in 
denselben Monaten auch die Sprache bedeutsame Fortschritte macht. 
Das Sprechen bietet jedenfalls oraler Libido eine Verwendungsmöglich- 
keit; ohne daß hier näher untersucht sei, wieweit diese Möglichkeit auch 
realisiert wird, und mit welchen Quanten, auf Grund welcher Mechanismen. 

Bei unseren Kindern ist die zeitliche Koinzidenz im allgemeinen dieser 
Phänomene sicher. Es bedürfte schon sehr gewichtiger Argumente, sollte 
man darauf verzichten, in dieser Koinzidenz auch eine Relation zu sehen. 
Leider läßt sich aber derzeit nicht entscheiden, wie man diese Erscheinun- 
gen einander kausal zuordnen kann. Wir wissen nichts über die Termine 
von Gehen und Sprechen bei nichtentwöhnten Kindern ; wir wissen auch 
viel zu wenig über die feinere Struktur dieser Erscheinungen bei unseren 
Kindern, nichts über ihre gegenseitige Korrelation. 

Trotz dieser Milderungen wird jeder, der sich auf den Boden der in 
diesem Buch vorgetragenen Anschauungen stellt, aus Überzeugung oder 
aus wohlwollender wissenschaftlicher Neugier die Tiefe der Versagung sehr 
hoch einschätzen. Handelt es sich doch um eine radikale Versagung der 
Befriedigung der für den Säugling mächtigsten Libidostrebung. Diese 
Erwartung wird womöglich noch gesteigert, wenn man aus Analysen — 
eigenen und Starkes, Abrahams, Ranks — die nicht leicht zu über- 
schätzende Rolle der Abstillung im System Ubw mit Erstaunen immer 
wieder erfährt. Dieser Erwartung, die doch so wohlbegründet scheint, 
widerspricht, so scheint es, die Erfahrung am Säugling strikte. Gewiß, die 



I 



Die Entwöhnungsperiode. — Abstillung. 225 

Entwöhnung äußert sich, aber so kurz und im Vergleich zu unseren Er- 
wartungen so gering, daß wir uns geneigt fühlen, die Voraussetzungen, die 
zu so unberechtigten Erwartungen geführt haben, gründlich zu revidieren. 

Wie gesagt, die vorliegenden Tatsachen sind spärlich, wenig sorg- 
fältig gewonnen, zufällig, der Kritik in jeder Hinsicht eine breite Angriffs- 
fläche bietend. Immerhin wollen sie aber zunächst betrachtet sein. Tut 
man dies etwa an Hand der Scup in sehen Aufzeichnungen, die wir oben 
reproduzierten, so findet sich keine Schwierigkeit, sie ökonomisch zu ver- 
stehen. Wir sehen die Äußerungen von Unlust, die wir begreifen und deu- 
ten können, als die Unbefriedigung eines Triebzieles: die begehrte Mutter- 
brust wird nicht erreicht. Schreien, entsprechende Greif- und Bemächti- 
gungsversuche werden unternommen, sie führen nicht zum Ziel. Ersatzbe- 
friedigung wird gesucht, Lutschen etc. Und sie führt nichtzurBefriedigung. 
Angst, Unruhe, Reizbarkeit werden wir als Symptome einer größeren 
Quantität Libido deuten, die nicht gebunden, nicht abgeführt und nicht 
abgesättigt werden kann, weil das Triebziel nicht erreicht werden kann. 
Befinden wir uns in ähnlicher Situation, so erleben wir sie als Sehnsucht, 
und benehmen uns ähnlich wie der Säugling. Wir werden einerseits von 
Unruhe ergriffen, reizbar und zu Ersatzbefriedigungen geneigt sein; 
andererseits aber wird uns eine gewisse Apathie ergreifen. Diese hat ihren 
Grund darin, daß wir ein gut Stück unserer psychischen Energie, unserer 
Libido der Phantasie, phantasiemäßiger Befriedigung unserer Sehnsucht 
zuwenden werden, die uns ein gut Stück Befriedigung zu geben mag. Ähn- 
liches sehen wir am Säugling auch; auch er wird bis zu einem gewissen Grad 
apathisch, „traurig" möchte man sagen, resigniert. Wir wissen natür- 
lich nicht, was in ihm vorgeht, weil wir ja nur aus seinen Handlungen seine 
inneren Vorgänge erschließen können, gerade diese aber in diesem Zustand 
fehlen. Wir können aber kaum anderes tun, als einen äquivalenten Vor- 
gang bei ihm anzunehmen. Es wird ja über das Vorstellungsleben und 
seine Beziehung zur Triebbefriedigung noch einiges vermutend anzuführen 
sein. Hier genügt die Annahme: die auf die versagte, die andauernd aus- 
bleibende Befriedigung gerichtete Libido wird zunächst den Wunsch- 
halluzinationen zugewendet; sie ist zu Handlungen, Neubesetzungen nicht 
zur Verfügung. Das Handeln, das Interesse an irgendwelchen Dingen der 
Außenwelt hört für diese Zeit auf, oder erscheint herabgesetzt, unsteter. 

Objektiv ist zwischen der Trauer und der Sehnsucht kein Unter- 
schied. Er liegt nur im Erleben; und auch hier bloß in einem Element : die 
Sehnsucht ist hoffnungsvoll, sie hat das Triebziel nicht aufgegeben, sie 
erwartet die Befriedigung in irgend einer Zukunft. Die Trauer ist hoff- 
nungslos, sie tritt ein, wenn wir uns überzeugt haben, daß das Ersehnte 
unerreichbar ist, daß die augenblickliche Versagung zur definitiven, zum 
Verlust geworden ist. Sie besteht vollends im Aufhören des Antriebes zu 
jeder Handlung, sie wendet ein noch größeres Quantum und dieses noch 

Bernfeld, Psychologie des Säuglings. 15 




226 Traumen und Versagungen. 

konsequenter auf die Phantasietätigkeit und auf gewisse sehr schlecht 
verstandene Umsetzungen, deren Resultat wir als Überwindungen des 
Verlustes kennen lernen, wovon ein wichtiger Mechanismus uns durch 
Freud (7) einen ersten Grad von Präzision gewonnen hat. Bei der Über- 
windung des Verlustes spielt die Identifikation mit dem Verlorenen eine 
gewisse Rolle. 

Beim Säugling ist Trauer und Sehnsucht gewiß nicht zu unter- 
scheiden. Beide liegen sehr nahe beieinander. Vielleicht erscheint ihm 
die Mutterbrust verloren, wenn er eine halbe Stunde vergeblich geschrieen 
hat ; sieht er die Mutter nach kurzem Schlaf wieder, so entsteht die hoffende 
Sehnsucht aufs neue. Es hat wenig Sinn, so poetisch es sein mag, uns in 
das Fühlen des Säuglings hineinzuversetzen, wir werden über die Phäno- 
menologie seines Erlebens doch nichts erfahren. Wir sehen ihn aber sich 
verhalten, als würde er sein Triebziel erreichen wollen, dann wieder so, 
als hätte er es aufgegeben. Und zwar dauert es eine Zeitlang, bis er weder, 
wenn er hungrig ist, noch wenn er die Mutter oder gar ihre Brust sieht, 
auf ihren Arm genommen wird, oder sonst objektiv in die ehemalige Be- 
friedigungssituation gerät, Bemühungen macht, seine Sehnsucht zu 
stillen. Soviel ich sehe, unterliegt das konkrete Verhalten des Kindes sehr 
mannigfaltigen individuellen Differenzen. Bei manchen Kindern ist von 
Sehnsucht und Trauer sehr wenig zu bemerken ; andere weisen ein deut- 
liches Zustandsbild auf, das sich in dieser Weise deuten läßt, aber es hält 
nur sehr kurz an ; wieder andere halten es mehr weniger lang fest. Gele- 
gentlich geht diese Apathie so weit, daß es zu völliger Verweigerung der 
Nahrungsaufnahme kommt (Hochsinger). (Es ist nicht ohne Interesse 
zu sehen, daß zeitlebens die Trauer eine gewisse Neigung hat zur Nahrungs- 
verweigerung.) Über diese Verhalt ungs weise haben wir nicht zu sprechen, 
soweit sie ein richtiges Krankheitsbild zustande bringt, die Ernährungs- 
neurose (Hoch sing er). Aber die Verweigerung der Nahrung als solche ist 
für die Entwöhnungsschwierigkeiten regelmäßig bezeichnend. Und sie ist 
eigentlich verwunderlich. Sie zeigt jedenfalls daß die R.-Triebe, die wir 
für alle Maßnahmen verantwortlich machen, welche zur Stillung des Hun- 
gers dienen, weitgehend libidonisiert wurden. Was das Kind erstrebt, ist 
nicht, geeignete Nahrung zu erhalten, sondern sie auf bestimmte Weise zu 
genießen. Dies ist für das Kind zur untrennbaren Befriedigungssituation 
geworden. Ja diese bestimmte Weise scheint in den Vordergrund des 
Triebzieles gerückt zu sein. Auf sie richtet sich der Trieb, so daß der Ge- 
ruch der Milch z. B., die in der Flasche geboten wird, nicht zum Anreiz 
fürs Trinken wird, so wohlbekannt er sein mag. Aber es sind hier die Zu- 
sammenhänge sehr dunkel, wissen wir doch nicht, ob das Verhalten bei 
Kindern, die vor der Entwöhnung bereits Beikost hatten, und solchen, die 
bei der Abstillung zum erstenmal überhaupt andere Nahrung erhalten 
als durch die Mutterbrust, voneinander unterschieden ist. 



Die Entwöhnungsperiode. — Abstillung. 227 

Beachtenswert bleibt, daß die Entwöhnung in gewissen Fällen sich 
nicht glatt vollzieht; daß hier die Ansatzstelle zu einer von der normalen 
so differenten psychischen Entwicklung ist, daß wir sie als pathologisch 
bezeichnen müssen. Unsere Kenntnisse über die individuellen Variations- 
möglichkeiten sind so gering, daß jede Aussage hierüber besonders un- 
vorsichtig ist. Vielleicht gibt es manche Entwicklungsetappe schon im 
ersten Lebensjahr, an der eine ganze Anzahl von Individuen stehen bleibt. 
Wir wissen es nicht; die Psychopathologie vermag uns keine Auskunft zu 
geben. Umso mehr verdient angemerkt zu werden, daß die Entwöhnung 
der erste deutlich feststellbare Anlaß ist, an dem pathologisch-psychische 
Entwicklung abzweigt, eben jene Ernährungsneurosen, die in extremen 
Fällen bis in die Vorpubertät bestehen bleiben ; wohl in allen aber einen Bei- 
trag zur Disposition zur Neurose stellen. Gelegentlich kann also die Entwöh- 
nung zum psychischen Trauma werden. Das heißt, die psychische Situation, 
in der die Versagung gesetzt wird, und sie selbst enthalten Anforderungen an 
die Plastizität der Triebe, die nicht immer voll bewältigt werden können. 

Im allgemeinen aber — eben im sogenannten normalen Fall — werden 
diese Anforderungen rasch und gut bewältigt. Nach verhältnismäßig 
kurzer Zeit sehen wir das Kind frei von Reizbarkeit, Apathie usw. Wir 
sehen es weder beim Anblick der Mutterbrust, noch bei der Mahlzeit sich 
irgend so verhalten, daß eine Erinnerung, eine Folge der veränderten Er- 
nährungsweise bemerkbar würde. Wir sehen es schließlich bald auch die 
neue Tätigkeit anscheinend libidinös gefärbt ausüben, und finden kaum, 
daß die Brust der Mutter ein besonders bevorzugtes Triebziel wäre. 

Wir sind gewohnt — mit Recht - die Intensität einer psychischen 
Einwirkung nach der Dauer und dem Umfang ihrer Nachwirkungen ab- 
zuschätzen. So scheint es doch, daß uns die Tatsachen zwingen zu sagen : 
wenn die Entwöhnung überhaupt einen Zustand, der der Trauer ahnlich 
wäre, setzt, so ist es doch eine kurze und schwache Trauer. Und das no- 
tigte zur Feststellung, die Mutterbrust ist gar kein wichtiges Ziel der 
Sexualtriebe, die libidinöse Komponente an der oralen Tätigkeit ist gar 
nicht vorhanden oder sehr gering. Wenigstens trifft dies alles für den 
normalen Fall zu, gilt dies generell. 

Ich glaube nicht, daß dies die Tatsachen — die spärlichen vorliegen- 
den _ irgend zwingend nahelegen. Man kann sie vielleicht so deuten, wenn 
man von einer bestimmten Voraussetzung her an sie herantritt. Man muß 
es aber nicht, wenn man diese Voraussetzungen nicht teilt. Das heißt aber, 
daß die Deutung sich nicht aus den Tatsachen ergibt, sondern aus der 
Voraussetzung. Und zwar mit welcher immer man an sie herantritt. Die 
Tatsachen sind noch vieldeutig. Denn wir kennen die entscheidenden über- 
haupt noch nicht. Das ergibt sich aus einer kurzen Besinnung darauf, 
daß ja die Folgen der Entwöhnung, der Versagung vielleicht überhaupt, 
auf dem Gebiete des Phantasielebens liegen müssen, wenn sie vorhanden 

16* 






228 Traumen und Versagungen. 

sind. Die psychischen Prozesse, die wir mit Versagung, Sehnsucht, Trauer, 
Überwindung der Trauer, Verlust, Verzicht meinen, sind keine objektiv 
feststellbaren; sie äußern sich nur lückenhaft und vieldeutig oder spät und 
indirekt, nach ihrem Ablauf. Und auch die Mechanismen, die nach psycho- 
analytischer Erwartung bei dieser Überwindung tätig sind, Verdrängung 
und Identifikation, arbeiten geräuschlos, als Prozeß unbemerkbar, erst 
vollzogen erkennbar. Das heißt, die Entscheidung darüber, wie weit die 
Wirkungen der Entwöhnung reichen, werden wir aus einer intimen Kennt- 
nis der Verhaltungsweisen des Kindes zu seiner Welt, und jener seiner 
Handlungen zu schöpfen haben, die Äußerungen seines Phantasielebens 
sind, deren Keime zum mindesten sind. Der nächste Abschnitt bringt uns 
erst das Material zu solcher Beurteilung; wir müssen daher den Abschluß 
dieses Kapitels aufschieben bis an den Schluß dieses Buches. 

Nur ein Faktum sei hier angeführt, damit wir mit seiner Hilfe den 
geometrischen Ort ahnen, an dem das Verständnis der Entwöhnung sich 
wohl erschließen wird. Aus der Fülle der Veränderungen, die das Ver- 
halten des Kindes zu seiner Welt am Ende des ersten Lebensjahres — 
koinzident mit der vollzogenen Entwöhnung — aufzeigt, ist eines von 
besonderer Aufdringlichkeit. Das Kind erfindet, möchte man sagen, ein 
merkwürdiges Spiel, das von Dix so beschrieben wird: „Mit 0;5 warf er 
auch wohl zufällig seine Klapper aus dem Wagen. Über das Verschwinden, 
den folgenden Schall war er sehr erstaunt, was ich daraus sah, daß er 
mich mit offenem Munde fragend, staunend ansah. Er war aber noch 
hilflos in der Situation, wußte nicht, wohin er sich zu wenden hatte. 
Aber schon ein paar Tage später verzeichnete ich, daß er alles hinauswarf 
und dem fallenden Gegenstande nachsah. 0;6 Er setzte diese Übungen 
fort, so daß es besonders um diese Zeit seine Lieblingsbeschäftigung war. 
Auch war ein Fortschritt ... zu beobachten : Er hielt den Gegenstand zum 
Wagen hinaus, beugte sich nach, ließ fallen und blickte unverwandt nach. 
0;9: Unermüdlich war er im .Herauswerfen' der Dinge." Erfindet das Kind 
das Spiel schon frühe, durch Zufälle und das Suchen der Schallquelle (des 
Dinges) geleitet, so erfährt es neue Intentensivierung und Bedeutung 
während der Entwöhnung. Versuchen wir dieses Spiel mit der Entwöhnung in 
Relation zu setzen ; erinnern wir uns der geistreichenSätze F r e u d s (9) anläß- 
lich eines ganz ähnlichen Spiels, eines recht älteren Kindes, und all dessen, 
was in diesem Abschnitt verstreut enthalten ist, so haben wir so etwas wie 
eine Einsicht: Spontane, rhythmisch, vom Passiven ins Aktive gewendete 
Wiederholung als Bewältigungsweise der Traumas. Das Kind hat aufgehört 
Säugling zu sein, es beginnt erwachsen zu sein ; es hat erlernt, sich von Ob- 
jekten zu trennen, anstatt sie alle zur Einverleibung in den Körper(oral,oder 
durch Pressung) zu begehren ; es hat eine Welt bekommen, etwas von ihm 
selbst Getrenntes. Aber vielleicht ist dies bloß Einfall, der sich nicht 
belegen läßt. 



Körper-Ich und Außenwelt. 229 

E. Der Säugling und seine Welt. 
Körper-Ich und Außenwelt 

Das Unternehmen, das wir uns in diesem Buch auferlegt haben, die 
Entwicklung des Kindes zentral auf seine Triebe zu beziehen, führt bald 
nach zwei Richtungen an eine Grenze, die wir nicht übersteigen können, 
aber deutlich anzeigen müssen. Auf der einen Seite ist es das Erbgut, das 
wir annehmen müssen und nicht weiter analysieren können. Es erscheint 
uns einmal in Form von gewissen generellen Tatsachen und Eigenschaften, 
so daß zwei Triebgruppen vorhanden sind, oder daß die psychischen Ab- 
läufe sich nach dem Lustprinzip orientieren. Genauer gesagt, sind dies 
alles natürlich bloß Formulierungen, in die wir die gegebenen Tatbestände 
gruppieren und vereinheitlichen (deuten), aber wir können weitere Fragen 
nach den Determinanten dieses Verhaltens nicht stellen ohne die Kinder- 
psychologie zu verlassen. Wir decken alle Möglichkeiten durch die Annahme 
irgend einer Phylogenie, und sind geneigt, je genereller der Tatbestand 
gilt, umso tiefer in der phylogenetischen Reihe seine Determinanten zu er- 
warten, wir sprechen von Eigenschaften des psychischen Apparates, von 
allgemeinen Tatsachen (Tendenzen) des Seelenlebens. Ferner müssen 
wir einsehen, daß ein nicht geringer Teil des speziellen Triebverhaltens an- 
geboren ist, angeboren in bezug auf die Zeitpunkte des in Erscheinung- 
tretens, der Triebziele, der Triebgegenstände. Wir werden hier im all- 
gemeinen vermuten, daß die Determinanten recht jung aus der phylo- 
genetischen Reihe her wirken; daß sie vielleicht noch der Menschheit an- 
gehören, und über sie nicht weiter zurückweisen. Auf jeden Fall aber 
wird sich eine entwicklungstriebpsychologische Untersuchung des Säug- 
lingsalters immer recht nahe an der phylogenetischen Grenze befinden, 
und daher gut tun, sich vor Augen zu halten, daß sie diese oft vielleicht, 
gewiß gelegentlich, unwissentlich überschritten hat und kausale oder 
andere Bezüge im Individuellen gesucht und mit Aufwand von Geist und 
Scharfsinn gefunden hat, die in Wahrheit phylogenetisch bedingt sind. 
Immerhin bleibt diese Grenzüberschreitung noch immer im Gebiet des 
Lebenden, sie mag psychische Determinanten an Stelle von physiologischen 
oder biologischen gefunden haben, es bleiben doch solche, die mit den 
Trieben, dem Triebhaften innige Verwandtschaft haben. Die Grenze ist 
tatsächlich fließend. Denn wie immer man die Psyche vom Körper, das 
psychische Geschehen vom biologischen scheiden mag, auch in diesem 
wirken Kräfte, die den Trieben wesensverwandt; so sehr verwandt, daß 
ja das Wort Trieb früher der Biologie angehört hat als der Psychologie und 
in ihr noch keineswegs unbestritten und auch nicht ohne terminologische 
Schwierigkeit verwendet werden kann. 

Vom anderen Ende her begegnen wir einer schärferen Grenze. Das 
Individuum, von seinen Ahnen her mit generellen psychischen Qualitäten 



230 Der Säugling und seine Welt. 

und speziellen Verhaltungsweisen und Tendenzen ausgestattet, lebt in 
einer Welt; seine Triebe haben gar keinen anderen Sinn, als in dieser Welt, 
an ihr wirksam zu werden. Nach unserer Anschauung läßt sich die Tendenz 
der Triebe dieser Welt gegenüber kurz charakterisieren. Die einen— R.- 
Triebe -sichern den Ablauf der biologischen Prozesse im Organismus, sie 
sichern, wie Freud sagt, die phylogenetisch vorgezeichnete Todesbahn 
des Individuums. Die anderen — Sexualtriebe — suchen Reizlust auf 
gleichfalls phylogenetisch vorgezeichneten Bahnen. Beide haben eine be- 
stimmte Relation zur Welt. Die einen - R.-Triebe — sind darauf aus, 
die Welt zu vernichten; biologisch: sie zu verzehren; psychisch: sie nicht 
zur Kenntnis zu nehmen oder höchstens solange als nötig ist, um ihren 
Störungswert zu überwinden. Die anderen — Sexualtriebe — sind darauf 
aus, die Welt als Lustquelle zu genießen; sie sind bereit, die Welt insoweit 
auch zu verändern, als nötig ist, um ihr ein Lustoptimum abzugewinnen. 
Beide aber stoßen auf den Widerstand dieser Welt und haben sich mit ihm 
in irgend einer Weise abzufinden. Diese Welt ist nicht biologisch und 
nicht psychisch. Sie ist real. Die Welt ist gegeben und entzieht sich jeder 
Psychologie — auch der Biopsychologie. Hier ist eine Grenze, die unüber- 
schreitbar ist. Und wir sind an sie gelangt, wenn wir von den Wahrneh- 
mungen des Säuglings zu sprechen haben. 

Damit sei keine erkenntnistheoretische Überzeugung bekannt. Denn 
diese ist für die Psychologie derzeit irrelevant. Denn selbst wer die 
Realität der Welt nicht für denknotwendig hält, wird zugestehen, daß 
hieraus heutiger Psychologie noch keine Aufgabe erwächst. Auch er 
wird sich völlig weglos vor der Aufgabe sehen, das Quäle der Wahrneh- 
mungsgegenstände aus psychischen Determinanten zu verstehen. Daher 
empfiehlt sich ein naiver Standpunkt, der jenseits aller Erkenntnissheorie 
steht. Die Wahrnehmungen (ihre Gegenstände) sind durch die Realität 
gesetzt, sie sind die gegebene, reale Welt. Nicht psychisch, sondern 
vielmehr Auslöser und Ziele, Regulatoren der psychischen Abläufe. 
Wohl unnötig zu bemerken, daß das Wahrnehmen (der Akt) hingegen 
völlig psychisch ist. Es ist wichtig, sich dessen zu erinnern, wenn man 
im Begriff ist, die Welt des Säuglings aus seinem — seiner Triebe — 
Verhalten zu ihr sich vorzustellen. 

Wenn in diesem Kapitel von der „Welt" die Rede ist und nicht — 
Wie bisher meistens — von Reizen, so ist damit ausgedrückt, daß an 
eine Gesamtheit dieser Reize, und zwar an eine geordnete, organisierte 
Gesamtheit gedacht werden soll. Diese Zusammenfassung der Reize 
zu einer geordneten Welt hat psychologisch nur einen Sinn, wenn sie 
auf ein Ich bezogen wird, das dieser Welt gegenübersteht. Denn jenseits 
der Erkenntnistheorie kann man zwar die Welt des Ich als real gegeben 
betrachten, aber nicht die Welt als solche. Das implizierte bereits einen 
sehr präzisen erkenntnistheoretischen Standpunkt. Im Titel der,, Säug- 




Körper-Ich und Außenwelt. 231 

ling und seine Welt" ist also die Anschauung mitbehauptet, der Säugling 
habe ein Ich. Es liegt mir fern, eine Meinung über diesen vielumstrittenen 
Punkt: die Entstehung des Ich, auf solche Weise einzuschmuggeln. Im 
Gegenteil soll sie ausführlich erörtert werden, obzwar wir ja in diesem 
Punkt zu keiner Schlüssigkeit gelangen können; nur neue Fragestellung 
für Beobachtung und Experiment als dauernd fruchtbares Resultat 
solcher Spekulation erhoffen können. 

Die reale Welt, die mir gegeben ist, enthält Bestandteile, die ich 
als meinen Körper in einer. ganz bestimmten Stellung zum Ich erlebe. 
Er gehört zu meinem Ich; er gehört nicht zur Welt, die ich in dieser 
Relation Außenwelt nenne. Die Ichnähe, die Ichverknüpftheit meines 
Körpers erweist sich, phänomenologisch gewiß erst bei der Analyse, darin, 
daß er allein mir in doppelter Weise gegeben ist: optisch, akustisch, 
taktil usw. wie die übrige Welt und durch Gefühlsdata (Schmerz, 
Organ-, Gemeingefühle und motorische Data). Ich und Körper sind für 
das nicht analysierende Erleben eins. Die zeitlich und simultan zum Ich 
geordneten Erlebnisse sind auf diesen meinen Körper bezogen, schließen 
ihn mit ein. Er hat theoretisch eine Art Mittelstellung zwischen Welt 
und Ich, indem er beiden Reichen zugehört, phänomenologisch aber ist 
er Teil (Träger, Werkzeug) des Ich. Dieser Sachverhalt wird durch den 
Terminus Körper- Ich ausgedrückt. 

Es ist ein Verdienst Schilders, mehrfach mit Nachdruck auf 
diesen Zusammenhang hingewiesen zu haben. Er unterstreicht damit, 
so scheint es, nur einige beiläufige Bemerkungen Freuds. Aber auf 
diese Betonung kommt es für die Entwicklungspsychologie an. Denn sie 
macht darauf aufmerksam, was, soviel ich sehe, bisher gar nicht beachtet 
wurde, dem Verhalten des Kindes Beachtung zu schenken, als einem 
Tatsachengebiet, das gewiß Schlüsse auf die Entwicklung des Ich er- 
laubt. Preyers Beobachtungen, die ja nicht mehr als einen Ansatz 
darstellen, sind seither nicht systematisch erweitert und vertieft 
worden 1 ). 

Ordnen wir vorerst die spärlichen Beobachtungen, so kann zunächst 
gesagt werden: das Kind verhält sich anfangs zu seinen Körperteilen 
genau so wie gegenüber fremden Gegenständen. Es folgt mit dem Blick 
den sich bewegenden Händen und Füßen, genau wie einer Kerzenflamme 
etwa; betrachtet die greifende Hand so aufmerksam, wie es nur einem 
beliebigen fremden Vorgang interessiert zusieht; es beobachtet und 
betastet sich selbst im Bade, besonders die entfernten Füße (39. Woche) 
(Preyer), beißt sich in Finger, Arm, Zehen, daß es vor Schmerz auf- 
schreit (409. Tag), schlägt heftig auf den eigenen Kopf (41. Woche), 

') Compaires Polemik gegen Preyer bringt keine neuen Tatsachen; und 
wendet sich auch nur gegen Preyers Deutungen, diese übrigens zum Teil sogar be- 
stätigend. 



232 Der Säugling und seine Welt. 

preßt die eine Hand mit der anderen fest auf den Tisch, wie irgend ein 
Spielzeug, usw. Preyers Beobachtungen nach läßt all solches Verhalten, 
insbesondere das aufmerksame Sich Selbst-Betrachten erst im zweiten 
Lebensjahr nach, sichtlich nach. Es ist als ob das Kind seinen Körper 
nunmehr kennt, kein Interesse mehr für ihn hat. 

Der Schluß liegt nahe: das Kind hat anfangs von seinem Körper 
keine Kenntnis, es muß ihn erst von den anderen Dingen der Welt unter- 
scheiden lernen. Und soweit das Ich mit dem Körper zusammenhängt, 
muß seine Entwicklung in Etappen verlaufen, die dieser Kenntnisnahme 
des Körpers zugeordnet sind. Und ähnliche Formulierungen schweben 
seit Preyer der Kinderpsychologie auch vor. Wollen wir zu etwas 
präziserer Erfüllung dieser recht vagen Vorstellung gelangen, so muß 
darauf hingewiesen werden, daß der Sachverhalt durch ein Faktum 
wesentlich kompliziert ist. Denn zugleich, während das Kind sich zu 
seinen Körperteilen wie gegenüber fremden Dingen verhält, kennt es sie 
doch als seine „eigenen". Das Kind, das seine greifende Hand aufmerk- 
sam beobachtet, kennt diese Hand ja durch kinästhetische Data; die 
Bewegung geschieht auch im Dienst irgend eines Zweckes. Was hier als 
Kennenlernen des Körpers beschrieben wird, ist ein optisches Kennen- 
lernen, gelegentlich auch sein taktiles, akustisches. Es kennt ihn zu- 
gleich „motorisch-viszeral", eben auf jene Weise, in der wir von Anfang 
an nur unseren Körper, als das einzige Ding der Welt kennen lernen. 
Dies will betont sein. Was das Kind bei dem gedachten Verhalten — 
vielleicht — noch nicht besitzt, ist die Zuordnung gewisser optischer 
Data zu motorischen. Es ist noch fraglich, wie weit diese Zuordnung 
unerläßlich ist, um einen bestimmten Körperteil als Körper-Ich-Teil zu 
erleben. Der Mund ist gewiß der Sitz mit der wichtigsten und aufdringlich- 
sten Sensationen des Säuglings ; in ihm spielen sich wichtige und lebhafte 
Erlebnisse ab. Er bleibt aber, wenn wir vom Spiegelbild absehen, zeit- 
lebens optisch unerfaßt. Er wird aber trotzdem nicht wie ein fremdes 
Ding behandelt. Wenn solches Verhalten berichtet wird (auch von 
Preyer), so gehört es einem Zeitpunkt an, der nach der Zahnung liegt, 
also bereits eine recht beträchtliche Komplizierung des Verhaltens zum 
Körper involviert. Die Zuordnung der optischen Data zu den motorischen, 
wie abgekürzt gesagt sei, ist bedeutungsvoll; aber der Körper ist von 
Anfang an in einer Weise gegeben, die nur ihm zukommt: motorisch. 
Und zwar ist er hier auch von Anfang an in unlöslicher Verknüpfung 
mit Handlungen, Bedürfnissen, Befriedigungen, Lust und Unlust ge- 
geben. Es handelt sich also bei dieser Zuordnung, die gewiß stattfindet, 
und zwar sich langsam in Etappen entwickelt, nicht um die Entwicklung 
des Ichgefühls oder Ichbewußtseins, sondern nur um die Zuordnung 
optischer Erfahrungen (bzw. taktiler usw.) zum motorischen Körper- Ich, 
um dessen Abgrenzung von der Außenwelt. 



Körper-Ich und Außenwelt. 233 

Für diesen Prozeß macht man seit Preyer in erster Linie die 
Schmerzempfindungen verantwortlich. Dies ist sehr naheliegend und 
einleuchtend. Schmerzen empfinden wir nur an unserem eigenen Körper. 
Das Kind, das ursprünglich seine Körperteile wie Stücke der übrigen 
Außenwelt behandelt, macht nach und nach die erstaunliche und ein- 
dringliche Erfahrung, daß hier denn doch ein Unterschied vorliegt. 
Beißt es in seinen Finger, so wie in seine Beinklapper, so wird es anders 
wie in diesem Fall in jenem Schmerz empfinden. So gewiß dies ist, und 
die Schmerzerfahrungen bei der optischen Abgrenzung des Körper- Ichs 
irgend eine fördernde Rolle spielten, so würde ich diesen Faktor doch nicht 
überschätzen. Das Verhalten des Säuglings ist sehr lange ein solches, 
daß man den Eindruck gewann, daß seine Schmerzempfindlichkeit sehr 
gering ist. Dix, der die Bedeutung des Schmerzes für die Abgrenzung 
des Körpers recht hoch einschätzt, sagt selbst an anderer Stelle: „Bei 
seinen Schaukelbewegungen auf der Chaiselongue stieß sich Bubi 
(10. Monat) an den Kopf. Statt nun zurückzuweichen, stieß er noch 
siebenmal damit gegen die Wand, ganz als wäre der Kopf ein fremdes 
Objekt. Damals zog er sich auch die Haut vom Körper, indem er seine 
Bauchfalte faßte und tüchtig daran zerrte . . . Dann kniff er sich, schlug 
sich mit der Faust auf den Kopf . . ." Die erwartete Schmerzreaktion 
bleibt beim Säugling in sehr vielen Fällen aus. Aber auch später gibt es 
merkwürdiges Verhalten: Dix: „Demgegenüber war ich oft wieder 
erstaunt, wie gleichgültig er sich bei ziemlich bedeutenden Verletzungen 
verhielt. Mit 1 ;7 hatte er sich unterhalb des Knies an einem Blechkasten 
geschnitten, daß er eine 4 cm lange Wunde hatte. Er kam ganz lustig 
zu mir und sagte nur: Papa blut." In den ersten sechs bis acht Monaten 
scheint die Schmerzäußerüng überhaupt intensiver und häufiger auf 
Reize im Körperinnern zu folgen (bei Darmbeschwerden etwa) als auf 
solche, die an der Körperoberfläche ansetzen. Und diese letzteren sind 
doch für unsere Erörterung die entscheidenden. Im letzten Abschnitt 
der Säuglingszeit werden die Schmerzreaktionen häufiger, deutlicher 
und eindeutiger. Aber wir haben gar keinen Anhaltspunkt in diesem 
Alter zu schließen, daß ein Biß in den Finger, ein Schlag auf den Kopf, 
die Schmerz herbeiführen, unternommen wurden, weil das Kind Finger 
und Kopf noch nicht als seine eigenen kennt. Diese Handlungen können 
sehr komplizierter Natur sein. Ich vermute, daß sie es tatsächlich sind. 
Der Schmerz und seine Äußerungen sind sehr unsichere Tests für die 
stattgehabte Zuordnung. Wir haben schon früher darauf verzichtet, 
eine Psychologie des Schmerzes — die noch nicht vorliegt — nebenbei 
anzudeuten. Aber in diesem Zusammenhang ist es nötig, an zwei Punkte 
zu erinnern: Die Schmerzäußerungen sind von der Umwelt leicht und 
nachhaltig beeinflußbar. Es ist, als spielten schon in diesem frühen 
Stadium bei lebhaften Schmerzäußerungen Motive der Art mit, die wir 






234 Der Säugling und seine Welt. 

bei wehleidigen Kindern und Erwachsenen regelmäßig antreffen: Wunsch, 
Sympathie zu gewinnen; es ist, als wirkten dieselben Motive auch bei der 
Mäßighaltung der Schmerzäußerung mit. Welche Tatbestände durch 
diese Analogie gedeckt werden, kann hier nicht untersucht werden. 
Zweitens hat der Beobachter leicht den Eindruck, daß die Schmerz- 
äußerung sich nicht, nicht nur, auf die physische Verletzung bezieht. 
So erzählt D ix: „mit 1 ;2 klemmte er sich einmal selbst mit einem Kasten- 
deckel ein Händchen ein. Sicher hatte er bei dem zuklappenden Kasten- 
deckel eine Schmerzempfindung; aber sie stand absolut in keinem Ver- 
hältnis zu dem Schreien, was bald darauf erfolgte. Ich war mir dabei 
vollkommen klar, daß es weniger der Schmerz als vielmehr die unerklär- 
liche Tatsache war, daß er festgehalten wurde, daß er eingeklemmt war, 
ohne daß er wußte, wie es geschah. Dies Unbekannte, Unheimliche 
erregte ihn . . . Zunächst ließ ich ihn, in der Erwartung, daß er sich selbst 
befreien werde. Als ich aber eine Zeitlang seinen verkehrten Maßnahmen 
zugesehen hatte, errettete ich ihn. Da ich nun zum ganzen Abenteuer 
lachen mußte über den kleinen Tollpatsch, blickte er mich zunächst 
ganz verwundert an, indem er aufhörte mit Schreien, hielt nur das ge- 
quetschte Patscherl zum , Blasen' hin. — Ich blies und — , alles, alles 
war wieder gut." Dies alles mache nur neuerlich darauf aufmerksam, 
daß hier noch Probleme vorliegen. Die Rolle des Schmerzes in der Körper- 
abgrenzung ist nicht sicher festzustellen. Sie ist kaum einfach. Gibt es 
doch Beobachtungen, denen gegenüber man sich versucht fühlt zu sagen, 
der Schmerz — in erwachsenem Sinn des Wortes — hat die Ausbildung 
des Körper-Ichs zur Voraussetzung. 

Neben und vor der Schmerzempfindung wird gleichfalls seit Preyer 
ein zweiter Faktor zur Erklärung herangezogen. Die oft zitierte klassische 
Stelle bei Preyer heißt: „Ein anderer wichtiger Faktor ist die Wahr- 
nehmung einer durch eigene Tätigkeit bewirkten Veränderung an allerlei 
faßbaren bekannten Gegenständen der Umgebung, und der psychogenetisch 
merkwürdigste, jedenfalls ein höchst bedeutungsvoller Tag in dem Leben 
des Säuglings ist der, an dem er zuerst den Zusammenhang einer von ihm 
selbst ausgeführten Bewegung mit einem auf dieselbe folgenden Sinnes- 
eindruck erfährt." Man sieht, hier ist weniger das Körper-Ich gemeint, 
das uns gerade beschäftigt, sondern mehr das „Ichgefühl", Ich-Bewußt- 
sein als solches. Aber Preyers Standpunkt ist wohl zu verwenden. Wir 
haben uns ihm schon früher einmal stark genähert. Ich glaube, es hat 
viel Wahrscheinlichkeit für sich, zu sagen: Das Körper-Ich entfaltet sich 
an der Erfahrung der Folgsamkeit der Organe. In einem bestimmten 
Entwicklungsmoment folgen Arme und Finger dem Wunsch, ein ge- 
sehenes Objekt in den Mund zu bringen, in einem anderen die Beine, 
dem Impuls sich fortzubewegen ; von da an gehören die Arme und Finger, 
gehören die Beine zum Körper-Ich. Die Zuordnung der optischen und 



Körper-Ich und Außenwelt. 235 

motorischen Daten ist kaum ein Prozeß besonderer Schwierigkeit und 
Bedeutsamkeit. Ordnet der Säugling doch bereits sehr früh die Data 
verschiedener Sinnesgebiete einander zu, so optisch-akustische Bezüge 
•im dritten Lebensmonat. Man darf hier füglich ein Problem sehen, 
aber kein spezielles der Körper-Ichentwicldung. Schematisch zur Ver- 
deutlichung des genannten läßt sich beispielsweise vorstellen: Die motori- 
schen Data der Armbewegungen und die optischen Data haben vor dem 
dritten Monat keinen Zusammenhang; im dritten werden die motorischen 
Data dem Körperich eingeordnet und nun ist die Koordinierung der motori- 
schen mit den optischen aktuell geworden, sie vollzieht sieh zugleich. 
Es kann aber ruhig angenommen werden, daß die optisch-motorische 
Koordination bestand, ehe die Aufnahme des Organes in das Korper-Ich 
vollzogen wird. Dies ist für den Prozeß nicht relevant. 

Bevor wir dem Gedanken der „Folgsamkeit" der Organe ein wenig 
nachgehen, muß eine Schwierigkeit expressis verbis einbekannt werden, 
mit der jede Betrachtung der Psychogenese des Ichs behaftet ist. Wir 
sind von vornherein geneigt, das Ich als höchst Komplexes Phänomen 
zu bewerten, möchten gerne sehen, daß das Auftreten des Ichbewußtseins 
spät festzustellen ist, sozusagen als Krönung der seelischen Entwicklung^ 
Die sorgsame Beobachtung und vorsichtigste Deutung aber lehrt, daü 
dem nicht so sein kann. Wenn man von den primitiven Zuordnungen, 
die uns soeben beschäftigt haben, spricht, so muß man schon bei ihnen, 
indem man die Entstehung des Ichs beschreiben will, ein Ich hyposta- 
sieren. Preyer drückt diese Schwierigkeit so aus: „Denn was bedeutet 
,dem Kinde erscheinen seine Füße, Hände, Zähne wie fremdes Spiel- 
zeug'? und ,das Kind biß sich in den eigenen Arm, wie es « llbekann ^ 
Gegenstände zu beißen pflegte'? Welchem Teile erscheint? Was ist da 
Beißende in dem Kinde...? Offenbar ist das Subjekt im Kopf e m 
anderes als im Bumpf." und sieht sich genötigt, dem Kind zwei UM 
zuzuschreiben: „Das Gehirn-Ich ist ein anderes als das Rückenmark- Ich. 
Jenes spricht, sieht, hört, schmeckt, riecht und fühlt, dieses fühlt nur, 
und beide sind anfangs, so lange Gehirn und Rückenmark organisch nur 
locker und funktionell gar nicht miteinander verbunden sind, ganz von- 
einander isoliert ... Man muß also zwei Ichs im Kinde das ein Groß- 
hirn und ein Rückenmark hat und sich seinen Arm als schmackhaft, tu 
beißbar vorstellt, notwendig annehmen. Wenn aber swei, ,W*«m 
nicht mehrere? Anfangs, wenn die Seh-, Hör-, Riech- und Schmeck- 
zentren im Gehirn noch unvollkommen entwickelt sind, perzip icrt jedes 
für sich... Erst durch häufiges Zusammenvorkommen disparater 
Sinneseindrücke beim Schmecken-Berühren, beim Sehen-! asten, 
Sehen-Hören . . . können die verschiedenen Vorstellungszentren, gleich- 
sam Ichbildner, wie bei der Begriffsbildung zu der Bildung des einheit- 
lichen Ich, welches ganz abstrakt ist, führen." 



236 Der Säugling und seine "Welt. 

Man wird dieser Prey er sehen Hilf s Vorstellung heute nicht leicht 
mehr einen Wert zumessen. Aber irgend eine Annahme muß man 
machen. Denn das Ich entsteht überhaupt nicht individuell, sondern 
entfaltet sich nur im Laufe der Ontogenie. Nimmt man Bewußtsein 
vom Anfang des postnatalen Lebens an, so hat man ein Ich mitgedacht. 
Es ist schwer ein Bewußtsein zu denken, eine Wahrnehmung zu denken 
ohne einen Träger, ohne ein Bezugsystem auf andere frühere oder gleich- 
zeitige Bewußtseinsphänome. Als Substrat ist das Ich von Anfang des 
bewußten Lebens an vorhanden. Läßt man das Bewußtsein an irgend 
einem Punkt der individuellen Entwicklung, jedenfalls an einem sehr 
frühen, entstehen, so ist mit ihm zugleich auch das Ich entstanden. Und 
zwar so, daß eine weitere Analyse oder Ableitung nicht möglich ist. 
Aber nicht allein als Substrat, als Bezugssystem hat das Ich keine 
Psychogenese. Auch das Ich als Instanz, als zentrale Ordnungsinstanz 
für mannigfaltige, an sich heteronome und heterogene Abläufe ist von 
Anfang an gegeben. Denn das Kind wird als Individuum geboren. Es 
weist Verhaltungen auf, die seinen ganzen Körper einheitlich zusammen- 
fassen; gewisse Abläufe als Hilfen und Voraussetzungen anderen ein- 
ordnet, die einzelnen Vorgänge mit einander harmonisiert, die Körper- 
teile und ihre Funktionen organisiert. Im Prinzip gilt dies auch für die 
Handlungen des Neugeborenen, wenn auch ihr Umfang und die Intensität 
ihrer Organisiertheit hinter dem physiologischen Verhalten zurückstehen 
mag und es nötig ist, in gewissen Zusammenhängen ihre Unorganisiert- 
heit zu betonen. Das Saugen und das Schreien sind von einem gewissen 
Zentrum aus strukturierte, organisierte Abläufe. Nicht der Mund saugt, 
sondern das Kind, es saugt. Sein übriger Körper ist nicht unbeteiligt; 
seine übrigen psychischen Prozesse sind mit dem Saugen in Harmonie 
gebracht. Dieses strukturierende Zentrum, das, wenn auch sehr un- 
entwickelt, doch bei jeder Handlung vorhanden ist, ist das Ich, einerlei 
ob, wie es phänomenal einem Bewußtsein, oder im Bewußtsein des 
Säuglings gegeben oder repräsentiert sein mag. 

Unsicher und oberflächlich müssen solche allgemein psychologische 
Erörterungen scheinen, da wir keine feste Terminologie, keine gesicherte 
Anschauung der Psychologie auf das kinderpsychologische Objekt an- 
wenden können, wenn es sich um Fragen handelt, die derzeit noch völlig 
im Fluß sind. Und welche wichtige psychologische Frage wäre heute 
nicht im Fluß ? Es kann nicht ausbleiben, daß man dem Autor Eklektizis- 
mus vorwerfen wird, andere werden ihn einseitig schelten; diese werden 
finden, er habe die verschiedenen heutigen psychologischen Standpunkte 
nicht klar verstanden, jene hingegen werden sagen, er nehme von ihnen 
überhaupt keine Notiz. Da sich aber — soviel ich sehe — eine Psycho- 
logie des Säuglings nicht anders schreiben läßt, so muß ich, da das Unter- 
nehmen nun einmal begonnen ist, all diese Vorwürfe wagen und in Kauf 




Körper- Ich und Außenwelt. 237 

nehmen. Sich nicht anders schreiben läßt als: Überall dort, wo eine all- 
gemein psychologische Frage, der Methode oder des Meritorischen, zu 
entscheiden ist, ohne viel Beweis und Erörterung, denjenigen zu wählen, 
der am fruchtbarsten zu sein zu versprechen scheint. Von den definitiven 
Anschauungen über das Ich bleibt ja ziemlich unabhängig, daß, um es 
so völlig unvorgreiflich zu formulieren, das Ich der Entwicklungs- 
psychologie nicht als entstehendes, sondern als gegebenes Objekt vor- 
liegt, dessen Entfaltung zu beschreiben und zu verstehen die Aufgabe 
bleibt. 

Auch das Körper-Ich ist von Anfang an vorhanden; weil von Anfang 
an eine Anzahl von Organen dem Körperbedürfnis folgsam sind. Ein 
Kern des Körper-Ichs ist in der oralen Zone von Anfang an vorhanden. 
Kopf, Hände, Arme, Rumpf, Beine, Füße wachsen diesem Kern etappen- 
weise — so möchte ich annehmen — hinzu. 1 ) Versuchen wir uns dies 
vorzustellen, so gelangen wir etwa zu folgenden Erlebnisschemata des 
Säuglings — wobei natürlich über das Quäle der Bewußtseinsphänomene 
nichts ausgesagt sein will, trotzdem, ebenso selbstverständlich wir uns 
nur mit unseren Vorstellungen eine Vorstellung bilden können. Ein ge- 
sehenes Ding weckt den Impuls sich seiner oral zu bemächtigen, die Arme 
und Finger greifen danach, erfassen es und führen es in den Mund. Diese 
Situation vergleiche man mit der gleichzeitigen: das Objekt sei zu fern, 
um ohne Körperbewegung erreicht zu werden. Auch hier trete der Wunsch 
auf, sich seiner zu bemächtigen, die Hände greifen danach, aber der 
Impuls führt weder an den Händen noch an der oralen Zone zur Er- 
füllung des Wunsches. Der Unterschied, der gewiß in beiden Situationen 
sehr beträchtlich ist, läßt sich vielleicht so vorstellen: In beiden Fällen er- 
lebt der Säugling einen Impuls mit allen seinen zugehörigen Sensationen in 
der oralen Zone, und außerdem eine ganze Reihe von motorisch viszeralen 
Daten. Diese seien nun nicht weiter lokalisiert. Sie sind vorhanden, aber 
nichts veranlaßt, sie aus dem Sehnsuchtserlebnis auszusondern. Auch wir 
erleben immer wieder solche Situationen, in denen wir zwar eine Fülle von 
motorischen Sensationen haben, diese aber — ohne einen besonderen Anlaß 
nicht lokalisieren — zuweilen und zum Teil auch trotz des Anlasses gar 
nicht lokalisieren können, sondern einheitlich als Aufregung etwa erleben. 
Im ersten Falle nun tritt eine Reihe dieser Data aus der Fülle der übrigen 
heraus, sie tritt in einen ganz bestimmten Zusammenhang mit der oralen 
Zone, sie nimmt eine Richtung, schließt sich der zirkumskripten Zone an : 
die Arm- und Fingerbewegungen. Sie sind von dann an mit dem Impuls 
zugleich vorhanden, sie gehören zu ihm und zu seiner Zone. Der Erfolg knüpft 
sie an das Ich, könnte man auch sagen, um den Anschluß an Bühlers Be- 






') Ich berühre hier nahe den Begriff des Körperschemas, über den S c h i 1 der (2) 
zu ähnlichen Resultaten kommt. Nur handelt es sich beim Körperschema tun die Be- 
tonung des Vorstellungsmäßigen, das hier noch nicht gesonderl im Vordergrund stellt. 



238 Der Säugling und seine Welt. 

griff des Lernens zu gewinnen. Während der Mißerfolg der Beinbewegun- 
gen im zweiten Beispielsfall, diese in der ungesonderten Masse der motori- 
schen Eindrücke, die zum Wunsch, Begehren usw. gehören, belaßt. So 
würde sich das Körper-Ich um die orale Zone gruppieren. Will man das 
Schema ausgestalten, daß es restlos die bekannten Tatsachen deckt, so 
wäre zu erinnern, daß die Augen zur oralen Zone gehören. Die erste Er- 
weiterung wäre, daß die Nackenmuskulatur und die Ohren dem Korper-Ich 
— natürlich nur motorisch bzw. akustisch, nicht aber optisch — hinzu- 
gefügt würden, bei den Kopfwendungen nach der Schallquelle. Dann 
kämen Finger und Arme hinzu; ferner der Rumpf, die Beine schließlich, 
endlich die Füße und ganz zuletzt die Zehen. Diese Erweiterungen müssen 
schon mit gewissen Relations- und Richtungserlebnissen verknüpft sein, 
so daß es etwas gäbe, das wir ausdrücken müßten als „zwischen Mund 
und Bein". Daß aber das Körper-Ich eine Kontinuität und zwar eine 
räumlich lokalisierte Kontinuität hat, dafür spräche: erstens, daß die ge- 
samte Körperoberfläche Sensationen vermittelt, die zwar nicht dem Prin- 
zip der Folgsamkeit gemäß dem Körper-Ich als Werkzeuge angehören, aber 
als Zielpunkte von Wünschen und Strebungen eine beträchtliche Rolle 
spielen. Die Haut als Ganze ist erogen, ihre Erogenität wird im Bade, z. B. 
in Verbindung mit Handlungen erlebt; und diese Oberflächenzone ist 
von intensiveren erogenen Zonen unterbrochen. Es scheint, als wäre die 
Haut überhaupt die allgemeine und primitive Projektionsfläche für die 
„inneren" Sensationen. Wir lokalisieren zeitlebens gewisse innere Reize 
nach außen; wir spüren den Zahnwurzelschmerz außen am Zahnfleisch, 
den Reiz in den Bronchien als Hustenreiz im Kehlkopf, den Kopfschmerz 
außen am Kopf, wir greifen bei Leibschmerzen auf den Bauch usw. und 
wo die Projektion nicht ganz auf die Oberfläche geschieht, sind wir doch 
geneigt, den schmerzenden Reiz gegen die Oberfläche hin zu ver- 
schieben, ihn als Fremdkörper zu deuten (Federn). Besteht aber solch 
ein Mechanismus — wenn er auch gänzlich unverstanden sein mag — 
so erleichterte er uns das Verständnis der früh einsetzenden Zuordnung 
von optischem und motorischem Erleben. Vielleicht ist aber auch um- 
gekehrt diese Projektionsneigung bis zu einem gewissen Grad optisch 
bedingt. Allgemein wäre nur zu formulieren: die erogenen Zonen sind 
kat exochen „folgsam"; denn sie verschaffen Lust, so wie nur die ge- 
eignete Berührung stattfindet. 

Eine leicht zu machende Beobachtung kann als Beleg dienen : wir sind 
geneigt, ein unfolgsames Organ aus dem Körper-Ich auszuschließen. Wenn 
dein Auge dich ärgert, so reiß es aus, sagt der Bibelspruch. Und wir emp- 
finden nach ihm, wenn uns ein schmerzendes Organ wie ein Fremdkörper 
erscheint, der in uns wütet, wir ein eingeschlafenes Bein als etwas nicht 
zu uns gehöriges erleben, oder wir die Hand, die eben ein Wasserglas umge- 
worfen hat, wie befremdet und strafend einen Augenblick betrachten. 




Körper- Ich und Außenwelt. 239 

Für die Psychologie des Säuglings mag dieses Verhalten gelegentlich von 
einer gewissen Bedeutung sein. Etwa bei jenen Umsetzungen, die wir dem 
zahnenden Kinde sozusagen in den Mund schoben. 

Die oben erwähnte Beziehung der Zehen zum Körper-Ich ist zwar nur 
ein unscheinbares und unwichtiges Detail, es fügt sich aber in unsere An- 
schauung so gut, daß es lohnt, ein paar Worte anzumerken. Noch in 
recht später Zeit verhält sich das Kind zu seinen Zehen, als wären sie ein 
fremdes Spielzeug. So berichtet Preyer z. B.: „Dasselbe Kind, welches 
gern den Angehörigen, denen es wohlwill, den Zwieback an den Mund 
hielt, bot ihn ganz von selbst geradeso seinem eigenen Fuß an, indem es, 
auf dem Boden sitzend, das Gebäck wartend an die Zehen hielt; und dieser 
sonderbare Einfall kam im 23. Monat mehrmals vor. Das Kind ergötzte 
sich daran." 

In diesem Alter freilich darf man schon eine recht komplizierte psy- 
chische Situation annehmen, so daß hier vielleicht etwas ganz anderes 
vorliegt, als eine einfache Verwechslung von Außenwelt und eigenem 
Körperteil. Jedenfalls scheinen die Zehen länger als etwa die Beine dem 
Körper- Ich fern zu sein. Im Sinn unserer Anschauung könnte man ver- 
muten, daß dies daher rührt, daß die Zehen nicht „folgsam" sind. Sie 
werden zu keinerlei Zweckhandlungen verwendet. Beim Gehen und Stehen 
sind sie kaum vom Fuß gesondert, beim Strampeln haben sie keine 
Spezialfunktion. Sie werden nicht im Folgsamkeitszusammenhang erlebt, 
sie können daher so lange dem Körper- Ich fremd bleiben, bis für dessen 
Abgrenzung und feinere Struktur andere Faktoren maßgebend werden. 
Falsch ist, glaube ich, der Schluß, ein Körperteil gehöre nicht dem Körper- 
Ich an, weil der Säugling sich so benimmt, als ließe er sich vom Körper 
trennen. Die Unabtrennbarkeit (ohne Schmerzen) kann sehr wohl eine 
Erfahrung sein, die erst recht spät gemacht wird. Dies zu vermuten liegt 
nahe, weil die eigenen Kleidungsstücke, zwar trennbar sind, aber doch 
für das primitive Ich, wenn auch vielleicht nicht geradezu zum Körper- 
Ich gehören, diesem doch sehr nahe sind. 

Eine Folgerung aus dem Gesagten ist unabweislich, die nicht sorg- 
fältig erwogen, leicht zum Einwand werden kann. Der Säugling muß 
Dinge, die zu seinem Körper nicht gehören, als ebenso folgsam erleben, 
wie jeweils bestimmte seiner Körperteile. Wenn der Säugling schreit und 
die Mutterbrust erscheint, ist das nicht im wesentlichen der gleiche Prozeß, 
als wenn er die Klapper haben will und er greift, darnach ? Ich glaube, man 
darf sich die Dinge so denken. Das heißt aber, daß die Außenwelt als ein 
Stück Körper-Ich erscheint. Man muß wohl etwas dieser Art für einen 
Teil der Außenwelt annehmen. Und zwar im wesentlichen für jenen Teil 
von ihr, der Mutter heißt. Sie, Körperteile von ihr, Brust, Mund, Augen, 
Hände, eine Reihe ihrer Handlungen mag sehr wohl vom Körper- Ich un- 
geschieden sein, ihm zugehören. Vielleicht noch manches Stück der ha- 



240 Der Säugling und seine Welt. 

bituellen Umwelt des Kindes auch. Wir nähern uns hier wichtigen Ge- 
dankengängen, die Ferenczi(l) näher verfolgte, in Ausführung Freud- 
scher (4) Gedanken. Es wird von ihnen noch zu sprechen sein. Hier genügt 
vielleicht die Überzeugung, daß es leicht zwei verschiedene psychische 
Prozesse sind, die für die Entwicklung des Körper- Ichs maßgebend sind. 
Der eine fügt aus den Gestalten der Welt in etappenweiser Entfaltung um 
den Kern, der der oralen Zone und ihren unlokalisierten motorischen An- 
hängern entspricht das Körper-Ich. Er fällt das Körper-Ich aus der Welt 
aus. Der andere verfeinerte diesen Prozeß durch gleichzeitige und nach- 
trägliche Korrekturen, er grenzt das Körper-Ich genau gegen die Außen- 
welt ab. Dabei hat er nach zwei Richtungen zu wirken; einmal findet er 
das Körper-Ich zu groß, die Mutter muß ausgeschieden werden; ein ander- 
mal findet er es zu klein z. B. um auf ein Erwähntes zu rekurieren, sind 
ihm die Zehen einzufügen. Man wird auch versucht sein, anzugeben, wer 
der Motor dieser feineren Abgrenzung ist: die Enttäuschung. Wenn das 
Kind erlebt, daß ein Stück seines eigenen Körper- Ichs die Folgsamkeit 
versagt, so wird es dieses Stück aus seinem Körper-Ich verbannen. Solche 
Enttäuschung wird, um wiederum anzuknüpfen, einen zentralen Punkt 
bei der Entwöhnung betreffen. Hier dürfte dann die entscheidende, durch 
manche Enttäuschung von früher her vorbereitete, Ausscheidung der 
Mutter aus dem Körper-Ich erfolgen. Ganz nach dem Bibelspruch. Sie 
wird zur Außenwelt. Nun kann man sie zärtlich behandeln; was früher 
keinen Sinn hatte. Doch dieser Satz führt in spätere Überlegungen, die 
Anknüpfung an frühere andeutend. 

Nicht vergessen sei schließlich, daß diese Entwicklungen libidinöser 
Natur sind. Sie spielen sich gar nicht, oder nur zum unwichtigsten Teil in 
der Sphäre des Intellektuellen oder Rationalen ab. Es sind triebhafte 
Prozesse, sie finden unter libidinösen Verschiebungen statt. Auch dabei 
muß hier noch diese erinnernde Andeutung genügen. 

Die affektiven Stellungnahmen. 

Wer einen Säugling im vierten Jahresviertel beobachtet, wird sein 
Verhalten nicht anders beschreiben können, als unter Gebrauch von 
mannigfaltigen Affektbezeichnungen. Er wird Zorn, Stolz, Furcht, Ärger 
vorfinden. Zwar ist dieser Eindruck noch lange kein Beweis dafür, daß 
diese komplexen affektiven Stellungnahmen auch wirklich, und immer 
im gemeinten Fall, vorhanden sind; er zeigt aber, daß in der ersten Periode 
des Lebens sich das anfangs wohl einförmige Verhalten in eine ganze An- 
zahl wohl unterscheidbarer Zustände aufgesplittert hat. Zur Phänomeno- 
logie dieser Zustände ist bisher sehr wenig und nichts systematisches ge- 
tan. Wir sind noch sehr weit davon, eine Psychogenese dieser Stellung- 
nahmen geben zu können. Besonders, ihre Anfänge und ihre Differenzie- 
rungen liegen sehr im Dunkeln. 



Die affektiven Stellungnahmen. 241 

Das ist umso bedauerlicher, als man hoffen dürfte, aus der Entwick- 
lung der Stellungnahmen sehr wahrscheinliche Schlüsse auf die Ent- 
wicklung des Ichs zu ziehen. Jede neue Stellungnahme muß wohl eine Er- 
weiterung, jede Differenzierung eine Verfeinerung, jede Intensivierung eine 
Erstarkung des Ichs begleiten, hervorrufen oder zur Voraussetzung haben. 
Denn die Stellungnahmen sind Gesamtreaktionen des Individuums, wir 
verstehen unter ihnen Reaktionen, die eine bestimmte Beziehung zum 
Ich haben. Und wir sprechen beim Säugling erst dann von affektiven 
Stellungnahmen und vom Stellungnehmen überhaupt, wenn wir den 
Eindruck — oder auch die Überzeugung — festhalten wollen, daß es sich 
hier um organisierte, einheitlich zusammengefaßte Reaktionen handelt. 
Es ist zuzugeben, daß die Grenze sehr fließend ist; und der Eindruck nach 
beiden Seiten hin trügerisch sein kann. Vergleichen wir aber zwei Ver- 
haltungsweisen aus den ersten Lebenstagen und dem sechsten Monat 
miteinander, so läßt sich leicht einsehen, was gemeint ist. Vergleichen 
wir etwa eine einfache Handlung von Reaktionstypus I: Schließen des 
Auges bei grellem Lichteinfall mit Scupins Schilderung: „Nun stieß er 
ungeduldige Ächztöne aus, streckte den Körper hartnäckig gerade, warf 
sich mit plötzlichem Ruck nach vorn, und sofort wieder, sich steif 
machend, zurück; er machte mit diesen Bewegungen den Eindruck un- 
glaublichen Eigensinns. Als wir auch darauf noch nicht reagierten, 
ertönte plötzlich ein langgezogener Quietschton auf „i", unser Sohn aber 
saß mit dunkelrotem Köpfchen und geballten Fäustchen da, die zu- 
sammengekniffenen Augen mit wütendem Ausdruck auf uns gerichtet 
nnd strengte sich dann mächtig an, um sein nicht endenwollendes heiseres 
i hervorzuquietschen." Im ersten Fall ist sozusagen nur das Auge be- 
teiligt, im zweiten der ganze Körper. Im ersten Fall handelt es sich um 
eine einfache ererbte Handlung mit einem einfachen Unlustgefühl, im 
zweiten wirkt eine ganze Fülle ererbter Mechanismen mit einem guten 
Teil des erworbenen Erfahrungsschatzes zusammen, sie ist von einer 
Skala und Mannigfaltigkeit verschiedener, gemischter Affekte und Ge- 
fühle begleitet. Das Verhalten ist im zweiten Fall hochorganisiert im 
Vergleich zum ersten. 

Entsprechend den beiden Reaktionstypen I und II lassen sich die 
Stellungnahmen in Abwehr und in Begehr sondern. Es sind dies die fun- 
damentalen und primitiven Verhaltungsweisen, die Urstellungnahmen, 
die gegenüber der Welt möglich sind. Sie sind — von jeder Relation zum 
Ich abgesehen, also rein objektiv — das Merkmal alles Organischen. Von 
Begehren war an verschiedenen Stellen bereits ausführlich die Rede» 
von den Zielen des Begehrens, von den Mitteln der Befriedigung, 
von der Triebgrundlage. Daher seien die Ergänzungen, die nunmehr 
nötig werden, erst nachgetragen, wenn über die Abwehr einiges ge- 
sagt wurde. 

Bernfeld, Psychologie des Säuglings. 16 



242 Der Säugling und seine Welt. 

Die Stellungnahme Abwehr drängt sich dem Beobachter nicht ge- 
radezu auf. So häufig und allgemein die einfache Abwehrhandlung von 
Anfang an ist — die Stellungnahme Abwehr ist nicht ohneweiters scharf 
anzugeben. "Wir suchen daher einen eindringlichen Fall. Er bietet sich 
uns beispielsweise in folgenden zwei Scupinschen Notizen: „7. Monat. 
Entwöhnung . . . Eine besondere Kindermilch . . . sollte das Kind mittels 
Pfropfens und Flasche nehmen. Doch schon nach dem zweiten Zuge 
wies der Junge dies Ansinnen energisch zurück, schlug nach der Flasche, 
strampelte mit Armen und Beinen, runzelte Stirn und Augenbrauen, 
sah die Mutter indigniert und so recht anklagend an, und begann lebhaft 
zu schelten: ,awa-wa-wa-ba-mam-mam' usw. und dazwischen bei jedes- 
maliger Annäherung des Pfropfens eine ablehnende seitliche Kopf bewegung 
und ein bittendes: ,haben, haben !' Schnell wurde ein Augenblick benutzt, 
in dem das Kind gerade den Mund öffnete, der Pfropfen hineingeschoben 
und das unruhig bewegte Köpfchen festgehalten. Wütend wehrte sich 
Bubi, klemmte den Pfropfen zwischen die Kiefern und biß mit den 
Zähnchen hinein. Das machte ihm so lange Spaß, bis einige Tropfen 
Milch in seine Kehle gerieten; mit einer Miene, als schmecke er Abscheu- 
liches, stieß er Hand und Flasche fort." ,,7. Monat. In Wut gerät das 
Kind, wenn man es in den Wagen setzen will, während es gerade den 
Wunsch hat getragen zu werden. Es bekommt alsdann einen roten Kopf, 
quietscht heiser und macht den Körper hartnäckig steif, so daß es geradezu 
eine Unmöglichkeit wird, es niederzusetzen." 

Eine grobe und oberflächliche Analyse solcher komplizierter Abwehr-- 
handlungen zeigt uns das unmittelbar verständliche — banale — Be- 
streben, die Außenwelt vom Körper fernzuhalten aus der Körpernähe zu 
entfernen, wozu alle bereits erworbenen motorischen Fähigkeiten ver- 
wendet werden: Abwendung des Kopfes, Wegschieben des Körpers, von 
unbeholfenen Versuchen bis zur gelingenden Flucht in Kriechen, Laufen, 
Gehen; Wegschieben des störenden Objektes mit Händen, Füßen, Kopf, 
Körper. Das wiederholte Wegschieben wird zum Stoßen und Schlagen. 
Hingegen wird Beißen, Kratzen, den Arm des Feindes festhalten u. dgl. 
m. kein ursprüngliches Verhalten sein, sondern aus den Begehrhand- 
lungen in die Abwehr übernommen sein, nachdem die Einsicht in die Wir- 
kung des Schmerzes beim abgewehrten Objekt oder in die Bedingungen 
der abzuwehrenden Handlung gewonnen ist. Die Gelegenheit zu solcher 
Abwehr ist allermeistens gegenüber Personen gegeben, die dem Kind 
eine Lage, ein Kleidungsstück eine Berührung aufnötigen wollen, die es 
ablehnt, oder eine Einführung in eine Körperöffnung vornehmen, die ihm 
unangenehm ist, etwa Klistier, oder Reinigung von Nasen, Ohren; oder 
Änderungen der geliebten Nahrungsmittel und -gefäße. Aber dieselbe Aktion 
wird vom Kinde vorgenommen, wenn es gilt, ein Insekt oder ein unbequem 
liegendes Kleidungsstück (Decke) zu entfernen. Diese Abwehr setzt na- 






Die affektiven Stellungnahmen. 243 

türlich eine gewisse Entwicklung des motorischen Apparates voraus. Ihr 
Prinzip ist aber bereits in den ersten Lebenstagen festgelegt, wenn das 
satte Kind die Brustwarze aktiv aus dem Munde ausstößt. Mit den wach- 
senden Machtmitteln und Einsichten wächst die Kompliziertheit dieser 
Abwehraktionen; ihr Prinzip ist aber das gleiche: Ausstoßen des Feind- 
lichen aus oder vom Körper. 

Weniger deutlich ist neben (und anstatt) dem Aus(weg)stoßen das 
Absperren. Der Mund wird fest verschlossen, wenn der abgewehrte Gummi- 
pfropf ihm einverleibt werden soll, der Anus wird heftig zusammen gepreßt, 
wenn die Irrigation verhindert werden soll. Vielleicht ist das Steif machen der 
Glieder auch hieher zu zählen. Sonst müßte man ihm eine eigene Gruppe 
anweisen. Das Absperren wird noch ausschließlicher gegenüber den Ein- 
griffen der Pflegepersonen angewendet, als das Ausstoßen. Es spielt eine 
große Rolle in der Zimmerrein-Erziehung des Säuglings (und des kleinen 
Kindes). Hier ist sehr deutlich eine Zeitlang zu sehen, wie das Kind sehr 
wohl die Analmuskulatur bereits beherrscht und auch verstanden hat, daß 
von ihm verlangt wird, die Defäkation in den Topf zu verrichten, wie es 
aber gelegentlich oder auch eine gewisse Zeit lang, sich weigert, das Ge- 
schäft auf dem Topf zu erledigen, so wie ihm dieser aber entzogen wird, 
die drängende Kotmasse freiläßt. Auch wenn es sich darum handelt, dem 
Kind einen in den Mund genommenen Gegenstand zu entreißen, kann man 
die Bekanntschaft mit seiner sehr energischen Absperr-Abwehr machen. 

Schließlich gehört das Schreien zu den Abwehraktionen. Es differen- 
ziert sich dieses Schreien aus der Universalhandlung Schreien und wird 
bald von aufmerksamen Pflegepersonen als spezifische Äußerung erkannt 
und verstanden. Aber es fehlt jede Möglichkeit seine Charakteristika 
heute bereits wissenschaftlich zu formulieren. Ein Merkmal trifft es aber 
wohl, wenn man den Eindruck des Abwehrgeschrei als kurze heftige Stöße 
mit merklichen Pausen, bei einer Mundstellung, die den Lauten m, n, p, 
b, t, d entspräche, formuliert. Auf die Ausblicke, die sich von hier aus 
hypothetisch auf die Genese der Sprache vielleicht ergäben, muß ver- 
zichtet werden, nicht allein, weil sie in eine Spekulation zu führen drohen, 
sondern auch und vor allem, weil die Sprachentwicklung erst von der 
Psychologie der frühen Kindheit her erlaubt, die Erscheinungen des 
Säuglingsalters rückblickend zu verstehen. 

Die radikalste Abwehr der störenden oder unangenehmen Außen- 
welt ist die Einstellung des Wahrnehmens, ist der Abbruch der Bezie- 
hungen zu ihr: Einschlafen, Ohnmacht, Dämmerzustand und dergleichen 
Erscheinungen mehr. Es liegt aus vielen Gründen nahe, in dieser radika- 
len Verhaltungsweise auch eine ursprüngliche zu sehen; es läßt sich aber 
irgend zulängliches darüber nicht aussagen, weil keinerlei Beobachtungen 
vorliegen — in der mir zugänglichen Literatur enthalten sind, die solche 
Deutung nahelegen. Gewiß sind die Apathie-Zustände und der Schlaf 

16* 






244 Der Säugling und seine Welt. 

— von denen die Rede bereits auch in diesem Sinn war — hierher zu 
zählen. Wir vermögen aber die Anläße zum Einschlafen von einander 
nicht zu unterscheiden. Die sogenannte natürliche Ermüdung nach einer 
gewissen Zeit Wachens von einer speziellen „Ermüdung" durch Ent- 
täuschung oder abzuwehrende Reize ist nicht abzugrenzen. Und daher 
von dem zweifellos später vorhandenen Prozeß der Übergabe des psychi- 
schen Apparates an katergische Kräfte, als eines aktiven Ichvorganges, 
als einer Leistung der Libido nichts sicheres aus dem Säuglingsalter zu be- 
richten. Nur um nicht völlig daran zu vergessen, sei aufmerksam gemacht, 
daß von vornherein nahe lag anzunehmen, die Abwehrhandlungen würden 
eine gewisse nähere Affinität zu den katergischen Prozessen aufweisen. 
Denn radikalste Abwehr ist gewiß Abziehung der Libido von den Objekten, 
Rückziehung der Libido ins Ich. Und die Ichlibido steht der „Organ- 
libido", der Katergie sehr nahe; nazistische Zustände stehen im vollen 
Ausbildungsgrad theoretisch an der Grenze der psychischen überhaupt. 

Die Erörterung der Abwehr-Stellungnahmen zeigt uns zwei an- 
dere affektive Zustände in nahem Zusammenhange, die ohne diese Ana- 
lyse nicht so einleuchtend einzureihen wären. Der Trotz (Eigensinn) ist 
in den Äußerungsformen wenigstens, die er im Säuglingsalter hat, nichts 
anderes, als eine energische Abwehr, und zwar eine vom Absperrtypus. 
Ich will nicht behaupten, daß nicht auch schon in so früher Zeit Trotz-, 
Eigensinnäußerungen vorkommen, die noch andere Elemente in sich 
tragen, aber es kann für die Psychogenese dieses Affektes nicht ganz gleich- 
gültig sein, daß die genetische Analyse dieses später so wichtigen und 
mannigfaltigen Stellungnehmens seine Wurzeln in der Abwehr und in erster 
Linie in der Absperrung hat. Doch würde uns dies ausführlicher erst bei 
der Darstellung der frühen Kindheit zu beschäftigen haben. Von der Ab- 
wehr der ausstoßenden Art führt eine direkte Entwicklungslinie in eine 
Fülle von affektiven Verhaltungsweisen, die auch beim Erwachsenen 
schlecht studiert, beim Kinde überhaupt noch nicht geordnet sind, und 
daher ganz grob zusammengefaßt seien als: Angriff, Kampf, Zerstörung, 
Strafen. Diese weitere Entwicklung der Abwehr nur ins Auge zu fassen, 
heißt einsehen, daß sehr bald die Abwehraktionen in den Dienst des Be- 
gehrens treten werden. Und daß wir in der Psychologie der frühen Kindheit 
hier vor sehr verwickelten Tatbeständen stehen werden. Wir dürfen mit 
dieser Andeutung die nähere Darstellung für einen anderen Zusammenhang 
aufsparen, tröstlich versichert, daß unsere heutigen Kenntnisse, auch wo 
sie nicht so armselig spärlich sind, wie in der Psychologie der Säuglings- 
zeit, einer einheitlichen Durchdringung des Stoffes Schwierigkeit und Auf- 
gabe reichlich genug übriglassen. 

Die Analyse der Begehrensaktionen hat uns in einem früheren Ab- 
schnitt ausführlich beschäftigt. Soweit Ergänzungen nötig sind, werden 
sie des weiteren sich leicht einfügen lassen. Und wir können feststellen, daß 



Die affektiven Stellungnahmen. 245 

das Begehren, für sich selbst gewiß schon in der ersten Lebensperiode eine 
recht mannigfaltige affektive Stellungnahme, die Möglichkeit zu zirkum- 
skripten anderen Zuständen in sich enthält. Nämlich dann, wenn die Be- 
gehraktion zu keinem Resultat führt. Das Begehren besteht in den ver- 
hältnismäßig einfachen Bedingungen des Säuglingsalters aus dem Be- 
mühen, dem Wunsch ein Objekt körpernah zu bringen. Genau umgekehrt 
der Abwehr, die es allemal körperfern bringen will. Es gibt von dieser 
Formulierung — so viel ich bemerken kann — nur eine Ausnahme vor der 
Zeit des Wegwerfens von Gegenständen: das Sehenwollen, das nicht immer 
Körpernähe des Gesehenen verlangt, sondern sich mit dessen Bewegtheit 
begnügt. Dies soll beachtet sein; aber zugleich auch sei erinnert, daß dies 
Sich Begnügen sekundär sein mag, und auch niemals Bemächtigungsver- 
suche und -intentionen ausschließt. Begehren ist ursprünglich gewiß Be- 
mächtigungsdrang. Aber bereits im späteren Säuglingsalter hat hier eine 
gewisse Ermäßigung stattgefunden, die mit einer Differenzierung ver- 
knüpft ist. Die Störung dieses Bemächtigungsbegehrens, seine Be- 
hinderung, erzeugt nun einen ganz bestimmten affektiven Zustand, 
der zur Stellungnahme gedeiht: den Zorn, die Wut. 

Die oben gebrachte Stelle aus Scupin (S.242) gibt ein anschauliches 
Bild des Zornes. Er hat jedenfalls Züge, die der agressiven Abwehr sehr 
verwandt sind. Besonders dort, wo die Störung durch eine reale Behin- 
derung hervorgerufen ist, wird der Zorn nichts anderes als Abwehr sein, 
und zwar gesteigerte agressive Abwehr. Und ein Stück dessen bleibt dem 
Zornausbruch mit seinem Umherschlagen, Zerstören usw. zeitlebens, es 
bezeichnet ihn. Man könnte daher den Zorn auch mit gutem Grund den 
agressiven Abwehren zuzählen. Ich habe aber den Eindruck, als lohnte 
es sich hier eine Unterscheidung zu machen, als könnte man einen Zustand 
charakterisieren, der nicht agressive Abwehr, der wenigstens nicht dies 
allein ist. Man sieht ihn am deutlichsten, wenn die Störung keine körper- 
liche Behinderung ist, am undeutlichsten, wenn sie eine, die nicht bewältigt 
werden kann, ist. Der Säugling, der vergeblich nach seiner Mutter ruft, 
wie im zitierten Beobachtungsfall, sieht sich durch nichts behindert, und 
doch durch kein Mittel in die Lage versetzt, sein Ziel zu erreichen. Es 
gelingt ihm nicht, das Mutterbild in Körpernähe zu bringen. Er schreit, 
schreit immer stärker, bis zum Paroxysmus, um schließlich in klagendes 
Weinen zu verfallen. Dabei werden seine Hände und sein Körper in hef- 
tigen Bewegungen, aber in unorganisierten, gehalten. Er bietet ein Bild 
ohnmächtiger Wut; wie sie die Autoren, die — vielleicht nur vorgebliche 
- — Erinnerungen aus der eigenen Säuglingszeit niedergeschrieben haben, 
als eine fundamentale Lebenssituation geschildert haben (auf solche 
Aufzeichnung sei später eingegangen). Dieser Zustand richtet sich nicht 
nur gegen die Außenwelt, sondern hat auch seine Intention auf das 
ganze Ich. Was der ohnmächtigen Wut ihr Charakteristikum gibt, ist, 



246 



Der Säugling und seine Welt. 



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Die affektiven Stellungnahmen. 247 

daß in ihr eine bestimmte Relation des Ichs zur Außenwelt gegeben ist, 
eben die Ohnmacht. Ein Zustand mit sehr starkem Unlustakzent von sehr 
eigenartigem phänomenologischen Aspekt. In ihm sind Wut, Zorn, Ärger, 
Resignation und Trauer einheitlich verbunden, so sehr sie im übrigen 
different sind, und so verschieden die Gesamtstellungnahme zum Ich in 
diesen beiden Gruppen ist. Wie sich dies alles beim Säugling verhält, 
wissen wir nicht. Aber wir haben keinen Anlaß die Keime dieser Zustände 
nicht auch bei ihm anzunehmen. Die Differenzierung ist gewiß nicht vor- 
geschritten. Darum scheint es auch gewaltsam, den Zorn diesen ge- 
störten Begehrungen zuzurechnen. Ebensogut ist sein Platz bei den Ab- 
wehren. Es sei auch mit dieser Zurechnung nur das Element des Ohn- 
mächtigen betont. Besser wäre es, eine schärfere Nomenklatur zu schaf- 
fen, aber diese hätte ja eine schärfere phänomenologische Scheidung der 
Stellungnahmen zur Voraussetzung. So bleiben wir bei der mißverständ- 
lichen Bezeichnung. Und der Zorn wird eine Art Gegenstück zum Trotz. 
Ganz deutlich, wenn er sich zur resignierten Ohnmacht und apathischen 
Folgsamkeit ausbildet. Auf jeden Fall aber in einem Element: der Zorn 
ist Reaktion auf eine Ich-Ohnmacht, der Trotz ist ein Ich-Sieg. Innerhalb 
des weiten Kreises der Begehrenstörungen sind mannigfach Differenzierun- 
gen vorhanden; sie sind nur noch nicht formulierbar für das Säuglings- 
alter. An ihrer Stelle mag eine Übersicht völlig unvorgreiflich zeigen, 
welche Resultate wir beispielsweise uns von künftigen Untersuchungen 
erwarten (vorstellen) können. 

Die Überwindung einer Begehrenstörung hat Jubel zur Folge. Wir 
sprachen davon schon. Haben aber auch diesen affektiven Zustand einzu- 
ordnen und werden nicht zögern, ihn dem Zorn gegenüber zu stellen. Es ist 
dieselbe laute, unorganisierte Bewegtheit, nur daß sie höchst lustvoll ist, 
wenn diese unlustvoll ist, daß sie lacht, statt zu weinen. Der Jubel ist auch 
ein Relationserlebnis zwischen Ich und Außenwelt. Und zwar ein Sieg 
des Ich über die Außenwelt. Zur Scheidung von dem Trotz gibt die Zeich- 
nung einen Anhaltspunkt, der in Terminis am Material der Säuglings- 
psychologie nicht zu formulieren ist. Auch der Jubel ist nur ein markanter 
Vertreter eines ganzen Kreises: Selbstgefühl — Triumph. 

Alle diese Stellungnahmen haben eine entschiedene Beziehung zum 
Ich: sie sind nur denkbar als Stellungnahmen des Ich — in ihrer vollen 
Entfaltung und Differenzierung. Sehen wir sie im Laufe der weiteren 
Lebensmonate sich langsam aus völlig undifferenzierten Zuständen ent- 
wickeln ; sehen wir, daß ihr motorischer, ihr Körperanteil anknüpfend an 
die primitiven angeborenen Reaktionen vom Typus I bis III immer mannig- 
faltiger und präziser wird; sehen wir aber dann von einem bestimmten 
Zeitpunkt an den Körperanteil immer unwichtiger, unpräziser, unbezeich- 
nender werden im Vergleich zum Gesamtbild, dann wird uns die Annahme 
recht zwingend, daß wir in der Entwicklung der affektiven Stellung- 






248 Der Säugling und seine Welt. 

nahmen einen Index für die Entfaltung, Präzisierung und Differenzierung 
des Ich vor uns haben. Die affektiven Stellungnahmen sind Leistungen 
des Ich. Sie sind aber vermutlich zugleich auch dessen Bildner. Indem 
die Umwelt zu gewissen Stellungnahmen zwingt — Triebe auslöst — und 
sich der Durchführung (Festhaltung) dieser Stellungnahmen zugleich 
widersetzt — Störungen und Hinderungen einführt — zwingt sie zur Ent- 
faltung des Ich, schafft sie Vergleichsmöglichkeiten, schafft sie Realität 
und Ich als Gegensätze. Realität als Anlaß zu Begehr und Abwehr, Realität 
als das gegen Begehr und Abwehr widersetzliche Etwas. Konnten wir sagen, 
die Erweiterung des Körper-Ichs knüpft an die Tatsache der Folgsam- 
keit der Organe an ; so können wir sagen die Entgegensetzung von Welt 
und Ich knüpft an die Situation der Unfolgsamkeit der Objekte an. So- 
lange der Schrei des Säuglings, ein Zugreifen seiner Hand, ein Ruck mit 
dem Körper, ein Stoß mit dem Fuß die zur Befriedigung nötigen Dinge 
herzaubert oder wegzaubert, ist kein Gegensatz zwischen Ich und Reali- 
tät vorhanden. Das Kind ist im Besitze eines allmächtigen Ich. Oder 
besser, es gibt nur ein Ich, in dem Bedürfnisse und deren Befriedigungs- 
mittcl nebeneinander, diese durch jene gesetzt, gegeben sind. Es lebt sich 
sehr angenehm „im Besitz von solchen Flubissen und Golchen" heißt es 
beim tiefsinnigen Morgenstern. Die Welt gehorcht der Magie der ein- 
fachen Körperbewegung und des intensiven Lautes könnte man in An- 
lehnung an Freud (4) und Ferenczi (1), die diesen Gedankengang 
formuliert haben, sagen 1 ). Erst wenn und soweit diese Magie versagt, ist 
das Ich in Gegensatz zur Welt gesetzt. An dem Punkt (der Zeichnung): 
Kampf, Behinderung, Ärger, Zorn setzt diese Kluft an, bei Wut, Ohn- 
macht wird sie erlebt; bei Jubel und Triumph ist das Ich über die bereits 
feindliche Welt siegend, bei Ohnmacht, Resignation ist es besiegt. Bei 
Trotz behauptet es sich durch Negierung der Kluft. 

Wahrnehmung und Trieb. 

Wir haben uns bisher mit der affektiven Seite des Erlebens befaßt, 
gewiß nicht ausführlich genug für ihre psychologische Bedeutung, aber 
vielleicht schon mehr als unser Wissen erlaubt. Es wird Zeit, sich mit der 
sensorischen zu befassen. Sie ist gewiß um nichts unwichtiger. Und die 
Psychologie hat sich mit ihr unvergleichlich mehr beschäftigt als mit der 
affektiven. Nicht aber die Säuglingspsychologie. Wir wissen vom senso- 
rischen Erleben des Säuglings noch weniger, als von seinem affektiven. Ich 
muß mich daher mit einigen Bemerkungen zufrieden geben; die nicht 
allein wegen ihres geringen Tatsachengehalts, sondern auch wegen ihrer sehr 
empfindlichen Lückenhaftigkeit nicht mehr als Aphorismen sein wollen. 

*) Hinweis: Die Technik des Zaubers besteht tatsächlich in rhythmischen Be- 
wegungen und gesprochenen Formeln. 






Wahrnehmung und Trieb. 249 

Zunächst eine terminologische Anmerkung. Ich spreche von der Wahr- 
nehmung und meine damit den Prozeß, das Wahrnehmen, die Zuwendung. 

Der Inhalt, Gegenstand der Wahrnehmung, soll als solcher bezeichnet 
werden. Ich verwende das Wort Wahrnehmung im gebräuchlichen Sinn 
für die sensorischen Prozesse. Es darf aber nicht vergessen sein, daß auch 
den affektiven Vorgängen ein Wahrnehmungselement zugehört. Daß die 
in das Innere des Körpers lokalisierten Sensationen so gut Wahrnehmun- 
gen sind, wie die durch Auge, Ohr usw. uns gegebenen Data. Es gilt für 
sie vielleicht alles, was allgemein über die Wahrnehmung gesagt wird, ge- 
wiß aber das eine sehr wichtige: Auch diese Wahrnehmung hat es mit 
Gestalten, mit Strukturen zu tun. Es gibt für das Erleben so wenig kin- 
ästhetische Empfindungen, wie visuelle. Auch jene sind strukturiert z. B. 
als Bewegungsmelodien gegeben. 

Alles spricht dafür, wie bereits in den beiden ersten Abschnitten er- 
örtert wurde, daß dem Säuglingsbewußtsein von Anfang an Strukturen 
gegeben sind, daß nur solche zur Wahrnehmung (in dem präzisierten Sinn) 
gelangen. Die Theorie vom anfänglichen Empfindungschaos ist unhaltbar. 
So sehr sie auch unserem Bedürfnis entsprechen mag, die Anfänge vom 
ausgebildeten Zustand recht weit abstehend, zu denken, die Kompliziert- 
heit aus der Einfachheit entstanden vorzustellen. Die logische Einfachheit 
ist hier nicht die psychologische. Es bietet sich aber noch eine andere 
Möglichkeit das entwicklungspsychologische Erkenntnisideal auch an 
diesem Erscheinungskomplex zu befriedigen. Denn daß die Struktur des 
Gegenstandes auch zur primitiven Wahrnehmung gehört, muß nicht ein- 
schließen, daß diese von gleicher Art sei, wie die des Erwachsenen oder 
älteren Kindes. Volkelt hat von diesem Gedankengang ausgehend, die 
Vorstellungen der Tiere untersucht. Er zeigt, daß auch für sie die Chaos- 
(Mosaik-)theorie nicht zutreffen kann. Er kommt zum Ergebnis, daß 
zwar in 1 Tierbewußtsein die Wahrnehmungen in gewissem Sinn „getrennt" 
sind, eine Vorherrschaft der Komplexqualität besteht, aber dasselbe Ding 

außerhalb eines ganz bestimmten Umkreises von Situationen nicht durch 
das gleiche dinghafte Gebilde repräsentiert wird wie innerhalb". Es 
besteht eine „Unkonstanz der Modifikation des tierischen Bewußtseins 
durch Gegenstände, die uns gleich erscheinen". 

Will man diese Befunde und die daran geschlossenen Konsequenzen 
der Kinderpsychologie fruchtbar machen, so hat man in ihnen vorerst An- 
regungen zu experimentellen Untersuchungen und systematischer Be- 
obachtung zu sehen. Erst diese kann eine Entscheidung bringen. An 
dieser Stelle kann nichts als ein unverbindlicher Eindruck, basiert auf den 
vorliegenden Beobachtungen, ausgesprochen werden. Dieser geht aber 
wohl dahin, daß es sich beim Säugling recht anders als bei den — von 
Volkelt herangezogenen — Tieren verhalten muß. Es fehlt ihm, so viel 
ich sehe, ganz an den Erscheinungen, die Volkelt als völlige Unangepaßt- 



250 Der Säugling und seine Welt. 

heit richtig beschreibt. Der Säugling kann zwar in die Lage kommen, 
daß er einer Situation gar nicht gewachsen ist, und er ist sehr oft in dieser 
peinlichen Lage, dann handelt es sich aber nicht darum, daß er im Besitz 
der Mittel (inklusive der sensoriellen Erfahrung) zur Bewältigung der Si- 
tuation wäre, und sie aus bloßer Verkennung des sensorischen Tatbestandes 
nicht anwenden würde. Ein Fall in dem sich VolkeltsSpinne befindet, die 
eine Mücke ganz derselben Art, wie sie sie täglich zu verzehren pflegt, 
wenn sie sich an bestimmten Stellen des Netzes verfing, nicht allein nicht 
angreift, sondern sich vor ihr fürchtet und zurückzieht, falls die Mücke 
sich an einem ungewöhnlichen Ort des Netzes verfängt, also die Mücke 
nicht als solche als ungefährliche und schmackhafte Speise, als Mücke 
eben, erkennt, sondern nur wenn eine Anzahl anderer Data gegeben sind, 
die wir als nicht zum Gegenstand Mücke gehörig betrachten: ein solcher 
Fall völliger Unangepaßtheit scheint beim Säugling nicht vorzukommen. 
Sondern der Säugling ist zahlreichen Kategorien von Situationen bloß 
deshalb nicht angepaßt, weil er seine Arme, Finger usw. nicht beherrscht. 
Er versagte aber nicht, so scheint es, in einer speziellen Situation, deren 
Kategorie er angepaßt wäre. 

Während für die Spinne erst das Zusammentreffen einer ganzen Reihe 
von Bedingungen den Impuls zum Ergreifen auslöst, also ein sehr kom- 
plexer Gegenstand als eine Struktur aufgefaßt, und das Fehlen eines für 
unsere Wahrnehmung sehr geringfügigen Elements bereits als eine fun- 
damental andere Struktur aufgefaßt wird, an die gar kein Impuls oder 
gar auch der entgegengesetzte geknüpft ist, genügen beim Säugling einige 
wenige Merkmale zur Erreichung eines Impulses. Anders wie bei der 
Spinne lautet beim Säugling die Wahrnehmung: Bewegtes, nah genug, 
klein genug — zugreifen 1 Ich will nicht bestreiten, daß auch bei diesem 
Tatbestand sich die Volkeltsche Formulierung vielleicht eindeuten läßt. 
Es scheint mir aber wichtiger auf den Unterschied zu verweisen. Der 
Säugling hat Strukturen, die aus wenigen Elementen aufgebaut sind. 
Und diese Strukturen sind vielfach zentriert um Farben, Bewegtheits- 
formen uud geometrische Relationen. Das heißt, er hat von vorneherein 
als Struktur bildende Merkmale solche von Abstraktionskraft. Es ist 
ein Schritt von seinen Wahrnehmungen zum anschaulichen Begriffe und 
zur Allgemein Vorstellung — wie allgemein verständlich ohne präjudi- 
zierende Termini gesagt werden könnte. 

Neben diesen allgemeinen Strukturen bildet er aber sehr bald auch 
sehr komplizierte. Die Mutter ist eine solche. Hier genügen nicht mehr 
die allgemeinen Merkmale des Menschen um eine bestimmte Verhaltung 
hervorzurufen, sondern hier ist die Wahrnehmung bis zum Elemente des 
Individuums vorgeschritten. Wobei nun in gewissem Sinn zutrifft, was 
die Spinne lehrt: ein scheinbar geringfügiges Detail macht die wohlbe- 
kannte Person zur fremden (siehe auf S. 118 die Veränderung des Huts 



Wahrnehmung und Trieb. 251 

und deren Folgen). Weder der Versuch, diese Struktur von der allge- 
meinen abzuleiten, noch eine spezifische Spekulation sei hier unternommen. 
Begnügen wir uns, den Tatbestand zu verzeichnen und ihn dahin zu prä- 
zisieren: diese spezielle Struktur ist zunächst nur für die Personen der 
nächsten Umgebung des Kindes gegeben ; vielleicht nur für seine Mutter. 

Im dritten Vierteljahr spätestens, vielleicht schon viel früher, ist 
die strukturierte Welt des Kindes — so scheinen die Tatsachen aufzu- 
drängen — wesentlich mannigfaltiger geworden. Es verhält sich ganz so, 
als hätte es eine ziemliche Anzahl von Dingen in wesentlich derselben 
Struktur wie wir selbst. Mir ist es fraglich, wie weit wir Recht haben, hier 
Entwicklungen des Erlebens anzunehmen. Immerhin, die Annahme 
liegt nahe genug. Und dann wird man gewisse Determinanten für diese 
Entwicklung verantwortlich machen wollen. Es war davon schon die 
Rede. Die Dinge sind dem Säugling nicht in lebenswichtigen Situationen 
gegeben. Daß muß man betonen. In unseren psychologischen Terminis 
ausgedrückt: die Wahrnehmung steht nicht in erster Linie im Dienste 
des R.-Triebes. Diese biologisch als ursprünglich anzusehende Beziehung 
ist beim Säugling zerrissen. Er sieht, hört, tastet weitgehend unabhängig 
von R.-Triebimpulsen. Sein Sensorium steht zum großen Teil unter der 
Herrschaft des Sexualtriebes. Wahrnehmung ist zum guten Teil libidi- 
nöser Prozeß. Das heißt, daß sich die Strukturen nicht allein nach ihren 
lebenswichtigen Relationen und Elementen aufbauen. Die Wahrnehmung 
erstreckt sich nicht nur soweit als die Verzehrung verlangt, sie gibt nicht 
nur Nachricht von Störungswerten, die aus der Welt geschafft werden 
sollen sondern sie gelangt zu einem weiten Bereich darüber hinaus; sie 
vertieft sich sozusagen in die Gegenstände selbst und bietet als solche 
dadurch Lust. 

Daß der Begriff des Lebenswichtigen bei der Entwicklung des mensch- 
lichen Säuglings nicht ohne Vorsicht zu gebrauchen ist, deutete ich schon 
des öfteren an. Es ist nicht ganz unnötig sich das klar zu machen. Man 
jcann mit ihm nur eine Beziehung auf die Zukunft meinen. Für den 
Säugling ist es keineswegs lebenswichtig, daß er seine Mutter erkenne. 
Sondern erst für das ältere Kind kann diese Fähigkeit von Wichtigkeit 
werden. Und daß das in den Wahrnehmungsstrukturen, in jener Art und 
Deutlichkeit geschehe, die das schlicßliche Ergebnis der Entwicklung ist, 
hat seine Notwendigkeit (Lebenswichtigkeit) nur, weil das Kind in eine 
ganz bestimmt gebaute, ganz Bestimmtes fordernde Gesellschaft hinein- 
wachsen wird. Es kann sich also lediglich darum handeln, daß diese Fähig- 
keiten ehemals, als sie phylogenetisch erworben wurden, eine biologische 
Relation hatten. Beim heutigen Säugling (Kind) sind sie erbmäßig vor- 
gezeichnet oder Resultate der Einwirkung der Gesellschaft, der Reaktion 
auf sie. Das heißt, es ist überflüßig und verdunkelnd, diese biologische 
Relation zu suchen (im kinderpsychologischen Zusammenhang). Sie ist 



252 Der Säugling und seine Welt. 

in den ererbten Verhaltungsweisen bereits enthalten oder sozialpsychi- 
scher, nicht aber biologischer Natur. Das Leben eines Organismus ist nicht 
von der spezifischen menschlichen Wahrnehmungsweise abhängig; andere 
Organismen haben andere Wahrnehmungen und sichern ihr Leben ebenso- 
gut. Wir haben daher nichts Erklärendes gewonnen, wenn wir darauf hin- 
weisen, daß der Säugling, indem er so lebt, wie es als Resultat seiner Ahnen- 
reihe und seiner spontanen Reaktionen sich ergibt, sein Leben erhält. 
Nicht aus dieser letzten Harmonie zwischen Organismus und Umwelt er- 
gibt sich psychologisches Verständnis; sondern wir haben die Wege auf- 
zudecken, aus denen sich diese Harmonie schließlich ergibt, wobei nicht 
die Relation dieses Weges zum Ergebnis, schon gar nicht die teleologische 
Beziehung unser Problem sein kann. 

Wenigbefriedigtfindet sich das entwicklungspsychologische Verlangen, 
die komplizierten Erscheinungen aus einfachen abgeleitet zu sehen. Wir 

finden das Wahrnehmen von den Anfängen an, die sich überhaupt erschließen 
lassen, in wesentlichen Zügen dem Erwachsenen gleich. Und sind darauf 
angewiesen, uns mit quantitativen Unterschieden zu begnügen. Fügen 
wir hinzu, daß die affektive Komponente in der frühesten Wahrnehmung 
offenbar überwiegt, daß die Sensationen, die aus dem Körperinnem kom- 
men, vermutlich mehr Aufmerksamkeit erfahren, als für die reife Funktion 
üblich ist, daß vielleicht das Bedeutungsrelief der Data der verschiedenen 
Sinnesorgane bis zu einem gewissen Grad anders ist, indem vielleicht das 
Geruchsorgan für die Wahrnehmung des Säuglings eine größere, das Ohr 
eine andere Rolle spielt, als beim Erwachsenen, so haben wir immerhin 
eine Anzahl sehr wahrscheinlicher Abweichungen vor uns, wenn auch 
keine solche, die als wesentliche zu bezeichnen wäre. 

Man muß sich darüber nicht endlos wundern. Man kann sich klar 
werden, daß wir ja bei den Wahrnehmungen vom Bewußtsein sprechen. 
Und wenn wir feststellen, die primitivsten Wahrnehmungen seien bereits 
strukturiert, und zwar vermutlich den erwachsenen wesensähnlich struk- 
turiert, so ist damit kaum anderes gesagt, als: das Bewußtsein — von den 
Gegenständen ist hier nicht die Rede — ist von seinem ersten Auftreten 
an mit dem gleichen — oder wesensähnlichen Quäle versehen, das ihm 
zeitlebens zukommt. Unser Bewußtsein ist eine Qualität, die als solche 
nicht erlebt wird, sondern sich an oder mit bestimmt strukturierten Phä- 
nomenen abspielt. Man kann versuchen, nach verschiedenen Richtungen 
hin Entwicklungen des Bewußtseins anzunehmen, zu konstruieren, aber 
in dieser einen ist das kaum möglich: Bewußtsein annehmen, heißt das Er- 
lebnis bestimmter Strukturen und Relationen behaupten. Und mensch- 
liches Bewußtsein wird wohl auch in seiner primitivsten Form mensch- 
liche Weltstrukturen und Ich-Relationen haben. Das letztere scheint un- 
mittelbar evident. Das erste nicht weniger, hält man sich vor Augen, daß 
die Wahrnehmungen — einerlei wie man sich erkenntnistheoretisch stellt 






Wahrnehmung und Trieb. 253 

— für das subjektive Erleben Data mit einer Gegenstandsintention sind, 
und daß dies wohl für das menschliche Bewußtsein gewisse feste Verhält- 
nisse sind. Beim naiven Realismus, den wir hier, lediglich zur Verein- 
fachung der psychologischen Phänomene, festhalten, können wir auch 
sagen: die Wahrnehmungen sind irgendwie das Resultat außerpsychischer 
Reize, Einwirkungen einer Welt. Sie sind konstant. Die Ich-Relation ist 
es auch, die Bewußtseinswelt ist also von zwei Punkten her beim Säugling 
und beim Erwachsenen identisch. Wir können nichts anderes als eine 
Wesensähnlichkeit erwarten. Die Empirie verläßt uns freilich, noch und 
bis zu einem gewissen Grad für immer, beim Entscheid dieser Frage. Wir 
werden daher vorläufig die Wesensähnlichkeit annehmen, und brauchen 
sie nicht beweisen; das Gegenteil aber müßte uns einwandfrei bewiesen 
sein, sollten wir uns zu seiner Anerkennung entschließen können. 

Bisher war von Wahrnehmung die Rede, ohne daß die „Vorstellung" 
von ihr deutlich abgesondert wäre. Und das hat seine guten Gründe. 
Erstens wissen wir von den Vorstellungen noch weniger als von den Wahr- 
nehmungen. Zweitens aber bestehen einige Anhaltspunkte, die uns nahe- 
legen, hier für die Psychologie des Säuglings sehr beträchtlich andere Ver- 
hältnisse anzunehmen, als für die des Erwachsenen. Die Psychoanalyse 
und die eidetische Forschung treffen sich in der gleichen Auffassung. Die 
Grenze zwischen Wahrnehmung und Vorstellung ist in der frühen Kind- 
heit völlig fließend; die beiden Welten Wahrnehmung und Vorstellung 
differenzieren sich aus einen gemeinsamen Vorstadium. Jaensch nennt 
es für die optische Wahrnehmung Anschauungsbild. Wir sprechen von 
halluzinatorischen Reproduktionen. Man kann annehmen, daß der 
Unterschied zwischen Reproduktion und Wahrnehmung anfangs nicht 
in ihrer sinnlichen Lebhaftigkeit liegt; man kann andererseits nicht gut 
glauben, daß die Beziehung der Wahrnehmung zu einer Außcrichwelt, 
einer Realität dem frühesten Alter bereits gegeben ist. Sondern man wird 
annehmen wollen, daß wir in Traum und Anschauungsbild, in halluzina- 
torischen und visionären Erscheinungen Zustände vor uns haben, die den 
Wahrnehmungen des Säuglings sehr ähnlich sind. Was nun diesen Zu- 
ständen gemeinsam ist, wäre in ihrer Plastizität zu finden. Jaensch 
zeigt das sehr einleuchtend am optischen Anschauungsbild (A-B). In 
ihm kommen Raumverlagerungen, optische Transporte, Veränderungen 
der Größenrelationen und bei manchen Typen sehr weitgehende Verände- 
rungen verschiedener Art vor. Veränderungen, die nicht in den Bedin- 
gungen der realen Welt, sondern des psychischen Zustandes, der psychischen 
Funktion gegeben sind. Das A-B folgt den psychischen Tendenzen, 
während die ausgebildete Wahrnehmung ihnen Widerstand entgegen- 
setzt. Die Wahrnehmung hat Konstanten, die dem A-B fehlen. Jaensch 
entwickelt die genetische Anschauung, daß die A-B den ursprünglichen 
Typus darstellen, aus dem sich die Wahrnehmung entwickelte. Es verwirk- 



254 Der Säugling und seine Welt. 

licht sich dabei eine Tendenz, deren Ziel, nie erreichtes Ziel, die reine Re- 
zeption ist, könnte man sagen. Eine genauere Analyse jener Veränderun- 
gen fehlt in den bisher publizierten Studien von Jaensch und seinen 
Mitarbeitern; auch die Motive wurden nicht speziell untersucht. Doch 
wird auf die Bedeutung affektiver Faktoren, des Int.eresses und der Auf- 
merksamkeit hingewiesen. Aus dem vorliegenden Material gewinnt man 
den Eindruck, es werde im A-B das Sehding wie ein Triebobjekt behan- 
delt, es wird herangezogen, weggeschoben, vergrößert, in den Mittelpunkt 
gestellt, festgehalten, ganz so behandelt, als handelte es sich um reale 
Dinge, an denen mit den Händen triebgemäße Veränderungen vorgenom- 
men werden. 1 ) Von den "Wahrnehmungen des Säuglings spricht Jaensch 
nicht explizite; doch ist außer Zweifel gelassen, daß für den Säugling ge- 
wiß gilt, was er von der frühen Kinheit im allgemeinen sagt. Freiling, 
ein Mitarbeiter Jaensch's, erwähnt eine Beobachtung von Stern: 
„Seinem 8 Monate alten Sohne wurde, als er seine Saugflasche erwartete, 
im Scherze eine Puppenflasche vorgehalten, die 15 mal kleiner war, als 
die wirkliche Flasche. Da geriet er in die größte Aufregung und schnappte 
nach der Flasche, als ob sie die wirkliche wäre. Stern schließt hieraus 
auf ein Fehlen der Größenkonstanz" und deutet sie, im Sinne der Eidetik: 
„Wir würden die von Stern angenommene Unsicherheit in der Größen- 
schätzung nicht darauf zurückführen, daß im Kinde noch nicht die 
Assoziation zwischen Entfernungs- und Größeneindruck, die nach Stern 
die richtige Größen einschätzung bedingt, genügend gefestigt sei. Wir 
neigen vielmehr zu der Erklärung, daß auch hier affektive Momente eine 
subjektive Vergrößerung des Gegenstandes hervorriefen." 

Verknüpfen wir Freuds Hinweise mit diesen Anschauungen von 
Jaensch, so gelangen wir — teilweise bereits gesagtes zusammenfassend 
— zu folgender Vorstellung. Reproduktion und Wahrnehmung sind ein- 
ander ursprünglich wesensähnlich. Der Säugling hat Gesichtsphänomene 
gleicher Art, ob sie nun auf Reize im Auge auftreten oder aus inneren 
Bedürfnissen (Trieben oder Assoziationen). An diesen Gesichtsphänome- 
nen setzen Triebhandlungen an, die bis zu einem gewissen Grad triebge- 
mäße Umgestaltungen an den Gesichtsphänomenen zur Folge haben. 
Andererseits ist das Auftreten der Gesichtsphänomene selbst in gewissen 
Sinn und zwar gelegentlich Triebhandlung. Denn die gewünschten Phä- 
nomene werden erzielt durch motorische Leistungen, Schreien (bis die 
Mutter erscheint), Zuwendungsbewegungen, usw. oder durch Reproduk- 
tion. Dies Stadium könnte als magische Halluzination benannt werden. 
Es wird starke Unlusterlebnisse mit sich führen, und zwar zumeist viel- 
leicht vom Freßtrieb her, der bald die Erfahrung vermitteln muß, daß 



») Von Jaensch nicht formuliert; aber sehr ähnlich, wenn er sagt: „Hier zeigt 
sich die Möglichkeit, die Wahrnehmungslehre an die Trieblehre anzuschließen". Kein 
gleichgültiger Augenblick für die Entwicklung der Psychologie. 



Wahrnehmung und Trieb. 255 

zwischen halluzinierter und realer Brust ein Unterschied besteht, und auf 
die deutliche, von den anderen Gesichtsphänomenen unterschiedene Auf- 
fassung der Realität hindrängen wird. Noch sicherer wird vom Bemäch- 
tigungstrieb her, im Zusammenhang mit der Abgrenzung des Körper- 
Ichs, die ja auf Koordinierung von Wahrnehmungen verschiedener Sinnes- 
sphären tendiert, in der gleichen Richtung eine Entwicklungsanregung 
ausgehen. Man kann nun annehmen, daß von hier aus eine Art "Ver- 
drängung der A-B einsetzt, daß sie ärmer, unlebendiger werden. Dem 
würden sich aber die Jaen seh sehen Befunde nicht leicht einfügen. Über- 
dies bleibt ja die Welt der Reproduktionen triebgefügiger als die der Wahr- 
nehmungen. Sie wird also Lust bieten, die sich der Verdrängung wider- 
setzt. Dem entspricht, daß die A-B der Erwachsenen und Jugendlichen 
noch glänzendere Farben haben, als die Wirklichkeit. Trotzdem wird man 
sich schwer entschließen, zu vermuten, die Wahrnehmung würde Ener- 
gieverarmt gemacht. Es werden also komplizierte Prozesse sein, die wir 
uns noch schwer genauer vorstellen können, die aber in irgend einer Weise- 
eine Differenzierung der magischen Periode herbeiführen; sie bleibt für 
gewisse Gebiete unangetastet, andere — offenbar die nahe mit den Be- 
mächtigungsäußerungen verknüpften — werden von einer schärferen 
Erfassung betroffen. Im Sinne der früheren Erörterungen wäre zu ver- 
muten, daß die enttäuschenden, die unfolgsamen Gesichtsphänomene in 
eine gelockerte Beziehung zum Ich gesetzt werden, sie werden irgendwie 
Nicht-Ich, objektiv. Zugleich aber gehen andere von ihnen eine be- 
sonders enge Verknüpf ung zum Ich ein, sie werden sozusagen subjektiv, 
Produktionen, Bestandteile des Ich. Und zwischen ihnen wäre die größere 
Menge der ohne ausgesprochene Beziehung zum Ich. Die Ich-fremd-ge- 
machten wären die Ansätze zur Wahrnehmung, zur Welt, die Ich-nahe 
gemachten die Ansätze zur Vorstellung, zur Phantasie ; die Ich-neutralen 
eine Art Reservoir, aus dem beide Welten ihre Zuschüsse erhielten. Mit 
diesen Scheidungen setzten auch wohl Prozesse ein, die zur Produktion 
als Gegensatz zur Reproduktion (und zur Wahrnehmung) führen werden. 
Wir hätten es hier mit einer Phase der ersten Eingrenzung der magischen 
Halluzination zu tun. Sie fiele zusammen (zeitlich und dynamisch) mit 
der Phase der Abgrenzung des Körper-Ichs. Dieses ergänzend, ihm das 
Intellektual-Ich hinzufügend, das, ähnlich dem Körper-Ich, durch Aus- 
scheidungen (der Welt) enttäuschender Phänomene und durch Aus- 
füllung aus dem Ich-Neutralen sich vom Nicht- Ich abgrenzt. 

All dies gilt unmittelbar nur für die optische Welt. In irgend einer 
wesensähnlichen Weise dürfen wir uns die Entwicklung auch für 
die anderen Sinnessphären denken. Doch würde es uns nicht über- 
raschen, im einzelnen bei ihnen recht andere Verhältnisse anzutreffen, 
wenn uns das Material der Empirie eindringende Erörterung erlauben 
würde. 



256 Der Säugling und seine Welt. 

Probleme, die heute noch kaum zulänglich gestellt werden können, 
bietet die Psychologie des Raumes. Kein Wunder, daß die Psychologie des 
Säuglings zu diesem Thema recht wenig beizubringen hat. Immerhin sind 
wir über einige Punkte sehr wohl orientiert. Stern (2) hat der Entwick- 
lung der Raumwahrnchmung in der frühen Kindheit eine sorgfältige Studie 
gewidmet. Er unterscheidet: den Urraum, den Nahraum und den Fern- 
raum. Der Urraum ist „die Gegend des Mundes". „In der zweiten Lebens- 
woche vermag das Kind schon hellen Gegenständen, die nahe vor sein 
Gesicht gebracht und langsam . . . bewegt werden, zu folgen. Mit dieser 
Leistung reicht das Kind über den Urraum hinaus in den Nahraum, auf 
den nun etwa 1 / 4 .Jahr lang seine Raumbeherrschung beschränkt bleibt. 
Er besteht ungefähr aus einer Halbkugel, die sich um den Kopf als 
Zentrum mit einem Radius von etwa 1 / 3 Meter nach vorn erstreckt." 
„Im Laufe des zweiten Vierteljahres öffnet sich der optische Fernraum." 

Man sieht, daß der Raum, sein Wachsen und seine Präzision in naher 
Beziehung steht zur Entwicklung des Körper-Ichs, des Ichs und der Welt. 
Stern (2) deutet das so an: „Wie die Eroberung des Nahraums eine sehr 
unvollkommene war, solange das Kind sich den optischen und taktilen 
Eindrücken nur passiv hingab und nicht aktiv zugreifen konnte, so ist auch 
die Eroberung des Fernraums höchst unvollständig, solange das Kind 
passiv warten muß, bis die Ferneindrücke an sein Auge (Ohr) treffen. 
Vollendet wird diese Entwicklung erst dadurch, daß das Kind den Fern- 
raum seiher aktiv überwindet. Hiezu dient die eigene Lokomotion". 
Die Entstehung des Raumes vollendet erst die Abgrenzung von Ich und 
Welt. Denn die Abgrenzungs-, Ausscheidungs- und Ausfällungsprozesse, 
von denen bisher die Rede war, müssen keine Relation zum Raum haben. 
Zwar wird für jede bewußte Wahrnehmung irgend ein Raum — auch schon 
beim Säugling — anzunehmen sein, in dem sie erscheint, so wie Wahr- 
nehmung ohne eine Ich-Relation, ein Ich als Substrat, Subjekt nicht ge- 
dacht werden kann und Wahrnehmung ohne Gedächtnis kaum einen Sinn 
meinen dürfte, aber diese Räume sind nicht der Raum. Er ist die Zentral- 
beziehung aller dieser Räume; er ist vor allem in einer festen Relation zum 
Ich (Körper- Ich). Dieser, der Raum ist Außenraum, außerhalb des Kör- 
pers, in Ich-Ferne. Mit ihm zugleich ist der Innenraum gesetzt, wenn auch 
kaum in diesem Sinn zugleich psychisch gegeben. Der Innenraum, der 
von der Körperoberfläche umgrenzt ist und in den alles lokalisiert wird, was 
Ich-nah ist oder wird. Hat dieser Außenraum sich konstituiert, so werden 
die ich-fremd-gemachten oder Ich-fremd-gedachten Phänomene in ihn 
hinausgestoßen. Die Ich-nahen werden dem Innenraum eingefügt. Das 
Ich kommt so in den Körper, alles Nicht- Ich in die Welt, den Außenraum. 
Wir müssen durchaus annehmen, daß dies ein Prozeß von beträchtlicher 
Dauer ist. Die Grenzen sind fließend. Die Zugehörigkeit eines Phänomens 
zu einem der beiden Räume braucht nicht dauernd zu sein ; es kann hin 



Die Bedeutung der Entwöhnung. 257 

und her bezogen werden. Und es mag einen großen Kreis von Dingen 
geben, die lange Zeit raumlos (in dieser Relation zu dem Raum sind) 
sowie sie Ich-neutral sind. Der psychische Mechanismus der Projektion 
(Freud) ist es, dessen Ansätze wir hier vor uns haben. Er ist durchaus 
das Analogem der Handlung des Fortstoßens, des Ausstoßens. Er ist eine 
solche Handlung, nur daß sie nicht motorisch vorgenommen wird. Aber 
auch der umgekehrte Prozeß ist zu beobachten, aus den Beobachtungen 
zwingend deutbar: Das Analogon zur Einverleibungshandlung, die psy- 
chische Einverleibung. Wir haben es bei ihr wohl mit dem Ansatz jenes 
psychischen Mechanismus zu tun, den wir als Identifikation in einer Psycho- 
logie der frühen Kindheit sehr eingehend zu erörtern hätten. 

Daß alle diese Entwicklungen entlang von erblich vorgezeichneten 
Bahnen ablaufen, kann nicht bezweifelt werden. Trotzdem ist es berech- 
tigt, in der Psychologie des Säuglings nach jenen Motiven zu fragen, die 
sich dem Individuum, im Individuum, als Anlässe, Fördernisse, Hemmungen 
des vorgezeichneten Ablaufs präsentieren. Wir haben sie als die libidinöse 
Lust auf einer Seite, als die Enttäuschung auf der anderen Seite kennen 
gelernt. Die Aufgabe, die sich an dieser Stelle gewiß erhebt, ist sehr leicht 
genannt: die Psychogenese des Ichs und der Welt des Säuglings ist zu- 
sammenfassend auf die Beteiligung der beiden Triebgruppen zu prüfen, 
sie ist dann in die Energietheorie einzuordnen. Aber diese leicht genannte 
Aufgabe ist nur sehr schwer zu lösen; wenn man das überhaupt wird als 
Lösung gelten lassen, was an spekulativen Vorschlägen, Ansätzen zu Vor- 
schlägen, mehr hingesetzt als mit Gewicht vertreten werden könnte. 
Aber dies muß der Autor schuldig bleiben, d. h. er verschiebt die Leistung 
auf später. Alles zu Sagende wird gewinnen, wenn es ans Material der 
Ich-Entwicklung der späteren Kinderjahre angeknüpft wird. Schlüsse 
auf das Ich des Säuglings sind vielleicht — wo sie die strittigsten Punkte 
berühren — doch zwingender, wenn sie sich auf Äußerungen der Zwei-, 
der Fünfjährigen stützen, als wenn sie dem stummen Säugling in den 
Mund gelegt werden. 

Die Bedeutung der Entwöhnung. 

Suchen wir uns nun, nachdem wir uns einige flüchtige Vorstellungen 
von den Beziehungen des Säuglings zur Welt, von seinem Wahrnehmungs- 
und ,,Phantasie"leben gebildet haben, eine Anschauung über die Bedeu- 
tung der Entwöhnung zu bilden, so finden wir uns nicht mehr so ganz 
zweifelnd, wie nach dem Studium des eigentlichen Entwöhnungsprozesses. 
Ein wichtiges Zusammentreffen wird uns veranlassen eine Hypothese 
auszusprechen, die uns gestattet, alles über die Libidoentwicklung 
bisher Festgestellte und Vermutete festzuhalten und neue Fakta und 
Vermutungen ihm einzugliedern. Wir sahen auf der einen Seite, daß 
Bern fei d, Psychologie des Säuglings. 17 



258 Der Säugling und seine Welt. 

die Mutterbrust ihren Wert als Libidoobjekt für das Kind bald nach 
stattgehabter Entwöhnung verliert. Auf der anderen Seite sahen wir, 
wie die Außenwelt ungefähr um die gleiche Zeit durch Ausstoßung 
dem Ich entgegengestellt wird, als die Zusammenfassung der „unfolg- 
samen" Objekte. Beides sind Veränderungen der libidinösen Besetzung; 
beide sind gleichgerichtet. Die Verminderung, welche das Libidoquantum 
erfährt, wenn die Brust ein mehr gleichgültiges Objekt wird, und die 
Entfernung vom Ich, die alle jene Objekte erfahren, die in die Außen- 
welt projiziert werden, beide Vorgänge sind als Reaktion aufzufassen, 
die durch eine Enttäuschung erzwungen wurde. Es liegt nahe anzunehmen, 
daß der Kern, um den sich die Außenweltsprojektion gruppiert, die 
enttäuschende Brust ist, die unter Entziehung von Libido aus dem 
Körper Ich ausgeschieden wird. Die anderen Objekte werden bildlich 
gesprochen von der verbannten Mutterbrust mit in den Außenraum 
gerissen. Für diese Ausbreitung der Projektion auf andere, nicht so sehr 
unfolgsame Objekte spricht die Tatsache, daß in diesem Alter für das 
Kind die Brust der Mutter längst nicht mehr ein isolierter Gegenstand, 
sondern ein Teil der Mutter ist, so daß das Mutterbild als Ganzes das 
Schicksal teilen muß, das die Brust erfährt, das ursprünglich der Brust 

zugedacht war. 

Diese Vermutung möchte nichts anderes sein als eine Hypothese. 
Soll sie aber diesen ihren Zweck erreichen, d. h. Anlaß zu neuen Beobach- 
tungen sein, ist wohl noch nötig, sie durch etliche Sicherungen ansprechen- 
der zu machen. Ein Einwand ist sofort bereit: Wie verhält es sich mit 
jenen Völkern, die erst spät entwöhnen, wo sind die entsprechenden 
Folgen in ihrem Weltbild zu sehen? Wir wissen darüber noch nichts, 
darum hat der Einwand noch wenig Gewicht, er müßte erst Tatsachen 
zutage fördern. Aber unsere geringen Kenntnisse reichen hin, ein Argu- 
ment für die vorgetragene Anschauung zu gewinnen. Tatsächlich nehmen 
die früh entwöhnenden europäisch-amerikanischen Kulturvölker allen 
anderen gegenüber in dem hier wichtigsten Punkt eine Sonderstellung 
ein. Keines von ihnen hat eine so harte Realität, hat eine so streng vom 
Ich geschiedene Außenwelt wie diese in der kapitalistischen Ordnung 
stehenden Nationen. Die Realitätsprüfung, wie Freud sagt, die scharfe 
Sonderung zwischen Wirklichkeit und Phantasie, ist eine der gebiete- 
rischsten Kulturforderungen; die Schwäche dieser Realitätsprüfung 
bezeichnet den neurotischen Menschen ; er ist durch sie, durch das Wort 
neurotisch, gewertet als den Lebensanforderungen dieser Zeit nicht 
völlig angepaßt. Und die Tendenz der Kultur geht durchaus auf Rati- 
onalisierung, Eliminierung magisch-animistischer Denk- und Verhal- 
tungsweisen. Was so differenten Rassen und Kulturen, wie Lappländer 
und Chinesen sind, gemeinsam ist gegenüber den Europäern-Amerikanern 
ist gewiß, daß ihr Weltbild wesentlich weniger vorgeschrittene Rationali- 



Die Bedeutung der Entwöhnung. 259 

sierung enthält als das dieser; ihre Realität hat weniger scharfe Konturen. 
Die Möglichkeit läßt sich, so scheint es mir, nicht kurzerhand abweisen, 
daß der frühe Entwöhnungstermin und die plötzliche Entwöhnungs- 
weise der Ausgangspunkt, der erste Anstoß zu einer Entwicklung sind, 
die schließlich zum genannten Charakteristikum des Weltbildes führt, 
indem die Abgrenzung des Körper-Ichs von der Aussenwelt bei diesen 
Völkern früh, energisch, scharf und hart erfolgt. Natürlich kann dieser 
eine Faktor nur ein Stück der Entwicklung determinieren; er kann 
etwa ihr Anstoß sein. Nicht mehr. Ich will nicht verschweigen, 
daß sich die Völker, die in der Abstillungstabelle (S. 217) neben 
den Europäern genannt sind, in diese Erörterung wenig einpassen 
wollen. Vielleicht werden künftige Untersuchungen gerade bei diesen 
Völkern die Tatbestände aufdecken, die der fraglichen Annahme ent- 
sprechen. 

Erstaunlich und zunächst scheinbar sehr gewichtig gegen eine 
nachwirkende Bedeutung der Entwöhnung sprechend, ist die Tatsache, 
daß, soweit ich weiß, niemand sich der Zeit erinnert, da er noch an der 
Mutterbrust trank. Autoren, die wie Spitteler, Stifter, Tolstoi 
(Ossipov) und Jean Paul (2) Erinnerungen aus dem ersten Lebens- 
jahre niederschrieben, erwähnen doch nicht die Ernährung vor der 
Entwöhnung. Tolstoi findet dies bei sich selbst sehr merkwürdig: 
,,Es ist sonderbar und schauderhaft zu denken, daß ich von meiner 
Geburt bis zum Alter von drei Jahren, als ich an der Brust saugte, als 
man mich von der Brust abnahm, als ich zu kriechen, zu gehen, zu 
sprechen anfing, wieviel ich auch in meinem Gedächtnis suche, keinen 
einzigen Eindruck außer . . . (zwei Erinnerungen) . . . finden kann. 
"Wann habe ich denn angefangen ? . . . Lebte ich denn damals nicht, 
... als ich schlief, an der Brust saugte, die Brust küßte und lachte und 
meine Mutter erfreute? Ich lebte und lebte glücklich (Ossipov)." 

Diese Lücke in den Erinnerungen kann aber keineswegs ein Ein- 
wand sein, wissen wir doch, daß die früheste Kindheit als Ganzes auch 
in ihren für die spätere Entwicklung und das seinerzeitige Erleben 
bedeutsamsten Momente fast völlig der Amnesie verfällt. Und so wird 
wohl sehr bald nach der eingetretenen Versagung die Brust als Trieb- 
ziel vergessen. Dies Vergessen erleichtert die Überwindung der Ver- 
sagung und die Verwendung der Libido zu anderen Zielen. Nur kann 
es sich hierbei — nach unserer Auffassung — nicht um ein einfaches 
Vergessen handeln. Der Freßtrieb hat von Anfang an gelernt, als das 
Mittel seiner Befriedigung die Brust zu begehren; die libidinösen Stre- 
bungen der oralen Zone haben sich gleichfalls von den ersten Lebens- 
wochen an zu einem nicht geringen Teil an dieses Objekt gebunden. 
Die Brust war monatelang begehrt und genossen worden. Es muß sich 
eine sehr feste Verbindung zwischen den "Wünschen gebildet haben, 

17* 



260 Der Säugling und seine Welt. 

die der oralen Zone entstammen und der Brust, die sie befriedigt. Und 
das halluzinatorische Reproduktionsbild Brust muß eine große Bereit- 
schaft erworben haben, auf orale Wünsche zu reagieren. Diese Verbin- 
dung muß gelöst sein, soll das versagte, enttäuschende Objekt aufhören 
Triebziel zu sein, ständig unerfüllte, unerfüllbare Sehnsucht zu wecken. Die 
Zerstörung dieser Verbindung wird durch die Entziehung aller Aufmerk- 
samkeit, der Besetzung, herbeigeführt: sie war erleichtert durch die 
Scheidung des ursprünglichen Gesichtsphänomens in die Außenwelt: reale 
Brust und die Vorstellung: Erinnerung an die Befriedigungssituation. Die 
Erinnerung wird unmöglich, sie ist weder von den oralen Bedürfnissen 
und dem Hunger her reproduzierbar, noch von dem Anblick des realen 
Objektes. Das heißt die Erinnerung an die Brust als Triebziel, die Vor- 
stellung der Brust als Triebziel ist nicht allein vergessen, sondern ver- 
drängt. Freilich ist der Terminus der Verdrängung, der dem entwickelten 
Ichzustand des Erwachsenen entnommen ist, hier noch nicht ganz 
präzis anzuwenden. Doch sind seine wesentlichen Merkmale bei den 
Vorgängen, die uns eben beschäftigen, vorhanden. Und das detaillierte 
Studium der Verdrängung muß für einen anderen Zusammenhang 
aufgespart bleiben. 

Daß bei der Abstillung ein Vorgang statthat, den wir Verdrängung 
nennen dürfen, ergibt sich auch daraus, daß die Psychoanalyse an Ge- 
sunden und Kranken in zahlreichen Fällen nachzuweisen vermag, daß 
die vergessene Situation im Unbewußten erhalten ist, ins Bewußte 
drängt und in mannigfach entstellter Form, in Träumen, Phantasien, 
Handlungen und Symptomen die, freilich dem Ich ohne Analyse unkennt- 
liche, Bewußtwerdung, Erinnerung durchsetzt. Freud (15) hat dies 
am Beispiel der berühmten Leonar doschen Erinnerung sehr wahr- 
scheinlich gemacht. Sie lautet: „es kommt mir als eine ganz frühe Er- 
innerung in den Sinn, als ich noch in der Wiege lag, ist ein Geier zu mir 
herabgekommen, hat mir den Mund mit einem Schwanz geöffnet und 
viele Male mit diesem Schwanz gegen meine Lippen gestoßen." Die 
tiefste Erlebnisschichte dieser Erinnerung oder Phantasie ist gewiß 
eine entstellte Wiederkehr des verdrängten Saugerlebnisses. Vielleicht 
gilt ein Ähnliches für Jean Pauls einzige frühe Erinnerung: „Ich bin 
zu meiner Freude imstande, aus meinem zwölf- höchstens vierzehn- 
monatlichen Alter eine bleiche, kleine Erinnerung, gleichsam das erste 
geistige Frucht-Schneeglöckchen aus dem dunklen Erdboden der Kind- 
heit noch aufzuzeigen. Ich erinnere mich nämlich noch, daß ein armer 
Schüler mich sehr lieb gehabt und ich ihn und daß er mich auf den Armen 
— was angenehmer ist als später auf den Händen — getragen und daß 
er mir in einer großen schwarzen Stube der Alumnen Milch zu essen 
gegeben. Sein fernes, nachdunkelndes Bild und sein Lieben schwebte 
mir über spätere Jahre herein." (Jean Paul 2.) 



Die Bedeutung der Entwöhnung. 261 

Einen Schimmer von Erinnerung an die Zeit vor der Entwöhnung 
wird man vielleicht in Stifters Zeilen finden können. Stifters Er- 
innerungen sind wenig bekannt, sie decken sich aber in wichtigen Punkten 
mit der hier vorgetragenen Meinung, so daß ich sie ausführlich bringe, 
so weit sie sich auf die früheste Zeit beziehen. Sie sind gewiß so wenig 
direkte Erinnerung, Dokumente, wie alle anderen früheren Erinnerungen, 
sie zeigen aber, daß der einfühlende Dichter, auf den Resten wirklicher 
Erinnerung und dem Wiederkehren des Verdrängten schöpfend, zu ähn- 
lichen Resultaten gelangt, wie die Entwicklungspsychologie. Als Ur- 
erinnerungen bezeichnet er folgende: „Weit zurück in dem leeren Nichts 
ist etwas wie Wonne und Entzücken, das gewaltig fassend, fast ver- 
nichtend in mein Wesen drang und dem nichts mehr in meinem künf- 
tigen Leben glich. Die Merkmale, die festgehalten wurden, sind: Es 
war Glanz, es war Gewühl, es war unten. Dies muß sehr früh gewesen 
sein, denn mir ist, als liege eine hohe, weite Finsternis des Nichts um 
das Ding herum. Dann war etwas anderes, das sanft und lindernd durch 
mein Inneres ging. Das Merkmal ist: es waren Klänge. Dann schwamm 
ich in etwas Fächelndem, ich schwamm hin und wieder, es wurde weicher 
in mir, dann wurde ich wie trunken, dann war nichts mehr." „Die fol- 
genden Spitzen werden immer bestimmter, Klingen von Glocken, ein 
breiter Schein, eine rote Dämmerung. Ganz klar war etwas, das sich 
immer wiederholte. Eine Stimme, die zu mir sprach, Augen, die mich 
anschauten, und Arme, die alles milderten. Ich schrie nach diesen Dingen. 
Dann war Jammervolles, Unleidliches, dann Süßes, Stillendes. Ich 
erinnere mich an Strebungen, die nichts erreichten, und an das Auf- 
hören von Entsetzlichem und Zugrunderichtendem. Ich erinnere mich 
an Glanz und Farben, die in meinen Augen, an Töne, die in meinen 
Ohren, und an Holdseligkeiten, die in meinem Wesen waren. Immer 
mehr fühlte ich die Augen, die mich anschauten, die Stimme, die zu 
mir sprach, und die Töne, die alles milderten. Ich erinnere mich, daß 
ich das „Mam" nannte. Diese Arme fühlte ich mich einmal tragen. Es 
waren dunkle Flecken in mir. Die Erinnerung sagte mir später, daß 
es Wälder gewesen sind, die außerhalb mir waren. Dann war eine Emp- 
findung wie die erste meines Lebens, Glanz und Gewühl, dann war 
nichts mehr. Nach dieser Empfindung ist wieder eine große Lücke. 
Zustände, die gewesen sind, mußten vergessen worden sein. Hierauf 
erhob sich die Außenwelt vor mir, da bisher nur Empfindungen wahr- 
genommen worden waren. Selbst Mam, Augen, Stimme, Arme waren 
nur als Empfindung in mir gewesen, sogar auch Wälder, wie ich eben 
gesagt habe . . . Mam, was ich jetzt Mutter nannte, stand nun als Gestalt 
vor mir auf und ich unterschied ihre Bewegungen, dann der Vater, der 
Großvater, die Großmutter, die Tante. Ich hieß sie mit Namen, empfing 
Holdes von ihnen, erinnere mich aber keines Unterschiedes ihrer Ge- 



262 Der Säugling und seine Welt. 

stalten." Vielleicht haben wir ein Recht, in jene „große Lücke" die 
Entwöhnung einzusetzen. 

Wie steht es mit den Flaschenkindern? Diese Frage bedarf in Er- 
manglung eines schlüssigen Beobachtungsmaterials wenigstens einer 
kurzen Erwägung. So gern zuzugeben ist, daß in verschiedenen Be- 
ziehungen zwischen der Ernährung durch die Brust und der vermittels 
der Flasche beträchtliche Unterschiede bestehen mögen — in Bezug 
auf die Abstillung ist eine wesentliche Differenz kaum vorhanden. Auch 
der Säugling, der von Geburt an oder seit den ersten Lebenswochen statt 
der Mutterbrust die Flasche erhielt, muß abgestillt werden, d. h. erhält 
an Stelle der geliebten Saugflasche Nahrung, die gekaut werden muß 
und deren Anblick, Konsistenz, Verwendungsweise seinem bisherigen 
Triebziel nicht entspricht. Für ihn war die Saugflasche zu einem Be- 
standteil der Mutter geworden, der ihn, und somit, die ihn, enttäuscht, 
ganz ebenso wie das Brustkind die Brust und ihre Trägerin. Er steht 
vor der Notwendigkeit sein Triebziel zu vertauschen, was ihm durch 
Verdrängung und Projektion gelingen wird. Wirklich wesentlich geändert 
ist der Prozeß bei jenen Kindern, deren Ernährung durch die Flasche von 
zahlreichen verschiedenen Personen geschieht, so daß das Kind, Mutter 
(bzw. Pflegerin) und Milchquelle, Flasche, nicht als einen zusammen- 
hängenden als Ganzen geliebten Gegenstand kennen lernt. Ein Fall, 
der bei Säuglingen gegeben sein kann, die in Anstalten aufwachsen. 
Wir dürfen erwarten, daß deren Studium uns interessante Fakta kennen 
lehren wird, von denen wir derzeit nichts Einzelnes wissen. Wohl aber 
ist unter dem Namen des Hospitalismus bekannt, daß sich solche Kinder 
ganz allgemein nicht wünschenswert, abweichend von anderen, ent- 
wickeln. 

Die Abstillung ist demnach als sehr bedeutsame Versagung anzu- 
sehen, die die orale Gruppe der Sexualtriebe trifft, und auf die das Kind 
nach einer kurzen Auflehnung in Zorn und Trotz mit Abziehung der 
Libido vom enttäuschenden Objekt durch Projektion und Verdrängung 
reagiert. Gemildert ist die Versagung dadurch, daß seit der Zahnung 
eine Entsexualisicrung der oralen Zone — verbunden mit Ansätzen 
von Verdrängungs- und Projektionsprozessen — begonnen hatte. Die 
dem alten Objekt entzogene Libido wird offenbar zum Teil den neuen 
Nahrungsmitteln und der neuen Ernährungsweise zugeführt; zum 
anderen Teil aber der Mutter, die ein Objekt in der Außenwelt geworden 
ist, als Aggression und Zärtlichkeit zugewendet. Dies ist ein Prozeß, 
den ich an dieser Stelle nur eben andeuten möchte, dessen Verständnis 
sich aber vielleicht bei Betrachtung der frühen Kindheit besser erschließen 

wird. 

Der Prozeß der Überwindung der Versagung ist mit all dem aber 
noch nicht abgeschlossen. Die Enttäuschung, die das Kind durch die 



Die Bedeutung der Entwöhnung. 263 

Versagung erlebt, ist eine Verletzung und Schwächung seines Ich, eine 
Niederlage und sehr beträchtliche Einschränkung seiner narzistischen 
Allmachtssituation. Wir sehen aber das Kind nach der Entwöhnung 
in seinem Ich beträchtlich gewachsen. Nicht allein, daß es schärfer kon- 
turiert einer Außenwelt gegenübersteht, sondern das Ich hat die Herr- 
schaft über den ganzen Körper gewonnen, die Beine sind folgsam ge- 
worden, das Kind kann im Dienste des Bemächtigungsstrebens als 
Ganzes sich im Räume bewegen; es hat schließlich durch Überwindung 
der Angst vor dem Freigehen ohne Brust-Bauch-Deckung eine ent- 
schiedene Loslösung vom Mutterkörper, von der Mutternähe vorgenommen, 
sich von der fötalen Situation für die Zeit seines Wachseins so völlig 
befreit, wie er es nur je als Erwachsener können wird, und damit 
die Anpassung an die postnatale Biosphäre zu einem wesentlichen Stück 
vollzogen. Diese um das Ende des ersten Lebensjahres einsetzende 
Entwicklung ist uns aus dem Bemächtigungsdrang, der Entsexuali- 
sierung der Beine, der Zuführung von so freigewordener Libido ins Ich 
und dessen mächtige Verstärkung ein wenig verständlich geworden. 
Die Verwandlung jener Angst in Gehlust und Stolz, ihre Bindung in 
den spontanen rhythmischen Artikulationen des Gehens, die Über- 
tragung von Libido, die der Mutter galt, auf den „Raum" hat uns einige 
Details aufgeklärt. 

Wir können denselben Prozeß aber auch von Seiten der Entwöhnung 
betrachten, und gelangen dann vielleicht zu einem ersten Verständnis 
eines anderen Stückes von ihm. Ein Teil der vom Objekt Brust-Mutter 
abgezogenen Libido scheint zur Identifikation verwendet zu werden. 
Der Enttäuschung folgte die Trauer; sie mag kurz und als die erste Trauer, 
die den Menschen befällt, noch wenig tief und undeutlich, von allen 
den später hinzukommenden so schmerzlichen und verlängernden Kom- 
plikationen frei sein. Aber im Prinzip wird auch sie schon die gleiche 
Trauerarbeit leisten, die alle folgenden zu bewältigen haben werden 
(Freud 7). Der äußere Verlust wird durch die Trauer in einen inneren 
Gewinn verwandelt, das verlorene Objekt wird durch Identifikation 
mit ihm im eigenen Ich und unverlierbar aufgerichtet. Das Kind behan- 
delt die Mutter und die mannigfaltigen Objekte seines Interesses, sein 
Spielzeug etwa, so wie es selbst behandelt wurde; die Abweisung, den 
Verlust, die es passiv durch eine äußere Gewalt erfahren hat, teilt es 
nun aus durch Abwendung, Weggehen, Wegwerfen und zwar aktiv, 
gewissermaßen Gewalt ausübend. Was ihm in einem einmaligen, an- 
dauerndem Entzug geschah, übt es in zahllosen Wiederholungen aus. 
Auch hier, wie wir am Wegwerfen-Spiel angedeutet sehen konnten, 
bereits durch Zahnung und vielleicht auch durch den steten Rhythmus 
von Kommen und Verschwinden der Mutter, Hunger und Stillung, 
Sehnsucht und Befriedigung seit etlichen Monaten vorbereitet. 






264 Der Säugling und seine Welt. 

Ehe nicht sorgfältige Untersuchungen vorliegen, läßt sich nicht ent- 
scheiden welches die Beziehung zwischen diesen beiden Entwicklungsrich- 
tungen ist, der Icherstarkimg, die durch das Gehen bezeichnet ist, und 
der Ichcrstarkung, die das Resultat der ersten Trauerarbeit ist. In der 
Kinderpflegeform, die gegenwärtig in europäisch-amerikanischen Kultur- 
kreisen herrschend ist, koinzidieren beide zeitlich ungefähr. Man könnte 
sogar, wenn eine präzise Entscheidung vermutet werden soll, eher die 
Entwöhnung als den auslösenden Faktor ansprechen; doch scheint es, 
als müßte dem nicht unter allen Umständen so sein, sondern als wäre 
das Verhältnis bei anderen Pflegeformen das umgekehrte. Die Koinzidenz 
wird zu einer Verstärkung des Resultates führen; zu jener härteren 
Abgrenzung von der Realität träte dann auch ein stärkeres Ich. Die 
frühe, plötzliche Versagung an dem wichtigen und vielfach zu solchem 
Eingriff vorbereiteten Zeitpunkt des endenden ersten Lebensjahres 
böte die Möglichkeit, so scheint es, zur Entfaltung eines energischen 
Ich. Andererseits wirkt diese energische Form der Versagung nicht 
selten traumatisch: die Überwindung gelingt nicht und hinterläßt eine 
Disposition zu mannigfaltigen Fehlentwicklungen. Diese zu besprechen, 
kann in diesem Buch nicht meine Aufgabe sein. Es muß genügen, die 
Fixierungsstellen anzuzeigen und zu betonen, daß von ihnen nicht 
allein so starke Abweichungen der weiteren Entwicklung vom Normalen, 
dem Normierten, ausgehen, daß sie mit Recht als Fehlentwicklungen 
bewertet werden, sondern auch jene zahllosen Nuancen, die im Rahmen 
des Normalen liegen, und als individuelle Differenzen anzusprechen 
sind. Man kann daher metaphorisch vom Trauma der Entwöhnung 
sprechen. Womit aber nicht mehr gesagt sein will, als eine Versagung, 
die Schädigungen aller Art als Gefahr in sich schließt. Keineswegs ist 
die Entwöhnung ein Trauma im Sinn einer Durchbrechung des Reiz- 
schutzes, einer Überflutung des psychischen Apparates von Energien 
der Außenwelt, wie wir den Ausdruck Trauma der Geburt verstanden. 
Dieses ist ein Terminus der psychischen Energielehre, jenes wäre 
eine Betonung des Versagungscharakters, also eines Terminus der 
Trieblehre. 

Diesen Unterschied vor Augen kann uns aber das Wort vom Trauma 
der Entwöhnung (Stärke) auf zwei Beziehungen aufmerksam machen, 
die Geburt und Entwöhnung miteinander verknüpfen. Erstlich: 
Es sind dieselben Mechanismen, die das Trauma und die Versagung 
überwinden, nur spielen sich jene an Quanten psychischer Energie, 
diese an Trieben und Instanzen ab: die fraktionierte, rhythmische 
Wiederholung, vom Passiven ins Aktive gewendet, an einem Bruchteil 
psychischer Energie anstatt an einem beträchtlichen Quantum (bzw. 
an einzelnen Triebregungen anstatt am Triebganzen) ablaufend. Zweitens: 
Geburt und Entwöhnung sind von außen gesetzte Wendepunkte der 



Die Bedeutung der Entwöhnung. 



265 



biologischen, psychischen, sozialen Entwicklung des Individuums, die 
ihm bestimmte Aufgaben stellen, deren Erfüllung Sich-entwickeln, sich 
der Erwachsenheit je um ein beträchtliches Stück nähern heißt. So daß 
man jenen Abschnitt der Entwicklung, den der Säugling durchzumachen 
hat, formelhaft bezeichnen kann, als: Vom Trauma der Geburt 
zum Trauma der Entwöhnung. 









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^ 






Sachverzeichnis. 



Abfuhrbewegungen. 42, 59, 78, 80, 

89, 130, 139, 150, 191. 
Abstillung. 215. 

Abwehrhandlungen. 51, 81, 211. 
Ärger. 240. 

Allmacht des Ich. 248. 
Altruismus. 178. 
Ambivalenz. 182. 
Analzone. 31, 128, 169, 243. 
Angst. 12, 117, 124, 150, 180, 187. 
Anschauungsbild. 253. 
Appetit. 164. 
Arbeit. 136, 167. 
Atmung. 1, 11, 18, 31, 35, 56, 95, 

188. 
Aufmerksamkeit. 36, 42, 73, 79, 81. 
Ausdrucksbewegungen. 17, 20, 44, 

79, 188. 
Außenwelt. 109, 113, 176, 209, 229. 

Beißen. 210, 242. 
Begehrhandlungen. 241. 
Bekanntheitsgefühl. 115, 118. 
Bemächtigung. 83, 120, 130, 211. 
Besetzung, -energie. 80, 100, 114, 

122, 153, 197. 
Bewegungen, impulsive. 42, 130. 
Bewegungsmelodie. 148. 
Bewußtsein. 14, 26, 29, 163, 236, 

249, 252. 

Couvade. 7. 

Dentition = Zahnung. 
Differenzen, individuelle. 65, 186, 196. 
Dressur. 148. 



Egoismus. 178. 

Energie, psvehische. 29, 46, 54, 62, 

99,' 116, 126, 152, 214. 
Entsexualisierung. 151, 210. 
Enttäuschung. 114, 209, 255. 
Entwöhnung. 149, 155, 197, 199, 257. 
Ermüdung. 214. 
Ernährungsneurose. 226. 
Erschrecken. 37, 39, 73, 79, 89, 

117. 
Erwerbungen, psychische. 58, 142. 

Fieber. 210. 

Fötus, fötale Situation. 1, 40, 53, 

82, 120, 127, 131, 140, 194. 
Fortpflanzungstrieb. 24, 25. 
Freßtrieb. 25, 30, 33, 51, 54, 67, 82, 

114, 163, 254, 259. 
Furcht. 118, 240. 

Geburt. 1, 15, 18, 19, 20, 21, 30, 40, 

52, 97, 117, 184, 265. 
Gedächtnis. 34, 55, 112, 116. 
Gegenbesetzung. 80. 
Gehen. 35, 120, 139, 194, 199, 

224. 
Genitalzone. 31, 169. 
Geruch = Riechen. 
Geschmacksinn. 33. 
Gesellschaft. 52, 92, 129, 251. 
Gesichtssinn = Sehen. 
Gestalt, — Psychologie. 51, 106, 

146. 
Gewohnheit. 65, 215. 
Greifen. 133, 146, 148, 155. 
Greif reflex. 130, 157. 






Sachverzeichnis. 



271 






• 



■ 






Halluzination. 113, 253. 
Haß. 210. 

Hören. 1, 36, 40, 72, 157, 179. 
Hunger. 10, 17, 18, 19, 20, 22, 30, 
63, 114, 118, 164, 209. 

Ich. 61, 120, 154, 167, 210, 230, 241. 

Ichtriebe. 86. 

Identifikation. 225, 228, 263. 

Initiationsriten. 7, 207. 

Intellektual-Ich. 255. 

Interesse. 61, 118, 157. 

Jubel. 56, 59, 140, 166, 247. 

Katergie. 125, 183, 212. 
Kauen. 210. 
Kitzeln. 104, 169. 
Klettern. 135. 
Körper- Ich. 229. 
Komplexqualität. 249. 
Kriechen. 134, 135, 145, 148. 

Lachen. 45, 59, 89. 

Leiden. 91. 

Liebe. 177. 

Libido. 79, 105, 119, 122, 150, 169, 

212. 
Lokomotion. 130, 144. 
Lust, kinästhetische. 132, 137. 
Unlust. 31, 85, 144, 190. 

Magie. 248. 
Masochismus. 213. 
Masturbation. 170. 

Narzißmus. 121, 124, 176, 244. 
Neugeborene. 1, 59, 67, 103, 121, 
130, 170. 

Objektlibido. 176, 182. 

Orale Zone. 32, 41, 63, 122, 158, 200, 

209. 
Organlibido. 126, 193. 

Projektion. 212, 214, 257, 258. 
Psychologie, theoretische. 102. 



Kaum. 195, 256. 

Realitätsprüfung 258. 

Reflexe. 42, 48. 

Rhythmus. 75, 103, 132, 197, 228. 

Riechen. 1, 35, 41, 157. 

Rt I, II, III (Reaktionstypus). 39, 

48, 58, 74, 241. 
R-Triebe. 88, 119, 122, 152, 163, 209, 

230, 251. 

Sadismus. 212. 

Säuglings-Ernährung. 6, 217. 

Pflege, im Volksglauben. 2, 16, 

70, 129, 135, 138, 201, 217. 

Schutz. 7. 

Sterblichkeit. 6, 7, 8. 

Saugen. 21, 30, 33, 40, 57, 63, 118, 

155, 208, 215. 
Schlaf. 10, 23, 25„ 30, 68, 87, 118, 

180, 244. 
Schmerz. 32, 80, 111, 207, 213, 

233. 
Sehockreaktion. 36, 73, 152. 
Schreien. 17, 30, 40, 60, 90, 209, 243. 
Sehen. 2, 37, 55, 156. 
Sehnsucht. 225. 

Selbsterhaltungstrieb. 23, 24, 84. 
Selbstgefühl. 167, 247. 
Sexualtriebe. 25, 68, 83, 119, 122, 

131, 147, 163, 171, 209, 230, 251. 
Sitzen. 135, 148. 
Sperren. 243. 
Spiel. 104, 168, 228. 
— zeug. 129. 

Sprechen. 199, 210, 213, 224. 
Spontaneität. 152, 198, 228. 
Stehen. 139, 145. 
Störungswert. 164, 182. 
Stolz. 166. 
Stoi3en. 242. 

Tastlust. 67, 78. 
Tastsinn. 1, 31, 78. 
Todestriebe. 86, 212. 
Trauer. 225, 247. 
Trieblust. 34. 
Triebmischung. 182. 
Trotz. 244. 



272 

Übungswert. 45. 
Urangst. 192. 



Sachverzeichnis. 



Verdrängung. 68, 113, 214, 228. 
Vernix. 2. 
Vorstellung. 253. 

Wahrnehmungen. 106, 248. 
Weinen. 45, 89. 



Wiederholungszwang. 63. 89, 152. 

190. 
Wirkungswert. 152, 154, 180. 

Zärtlichkeitshandlungen. 179, 211. 
Zahnung. 149, 155, 199. 
Zorn. 212, 240. 

Zuwendungshandlungen. 51, 56, 
81. 



Manz'sche Buchdruckerei, Wien. 2976 



I 




SÄUGLINGS 
■PSYCHOLOGIE 







I 



■ 














HHHH